The Entropy Centre

Zusammen mit einem brabbelnden KI-Sidekick Mindfuck-Rätsel aus der Ego-Perspektive lösen – wer genau das will, dem bleibt häufig nur der bewährte Griff zu Portal sowie dessen Nachfolger Portal 2. Doch frohlocket, denn seit dem 3. November 2022 gibt es Nachschub: The Entropy Centre aus dem Hause Stubby Games. Was in Portal die titelgebenden Portale sind, ist in The Entropy Centre die Zeit. Mit ihrer Hilfe lösen wir futuristische Rätsel und versuchen nebenbei die Erde vor dem Untergang zu bewahren.

 

Entropie – dieser Begriff ist spätestens seit Christopher Nolans Film Tenet bei einem breiteren Sci-Fi-Publikum angekommen. Er bezeichnet die Neigung eines Systems, von der Ordnung zum Chaos zu streben. Wer die Entropie zu beherrschen vermag, der herrscht auch über den Kosmos – oder zumindest über die Erde. Denn genau das hat die Menschheit geschafft: Sie vermag vom Mond aus die Erde zurückzuspulen. Sobald ein Ereignis eintritt, das den planetaren Untergang bedeutet, geht es für die Erde zurück in der Zeit. Doch wie geht das zu? Mithilfe einer riesigen Entropie-Kanone. Und wie wird die am Laufen gehalten? Mit Entropie-Energie, erzeugt durch Entropie-Agenten, die auf dem Mond eifrig Entropie-Rätsel lösen. Doch leider scheint etwas schief gelaufen zu sein: Als Puzzle-Agentin Aria erwacht, ist sie ganz alleine im Entropie-Zentrum und die Erde kurz davor auseinanderzubrechen. Was ist passiert?

Selbst ist der Solo-Entwickler

Originaltitel The Entropy Centre
Jahr 2022
Plattform PlayStation 5, PlayStation 4, Xbox One, Microsoft Windows, Xbox Series
Genre Puzzle, Adventure
Entwickler Stubby Games
Publisher Playstack, Playstack Limited
Spieler 1
USK
Veröffentlichung: 3. November 2022

The Entropy Centre ist das Debüt von Stubby Games, einem Entwicklerstudio, welches aus nur einer Person besteht: dem Solo-Entwickler Daniel Stubbington. Sein Erstlingswerk wirkt wie eine Liebeserklärung an Portal, da es sich vor allem auf dessen Stärken stützt wie etwa das einzigartige, für Mindfuck prädestinierte Rätsel-Device und der flappsige KI-Sidekick. Dennoch beweist Stubbingtons Debüt mit seiner ausgefallenen Rätselmechanik von Anfang an eine ganz eigene Identität. In The Entropy Centre steuern wir die Puzzle-Agentin Aria durch das titelgebende Entropie-Zentrum, einer riesigen Betoneinrichtung auf dem Mond, die aus Gängen, Büros, imposanten Rätselhallen und artifiziellen Beach-Anlagen besteht. Wir sind allein, denn alle unsere Kollegen sind verschwunden, und die Anlage selbst befindet sich in einem verwahrlosten Zustand. Trost spendet uns nur das sprechende Entropie-Gewehr Astra, mit dessen Hilfe wir Dinge in der Zeit zurückspulen können.

Cubes … Cubes everywhere

Wer Portal oder The Talos Principle kennt, der weiß in etwa, was auf ihn zukommt: Raum-Rätsel, an deren Ende sich eine Tür befindet, die es zu durchqueren gilt. Doch um das tun zu können, müssen wir Barrieren überwinden. Dazu stellt das Spiel im weiteren Verlauf immer mehr Hilfsmittel bereit: Sprung-Cubes, Laser-Cubes, Brücken-Cubes, Falt-Cubes … »Cubes« scheinen auf dem Mond das Ding zu sein. Doch die Cubes sind rar; manchmal steht uns nur ein einziger Cube zur Verfügung, obwohl wir gefühlt zehn bräuchten. Hier kommt also das fröhliche Entropie-Gewehr Astra in Spiel; wir müssen den Cube zeitlich (und räumlich) vor- und zurückspulen, so dass wir mit seiner Hilfe sämtliche Hindernisse ‘gewuppt’ kriegen. Konkret heißt das: Wir müssen anfangen rückwärts zu denken – und das ist die Crux von The Entropy Centre.

