Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen

Lesezeit: 7 Minuten

Der eine ist unverwundbar und der andere ist unsichtbar. Einer kann fantastische Technik und einer trägt ein Monster in sich. Einer ist ein jugendlicher Draufgänger mit zwei Revolvern und einer… nun ja, der ist Sean Connery. Lauter außergewöhnliche Gentlemen, und dazu eine Dame, deren Tätigkeitsprofil Chemikerin/ Vampirjägerin nicht minder außergewöhnlich ist. Alle sind sie Superhelden des klassischen Abenteuerschmökers und sie kommen zusammen, um als Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen die Menschheit vor einem maskierten Superschurken zu retten, der mithilfe seiner revolutionären technischen Erfindungen einen Weltkrieg entfesseln will. Das muss schon als Graphic Novel viel Spaß gemacht haben. Anfang der 2000er Jahre, als CGI immer ansehnlicher wurde, war der Stoff gefundenes Fressen für eine Verfilmung. Freie Fahrt zur Fortsetzung aber ein zweiter Teil von Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen wurde bisher leider nicht produziert.

   

Europa, 1899. Durch die Straßen Londons rollt eine nie gesehene, stählerne Höllenmaschine, die nur spätere Generationen als Frühform des Panzers erkennen können. Sie durchbricht mühelos die Mauern der Bank of England und ein maskierter Schurke, umringt von Gehilfen in deutschen Uniformen stiehlt Baupläne der Fundamente Venedigs. Während das die internationalen Beziehungen zwischen England und Deutschland arg belastet, lässt der maskierte Schuft kurz darauf eine deutsche Zeppelinfabrik in die Luft gehen, diesmal umringt von Gehilfen in britischen Uniformen. Die internationalen Beziehungen verschlechtern sich drastisch, Krieg liegt in der Luft.
Irgendwo in Afrika erreicht den gealterten Großwildjäger Allan Quatermain (Sean Connery, Mit Schirm, Charme und Melone) ein Hilferuf des bedrohten Empires. Nach anfänglichem Zögern folgt er dem Ruf, der ihn in eine unterirdische Bibliothek führt, wo ein Mann, der sich M nennt, ihm die weiteren Mitglieder der Liga der außergewöhnlichen Gentlemen vorstellt: Kapitän Nemo (Naseruddin Sha, Drei Häftlinge im Todestrakt) mit seinem U-Boot Nautilus und einer Menge weiteren technischen Wunderwerken, die der Zeit weit voraus sind. Rodney Skinner (Tony Curran, Underworld: Evolution), der unsichtbare Gentleman-Dieb. Mina Harker (Peta Wilson, Joe & Max), Chemikerin, Vampirjägerin und selbst Vampirin. Und Dorian Gray (Stuart Townsend, Königin der Verdammten) arrogant, schnöselig, unsterblich und unverwundbar, aber mit einer merkwürdigen Scheu vor seinem Portrait. Der Grund ihres Zusammentreffens: Der maskierte Schurke, genannt “Das Phantom”, plant einen Weltkrieg zu entfesseln und durch Waffenhandel reich zu werden. Ihre Mission: Die Pläne des Phantoms durchkreuzen und verhindern, dass Venedig, wo gerade eine Geheimkonferenz der Staatsoberhäupter Europas stattfindet, durch Bomben an den Fundamenten in die Luft gejagt wird. Auf ihrer Reise nach Venedig stoßen noch zwei Mitstreiter zu ihnen. Dr. Jekyll (Jason Flemying, From Hell), der sich durch ein Elixir in das Monster Mr. Hyde verwandeln kann und der junge Special Agent Tom Sawyer (Shane West, Ocean’s Eleven) aus den USA. Diesen nimmt Quatermain unter seine Fittiche, sodass eine ruppig-liebevolle Vater-Sohn-Beziehung zwischen den beiden entsteht. Unterwegs wächst aber auch das Misstrauen – einer von ihnen muss ein Verräter sein.
In Venedig gelingt es ihnen um Haaresbreite, die Zerstörung aufzuhalten. Aber es stellt sich auch heraus, dass nichts so ist, wie es zunächst den Eindruck erweckte. Die Mission ist eine Falle, Verbündete entpuppen sich als Schurken, Verdächtige als vertrauenswürdig und der teuflische Plan ist noch viel teuflischer, als es zuerst schien. Anstatt, dass die Welt nun gerettet ist, geht die Jagd rasant weiter um die Erde bis zum Showdown in der nördlichen Mongolei. Dort liegt die Geheimwaffenfabrik des Schurken, der sich mittlerweile als Professor Moriarty, das Genie des Verbrechens, herausgestellt hat. Die Liga stürmt die Fabrik, der Schurke erhält seinen gerechten Lohn, doch Allan Quatermain überlebt den Kampf nicht. An seinem Grab in der afrikanischen Steppe beschließen die Gentlemen (und die Lady), die Liga weiter bestehen zu lassen und für das Gute zu kämpfen. Dann wirkt ein afrikanischer Medizinmann am Grab sehr viel Magie, dass die Wolken ziehen und das Gewehr auf dem Grabhügel erbebt… denn Afrika wird Quatermain niemals sterben lassen.

