All Aboard!

Manchmal spielt das Leben nicht so, wie man möchte: In dem japanischen Drama All Aboard erfährt eine junge Frau, dass sie langsam ihr Augenlicht verliert. Eine Schockdiagnose, insbesondere da sie bis dato diejenige war, die sich um die chaotischen Familienmitglieder gekümmert hat – aber die Diagnose ist vielleicht auch eine Chance, sich darüber klar zu werden, was sie selbst will. Der 2020 erschienene Film von Regisseur Seiichi Hishikawa konnte im Rahmen des Japan-Filmfests 2021 vom 18. August bis 3. September 2021 als Deutschland-Premiere per Online-Stream geschaut werden.

Die junge Zugführerin Haruka Asakura (Yukino Murakami) ist diejenige, die den Haushalt ihrer chaotischen Familie zusammenhält. Sie kümmert sich um ihren etwas schrägen Vater Goro (Katsuhiro Shimamoto), ihren Onkel Kentaro (Jun Suzuki), der in einer hoffnungslos scheinenden Liebelei mit einer Prostutuierten ist und ihren träumerischen Cousin Manabu (Soma Fuji), der von einer Karriere als großer Sänger und Songwriter schwärmt, bis dato aber keinen Erfolg damit hat. Fest steht: Ohne Haruka läuft nichts! Doch eines Tages erhält sie die schockierende Diagnose, dass sie langsam ihr Augenlicht verliert. Dies soll ein Wendepunkt in ihrem Leben sein …

Ein Mädchen für alles

Originaltitel Shin Seishun
Jahr 2020
Land Japan
Genre Drama
Regie Seiichi Hishikawa
Cast Haruka Asakura: Yukino Murakami
Manabu Kurokawa: Soma Fuji
Goro Asakura: Katsuhiro Shimamoto
Kentaro Asakura: Jun Suzuki
Laufzeit 90 Minuten
Titel im Programm des Japan Filfmest 2021

Haruka ist als Hauptfigur eher undurchsichtig. In den ersten Minuten wirkt sie wie eine zufriedene, lebensfrohe Frau, selbst wenn sie daheim offensichtlich für alles verantwortlich ist. Goro, Kentaro und Manabu schaffen es kaum, selbstständig aufzustehen, geschweige denn sich selbst etwas zu Essen zu machen. Im Grunde verhalten sich die drei Männer wie Kinder. Nach ihrer Diagnose fällt Haruka in ein depressives Loch und fragt sich, was sie im Leben will. Leider ist es etwas schwierig, eine tiefere Bindung zu Haruka aufzubauen, da Zuschauer*innen schlicht zu wenig über sie wissen. Natürlich: Sie ist Zugführerin und wie in einem Dialog erwähnt wird, hat ihre Mutter die Familie verlassen, nachdem ihr Vater eine Affäre mit einem anderen Mann hatte. Okay. Viel mehr erfährt man über sie dann aber auch nicht und über die 90 Minuten Laufzeit wird klar, dass dem Film Stilmittel wie innere Monologe gutgetan hätten. Denn auch die anderen Figuren erhalten nur wenige tiefere Dialoge oder Szenen, sie bleiben also eher leere Hüllen mit wenigen Eigenschaften. Stattdessen wird mehrfach gezeigt, wie die Männer des Haushalts mit drückender Blase vor der Toilette kauern – da wurden im Drehbuch fragwürdige Prioritäten gesetzt.

