High-Rise Invasion

Eben noch im Klassenzimmer … und plötzlich auf dem Dach eines Hochhauses! Leider nicht allein, ein Maskierter spaltet einem anderen Typen den Kopf! Leider kein Traum, er kommt auf dich zu und es führt kein Weg nach unten. Das ist die Ausgangslage des Action-Thrillers High-Rise Invasion. Die Anime-Serie erschien am 25. Februar 2021 auf Netflix und erzählt vom Erwachen des Mädchens Yuri in einer Parallelwelt, in der es bereits nach wenigen Minuten zu blutreichen Konflikten kommt. Der Mix aus heroischer Hauptfigur, Kämpfen in einer mysteriösen Welt voller Wolkenkratzer und einer Menge Pantyshots klingt nach einer solch sicheren Formel, dass es verwunderlich scheint, dass sich zuvor kein anderer TV-Sender die Rechte an dem Stoff schnappte. Ob das etwa daran lieg, dass 21 Bände zu viel Stoff hergeben? Netflix findet eine pragmatische Lösung und hält alle Optionen offen.

Die Schülerin Yuri erwacht in einer fremden Welt. Sie befindet sich auf dem Dach eines Hochhauses und muss feststellen, dass sich rund um sie herum weitere Hochhäuser befinden, die allesamt mit wackeligen Hängebrücken verbunden sind. Deren Überqueren stellt bereits eine Herausforderung dar. Doch es kommt noch schlimmer: Maskierte und mit unterschiedlichen Waffen ausgestattete Gestalten trachten nach ihr nach dem Leben und verfolgen alle Personen, die keine solche Maske tragen. Yuri versucht unter allen Umständen zu überleben und fasst den Plan, zurückzuschlagen. Schon bald findet sie eine Verbündete, mit der sie diese seltsame Welt untersucht …

Netflix als unabhängiger Anime-Distributor

Originaltitel Tenkuu Shinpan
Jahr 2021
Episoden 12 (in Staffel 1)
Genre Action, Thriller
Regie Masahiro Takata
Studio Zero-G
Veröffentlichung: 25. Februar 2021 auf Netflix

Netflix scheut als Produzent nicht davor zurück, auf beliebte Manga-Titel zu setzen, die schon ein wenig mehr Bände als für eine Anime-Adaption üblich aufweisen. Dazu zählte in der Vergangenheit etwa die Sci-Fi-Shoujo-Adaption 7 Seeds, die zwischen 2019 und 2020 erschien und ganze 35 Bände verbucht. Und nun im Rahmen der Anime-Offensive des Streamingdienstes High-Rise Invasion. Ein Action-Thriller, dessen Vorlage zwar im Vergleich nur 21 Bände zählt, aber einen ebenso überraschenden Titel darstellt. Denn während viele Anime-Adaptionen darauf abzielen, die Verkäufe laufender Manga-Titel anzukurbeln, holt sich der Streamingdienst vor allem Lizenzen an Land, die exklusiv und auf die eigene Zielgruppe zugeschnitten zu sein scheinen. In der Regel sind 21 Bände keine Adaptionsgarantie, es sei denn, es handelt sich um ein besonders heißes (Lizenz-)Eisen. Das ist High-Rise Invasion wahrhaft nicht und ob es nach der ersten Staffel weitergeht, steht auch in den Sternen.

12 Bände, 12 Episoden

Die Erkundung der fremden Welt und die Erforschung derer Spielregeln weiß eine Weile bei Laune zu halten. Die kurzweiligen Begegnungen, denen Yuri immer wieder ausgesetzt wird, bringen Tempo in die Handlung und versprechen, den Ursachen auf den Grund zu gehen. Denn aus Zuschauersicht ist vor allem eines interessant: Zu erfahren, was die Bedeutung der Masken und deren Träger ist. Die Autorin Tsuina Miura (Ajin) hat sich für ihre Erzählwelt präzise damit befasst, Gesetzmäßigkeiten aufzustellen, die Mangaka Takahiro Oba (Stand by Me) bis 2019 auf Papier brachte. Die Manga-Vorlage weiß diesen Kern souverän zu transportieren und nimmt sich viel Zeit dafür. Anders sieht das in der Anime-Adaption aus, deren erste Staffel aus zwölf Episoden besteht und darin exakt zwölf Bände umsetzt. Ein Zahlengleichnis, das erfahrenen Lesern die Haare zu Berge stehen lässt. Denn wir wissen: Jede Adaption ist eine abgespeckte Fassung eines Originals. Nur dass eine Anime-Episode 20 Minuten andauert, während so ein Manga-Band durchaus mal eine Stunde des Lesens veranschlagt. In diesem Zusammenhang tritt der am stärksten befürchtete Fall ein: Die Handlung rauscht durch alle wichtigen Pfeiler der Vorlage, ohne dass viel Zeit für die Figuren bleibt. Denn während die Vorlage vor allem Zeit für Yuris innere Monologe, die Beziehung zu ihrem Bruder und ihre Freundschaften aufbringt, bleibt in der Serie praktisch keinerlei Zeit dafür. Wer die anderen beiden Mädchen Rika und Mayuko sind, spielt kaum eine Rolle. Ganz zu schweigen davon, dass auch Yuris Profil unausgegoren bleibt.

