Egregor

Wie viele Produktionen aus der Ukraine habt ihr bislang gesehen? Vermutlich wird es bereits schwierig, hier auch nur zwei Titel zu nennen – falls überhaupt. Aus dem Land, das im Jahr 2022 leider aus ganz anderen Gründen im Fokus des Weltgeschehens steht, dringen selten Filme zu uns durch. Häufig reflektieren ukrainische Werke ihr Land auf diskursfähige Weise und erreichen uns selten als Unterhaltungsmedien. Eine echte Offenbarung auf den ersten Blick ist da Egregor von Stanislav Kapralov. Der bildstarke Film schickt seine beiden Protagonisten auf die Spur einer Verschwörung und schlägt dabei ganz in die Kerbe von Dan Browns Schaffen. Der Film eröffnete das Obscura Filmfest 2022 in Berlin. 

 

Wie Lesya (Olena Lavrenyuk) erfahren muss, ist ihr Vater Oryst (Daniel Olbrychski, Salt) spurlos verschwunden. Als sie in dessen Wohnung eintrifft, läuft bereits die Spurensuche und sie stößt auf verschlüsselte Botschaften, die ihr Vater für sie hinterließ. Zeitgleich macht sich der US-amerikanische Detektiv Arthur (Omri Rose, Let It Snow) auf die Reise in die Ukraine, um seinen einstigen Mentor Oryst zu finden. Gemeinsam mit Lesya stößt er auf einen Kult, der tief in der Geschichte verwurzelt ist. Die Assassinin Tiko (Valeriia Karaman, Der Leuchtturm) ist ihnen bereits auf den Fersen …

Ukrainisches Kino, das beeindruckt

Originaltitel Egregor
Jahr 2021
Land Ukraine, Polen
Genre Mystery-Thriller
Regie Stanislav Kapralov
Cast Lesya: Olena Lavrenyuk
Arthur: Omri Rose
Tiko: Valeriia Karaman
Oryst: Daniel Olbrychski
Albert: Andrzej Zielinski
Laufzeit 88 Minuten
FSK unbekannt
Titel im Programm des Obscura Filmfest 2022

Auf Filmfestivals sind Filmemacher:innen aus der Ukraine keine seltenen Gäste.  Erst auf der Berlinale 2021 gewann in der Sektion „Generation“ Stop-Zemlia von Kateryna Gornostai den Kristallenen Bären. In den hiesigen Multiplex-Kinos sind massentaugliche Produktionen derweil nicht zu finden. Entweder sind die Themen zu sperrig, die Vermarktung zu schwierig oder die Produktionen nicht hochwertig genug, um der Konkurrenz aus den USA das Wasser reichen zu können. Egregor ist ein Film, der ohne Bedenken parallel zu einem James Bond laufen könnte. Zumindest in der Theorie, denn 007 vermarktet sich von selbst und läuft daher außer Konkurrenz. Doch kommen wir auf die Produktion zu sprechen, übertrifft der Film alle Erwartungen: Egregor liefert hochwertige dynamische Bilder. Messerscharfe Actionszenen, auf den Punkt produziert und mitreißend geschnitten. Wer der Auffassung ist, dass europäisches und insbesondere osteuropäisches Kino doch nur minderwertige Kost abwerfen könnte, sollte tunlichst einen Blick auf Egregor werfen. Dabei sprechen wir nicht etwa nur von aufregend inszenierten Kampfchoreografien. Wir bekommen es mit einem beeindruckenden Autocrash zu tun, der so sauber und präzise eingefangen ist, dass etliche Hollywood-Produktionen sich davon eine Scheibe abschneiden können. Die souveräne Kameraführung unter der Regie von Kapralov fängt Momente ein, bei denen man sich immer wieder dabei ertappt fühlt, sich von Vorurteilen trennen zu müssen.

Dan Brown als Inspiration

Auf der anderen Seite der audio-visuellen Wucht steht die Handlung und hier gerät Egregor schließlich ins Straucheln. Die Geschichte könnte 1:1 von Dan Brown abgekupfert sein, ohne jemals dessen erzählerische Raffinesse zu erreichen. Zu vage bleibt die Mythologie der Hintergrundgeschichte und zu linear schreitet das wenig dynamische Duo Lesya und Arthur voran. Plotpoint für Plotpoint wird aufgedeckt und dafür, dass sich der Film im Mystery-Genre bewegt, bleibt wenig Freiraum für echte Rätsel. Nicht, dass die Geschichte nicht funktionieren würde – sie bringt nur wenig Innovation mit und nahezu alles, was passiert, ist aus anderen Filmen bekannt oder kaum weg zu argumentieren daran angelehnt. Als grober Rohentwurf hätte all das gut funktioniert, so richtig formvollendet wirkt das Voranschreiten der Erzählung selten. Das größere Versäumnis stellt allerdings die fehlende Arbeit an der Entwicklung der Charaktere dar, die einander und dem Publikum gegenüber seltsam distanziert bleiben. Stanislav Kapralov zeigt wenig Interesse an Lesya und Arthur. Arthur ist cool, Lesya ist schön. Fertig.

Darstellerischer Schiffbruch

Selbst das schwächste Drehbuch lässt sich noch immer retten, wenn den Beteiligten vor und hinter der Kamera Passion anzumerken ist. Die Leidenschaft hinter der Kamera: Haken dran. In jeder Pore ist Egregor ein Projekt, mit dem richtig etwas gerissen werden soll. Vor der Kamera lassen sich jedoch etliche Zeugnisse der Marke “war stets bemüht” ausstellen. Unterm Strich wirkt die schauspielerische Leistung stocksteif, in den schlimmsten Momenten abgelesen oder auswendig gelernt. Insbesondere Valeriia Karaman in ihrer Terminator-angelegten Rolle erschreckt in jeder Szene, in der sie Sprechtext vorgelegt bekommt. Mit ihren weit aufgerissenen Augen und den harten Kieferbewegungen wird selten klar, ob das nun ernst gemeint ist oder eine Parodie darstellen soll. Ein Blick auf ihre Filmografie gibt lediglich die Rolle der stummen Meerjungfrau in Der Leuchtturm preis. Vielleicht ist das aufschlussreich genug … Auch Olena Lavrenyuk erweckt den Eindruck, als sei sie überwiegend aufgrund ihrer Ausstrahlung als Hauptdarstellerin gecastet worden. Sie wirkt seltsam unbeteiligt, wird aber stets ästhetisch von der Kamera eingefangen. Und Omri Roses Schauspiel kommt merkwürdig steif daher, als sei die einzige Regie-Anweisung gewesen, cool zu bleiben und keine Emotion zuviel zu zeigen.

Fazit

Egregor ist eine technisch astreine Visitenkarte für ukrainische Produktionen. Wer dem Land allenfalls Low Budget-Werke zutraut, wird ohne Zweifel durch diesen Film eines Besseren belehrt. Dieses Staunen und der audio-visuelle Genuss bleiben allerdings die einzigen Kostbarkeiten, die es hier mitzunehmen gibt. Inhaltlich bleibt es bei einer Fingerübung, schauspielerisch stockt es gewaltig. So sehr, dass immer wieder in Frage gestellt werden muss, ob die Erfahrung der Darsteller:innen ausreicht, um eine solche Produktion auch zu stemmen. Das ist furchtbar schade, denn die formal erreichte Qualität bleibt dadurch seelenlos.

© Bow and Axe Entertainment, Solar Media Entertainment

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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