Die Ace Attorney-Reihe

Wir schreiben das Jahr 2001 und wer genau hinhört, kann aus den virtuellen Gerichtssälen der Game Boy Advance Welt eine leicht verwaschen klingende, aber trotzdem markante Catch-Phrase vernehmen, die fortan in sechs Hauptteilen, mehreren Spin-Offs, Anime-Serien, Live-Action-Filmen, ja selbst Musicals, hin- und hergeschleudert wird. Phoenix Wright hat sich zum ersten Mal sein Anwaltsabzeichen angeheftet und sich (mehr schlecht als recht) durch seine Fälle geblufft. Der blauanzügige Stachelkopf hat seitdem eine ziemlich Erfolgsgeschichte hingelegt. Zuletzt haben beispielsweise die ersten drei Titel in der Phoenix Wright: Ace Attorney-Trilogy im April 2019 eine Schönheits- und Auffrischungskur bekommen. Grund genug, die Ace Attorney-Serie (oder “Gyakuten Saiban”, wie es im Original heißt) um den Anwalt mit den wohl seltsamsten Zeugen und Tätern der Welt in Augenschein zu nehmen und sich selbst ein Urteil zu bilden. Also bitte Ruhe im Saal, die Sitzung ist eröffnet.

(Spoiler-Hinweis: Trotz Durchmarschs durch die Reihe wird so gut es geht versucht, Spoiler zu vermeiden und die jeweiligen Geschichten nur anzuschneiden. Wer aber vollkommen unvoreingenomm an die Serie herangehen will, sollte sich die Augen zuhalten.)

Alles begann mit dem ersten Titel Phoenix Wright: Ace Attorney, der in Japan 2001, im Westen erst 2006 erhältlich war. Im Zentrum steht Frischlingsanwalt Phoenix, der auf die mörderischen Spitzbuben dieser Welt und auf den rivalisierenden Staatsanwalt Miles Edgeworth losgelassen wird. Als Spieler schlüpft man höchstpersönlich in seinen blauen Anzug, gelt sich die Haare igelig nach hinten und darf sich als Soon-to-be-Staatsanwalt der Kanzelei Fey&Co. darum bemühen, die eigenen Klienten vor Schuldspruch und anschließendem Henkersbeil zu bewahren. Denn in den Landen der wright’schen Welt (im Original stärker an Japan, in der westlichen Version eher an den USA orientiert) lugt die Guillotine grinsend hinter jeder Ecke hervor und meist bleiben nur ein bis zwei Tage bis zur bevorstehenden Vollstreckung des Urteils. Das klingt ziemlich anstrengend und kompliziert …

Simpel is best

… ist es aber nicht. Oder eigentlich schon, für die Figuren. Die Reihe selbst ist im Kern recht simpel gehalten. Die Ace Attorney-Titel sind maßgeblich eine Serie von Murder Mystery-Visual Novels, die mit einfach zu verstehenden Gameplay-Elementen interaktiv gestaltet werden. Jeder Fall, den Phoenix übernimmt, teilt sich in zwei jeweils sich abwechselnde Abschnitte: die Untersuchung und das eigentliche Gerichtsverfahren. Im ersteren Part … naja … wird untersucht, soll heißen: Zeugenbefragung, (nicht ganz erlaubte) Tatortbesichtigung, Hinweissammlung etc. (fällt auf, dass der Charakter von Phoenix ursprünglich als Detektiv gedacht war?) etc. Alles im Point and Examine-Modus gehalten wie in so manchem Adventure. Der zweite Part dreht sich dagegen vollständig um eine Sache und eine Sache allein: Widersprüche.

Am Anfang war der Widerspruch

Sie sind gewissermaßen der Stein des Anstoßes für die gesamte Serie. Denn Shu Takumi, der Urbeber und virtuell-literarischer Vater von Phoenix wollte den Spieler nach Widersprüchen suchen und diese auflösen lassen. Das ist auch der Umstand, den Phoenix seine Karriere als Anwalt verdankt und nicht als Trenchcoat tragender Gumshoe endete (nicht, dass es so eine Figur nicht auch geben würde), denn der Erfinder sah dieses Element gerade im Gerichtssaal verwirklicht und nicht so sehr als rein herumschnüffelnder Privatdetektiv. Die Wurzeln eines klassischen Ermittlerspiels sind aber auf jeden Fall zu erkennen. Dennoch steht in den eigentlichen Verfahren das Ausgequetschen von Zeugen, Nachbohren, Hinweise-um-die-Ohren-Schlagen und Bluffen (viel, viiiiel bluffen) absolut im Vordergrund. Alle mit dem Ziel, den einen Widerspruch (oder mehrere) in den Darstellungen dingfest zu machen.