Angenehmer Schwierigkeitsgrad

Die Rätsel locken uns dabei nur selten auf eine falsche Fährte; alles, was vorhanden ist, muss ganz nach Chekhovs Manier zumeist auch benutzt werden. Den Schwierigkeitsgrad kann man dabei als durchweg angenehm bezeichnen, was aber auch bedeutet, dass sich The Entropy Centre nie zu denselben Gehirnbrand-Höhen wie etwa The Talos Principle aufschwingt. Zwar klingt die Sache mit den Zeitspielereien äußerst fancy, entpuppt sich aber nie als so herausfordernd wie etwa die Time-Recorder-Abschnitte in The Talos Principle. Dafür hat The Entropy Centre aber auch kein absurd weitläufiges Leveldesign, bei dem man schon direkt zu Beginn die Hände über den Kopf zusammenschlägt und keinen Bock mehr hat. Nein, The Entropy Centre spielt sich wesentlich angenehmer. Für manche vielleicht zu angenehm, für andere aber wird es genau richtig sein.

Steckt mehr drin als man denkt

Da Aria ihr Gedächtnis verloren hat und auch Astra so ihre Probleme hat, ihre Umgebung gescheit zu interpretieren, wird der Löwenanteil der Geschichte über die 76 verstreuten PCs erzählt, auf denen man den Mail-Verkehr der Angestellten nachlesen kann. Dieser reicht von Witzeleien über Bürointerna bis hin zur Offenlegung der apokalyptischen Ereignisse. The Entropy Centre bietet 15 Akte, geht mit seinen ca. 13 Stunden Spielzeit überraschend lange und verfügt über ein angenehmes Tempo. Obwohl die Komplexität der Rätsel zunimmt, ist die Lösung einfach gehalten. Überflüssige Ausschweifungen werden durch Astras 38-Sekunden-Rückspul-Limit erfolgreich unterbunden, da es uns dazu zwingt, Ockhams Rasiermesser anzuwenden: think simple.

Kleine Mängel, aber dem Solo-Entwickler sei’s verziehen

Grafisch macht The Entropy Centre auf dem ersten Blick einen tollen Eindruck. Das Game schickt uns durch weitläufige brutalistische Architektur, die Control-Fans vergnüglich stimmen dürfte, und setzt auf Raytracing. Letzteres zwar manchmal derart übertrieben, dass es ungewollt herausknallt – etwa wenn Astra glänzt und spiegelt als gäb’s keinen Morgen – aber davon abgesehen ist das Game sehr schmuck anzusehen. Im späteren Verlauf wird das Leveldesign jedoch etwas repetitiv und schlicht. Es gibt nur noch lange Korridore mit wenig neuem Inhalt, während das simple Quaderdesign durch exzessiv genutzte Shady-Filter kaschiert wird. Auch soundtechnisch gibt es Kleinigkeiten anzumerken, etwa wenn akustisch kein Unterschied zwischen Platten-, Wald- oder wässrigen Boden gemacht wird. Ruft man sich aber ins Gedächtnis, dass The Entropy Centre von nur einer Person entwickelt wurde, verpufft jede Lust auf Schmähung. Darüber hinaus macht das Game all diese Schönheitsfehler mit seiner Story wett. Die ständigen Schockwellen der sterbenden Erde, die bassigen Soundeffekte in den richtigen Momenten, die ominösen Schatten, die uns verfolgen – das alles sorgt dafür, dass man bei Arias unmöglicher Mission, die Welt zu retten, dran bleiben möchte.

Fazit

The Entropy Centre ist ein durch Portal inspiriertes Mindfuck-Rätsel-Game mit leicht verständlicher Spielmechanik, das trotz kleinerer Kritikpunkte seine 25 Euro allemal wert ist und eine überraschend groß angelegte Geschichte mit wehmütigen Ausklang bietet. Das Game schaut schmuck aus, beinhaltet witzige Dialoge, einen angenehmen Schwierigkeitsgrad und hält einen bis zu 15 Stunden beschäftigt. Wer die Kopfnüsse von The Talos Prinicple gewohnt ist, für den ist The Entropy Centre eher ein Downgrade, dennoch können auch Talos-Fans hier ihre Freude finden (gerade wenn ihnen Talos zu schwer war). Die Tatsache, dass The Entropy Centre von nur einer Person entworfen wurde, macht das Game noch einmal um einen Zacken herausragender.

© Playstack, Playstack Limited

Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit bevorzugt Indie-Games, Taktik-Shooter oder ganz was anderes und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der 24/7 Music-Stream von Cryo Chamber auf YouTube.

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