Es ist ein Mann, der sich das Phantom nennt. Wie opernhaft!

Originaltitel The League of Extraordinary Gentlemen
Jahr 2003
Land USA
Genre Abenteuer, Steampunk
Regisseur Stephen Norrington
Cast Allan Quatermain: Sean Connery
Mina Harker: Peta Wilson
Dorian Gray: Stuart Townsend
Rodney Skinner/ Der Unsichtbare: Tony Curran
Kapitän Nemo: Naseeruddin Shah
Dr. Henry Jekyll/ Edward Hyde: Jason Flemyng
M: Richard Roxburgh
Laufzeit 106 Minuten
FSK

Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen ist einer von den Filmen, bei denen man nicht aus dem wissenden Grinsen herauskommt, weil man so viele literarische Anspielungen auf dem Silbertablett serviert bekommt. Jules Verne, Bram Stoker, Oscar Wilde, Henry Rider Haggard, Robert Louis Stevenson, Arthur Conan Doyle… der Film baut eine Welt auf, in der nicht nur die Hauptfiguren aus verschiedenen Büchern stammen, sondern die gesamte Abenteuerliteratur immer präsent ist. Da beklagt sich Quatermain, dass sie beim Reisen nicht so schnell sind wie Phileas Fogg, der es in 80 Tagen um die Welt schaffte. Da steht der Chauffeur von Kapitän Nemos wunderbarer weißsilberner Limousine und stellt sich vor mit den Worten “Nennen Sie mich Ishmael”. Was bekanntermaßen der erste Satz von Moby Dick ist und in der Tat haben Nemos Auto und Nemos U-Boot beide etwas von einem weißen Wal. Da ist die Analogie auch schon zu Ende, denn Nemo hat keine so obsessive Beziehung zu seinen Fahrzeugen wie Kapitän Ahab zu Moby Dick. Auch das maskierte Phantom ist ein ironisches Echo auf Das Phantom der Oper, obwohl es gar nicht um einen entstellten Opernliebhaber geht. Und woher kennt Quatermain eigentlich Das Phantom der Oper, ist er Musical-Fan? Unwichtig, es sind viele hübsche, geistreiche Schnörkel am Rande des literarischen Kalauers, aber immer gut für einen Schmunzler.
Und das Schöne ist, man muss sich gar nicht durch all die Schmöker durchgekämpft haben, um zu verstehen, worum es geht. Man muss nicht einmal eine der unzähligen Verfilmungen gesehen haben. Der Film verlässt sich darauf, dass sich die Eckdaten von Dr. Jekyll oder Kapitän Nemo oder dem Unsichtbaren so tief ins kulturelle Gedächtnis eingegraben haben, dass wirklich jeder mitkommt. Und was er pfiffig neu erfindet, führt er knapp und prägnant ein. Die ursprüngliche Mina Harker aus Bram Stokers Dracula war keine Chemikerin und auch keine Kämpferin im schwarzen Kampfkorsett. Oscar Wilde hat in Das Bildnis des Dorian Gray keinen Actionhelden geschaffen und Mark Twains Tom Sawyer ist der archetypische amerikanische Junge, kein erwachsener Revolverschütze. Aber all diese Neuinterpretationen funktionieren gut und die Figuren bekommen genug Zeit, ihre neue Identität auszuprobieren und Kontakte zueinander zu knüpfen. Die erste halbe Stunde des Films ist damit beschäftigt, sieben Figuren vorzustellen und in Beziehung zu einander zu setzen und es sind spannende 30 Minuten. Dann erst lässt der Film den Schurken Venedig kaputtmachen.

