Persona 4

Im März 2020 huschen die Phantom Thieves mit neuem Werkzeug durch die Gassen von Tokyo und die verschlungenen Pfade der Gedankenpaläste, um das ein oder andere Herz zu stibitzen. Falls sich jemand aber lieber auf der richtigen Seite des Polizeiknüppels wähnt, an starker Katzen(-dieb)phobie leidet oder schlicht einen Blick auf die vorherigen Teile der stylischen JRPG-Reihe werfen will, der sollte sich unbedingt einmal die Zeit nehmen und einen Trip nach Inaba buchen. Das Städtchen aus Persona 4 ist zwar bereits seit 2009 (in Japan sogar 2008) erreichbar und hat mit Persona 4 Golden 2013 eine Komplettrestaurierung erfahren sowie etliche Nebenattraktionen a.k.a. Spin-Offs (Persona 4 Arena, Persona 4: Dancing All Night) spendiert bekommen, aber die ursprüngliche Reise lohnt sich noch immer. Es ist einer dieser Urlaube, die man niemals vergisst, und das nicht nur dank verrücktem Serienkiller und begehbaren Fernsehern. Wobei es definitiv hilft.

   

Ah, das beschauliche Städtchen Inaba mitten irgendwo im Nirgendwo, wo selbst der gewiefteste Fuchs keinen Hasen findet, um ihm ‘Gute Nacht’ zuzufiepen. Der Protagonist *insert Name here* hat das große Glück von seinen Eltern, die nach Übersee verduften, in besagte Pampa geschickt zu werden, um bei Onkel und Kleinkindcousine zu leben sowie die örtliche Highschool zu besuchen. Klingt nach beschaulicher Ödnis, wäre da nicht ein Serienkiller im Fernsehen. Also, wortwörtlich. Wirklich wortwörtlich. Quasi am wortwörtlichsten verstanden, wie der grauschöpfige Jungspund und seine neu gewonnenen Freunde bald erfahren müssen, als sie sich unversehens ebenfalls im Fernsehen wiederfinden. Erneut: Wortwörtlich. Sie purzeln geradewegs in eine andere Welt und treffen, wie es sich gehört, auf einen rot-weiß Anzug tragenden Blaubären mit unheiligem Wortspielfetisch. Und mit einem Schlag wird aus dem drögen Schuljahr eine Jagd auf einen wahnsinnigen Killer, der Strommasten mit seinen Opfern dekoriert, und die Erkundung einer mysteriösen Monster geplagten Zwischenwelt erreichbar durch die heimische Flimmerkiste. Achja, Inaba …

Brillen statt Kanonen

Originaltitel Shin Megami Tensei: Persona 4
Jahr 2009
Plattform PlayStation 2, PlayStation Vita (Golden-Version)
Genre RPG
Entwickler Atlus
Publisher Square Enix
Spieler 1
USK

Persona 4 wirft euch als wandelnder Austauschstudenten-Trope in ein neues Leben ähnlich wie die Reihenkollegen Persona 3 sowie Persona 5. Allerdings warten hier keine grauen Gassen, keine finsteren Studentenwohnheime und auch keine Särge auf den Straßen (stets ein großes Plus für die neue Heimat), stattdessen grüßt das abgelegene, beschauliche aber auch träge wirkende Städtchen Inaba, umgeben von echter virtueller Natur. Die dunkleren kalten Töne des Vorgängers weichen einem helleren freundlich gepinselten Orange-Gelb und aus den Lautsprechern dröhnt kein aggressiver Hip Hop mehr, sondern poppigere Klänge. Auch das Markenzeichen der Gruppe wandelt sich von Persona herauspustenden Pistolen zu markanten Brillen, um sich im Nebel der anderen Welt zurechtzufinden. Kurzum: Persona 4 hat seinen ganz eigenen Stil und Style, seine eigene Atmosphäre und Ton und setzt sich damit deutlich von seinem Vorgänger ab, genau wie Persona 5 danach. Es ist eine eigene Erfahrung, bei der aber selbsverständlich der Kern, die ungewöhnliche Gameplay-Mischung aus Social Life Simulator und Dungeoncrawler erhalten bleibt.

Monster-Massaker oder Mathe?

