Jin-Roh

Elitesoldaten: Leben für ihren Job und kennen keine Liebe, so das Klischee. Doch dann treffen sie auf »die eine Frau«, die sie zu zähmen vermag und ihnen die ungekannten Seiten des Lebens zeigt. Zack – Heirat, Kinder, Rentenalter. In Mamoru Oshiis Anime-Politthriller Jin-Roh aus dem Jahre 1999 läuft dieses Aufeinandertreffen wesentlich desolater ab. Vor dem Hintergrund des Märchens Rotkäppchen erzählt der Film vom Schicksal zweier verlorener Seelen – vom Wolf und dem Mädchen – die zwar irgendwie zueinander finden, im Angesicht der politischen Intrigen innerhalb eines von Nazi-Deutschland verwalteten Japans allerdings keine rosige Zukunft erwarten dürfen.

   

Jin-Roh spielt in einem alternativen Japan der 50er Jahre. Langsam erholt sich das Land vom Zweiten Weltkrieg, steht aber von nun an unter der Verwaltung von Nazi-Deutschland. Die innerländische Situation ist instabil, vor allem in Tokio. Immer wieder kommt es zu Zusammenstößen zwischen der Terrororganisation »Die Sekte« und der Hauptstadtpolizei. Als Fuse, ein Mitglied der Spezialeinheit der Hauptstadtpolizei, unbeabsichtigt den Selbstmord einer minderjährigen Sekten-Kurierin herbeiführt, wird dieser zur Strafe zurück an die Akademie versetzt. Von Schuld zerfressen sucht er das Grab das Mädchens auf und trifft dort auf dessen große Schwester Kei. Es entwickelt sich eine komplexe Beziehung. Zur gleichen Zeit braut sich im Polizeisystem eine finstere Verschwörung zusammen, bei der eine extremistische Splitterzelle der Spezialeinheit, die sogenannte »Wolfsbrigade«, gegen die Polizei antritt. Fuse wird klar, dass er und Kei nichts anderes als Bauern in einem Spiel sind. Doch wer ist der Bauer von wem?

Finstere Soldaten gefangen im Märchen

Originaltitel Jinrou
Jahr 1999
Laufzeit 98 Minuten
Genre Politthriller
Regie Mamoru Oshii
Studio Production I.G
Im Handel erhältlich

Obwohl die prominente Rüstung der Spezialeinheit mit ihren rot glühenden Augen einen extrem martialischen Eindruck macht und so manche Szene des Films sehr blutig ist, handelt es sich bei Jin-Roh um keinen Actionfilm. Jin-Roh ist komplex und kompliziert und verwendet einen Großteil seiner Zeit für die Darstellung der politischen Intrigen und vor allem für die Porträtierung seiner Charaktere. Selbst die Übungsmanöver der Spezialeinheit haben einen künstlerischen und äußerst melancholischen Touch, wenn hier die junge Frau Kei zeitgleich aus dem Off das Märchen von Rotkäppchen vorliest – unterlegt mit einer zutiefst kummervollen Musik von Komponist Hajime Mizoguchi (Vision of Escaflowne). Mamoru Oshii geht nicht gerade subtil mit seiner Märchenmetapher um und schafft es quasi in jeder zweiten Szene, das Motiv heranzuziehen. Wenn das Märchen aber so präsent ist, dann weiß man doch auch wie die Geschichte ausgeht, oder? Nicht ganz. Schon die erste Zeile zeigt, dass die Jin-Roh‘sche Fassung des Märchens von der uns bekannten historischen Vorlage abweicht und späterhin auch Themen wie Kannibalismus gestreift werden. Es ist also zunächst offen, ob am Ende tatsächlich der Jäger kommen wird.

Introspektives Drama – dufte visualisiert

Visuell schaut Jin-Roh durch die Bank dufte aus – Studio Production I.G sowie der erfahrene Animator Hiroyuki Okiura (AkiraYour Name. – Gestern, heute und für immer) lassen grüßen. Ungewohnt realistischer Look, wässrigflüssig animiert und mit einer tristen Farbpalette versehen, die beim Publikum schon beinahe Depressionen hervorruft. Die gedämpfte Optik ist effektiv darin, die intensive Atmosphäre eines dystopischen Japans zu vermitteln, in dem sich die glutäugigen Berserker der Spezialeinheit im abgelegenen Untergrund mit Selbstmordattentätern herumschlagen. »Gedämpft« ist aber auch das Pacing. Jin-Roh ist sehr introspektiv und damit als eher langsamer Film zu verbuchen. Sein Händchen für introspektive Szenenmontagen bewies Oshii bereits in Ghost in the Shell (1995) – dort sind die Szenen in einem Umfeld intensiver Action eingebettet, um aus der Geschichte ein bisschen die Luft herauszunehmen. Bei Jin-Roh verzichtet man zum Großteil auf diesen Kontrast, der Film ist also von Natur aus ruhig und konzentriert sich mehr auf das politische und vor allem soziale Drama; das Drama einer Spezialeinheit, die zusehends in die Isolation abdriftet; das Drama einer jungen Frau, deren Zukunft sich im dunklen Dickicht verläuft; und das Drama eines Soldaten, der entscheiden muss, ob er Mensch oder Wolf sein will.

Fazit

Wer auf nuancierte politische Dramen und bleierne Gemütsschwere steht und keine Furcht vor einem langsamen Pacing oder einer omnipräsenten Märchenmetapher hat, dem sei Jin-Roh ans Herz gelegt. Der Film bietet gut ausgearbeitete Charaktere, ein tolles Art Design und einen bedrückend schönen Score von Hajime Mizoguchi. Man sollte zudem in Betracht ziehen, sich den Film zwei Mal anzusehen, um ihn komplett zu begreifen – was aber kein Problem ist bei nur 98 Minuten Laufzeit. Während Animes von Außenstehenden häufig für ihren übertrieben knatschigen Niedlichkeitsfaktor belächelt werden, zeigt Jin-Roh, dass die Palette wesentlich breiter ist und bis hin zu düster, ergreifend und komplex reicht. Jin-Roh war seinerzeit der erste seriöse Anime-Titel, den ich im TV gesehen habe (auf Arte, um genau zu sein), und hat ein tief klaffendes Loch in meinem Herzen hinterlassen.
Zum Schluss sei übrigens noch erwähnt, dass Jin-Roh im Jahre 2018 eine Realfilm-Adaption durch Netflix erfahren hat. Titel: Illang: The Wolf Brigade.

© I-ON NEW MEDIA

Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit bevorzugt Indie-Games, Taktik-Shooter oder ganz was anderes und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der 24/7 Music-Stream von Cryo Chamber auf YouTube.

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