After Yang

Egal ob das Game Detroit: Become Human oder die Serie Humans: Beide beschäftigen sich wie viele andere Medientitel mit einer Zukunft, in der wir Androiden kaufen können, die einem Menschen aus Fleisch und Blut zum Verwechseln ähnlich sehen – und ihm womöglich auch im Bewusstsein und den Empfindungen immer ähnlicher werden. Auch der auf einer Kurzgeschichte basierende Film After Yang stellt einen Androiden in den Mittelpunkt, der mit einer menschlichen Familie zusammenlebt. Allerdings geht es nicht um eine Rebellion gegen diese, sondern um die Verarbeitung des Todes dieses Androiden. Seine Weltpremiere feierte der Film von Regisseur Kogonada (Columbus) bereits im Juli 2021. Hierzulande flimmert das Science-Fiction-Drama im Rahmen des Fantasy Filmfests im September 2022 über die Leinwände.

   

Jake (Colin Farrell, Total Recall) und seine Frau Kyra (Jodie Turner-Smith, Tom Clancy’s Gnadenlos) sind die Adoptiveltern der kleinen Mika (Malea Emma Tjandrawidjaja). Da das Mädchen aus China stammt, kauften sie wie mittlerweile üblich zum Zeitpunkt ihrer Adoptionen einen Androiden (Justin H. Min, The Umbrella Academy). Dieser Androide, Yang genannt, soll Mika ihre chinesischen Wurzeln nahe bringen. So lehrt er ihr die Sprache, begleitet sie bei der Formung ihrer Identität und fungiert als ein Bruderersatz. Aber auch als Haushaltshilfe ist Yang für Jake und Kyra unerlässlich. Als Yang plötzlich kaputt geht, bricht inbesondere für Mika eine Welt zusammen. Da der Android gebraucht gekauft wurde, gibt es keine Garantie und Jake sucht nach anderen Möglichkeiten, ihn zu reparieren. Dabei stößt er allerdings auf die Gelegenheit, Yangs Erinnerungen in Form eines Speicherchips zu sehen. War Yang vielleicht viel mehr als nur ein kultureller Begleiter?

Aus dem Alltag gerissen

Originaltitel After Yang
Jahr 2021
Land USA
Genre Drama, Science-Fiction
Regie Kogonada
Cast Jake: Colin Farrell
Kyra: Jodie Turner-Smith
Yang: Justin H. Min
Mika: Malea Emma Tjandrawidjaja
Ada: Haley Lu Richardson
Cleo: Sarita Choudhury
Laufzeit 96 Minuten
FSK unbekannt
Titel im Programm des Fantasy Filmfest 2022

Den actionreichsten und gleichzeitig spektakulärsten Moment der ganzen Produktion sehen Zuschauer:innen direkt in den ersten Minuten: Beim Familientanz treten Jake, Kyra, Mika und Yang gemeinsam gegen andere vierköpfige Familien in eine Art Dancle-Battle an. Unterlegt wird das Szenario von einem coolen futuristischen Sound. Doch kurz darauf geht Yang kaputt. Ohne Yang fehlt etwas in der Familie, obwohl er doch eigentlich “nur” als Begleiter für Mika gekauft wurde. After Yang präsentiert sich damit als sehr ruhiger Film, der kein wirkliches Ziel verfolgt: Dass Yang nicht mehr repariert werden kann, wird früh klar. Stattdessen begleitet die Handlung vorrangig Jake dabei, wie er die Erinnerungen von Yang durchforstet. Dabei wird immer deutlicher, dass dieser eben viel mehr als nur ein Android war, gleichzeitig aber an den Grenzen seines Daseins als Android litt. Denn als solcher konnte er etwa den chinesischen Tee, über den er so gerne Fakten aufzählte, selbst gar nicht schmecken.

Vages Science-Fiction-Setting

After Yang spielt in einer schätzungsweise nahen, aber nicht näher definierten Zukunft. Neben der Existenz von Androiden gibt es dort auch Klone, worauf jedoch nicht näher eingegangen wird. Einerseits ist dieses vage Setting ohne große Erklärungen klug gewählt, weil es das Wesentliche in den Fokus rückt. Andererseits kommen gerade bei den Klonen Fragen auf. Etwa wie und warum diese erschaffen werden. Denn ganz unerheblich für die Geschichte sind diese nicht. Interessant ist dabei ebenso, dass Jake Vorurteile gegenüber jemanden hegt, weil dessen Töchter Klone sind. Hier wären genauere Details zur gesellschaftlichen Struktur spannend gewesen, insbesondere da Klone und “Technosapiens”, wie die Androiden genannt werden, letzten Endes zwei Seiten einer Medaille sind. Denn beide sind auf ihre Weise anders als die regulären Menschen und haben individuelle Probleme, aber eben auch ein Teil der Gesellschaft. Obwohl Androiden eben schlicht als Ware verkauft werden, die ausgetauscht werden kann. Um derartige Kritikpunkte wie eben die Betrachtung von Androiden als Ware dreht sich der Film aber nicht, sondern schlicht um Yangs Leben als ein Individuum und dessen Auswirkungen.