Was in Gottes Namen ist das? Ich nenne es ein Automobil.

Virtuoses Jonglieren mit literarischen Versatzstücken, ja. Aber was ist an diesem Film nun Steampunk? Von all den Figuren mit besonderen Fähigkeiten haben nur zwei einen Draht zu utopischer Technik. Mina und Dorian haben eher magische Fähigkeiten, Skinner und Dr. Jekyll verdanken ihre Besonderheit medizinischen Experimenten. Quatermain und Tom können einfach nur gut schießen. Und mit Dampf betrieben wird eigentlich gar nichts. Der Film beginnt zwar mit einer Kamerafahrt an den Fassaden eines frühindustriellen Londons herab, vorbei an Schornsteinen, Gerüsten, Rohrleitungen und Dampfschwaden. Aber die Höllenmaschinen der Zukunft, mit denen Moriarty einen Weltkrieg heraufbeschwören will, sind alles solche, die um 1899 bereits in der Entwicklung waren oder wenige Jahre darauf entstanden. Der Panzer, das Maschinengewehr und der Flammenwerfer wurden alle bereits im ersten Weltkrieg, der 1899 nur 15 Jahre in der Zukunft liegt, eingesetzt. Selbst die kugelsicheren Westen aus Metallplatten, die die Schergen des Phantoms tragen und die sehr nach Phantasiegebilden aussehen, hatten ein Gegenstück im ersten Weltkrieg. Folgerichtig sehen all die Geheimwaffen wenig steampunkmäßig verschnörkelt und verziert aus, sondern eher kantig und funktionell und ihren Gegenstücken in der Realität recht ähnlich.
Ganz anders Kapitän Nemos Erfindungen. Auch er erfindet Dinge, die in kürzester Zeit andernorts entstehen werden, wie das Auto oder das U-Boot. Aber vielleicht liegt es daran, dass er isoliert von der Welt arbeitet, oder dass er als Inder auf Ornamente und Elefantenreliefs steht. Jedenfalls ist das Design seiner Maschinen pure Schönheit jenseits aller Wahrscheinlichkeit und Funktionalität. Ein stromlinienförmiger Traum in Weiß und Silber. Wer Steampunk mag, weil er fiktive Maschinen im Schnörkeldesign toll findet, der wird den Film nur wegen der Szenen mit dem Auto oder dem U-Boot lieben.
Moriartys Fabrik in der Mongolei bietet als Ort des Showdowns auch eine Menge Steampunk-Augenschmaus. Dampfende Schornsteine, glühendes Eisen, stampfende Maschinen und so weiter. Von seinen erst so nah an der Realität liegenden Plänen ist Moriarty bis dahin weit entfernt, schließlich will er nun auch Kampfroboter bauen und eine Armee von Monstern, Unsichtbaren und Vampiren erschaffen.

Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen ist leider ein wenig in die Jahre gekommen. Nicht nur die CGI haben sich weiterentwickelt. Seit 2003 hat man eine Menge Filme zu sehen bekommen, die alte Stoffe neu interpretieren, Crossover ausprobieren oder eine Vielzahl von Helden aus ihren jeweiligen Einzelabenteuern herausholen und zusammen in einen neuen Erzählkontext stecken. Und das virtuose Einarbeiten bestehender Werke, all diese Verbeugungen vor der Vorlage, Zitate, Echos gehören in einer Zeit der Fortsetzungen und Remakes zum Handwerkszeug eines versierten Drehbuchautors. Dennoch macht Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen noch Spaß: der Film weiß mit der Vielzahl der Figuren geschickt umzugehen, er hat Spannung, Action und überraschende Twists und er nutzt das Genre Steampunk für ein intelligent gebautes Gedankenspiel. Zwischen Fantasiemaschinen und der Realität liegen manchmal nur wenige Jahre. Auf die Weltzerstörungspläne maskierter Superschurken braucht man meistens nicht viel zu geben, sie werden ohnehin in den letzten Minuten des Films vereitelt. Aber den ersten Weltkrieg vorverlegen zu wollen und so mit dem Wissen des Publikums um das Grauen des realen ersten Weltkriegs zu spielen, das ist schon eine pfiffige Idee. Und natürlich dieses Auto… Steampunk als verspielter, ornament-überladener, wunderschön dysfunktionaler Eye Candy. Hach, dieses Auto…

©Twentieth Century Fox

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wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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