Die Erlösung der Fanny Lye

Fast ein Jahrzehnt hat Regisseur Thomas Clay (Soi Cowboy) an seinem Film Die Erlösung der Fanny Lye gearbeitet. Zunächst nur auf einigen Festivals wie etwa dem Fantasy Filmfest 2020 aufgeführt, erschien der sperrige FSK18-Streifen am 26. Februar 2021 schließlich in Deutschland. Darin erzählt er eine Home Invasion-Geschichte. Nicht aber solch eine, wie wir sie aus zahlreichen Horrorfilmen kennen, sondern eine aus dem Jahr 1657. Die Mischung aus Historiendrama und Scheuneninvasion besitzt das Potenzial, ihre Zuschauer zu entzweien. Ein Film, dem nachgesagt wird, Kultpotenzial zu besitzen, während andere erhebliche Schwierigkeiten mit dem gemächlichen Erzähltempo bekommen werden. Ob sich die Mühe ausbezahlt, verraten wir euch hier.

 

Großbritannien, nahe Wales, zum Ende der Herrschaft Cromwells im Jahr 1657: John (Charles Dance, Game of Thrones) und Fanny Lye (Silk) leben gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn Arthur (Zak Adams) ein gottesfürchtiges Leben auf einer Farm. Diese liegt so abgelegen, dass dort kaum Menschen vorbeikommen und der Kirchenbesuch die einzigen sozialen Kontakte hervorbringt. Beten und arbeiten, andere Höhepunkte gibt der Alltag nicht her. Das Leben der puritanischen Familie wird auf den Kopf gestellt, als sie eines Tages Thomas (Freddie Fox, Die drei Musketiere) und Rebecca (Tanya Reynolds, Sex Education) in ihrer Scheune vorfinden. Da der Thomas wie einst John auch in der Armee von Cromwell gedient hat, gewährt der Familienvater dem Paar eine Nacht in der Scheune und ein warmes Essen. Die beiden schutzbedürftigen Fremden erhalten Obhut, doch damit nimmt das Unglück seinen Lauf …

Ein Herzensprojekt

Originaltitel Fanny Lye Delivere’d
Jahr 2019
Land Großbritannien
Genre Historiendrama, Western, Horror
Regie Thomas Clay
Cast
Fanny Lye: Maxine Peake
John Lye: Charles Dance
Thomas Ashbury: Freddie Fox
Rebecca Henshaw Tanya Reynold
Arthur Lye: Zak Adam
Laufzeit 112 Minuten
FSK
Veröffentlichung: 26. Februar 2021

Es muss Liebe zum eigenen Film bedeuten, wenn ein Regisseur zehn Jahre Zeit mit seinem Titel verbringt. Thomas Clay musste von der Idee bis zum fertigen Produkt viele Rückschläge hinnehmen. 2013 verstarb mit Joseph Lang einer der Produzenten Clays, der gleichzeitig ein langjähriger Weggefährte war und dem der Film schließlich gewidmet ist. Die Dreharbeiten 2016 wurden von einer Überschwemmung heimgesucht, die auch das historisch präzise nachgebaute Farmhaus beschädigte. Und das Budget hatte sich auf 2,4 Millionen Pfund verdoppelt, sodass weitere Sponsoren gefunden werden mussten, um überhaupt eine Realisation zu ermöglichen. Darunter fanden sich dann auch Arte sowie deutsche Finanziers wie ZDF und die Medienstiftung NRW. Das Projekt hatte also bereits soviel Geld gefressen, dass Clay sich schließlich in Personalunion um Schnitt, Sounddesign, Colorgrading und sogar den Score kümmerte. Man merkt: Der Mann ist von seinem Titel überzeugt. Deshalb ging er auch durch eine dreijährige Nachproduktionshölle, bis Die Erlösung der Fanny Lye abgeschlossen war.

Andere Zeiten, andere Sitten

Der deutsche Titel nimmt bereits einiges vorweg und deutet im Groben die Handlung an, wenngleich der Film seine Geschichte nicht so naiv erzählt, wie es auf den ersten Blick den Anschein erwecken mag. Erlösung lässt sofortige Rückschlüsse auf Religion und Gehorsamkeit werfen, welche Fanny innerhalb ihrer unglücklichen Ehe mit dem deutlich älteren John erlebt. Die Motive des Films sind allerdings vielseitig: Die Kraft der Kirche, die Unterdrückung der Frau, die sexuelle Selbstbestimmung, Emanzipation und Dogmen. Die Rolle der Frau im 17. Jahrhundert war keine einfache: Sich in die vorgesehene Rolle einordnen, sich dem Mann fügen und dem Schicksal beugen, während jeder Wunsch im Keim erstickt wird. Das Lesen der Bibel ist verboten, Rohrschläge stehen an der Tagesordnung und auf dem Weg zur Kirche müssen Frau und Kind dem Mann auf dem Pferd hinterherlaufen. Das strenge Regiment wird von den freizügigen Eindringlingen gestört und die bislang kleine isolierte Welt gerät aus den Fugen. Fanny ist empört, was das freizügige Leben des Paares anbelangt und gleichermaßen schwingt eine stumme Faszination mit. Wäre Fanny vielleicht selbst gerne wie sie und würde lieber mal nackt durch den Garten laufen, als Abbitte zu leisten?

