Warum setzt Netflix Serien ab?

Lesezeit: 5 Minuten

Für manche Serien erwies sich Netflix als Retter, für andere als Unheilbringer. Immer häufiger werden beliebte Titel vorzeitig abgesetzt. Ganz zur Verwunderung jener Zuschauer, die Netflix bislang als Überlebenschance für publikumsabgestrafte Quotendesaster wahrnahmen. Etwa im Falle von Lucifer, dem aufgrund mauer Quoten auf Fox der Tod drohte, bis sich Netflix schließlich als neues Zuhause anbot. Dass es auch anders geht, beweisen zahlreiche Absetzungen, die erst der Anfang eines Trends sind. Sense8, The OA, Santa Clarita Diet, Designated Survivor, One Day At A Time, Chambers, … die Liste der Abbrüche ist lang. Dabei möchte man meinen, dass einem Streamingdienst die Zuschauerzahlen doch egal sein könnten und um den Abverkauf von Werbeblöcken geht es doch gar nicht. Weshalb dem nicht ganz so ist, erklären wir hier.

Zunächst einmal muss unterschieden werden zwischen einer Absetzung und einer Limitierung. Nicht jedes Serienende ist mit einer Absetzung gleichbedeutend. Oftmals ist die Laufzeit einer Serie bereits vorab definiert. Mal ist das bereits bekannt, mal nicht, dann aber zumindest drehbuchtechnisch berücksichtigt. So wurde etwa 2016 bekannt, dass Orange Is The New Black um drei weitere Staffeln verlängert werden würde und 2018 verkündete Netflix, dass es auch dabei bleiben würde. Dies ist zwar eher selten der Fall, sorgt aber immer wieder dafür, dass vor allem werbegesteuerte Websites dies zum Anlass nehmen, um mittels reißerischen Überschriften (“Netflix schmeisst Orange Is The New Black aus dem Programm!”) Seitenbesucher und damit schließlich Werbeeinnahmen zu generieren.

“Netflix ist doch nicht von Zuschauerzahlen abhängig!”

Anders verhält sich das mit Serien, bei denen keine Lebenszeit vorab festgehalten wurde oder die augenscheinlich auf einen längeren Zeitraum ausgerichtet sind, wie etwa Sense8 oder One Day At A Time. Man mag sich die Frage stellen, nach welchen Kriterien das geschieht. Denn halten wir fest: Netflix ist ein Streamingdienst, der anders als das Privatfernsehen nicht auf Zuschauer angewiesen ist, wenn es darum geht, Werbepartnern entsprechende Zahlen für Werbeblöcke vorzulegen. Auch möchte man meinen, dass der Streamingdienst bemüht ist, von Kritikern gefeierte Titel ebenfalls im Programm zu behalten. Indikatoren dafür sind die Durchschnittswertungen auf Bewertungsportalen wie Rotten Tomatoes oder Metracritic.

Die Antwort ist denkbar simpel: Netflix ist ein wirtschaftliches Unternehmen. Was sich so selbstverständlich liest, muss einmal ausgeführt werden. Denn in diesem Punkt besitzt Netflix keinen Vorsprung gegenüber einem Fernsehsender: Man möchte Geld verdienen. Für einen Onlinestreamingdienst existieren zwei Methoden, um dieses Ziel zu erreichen. Entweder durch den Abverkauf von Abos (und wie wir alle wissen, gilt hier: Content is King). Oder eben durch Einspareffekte. Moment, einsparen?

Welche Ausgaben hat Netflix für die Produktion einer Serie?

Genau, auch ein scheinbar gönnerhaftes Unternehmen wie Netflix ist darauf bedacht, Prozesse gewinnbringend zu optimieren. Gibt Netflix eine Serie in Auftrag, muss das Unternehmen in Vorkasse treten. Das bedeutet, dass einer Produktionsfirma ein größerer Geldbetrag als Produktionsbudget zur Verfügung gestellt wird. Für die jeweilige Produktionsfirma ist das besonders lukrativ, denn anders als bei einer klassischen Auftragsarbeit fließen von Beginn an Geldströme. Damit nicht genug: Auch erhalten die Produzenten laut dem Portal Deadline eine Prämie von etwa 30 Prozent. Damit sind die Ausgaben allerdings noch immer nicht komplett. Hinzu kommen Kosten für das Marketing. Netflix setzt neben Onlinemedien vor allem auch darauf, Zuschauer mittels Printwerbung dort abzuholen, wo sie sich lange aufhalten und mittels Smartphone ein Abo abschließen können, beispielsweise an Bushaltestellen.

Was erfolgreich ist, kann man doch verlängern … oder?

