The Talos Principle

Das kroatische Studio Croteam ist eigentlich bekannt für seine Ego-Shooter-Reihe Serious Sam, in der man mit Brachialhumor und Waffen, die größer sind als das eigene Ego, Horden von Aliens niedermäht. Dass die Entwickler auch ganz andere Saiten aufziehen können, bewiesen sie 2014 mit ihrem nachdenklichen Puzzle-Adventure The Talos Principle. Kein Brachialhumor, sondern Selbsterkenntnis. Keine Waffen, sondern nur der unbändige Wille, Rätsel zu lösen. Keine Aliens, sondern nur ein nihilistisches Computerprogramm, das dir ins Gewissen redet. In The Talos Principle steuern wir einen Androiden, der sich in den verlassenen Ruinen der menschlichen Zivilisation wiederfindet und unter dem wachsamen Auge eines ominösen Gottes herausfinden muss, was um Turings Willen hier passiert ist.

     

Man erwacht als namenloser Android unter freiem Himmel irgendwo zwischen antiken Ruinen. Sonne scheint, Grillen zirpen, alles schick. Gerade als man die Palästren erkundet und einem die anachronistische Technologie auffällt, erklingt eine gewichtige Stimme aus dem Off, die sich als “Elohim” vorstellt – also als Gott persönlich. Diese Welt mitsamt ihrer Rätsel sei ein einziger großer Test, behauptet Elohim. Ein Test, der zeigen soll, ob man würdig ist, Elohim entgegen zu treten und das ewige Leben zu erlangen. Klingt gut. Also löst man die Rätsel, denn man will ja ein guter Androide sein. Doch dann fällt einem der Turm auf, der da in der Ferne aufragt. Elohim sagt, der Turm sei tabu. Das gesprächige Computerterminal an deiner Seite sagt aber, warum nicht ein bisschen reinlünkern? Da steht man also als armer Androide zwischen den Stühlen und muss sich entscheiden …

QR-Codes in der Antike

Originaltitel The Talos Principle
Jahr 2014
Plattform Xbox One, Microsoft Windows, Linux, Mac OS, Android
Genre Puzzle, Adventure
Entwickler Croteam
Publisher Devolver Digital
Spieler 1
USK

The Talos Prinicple ist ein Puzzle-Spiel, das sowohl aus der First- als auch Third Person-Ansicht gespielt werden kann. Insgesamt gibt es vier Welten (Antike, altes Ägypten, Mittelalter und die »Basis-Welt«) mit jeweils sieben Levels zu erkunden, die ihrerseits wieder allerlei Rätsel-Areale beinhalten. Im Grunde können wir uns frei zwischen den Levels und Welten bewegen (und etliche Easter Eggs finden, von Time of Eve über Serious Sam und Star Wars bishin zu Papers, Please). Manchmal aber versperren uns Türen den Weg, für die wie erst eine bestimmte Sorte von Siegeln sammeln müssen. Die Regel: Pro gelöstes Rätsel gibt es ein Siegel. QR-Codes, die in den Levels verteilt an Wände gesprayt wurden, verraten uns darüber hinaus, dass es scheinbar Vorgänger gab, die sich ebenso wie wir an Elohims Prüfungen versucht haben. Manche QR-Codes bilden streitlustige Dialoge zwischen den Einzelnen ab, andere sind Ausbrüche existenzkritischer Natur, und wieder andere zeigen schlicht das angenervte Verzweifeln an Elohims Prüfungen.

Gehirn on fire

Bei besagten Prüfungen handelt es sich um Raumrätsel mit ganz unterschiedlichen Anforderungen. Es gibt Drohnen und Geschütztürme, die wir in Schach halten müssen, Kraftfeldbarrieren, die überwunden und Schalter, die erreicht werden wollen. Je mehr Rätsel man meistert, desto mehr Puzzle-Elemente kommen dazu: Boxen, laserbündelnde Kristalle, Ventilatoren, die einen in die Luft befördern und schließlich das beste Utensil überhaupt: Der Time Recorder. Mit seiner Hilfe kann man die eigenen Aktionen aufzeichnen und erneut abspielen lassen, sodass man schließlich mit einem temporären Klon seiner selbst kooperiert. Generell bietet The Talos Principle viele anspruchsvolle Rätsel, doch gerade die Level mit dem Time Recorder sorgen für ordentlichen Gehirnbrand. Wer eine Pause braucht, kann sich am Strand den Sonnenuntergang antun, denn schön ausschauen tut The Talos Principle auch nach sieben Jahren noch.