… ist eine Frage, die man sich im Alltag viel zu selten stellt; in Persona 4 gehört es quasi zur Serientradition. Ein ganzes Schuljahr liegt vor euch und abseits von Pflichtevents, die das Spielgeschehen aufbrechen, liegt es am Spieler, die Tage so zu verbringen, wie er, im Rahmen der Möglichkeiten, möchte. Morgens zur Schule, dann vielleicht ins Einkaufszentrum? Essen gehen? Fischen? Opfer vor einem grausigen Ende in einer seltsam verzerrten Fernsehwelt bewahren? Aber halt, da warten doch noch grinsend die Prüfungen am Horizont, für die gepaukt werden müsste … So kann es tatsächlich vorkommen, dass man sich nicht jeden Tag mit Schattendämonen prügelt und heldenhaft zur Rettung eilt, sondern sich durch ein Buch blättert, um den eigenen grauen Zellen den dringend nötigen Schubs zu geben, um nicht am falschen Ende der Bewertungsskala zu enden. Aber Achtung: Nicht für alles bleibt Zeit. Eine Deadline für die Errettung der Opfer gibt es immer, aber sie sind großzügig bemessen. Trotzdem sollte man lieber nicht die Zeit verplempern, gibt es doch schließlich kaum peinlicheres als am Ende des Monats zwar zum Anglerkönig gekrönt zu werden, nur um dann festzustellen, dass man so eben den TV-Tod eines potentiellen Teammitglieds verschuldet hat. Das würde sich dann auch in einem Helden-Abschlusszeugnis alles andere als gut machen.

Face Yourself

Außerdem würde man damit das Herz des Spiels vor die metaphorische Flinte laufen lassen: die Figuren. Egal ob Kung-Fu-Liebhaberin und Fleischadvokatin Chie oder die ruhige, besonnene Nachwuchspriesterin Yukiko, deren Humor schlimmer ist als der eines gewissen Bären, man wäre mit ihnen allen gerne befreundet. Zudem sind sie bei weitem nicht mit 1-2 Eigenheiten beschrieben, sondern sie alle bringen erstaunlich komplexe Charakterisierungen mit sich, die direkt mit dem Spiel verknüpft sind. Denn jeder Dungeon, in den man sich zwangsläufig stürzt, orientiert sich thematisch an einem der Charaktere in Gestalt in einer eigenwilligen TV-Serie. Die Hosts sind ihre anderen Ichs, ihr Schattenselbst, das bestimmte Charakterzüge und Eigenschaften repräsentiert, die die jeweiligen Figuren lieber unter Schloss, Riegel, Tresor und Eisenketten halten wollen. Eben jene zu bezwingen und, ganz wichtig, letztlich zu akzeptieren ist ein wesentlicher Schritt, denn damit erwachen sie zu den namensgebenden Personas und können ab sofort mithelfen, den Killer das Handwerk zu legen. Jede Dungeon-Erkundung ist damit an und für sich ein kleiner Charakter-Arc und dicht mit den Sorgen und Nöten der jeweiligen Figur verbunden, wodurch der Spieler sie selbst besser kennenlernt.

Dämonische Sammelei

Trotz der ungewöhnlichen Kombination bleibt Persona 4 im Kern ein rundenbasiertes JRPG. Werte bestimmen Angriff, Zauberpower, Abwehr etc. wie man es aus anderen Titeln gewohnt ist. Wer aber schon einmal prinzipiell mit der Shin Megami-Reihe in seinen etlichen Variationen in Berührung gekommen ist, weiß, welches zentrale Element das Gameplay bestimmt: die Dämo … pardon Personas. Ob Erzengel Michael oder eine kleine Pixie, ob Succubus oder ein bemützter Schneemann (Heeho!), eine Myriade an verschiedensten mythologischen Kreaturen, Persönlichkeiten, Göttern und jene, die es gerne werden wollen, sind vertreten und können zur Unterstützung herangezogen werden. Das Sammeln erinnert ein wenig an gewisse Taschenmonster nur mit weniger schauerlichen Hintergrundstories (seriously, manche Pokedex-Einträge, brrr … ). Zudem wird eventuell nutzlos gewordenes Viehzeug nicht in eine Box abgeschoben, sondern schlicht zu neuen Wesenheiten zwangsfusioniert. Fähigkeiten der ‘Eltern’ können dabei auch weitergegeben werden. Stetes Aufwerten und Auswechseln lautet daher die Devise, denn alle bringen eigene elementare Stärken und Schwächen mit, genau wie die Gegner, was selbstverständlich gnadenlos ausgenutzt werden sollte.

