German Kaiju – Zerstören. Fressen. Erobern.

Lesezeit: 5 Minuten

Kaiju: japanisch für “seltsame Bestie”. Godzilla zum Beispiel. Seit den fünfziger Jahren stapft der gigantische Saurier durch die japanische Filmgeschichte und verwüstet Tokyo. Zweimal durfte er bisher auch in westlichen Filmproduktionen auftreten und sich New York und San Francisco vornehmen. Guillermo del Toro (The Shape of Water) sorgte 2013 mit Pacific Rim dafür, dass das Wort Kaiju auch in den Wortschatz westlicher Monsterfilm-Nerds Einzug gehalten hat. Seine seltsamen Bestien aus der Tiefe des Pazifiks fielen über Sydney oder Hongkong her. Kein Monster hat sich je an Bielefeld vergriffen. Bis jetzt. Der junge Leseratten-Verlag im schwäbischen Allmersbach im Tal hat sich auf Regionales und Fun Fantasy eingeschossen. Und auf Anthologien mit Thema. Mal geht es um Piraten, mal um tote Katzen. Dieses Jahr lautet der Titel German Kaiju und der Auftrag an die Autoren: lass ein Monster durch deine Heimatstadt toben. Herausgeber Markus Heitkamp (Phantastische Sportler) hat eine Sammlung von neun Kurzgeschichten zusammengestellt, in denen Berlin oder Bielefeld, Hamburg oder Karlsruhe zu Kaiju-Futter werden.

  • Tatort Frankfurt: Ein Nazi-Mecha vom Mond sucht den Führer und zersäbelt Hochhäuser.
  • Tatort Berlin: Ein Riesenwurm fräst sich unterirdisch vom Flughafen BER bis zum Alexanderplatz und knackt den Fernsehturm.
  • Tatort Dortmund: Wenn ein Alt-Hippie ein gigantisches Naturwesen aus Bäumen beschwört, dann tobt es durch das Ruhrgebiet, bis es einem Widersacher aus Metall begegnet.
  • Tatort Wilhelmshaven: Der Plastikmüll der Meere schlägt zurück, denkender Müll-Schleim schwimmt zur Nordseeküste und blubbert landeinwärts.
  • Tatort Bielefeld: Ein unterirdisches Tentakelmonster verwüstet die Stadt und verschont nur ihren nervenaufreibendsten Bewohner.
  • Tatort Hamburg: Eine abgehalfterte Bikerbande sieht sich einem 30 Meter großen Molch gegenüber. Wie gut, dass bei ihren illegalen Geschäften auch mal eine Superwaffe abgefallen ist.
  • Tatort Karlsruhe: Die Illuminaten hätten vom Monster-Erschaffen die Finger lassen sollen, denn Bauarbeiten reißen ihr bio-mechanisches Insektenwesen zu früh aus dem Tiefschlaf.
  • Tatort Friedrichshafen: Noch ein Molch, diesmal ein amphibischer Cyborg und mit knapp vier Metern der Zwerg der Anthologie. Aber am Bodensee gibt es eine Menge kaputtzumachen und dann lauert in den Tiefen noch ein überdimensionaler Wels.
  • Tatort Staufen: unter dem idyllischen Städtchen in Baden-Württemberg schläft eine alte, dunkle Glibber-Gottheit. Erdwärme-Bohrungen sind eine sehr schlechte Idee.

Eine Wundertüte voller Popcornkino-Trash

Originaltitel German Kaiju
Ursprungsland Deutschland
Jahr 2019
Typ Roman
Bände 1
Genre Science-Fiction, Fantasy
Autor Markus Heitkamp (Hrsg.)
Verlag Leseratten-Verlag

Tentakelmonster, denkender Schleim, Riesenwürmer, Insekten, Amphibien: Die Menagerie der städtefressenden Monster ist groß. Ein feuerspeiender Riesensaurier ist nicht dabei. Überhaupt sind die Bezüge zu japanischen Kaiju-Filmen längst nicht so dicht gesät, wie der Titel vermuten lassen sollte. Was man erwarten könnte, Fan-Japanisch, Hommagen an Godzilla, Mothra, Radon, Ghidora und wie sie alle heißen, kleine Verbeugungen vor den großen Namen des japanischen Kinos, all das passiert recht wenig und längst nicht in allen Geschichten. Auch wenn mal ein Containerschiff Tsuburaya genannt wird, nach der Special Effects-Firma der frühen Godzilla-Filme.
Egal, die westliche Film- und Literaturgeschichte hat hat jede Menge Inspirationen zu bieten und alle Autoren sind geübt darin, mit Zitaten, Anklängen und Hommagen zu jonglieren. Wer einen erdbohrenden Wurm durch die Berliner U-Bahn pflügen lässt, der hatte offenbar viel Spaß mit Dune – Der Wüstenplanet. Der dehydrierte dunkle Gott unter der Altstadt hat jede Menge Verwandschaft bei H.P. Lovecraft und der Müllschleim vor Wilhelmhafen ist ein Nachkomme des Kultklassikers Blob – Schrecken ohne Namen. Das Waldwesen aus dem Ruhrgebiet ist alle Tolkienschen Ents auf einmal und wer eine turmhohe Nazi-Kampf-Maschine, kurz NaKaMa vom Mond nach Frankfurt schickt, der hat sicher Iron Sky gesehen. Ob das japanisch-deutsche Wortspiel beabsichtigt ist? Wer sein Fan-Japanisch durch One Piece erworben hat, den schaut das Wort Nakama, Freund, Kumpel, Kamerad, ziemlich schräg an. Andererseits ist der Mecha vom Mond der treueste Kumpel, den der Führer sich nur wünschen könnte.
Aber auch wer Filmzitate prinzipiell überliest und nur erleben wollte, wie seine Heimatstadt in Schutt und Asche gelegt wird, kommt auf seine Kosten. Die Autoren nehmen ihr Anliegen, Monstergeschichten mit lokalem Bezug, allesamt ernst und schildern mit Detailfreude und Ortskenntnis, wie Wahrzeichen, Denkmäler, Straßenzüge oder Fussballstadien dem Erdboden gleichgemacht werden. Nur der Moment des Covers, der Echsenfuß vor dem Brandenburger Tor, wird nicht eingelöst. Schade eigentlich. Immerhin können Berliner den glücklosen Flughafen BER, die U-Bahnlinie 7, die Gropius-Stadt und den Fernsehturm untergehen sehen. Und dabei bleibt es nicht, wie in den meisten anderen Geschichten auch. Fast alle Geschichten triefen vor schwarzem Humor und enden mit der Aussicht auf noch mehr Zerstörung oder gleich dem Untergang der ganzen Welt. The Monster never dies.