Gibt’s auch ‘ne Story?

Mit der Zeit merken wir, dass The Talos Principle abseits der Rätsel noch mehr zu bieten hat, und zwar eine Geschichte. In den Welten verteilt finden sich Terminals, auf denen wir E-Mails, Chats und Arbeitslogbücher von Wissenschaftlern und Normalos lesen können, die sich anscheinend auf das Ende der Menschheit vorbereiten. Daneben gibt es noch Audio-Zeitkapseln einer gewissen Alexandra, die sich ganz persönlich an unseren Androiden wendet. Und dann ist da schließlich noch dieser vermaledeite Turm mit seinem Geheimnis, den uns Elohim madig machen will. Durchaus möglich, dass die Rätsel späterhin etwas repetitiv werden, vor allem, wenn die Areale wieder größer ausfallen und viel Hin-und-her-Gerenne einfordern, aber diese nagende Neugierde, was da oben im Turm wartet, treibt einen immer wieder vorwärts. Die Story ist schön geschrieben, hat einen melancholischen, manchmal auch tragischen Grundtonus und berührt viele verschiedene ethische Themen und Gedankenspiele in Bezug auf KI, Bewusstsein und menschliche Natur. Es wird alles hinterfragt, sowohl unsere Existenz als auch die Entscheidungen, die wir treffen. Und einer kann das ganz besonders gut.

Ein Nihilist namens Milton

Und zwar Milton. Ein Computerprogramm, das man auf den Terminals antreffen kann. Ursprünglich als Bibliotheksassistent angedacht, hat er über die Zeit ein eigenes Bewusstsein entwickelt. Was Miltons Funktion innerhalb der Geschichte ist, wird erst nach und nach klar. Zu Beginn jedenfalls ist er eine willkommene Abwechslung zur pastoralen Stimme Elohims, die aus dem Himmel dröhnt, denn Milton wirkt menschlicher, cleverer und vor allem humorvoller – wenn auch bissig. Allerdings gestalten sich die Gespräche mit Milton irgendwann ähnlich fordernd wie die Rätsel, denn er stellt gerne schwierige Fragen und es ist nahezu unmöglich, sie gescheit zu beantworten. Jede Meinung, die man als Spieler tätigt, wird von Milton als der Nihilist, der er ist, fachmännisch torpediert. Was mit ihm zum Ende des Spiels passiert, hängt von den Interaktionen zwischen uns und ihm ab. Insgesamt gibt es in The Talos Principle drei mögliche Enden (vier, wenn man das Easter Egg-Ende dazu zählt).

Fazit

The Talos Principle ist ein Denkerspiel. Kaum eine Sekunde, in der es einen nicht ermutigt, seinen Geist mit (einigen brutal) harten, aber lohnenden Rätseln zu malträtieren. Die mysteriöse, häufig textbasierte Hintergrundgeschichte ist dabei nicht als Pause von den Puzzle-Strapazen zu verstehen, da es hier ähnlich anspruchsvoll zugeht. Es lohnt sich in jedem Fall, sich darauf einzulassen, aber ich kann verstehen, wenn man nach dem x-ten Versuch, seinen Time Recorder gescheit einzustellen, keinen Bock mehr darauf hat, sich auch noch durch Miltons Paradise Lost zu lesen. Das mag jetzt alles pseudo-intellektuell klingen, aber The Talos Principle verfügt über ein Selbstverständnis, das jedes “sich zu ernst nehmen” ausschließt. Auf diese Weise lernt man viele interessante Konzepte kennen ohne sich wie ein fanatischer Philosophiestudent zu fühlen. Deswegen, vor allem aber auch wegen Milton, ist The Talos Principle mein (bislang) liebstes Spiel über Künstliche Intelligenz – über weite Teile melancholisch, aber auch in dieser Geschichte stirbt die Hoffnung zuletzt.

© Devolver Digital

Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit bevorzugt Indie-Games, Taktik-Shooter oder ganz was anderes und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der 24/7 Music-Stream von Cryo Chamber auf YouTube.

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