Never More

Für die Ohren gibt es in Inaba auch etwas, was kaum verwundern dürfte, denn die Reihe konnte stets mit Soundtracks in abwechslungsreichen und sehr eigenen Richtungen glänzen. Wie erwähnt geht die Musik dieses Mal in eine poppigere Richtung und wieder einmal zeigt der Hauptverantwortliche Komponist der Reihe, Shoji Meguro, das er schlicht unfähig zu sein scheint, einen schnell vergessenen dudeligen Soundtrack zu liefern, stattdessen sind die stets simplen aber immer eingängigen Lieder, Dungeon- und Charakterthemes bösartige Ohrwürmer. Gerade der Battle-Track ‘I’ll Face Myself’ in all seinen Varianten ist ein Gänsehaut-Garant und wenn schließlich das Ending-Theme ‘Never More’ gesungen von Hirata Shiroko (auch für das Ending von Persona 4: The Animation) aus den Boxen tönt, stehen alle Schleusen offen.

Pures Gold

Mit Persona 4 Golden wurde 2013 eine erweiterte Variante veröffentlicht, die mehr animierte Zwischensequenzen, mehr Personas und einige neue Charaktere beinhaltet, die damit auch die Zahl der möglichen Social Links um zwei erweitern. ‘Social Links’ sind kleine Geschichten, die mit wachsender Beziehungsstufe, die man zu der jeweiligen Figur aufbaut, weitererzählt werden. Neben den eigenen Team-Kollegen sind auch zahlreiche Nebencharaktere vertreten, mit denen in der Weise interagiert werden kann. Mit voranschreitendem Link bekommt man zudem Zugang zu neuen Personas bzw. werden Persona, die der jeweiligen Arcana mit der der Social Link assoziiert ist, mit Bonus EXP versehen. Erneut sind hier Gameplay und Inhalt verbandelt; wieder lernt man Figuren besser kennen und erweitert gleichzeitig sein Kampfarsenal.

Fazit

Ich könnte eine kleine Abhandlung darüber schreiben, warum Persona 4 eines der besten JRPGs ist, die ich jemals spielen durfte. Das Spiel hat einen wunderbaren eigenen Stil wie alle Titel der Reihe, es hat einen wundervollen Soundtrack, eine spannende Geschichte … und dann die Figuren. Hach. Ich liebe sie alle und ich hätte ihnen ohne Probleme weitere 300 Stunden bei ihren Unterhaltungen zuhören können. Es gibt da diesen Anime-Trope der ‘Power of Friendship’, aber oftmals läuft es darauf hinaus, dass entsprechende Serien nur auf dem Papier sagen ‘Hey, das sind gute Freunde und das ist wichtig!’. Persona 4 redet nicht über Freundschaft, sondern zeigt sie. Der komplette Charaktercast ist unvergesslich und das Spiel lässt dich für eine kurze Zeit ein Teil von ihnen sein. Lässt dich zusammen mit ihnen Blödsinn erleben, aber auch einen waschechten Mystery-Thriller. Es lässt dich mit ihnen zusammen lachen und weinen und viele simple Sachen erleben. Das Pacing mag dem ein oder anderen ab und an zu langsam sein, ich konnte dagegen nicht genug von den Camping-Ausflügen, den einfachen Unterhaltungen und den Blödeleien der Truppe haben. Die Geschichte ist großartig, das Ende ein Twist in sich selbst … Persona 4 ist bei mir ganz oben im Spiele-Olymp und wenn ich könnte, würde ich Atlus solange mit Geld bewerfen, bis sie eine PC und/oder PS4-Version der Golden-Variante veröffentlichen, denn dank PSVita-Mangel blieb mir die erweiterte Variante verwehrt. Kurz und gut und wenig überraschend: Wer auch nur im Ansatz etwas mit JRPGs in irgendeiner Form anfangen kann, Persona 4, egal ob in der Standard oder Gold-Variante, ist absolutes Pflichtprogramm. Es ist ein phantastisches emotionales Abenteuer, das man nicht missen, und eine Killerhatz, der man sich nicht entsagen sollte.

© Square Enix

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Mort

Mort hat 'Wie? Nicht auf Lehramt!?' studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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