Action erfordert Tempo, Tempo erfordert Animationskunst

Trotz des hohen Mystery-Faktors stehen die Action-Einlagen im Vordergrund, was die Wahl des Animationsstudios umso verwunderlicher gestaltet. Studio Zero-Gs Portfolio umfasst nämlich mit Dorei-ku The Animation einen weiteren Vertreter, der mit gefährlichen Duellen ausgestattet ist, doch sonst erschuf das Studio überwiegend ruhigere Slice of Life-Titel. Das kann Fluch oder Segen sein, immerhin ist ein gut durchgemischtes Portfolio immer eine gute Visitenkarte. Die Animationsqualität lässt indes zu wünschen übrig und schafft es nicht, die Dynamik, welche der Titel eigentlich besitzt, auch ansprechend zu transportieren. Dass die Welt rund um Yuri herum geradezu tot wirkt, ist Teil des Plots. Doch die Szenen, die auch wirklich Tempo und Ernsthaftigkeit innerhalb eines Spiels auf Leben und Tod vermitteln wollen, leiden unter Standbildern und einer reduzierten Darstellung. Gerade in der Manga-Vorlage spielt die Ästhetik eine große Rolle. Der Mangaka Oba besitzt ein echtes Händchen für filigrane weibliche Figuren und dafür, diese auch in Szene zu rücken. Davon kommt in der Anime-Serie wenig herüber. Umso mehr Bedeutung kommt dem Soundtrack hinzu, dessen elektrisch aufgeladene Gitarrenriffs wenigstens ein wenig Schwung ins Geschehen bringen.

Fanservice zwischen den Wolkenkratzern

Interessierte Zuschauer*innen sollten außerdem mit ihrem Gewissen klarkommen, dass sich der Einsatz von Fanservice über dem Durchschnitt bewegt. Regelmäßige Pantyshots, Schulmädchen in Unterwäsche sowie Szenen unter der Dusche gehören hier zum guten Ton. Nicht selten zerfetzt die Kleidung der Mädchen in Kämpfen soweit, dass der BH herausschaut oder Höschen zu sehen sind. Ob einem das gefällt oder nicht, ist am Ende immer eine Geschmacksfrage. Irritierend hieran ist nur, dass sich High-Rise Invasion weitgehend ernst nimmt und dies alles ohne ein Augenzwinkern oder minimalen Anflug von Humor präsentiert. Als pure Begleiterscheinung einer sich ernst nehmenden Serie wirken diese Darstellungen gelegentlich fehl am Platz, da sie als einfaches Mittel erscheinen, männliche Zuschauer zu catchen. Das sieht in der Vorlage zwar nicht viel anders aus, ist aber immerhin durch das ästhetische Auge von Takahiro Oba zu betrachten und weist einen höheren Detailgrad auf.

Fazit

High-Rise Invasion ist wieder einmal ein solcher Titel, der Kenner und Liebhaber der Manga-Vorlage verprellt und alle anderen mittelmäßig unterhalten kann. Denn man kann der Serie nicht vorwerfen, sich an Kleinigkeiten aufzuhalten und ihre Geschichte nicht voranzutreiben. Die doppelte Anzahl an Episoden hätte all dem aber nicht geschadet. Im Gegenteil: Dann wären die Figuren vielleicht nicht so austauschbar, wie sie im Resultat sind. Nun ist die Gretchenfrage also folgende: Möchte man eine ausgeklügelte Erzählwelt erfahren, die ihre Figuren fordert, sich mit ihr (und letztlich auch sich selbst) zu beschäftigen, oder reicht es aus, ein solches Szenario als Mittel zum Zweck für Action-Reichtum und ein paar Pantyshots zu verwenden? Eine Suggestivfrage, die offenbart, wieviel verschenktes Potenzial in der Anime-Serie steckt. Es fällt schwer, Netflix nicht vorzuwerfen, eine Lizenz mit Anschlussmöglichkeit eingekauft zu haben, um daraus eine schnelle Action-Nummer zu machen, die ebenso fix wieder fallen gelassen kann. Letztlich hängt die Qualität auch davon ab, ob diese Geschichte ein Ende erhält oder so stehen und damit auch aussagelos bleibt.

© Netflix

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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