Sergio Leone statt Rosamunde Pilcher

Auf den ersten Blick möchte man Die Erlösung der Fanny Lye irgendwo in der Rosamunde Pilcher-Ecke ansiedeln: Eine Erzählerin führt in die Geschichte ein, während die Bilder künstlich und weich wirken. Da hören die Gemeinsamkeiten dann aber auch schon auf. Inspiration waren vor allem Sergio Leones Western. Beginnend mit der Prämisse, dass einfache Leute von bösen Kräften heimgesucht werden, hin zu einem Finale wie aus Zwei glorreiche Halunken. Referenziert werden auch Witchfinder GeneralHexenjagd und Wer Gewalt sät. Insbesondere die Anspielung auf letzteren Film kommt nicht von irgendwoher. Das Unheil fühlt sich an wie zwei sich unbemerkt zudrehende Schrauben. Die Geschichte nimmt sich viel Zeit, um das harte Leben der gottesfürchtigen Familie darzustellen. Das klaustrophobische Setting ist dabei authentisch eingefangen: Obwohl um die Farm herum weit und breit nichts außer nebeligen Feldern ist, wirkt der Fokus auf das Farmhaus erdrückend und man spürt, dass diese Ruhe nicht ewig zu halten sein wird. Dafür wurde eine authentische Atmosphäre eingefangen. Die dynamischen Kameraschwenks und das 16mm-Bildformat lassen den Film trotz klarer Verortung zeitlos wirken. Besonders dominant ist der Einsatz der Scores, der nicht jeden Geschmack trifft. Für die Musik kamen fast ausschließlich Instrumente aus dem späten 17. Jahrhundert zum Einsatz.

Krieg der Standpunkte

Die Erlösung der Fanny Lye nimmt sich sehr viel Zeit für ihre Figuren. Nicht unbedingt für deren Charakterisierung, sondern viel eher, um ihre Standpunkte auszuführen. Jede Figur steht für eine philosophische Strömung bzw. Weltanschauung und zieht mit ihrem Dogma in diesen Krieg. Die Konsequenz erscheint logisch: Wo ein Krieg herrscht, gehen auch immer Verlierer hervor. Philosophisch-religiösen Fragen werden durchleuchtet und verhandelt. Aus den geschliffenen Dialogen ergibt sich anspruchsvoller Stoff. Der Home Invasion-Aspekt wird über eine ungewohnte Art vollzogen: Es sind die libertären Gedanken des jungen Paares, die in die religiöse Gedankenwelt eindringen und Fanny gefangen nehmen. Alles, um sie zu befreien, ein wichtiger Punkt. Die beiden mögen nicht ganz aufrichtig sein, aber klassische Einbrecher und Peiniger sind sie ebenfalls nicht. Die Titelfigur bleibt erst einmal – entsprechend der damaligen Erwartungen an das weibliche Geschlecht – sehr passiv. Dann und wann versucht sie beschwichtigend an die Gnade ihres deutlich älteren Mannes zu appellieren, bleibt aber erst einmal farblos – solange jedenfalls, bis die neuen Lebensansichten Einzug in ihr Leben halten und sie mutiger werden lassen.

Unverhofft kommt oft

Vor allem Maxine Peake in der Titelrolle spielt überzeugend und ausdrucksstark, ist in vielen Szenen sogar weit stärker als ihre männlichen Kollegen. Obwohl es die Männer sind, die die Handlung vorantreiben, wirken die weiblichen Figuren insgesamt stärker und präsenter. Tonal wechselt der Film häufig seine Stimmung und das meist vollkommen unvorhergesehen. Die FSK18-Kennzeichnung kommt nicht von irgendwoher und stellt im Grunde beinahe einen Spoiler dar, da Gewalteinlagen kaum vorab wahrzunehmen sind. Inhaltlich kommt die Handlung nur langsam voran. Das langsame Erzähltempo, die nicht immer zündenden Gags und die ausgeprägte Geschwätzigkeit aller Figuren verlangen ordentlich Sitzfleisch ab.

Fazit

Die Erlösung der Fanny Lye lässt sich nur schlecht in einem Genre verorten: Eine furiose Mischung aus gewalttätigem Neo-Western, Historiendrama mit Spaghetti-Western-Vibes und Home Invasion. Ein außergewöhnlicher Mix, der nicht ganz leicht zugänglich wird und deswegen auch nur ein nischiges Publikum finden wird. Insbesondere die Gewalt- und Erotikszenen verschrecken Zuschauer mit Arthouse-Vorliebe, während Horror-Fans hier nur wenig auf ihre Kosten kommen. Für sich betrachtet passt Die Erlösung der Fanny Lye sehr gut in unsere Zeit, in der Menschen jede Möglichkeit nutzen, um anderen Menschen ihre Weltsicht aufzuzwingen, die freilich immer die richtige ist. Was die Produktion dann doch (irgendwo) zu einem Genre-Film macht, sind seine grimmige Stimmung, die erschreckende Kompromisslosigkeit. Audio-visuell ist das Ergebnis faszinierend, doch ohne ausgeprägte Vorliebe für Subtext, Atmosphäre und Details wird die Schönheit des Films allerdings verborgen bleiben. Hält man die langatmige erste Hälfte durch, steigt die Spannungskurve langsam und führt zu einem versöhnlichen Ende.

© Alive

Veröffentlichung: 26. Februar 2021

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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