Japanische Kultur in Reinform

Als japanischer Arthouse-Film lebt All Aboard! vor allem von Details, insbesondere der Mimik und Gestik. Wer mit der japanischen Kultur und den gesellschaftlichen Konventionen überhaupt nicht vertraut ist, wird wohl in einigen Situationen nicht verstehen, was überhaupt passiert. Natürlich ist der Film auf ein japanisches Publikum zugeschnitten, sodass das zu erwarten ist. Genau das ist dann auch die Stärke der Produktion, denn wer das kunstvolle, japanische Kino mag, wird einige Szenen definitiv genießen. Etwa wenn sich Haruka auf liebevolle Weise mit einem Zugführer-Kollegen unterhält. Auch die eingesetzten Symbole und Metaphern, insbesondere die eines allseits präsenten Zugs, wissen zu gefallen. Das ergibt eine merkwürdige Diskrepanz, sodass All Aboard! zwar einen gewissen Anspruch und teils sehr schöne Momente hat, sich aber in einigen irrelevanten Szenen einfach vollkommen verfängt. Auch wird verpasst, zu zeigen, wie Haruka tatsächlich mit ihrer Erkrankung umgeht. Größtenteils fungiert die Diagnose lediglich als Katalysator dafür, dass Haruka sich von ihrer Familie emanzipiert und ihren eigenen Weg geht. Das ist nicht unbedingt schlecht, aber doch eine vertane Chance, insbesondere da sich das Familiendrama immer mehr zu einer schrulligen Romanze entwickelt. Das ist eher unerwartet und dürfte einige Zuschauer*innen enttäuschen, die sich ein Familiendrama oder gar eine rührende Geschichte um die mögliche Erblindung einer jungen Frau erhofft haben.

Gelungene Inszenierung?

Es gibt einige Punkte, die man an All Aboard! kritisieren kann. So wird Harukas schwuler Vater Goro in einer Szene mit einem jungen Mann als recht übergriffig dargestellt. Das kann man einfach als Teil seiner schrulligen, schrägen Persönlichkeit interpretieren oder aber als Darstellung eines schädlichen Stereotypen. Ohnehin scheint der Film bekannte Klischees und gesellschaftliche Vorstellungen auf die Spitze zu treiben (Männer, die sich nicht selbst versorgen können und Frauen, die sich um alles kümmern und aufopfern), was aber offensichtlich beabsichtigt ist und als eine Kritik an genau diesen absurden Vorstellungen verstanden werden kann. Allerdings dürfte auch die Tatsache, dass sich zwischen Haruka und ihrem Cousin Manabu eine romantische Beziehung entwickelt ein eher kontroverser Aspekt des Filmes sein. Zumal auch die Botschaft der Handlung darunter leidet, da Haruka so eben am Ende nicht vollkommen auf eigenen Beinen steht und sich einmal nur um sich kümmert. Visuell ist der Titel zwar nichts Besonderes, aber die Kulisse von Schreinen, Stadt und Natur wissen durch Authentizität zu gefallen. Geschmackssache dürfte hingegen sein, dass einige Szenen eindeutig das japanische Overacting nutzen, was insbesondere das Ende des Filmes etwas in die Lächerlichkeit zieht. An sich erfüllen die Schauspieler*innen allerdings einen soliden Job.

Fazit

All Aboard! ist keinesfalls ein schlechter Film. Die Ausgangssituation ist interessant und die Handlung, wie eine junge Frau nach einer Schockdiagnose ihren Weg geht und sich von der Familie emanzipiert, ist interessant. Doch die Erzählung scheitert daran, die Figuren mit Nuancen auszustatten und Zuschauer*innen dazu zu bringen, eine Bindung zu ihnen aufzubauen. Auch die Botschaft wird mit dem Verlauf der Handlung extrem verwässert, sodass nicht mehr als ein vages “Tu, was dich glücklich macht” übrig bleibt. Der Gesamteindruck bleibt somit gemischt, als ein kurzweiliges Familiendrama unterhält der Film und er regt in einigen Aspekten zum Nachdenken an, aber die tatsächliche Substanz bleibt deutlich zu gering. Fans des japanischen Kinos können dennoch einen Blick riskieren.

© Seiichi Hishikawa

Ayla

Ayla ist Schülerin und beschäftigt sich hobbymäßig mit allen möglichen Medien, ohne dabei Beschränkungen zu kennen. Dennoch ist sie vor allem ein Serien- & Game-Junkie und liebt besonders actionreiche und dramatische Inhalte, wobei sie gleichzeitig für viele kindliche Themen zu haben ist, weshalb sie weiterhin großer Disney-Fan ist. Abseits ihrer Leidenschaft des Sammelns ihrer Lieblingsmedien schreibt Ayla gerne selbst Geschichten oder zeichnet Bilder, um sich so zu entspannen.

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