Ein weiterer Kostenpunkt gesellt sich hinzu: Eine sogenannte Erfolgsklausel. Wird eine Serie von besonders vielen Zuschauern abgerufen, bedeutet dies einen Erfolg für Netflix, denn das Angebot wird mit einer hohen Nachfrage beantwortet. Schließlich ist offenbar nicht nur der Inhalt ansprechend, sondern möglicherweise haben auch die Werbemaßnahmen gegriffen. Das Unternehmen gebietet Zuschauern und der Presse zwar selten (und nur bei besonders herausragenden Erfolgstiteln wie etwa Bird Box) Einblicke in Abrufzahlen, teilt diese allerdings mit den jeweiligen Produktionsfirmen. In logischer Konsequenz wird eine Produktionsfirma mit einem Folgeauftrag betraut. In diesem Fall zahlt Netflix eine Grundgebühr, die höher als die Prämie der ersten Staffel ist. Mit jeder weiteren Staffel steigt die Höhe des Betrags an. Eine Motivation für die Produktion, eine zunehmend bessere Arbeit abzuliefern. Gleichzeitig schmäler dies dies Gewinnmarge für Netflix selbst. Denn die Kosten steigen somit von Staffel zu Staffel an, während der eigene Ertrag geschmälert wird. In einigen Fällen kann das ausgeglichen werden, indem weniger Episoden produziert werden (z.B. hat Staffel 2 dann nur noch sechs bis acht anstelle von zehn Folgen). Für Produzenten ist neben diesem Vertragsmodell vor allem lukrativ, dass Netflix dafür bekannt ist, inhaltlich weitgehend kreativen Freiraum zu lassen. Auch weitere Freiheiten wie etwa ein längerer Produktionszeitraum zählen zu den Vorzügen der Zusammenarbeit. So wurde das oscar-nominierte Drama Roma an 100 Tagen gedreht, was eine außergewöhnlich hohe Produktionszeit darstellt.

Warum haben Netflix-Serien selten mehr als drei Staffeln?

Es scheint, als markiert eine dritte Staffel jenen Punkt, an dem die Erfolgsklausel so hoch ausfällt, dass sie nur in wenigen Fällen noch zu einem wirtschaftlichen Ergebnis führt. Bis dahin findet Netflix noch einen Weg, Serien prominent zu bewerben, damit diese sich den Weg in die Herzen der Zuschauer bahnen können. Die Ankündigung einer zweiten oder dritten Staffel sorgt schließlich auch für weitere Neugierige, die daraufhin mit dem Ansehen der ersten Staffel beginnen. Dieser Effekt nimmt zunehmender Zeit ab. Für Fernsehproduktionen stellen 13 Episoden (die über ein Quartal ausgestrahlt werden) die durchschnittliche Staffellänge dar. Netflix hat acht bis zehn Folgen als Standard definiert. Somit kommen Serien oftmals schließlich auf 30 Folgen, was für eine Fernsehproduktion minimal mehr als zwei Staffeln wäre. Netflix kann allerdings hier drei Staffeln bewerben und somit im besten Falle gleich dreifach neue Abonnentenwellen auslösen. Ein Mitgrund, weshalb Netflix bei Eigenproduktionen wie Haus des Geldes oder The Chilling Adventures of Sabrina nicht von Staffeln spricht, sondern die Abschnitte als “Teil” benennt. Während man bei Teil 3 von Haus des Geldes episodentechnisch bei einer üblichen TV-Produktion erst in einer zweiten Staffel angelangt wäre, wird die Serie jetzt also schon zum dritten Mal promotet. Bei eingekauften Lizenzen wie etwa Riverdale ist weiterhin von “Staffel” die Rede.

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Klar ist der Abschied einer liebgewonnenen Serie schmerzhaft. Doch das Modell sieht vor, dass bereits die nächste Serie zur Verfügung steht und für neue Ablenkung sorgt. Es wird also nicht nur auf Klasse, sondern vor allem Masse produziert und viele Nutzer lassen sich leicht von den Mengen an neuen Titeln beeindrucken, die jeden Monat neu in den Netflix-Katalog wandern. Somit sehen viele Kunden schließlich wieder davon ab, ihr Abo zu kündigen. Ist man einige Tage nicht auf Netflix aktiv, erhält man sogar eine E-Mail mit individuellen Vorschlägen basierend auf der zuletzt beendeten Serie. Jener Trend ist auch auf anderen Streamingplattformen mittlerweile zu beobachten. Amazon Prime und Hulu bieten auch jeweils nur zwei Serien an, die auf mehr als vier Staffeln kommen: Bosch (Hulu) und Transparent (Amazon).

Wieso werden Serien nicht woanders fortgeführt oder erscheinen auf Blu-ray und DVD?

Netflix weiß um die Exklusivität seiner Serien. Während viele Titel schlichtweg nur Lizenzeinkäufe sind, die für einen begrenzten Zeitraum im Programmkatalog verweilen (zum Beispiel Rick & Morty), bleiben Netflix Originals ausschließlich auf dem Streamingdienst verfügbar. Der Grund liegt auf der Hand: Dies sind die Aushängeschilder, die dauerhaft verfügbar sind. Andere Titel wie Orange Is The New Black oder Jessica Jones sind zeitexklusiv, kommen also ein Jahr nach Veröffentlichung in den Handel. Gängig ist das vertragliche Festhalten einer Zeitspanne, in welcher Inhalte bei keinen anderen Anbietern fortgeführt werden dürfen. Oftmals auch Jahre nach der Absetzung nicht. Dies ist der Grund, weshalb die beliebten Marvel-Serien Luke Cage, Daredevil, Iron Fist und Jessica Jones nicht mal eben auf Disney+ eine neue Heimat finden können.

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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