Über Verlust und Trauer

Im Grunde behandelt die Geschichte damit die altbekannte Frage danach, was eine Person ausmacht. So hatte Yang eigene Hobbys und traf sich selbstständig mit einer jungen Frau, was beides kein Teil seiner programmierten Aufgaben ist. Das zweite, vielleicht sogar größere Leitthema ist aber der Umgang mit einem Verlust und die darauf folgende Trauer. Gerade Mika leidet unter Yangs Ableben, schließlich war er für sie ihr großer Bruder. Denn letzten Endes ist ein “kaputter” Android, der ein geliebter Teil der Familie war, ähnlich wie ein totes Familienmitglied ein emotionaler Verlust. Er kann genausowenig für immer leben wie ein Mensch. All das wird sensibel umgesetzt und auch der Unterschied zwischen einem Kind wie Mika und Erwachsenen wird deutlich. So äußert Kyra gar, dass es womöglich gut sei, dass Yang nicht mehr da ist, da sie und Jake sich zu sehr auf ihn verlassen haben. Er übernahm anders als vorgesehen nämlich viele Aufgaben in der Erziehung, da beide so viel arbeiteten. Kyra wirkt da abgeklärter, doch auch sie macht sich ihre Gedanken, als sie Yang eben wirklich aufgeben müssen und muss erkennen, dass er kein bloßer Gegenstand war.

Verfilmung einer Kurzgeschichte

After Yang basiert auf der Kurzgeschichte Saying Goodbye to Yang von Alexander Weinstein, die 2016 in dessen Kurzgeschichtensammlung Children of the New World veröffentlicht wurde. Viele Szenen der Verfilmung spielen sich über Bildschirme ab, was vor allem auf die Kommunikation zutrifft. Kein Wunder, funktioniert diese schon heute zu großer Teilen darüber. Dies passt somit zum Setting und unterstreicht die Ansiedlung in einer nicht weit entfernten Zukunft. Aber auch die anderen Kulissen sind eher monoton gehalten, nur selten gibt es wirklich visuell beeindruckende Szenen. Dafür können aufmerksame Zuschauer:innen auf Details achten, denn der Film bietet einige Symbole, die für die Thematiken des Films stehen. Ein prominent platziertes Beispiel sind beispielsweise verzweigte Äste. Der Cast weiß ebenso zu überzeugen, was besonders auf Justin H. Min als Yang zutrifft. Ein Androide gehört nicht unbedingt zu den einfachsten Rollen, aber er spielt den Technosapiens auf authentische Weise und bringt seine Persönlichkeit näher, ohne dass er wie ein normaler Mensch wirken würde. Die Diskrepanz zwischen seiner Begrenzung als Androide und seinem doch so menschlich wirkenden Bewusstsein ist geradezu spürbar.

Fazit

After Yang präsentiert sich als ausgesprochen ruhiger, sensibler Film, der neben dem altbekannten Thema, ob Androiden ein eigenes Bewusstsein entwickeln können, sich vor allem mit der Verarbeitung eines Verlustes auseinandersetzt. Die Handlung spielt in einem sehr kleinen Kosmos und hält sich nicht lange mit dem Setting auf oder möchte eine große Geschichte erzählen. Es geht einfach um einen individuellen Androiden und dessen menschliche Besitzer, die viel mehr seine Familie sind. Das macht den Film zu einem einzigartigen, intimen Erlebnis, das an den geeigneten Stellen auch große Emotionen aufkommen lassen kann. Die sehr ruhige Erzählweise und die seichte Handlung mag dabei nichts für jeden sein, aber wer sich für Produktionen mit sehr leisen Tönen begeistern kann, sollte After Yang eine Chance geben.

© Sky Original Film

Ayla

Ayla ist Schülerin und beschäftigt sich hobbymäßig mit allen möglichen Medien, ohne dabei Beschränkungen zu kennen. Dennoch ist sie vor allem ein Serien- & Game-Junkie und liebt besonders actionreiche und dramatische Inhalte, wobei sie gleichzeitig für viele kindliche Themen zu haben ist, weshalb sie weiterhin großer Disney-Fan ist. Abseits ihrer Leidenschaft des Sammelns ihrer Lieblingsmedien schreibt Ayla gerne selbst Geschichten oder zeichnet Bilder, um sich so zu entspannen.

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