Ein liebevoll gestalteter Band für ein Nischen-Fandom

Optisch belegt das 378 Seiten-Paperback, dass die Macher viel Herzblut investiert haben. Hübscher roter Buchschnitt, Illustrationen zu jeder Geschichte. Auf der Innenseite des Einbands eine Deutschlandkarte, in der die Orte der neun Kaiju-Angriffe dieser Anthologie verzeichnet sind und drumherum die Gestalten aus den Illustrationen noch einmal schemenhaft aus dem Dunkel hervortauchen (das Artwork steuerte Fantasy-Autor und Illustrator Christian Günther (Die Aschestadt) bei). Jeder Autor wird mit Foto und Kurzbiographie vorgestellt. Es gibt gleich drei Vorworte: eines von Markus Heitkamp, dem Herausgeber, eines von Marc Hamacher, dem Verleger und eines von Detlef Claus, Filmbuch-Autor (Asiatische Monster- und Science-Fiction-Filme) und Organisator des Godzilla-Treffens in Uelzen. Ein Buch von Fans für Fans, wo die Frage, wer schreibt, fast genauso wichtig ist wie etwas geschrieben wird.
Auf den letzten Seiten wartet noch ein Gimmick, ein fleckiger Umschlag mit der Aufschrift “Nur im Notfall öffnen!” Darin finden sich zwei fleckige, offenbar auf einer alten Schreibmaschine getippte Blätter mit den Bekenntnissen des Hausmeisters einer ungenannten japanischen Filmfirma. So bekommt Godzilla doch noch einen Cameo-Auftritt.

Fazit

Ehrlich gesagt hatte ich etwas Bedenken bei dem Konzept von German Kaiju. Ob nun ein Nazi-Mecha vom Mond oder ein Molch-Cyborg aus dem Bodensee, die Verfilmungen hätte ich alle gern gesehen. Aber als Texte? Kaiju sind was fürs Auge, die will man durch Modellbaustädte trampeln SEHEN. Die bloße Beschreibung muss da ordentlich wortgewaltig sein. Zum Glück schaffen es alle Autoren, ihre Zerstörungsvisionen farbig, spannend und augenzwinkernd in Worte zu fassen. Die Schreibqualität variiert, aber bei Werken mit Titeln wie Frankensteins Raketenmonster im Blutrausch erwartet man keine feinziselierte Prosa. Es soll krachen, es soll einen bei der Stange halten und den einen oder anderen Lacher garantieren. Das passiert auch, mal geradlinig und actionorientiert, mal humorlastig, mit flotten Sprüchen und sarkastischen Erzähler-Kommentaren. Wobei ich dem Humor eher weniger abgewinnen konnte. Was habe ich mir gewünscht, dass die in Kalauern sprechende Nebenfigur aus Nakama, der Schrecken vom Mond beizeiten zertrampelt wird. Aber nein, just der überlebt. Und Lovecraftsche dunkle Götter nicht Cthulhu oder Yog-Sothoth, sondern Plitsch-Platsch, Heinz, Willi oder Chantal zu nennen… nun ja, irgendwer findet das sicher zum Schreien, mich schmeisst das eher aus dem Lesefluss. Terry Pratchett kann so etwas, aber nicht jeder ist Terry Pratchett. Leider. Trotzdem bietet German Kaiju amüsante Lektüre, für Monsterfilm-Nerds oder für eine lange Bahnfahrt. Etwa von Bielefeld nach Friedrichshafen.

©Leseratten-Verlag

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wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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Ayres
Redakteur

Liest sich sehr spannend und hat einen aufgrund des regionalen Bezugs schnell an der Angel. Inwiefern werden denn die Städte, deren Sehenswürdigkeiten und Eigenschaften eingebunden? Oder bleibt es beim regulären Namedropping?