Einfacher Start

Die erste Widerspruchsjagd der noch kein Ende findenden Reihe hatte dabei einen denkbar bescheidenen Anfang. Mit lediglich sieben Köpfen und zehn Monaten Entwicklungszeit klopften Shu Takumi und sein Team Phoenix erstes Abenteuer zusammen. Dabei sollte es bei Weitem nicht bleiben. Bereits 2002 (im Westen 2007) erschien mit Phoenix Wright: Justice for All und 2004 (im Westen 2008) Phoenix Wright Trials and Tribulations der zweite und dritte Teil der ursprünglich als Trilogie gedachten Gerichtsodyssee. Spielerisch brachten die beiden Neuzugänge wenig Veränderung mit sich, lediglich die sog. Psy-Locks, die letztlich eine intensivere Befragung der Zeugen im Untersuchungsteil waren, um an ihre verschlossenen Geheimnisse zu kommen, kamen hinzu. Was sie jedoch nicht an Inhalt lieferten, machten sie mit neuen Figuren und Kontrahenten wett. Ein guter Moment, um auf das einzugehen, was die Serie so besonders macht: die Charaktere und der ganz eigenwillige Ton.

Schwören Sie die Wahrheit zu sagen und nichts als die Wahrheit?’ ‘Kra?!

Wer noch nie etwas von Ace Attorney gehört hat, könnte bei der bisherigen Beschreibung noch den Eindruck eines knallharten Noir-Gerichts-Trillers haben mit verrauchten Hinterzimmern, viel Alkohol und einer erstaunlichen Anzahl an Deckenventilatoren. Dank der Screenshots dürfte dieses Bild bereits kippeln, daher wird es Zeit es mit einem saftigen Tritt mit einem doppelten Salto und Looping zu Boden zu schicken. Denn die Serie ist vor allem eines: wunderbar verrückt. Ein Papagei im Zeugenstand? Selbstverständlich. Ein Killerwal mit Piratenhut als Hauptverdächtiger? Na, der Name legt es doch schon nahe! Ein Samurai mit Haustierfalke als Staatsanwalt? Das sind die Besten! Und dazu ein Richter, der leichter zum Wanken zu bringen ist als ein Wackelpudding auf einem Presslufthammer bei einem Erdbeben? Das ist quasi Pflicht.

Liebevoller Wahnsinn

Jeder Klient, jeder Zeuge, jeder neue Staatsanwalt ist ein Erlebnis für sich. Sei es ein erfolgloser Clown mit schlechteren Wortwitzen als der betrunkenste Karnevalsredner oder eine verbitterte Security-Rentnerin mit dem Charme eines toten Fischs im Negligé. Jeder hat seine Macken und wenn sie und Phoenix aufeinander treffen, ist das Chaos vorprogrammiert. Dazu ein guter Schuss Anime-Hamness (‘Believe in your frien … äh clients!’) und es wird eine ganz eigene Atmosphäre geschaffen, in der sich nie zu ernst genommen wird, es aber trotz allem nicht zu albern wird. Denn bei allem Spass geht es wirklich immer um Leben oder Tod. Zwar bleibt der Ton durchgehend leicht, aber die Fälle, mit denen sich Phoenix herumschlagen muss, sind oftmals tragisch und düster. Es ist eine ungewöhnliche Mischung, von der man denkt, sie sollte nicht funktionieren, aber Stachelkopf und Co. machen es möglich.

Skurril-klassische Detektivschule

Das liegt zusätzlich daran, dass die gesponnenen Geschichten in ihrem Kern stark an klassische Detektivgeschichten erinnern, in denen das ‘Wer?’ und ‘Wie?’ im Vordergrund steht und die so manchen Twist bereit halten. Nicht umsonst redet der japanische Titel wörtlich übersetzt von ‘Wendungen im Gerichtsverfahren’ oder werden die einzelnen Episoden im Englischen von einem ‘Turnabout’ begleitet. Am Ende einer jeden Verhandlung steht nämlich tatsächlich eine Erkenntnis, die alles bisher Dagewesene auf den Kopf stellt. Mitunter durchaus wörtlich. Dass sich der Erfinder von traditionellen Detektiv- und Mystery-Geschichten sowie dem guten alten Columbo hat inspirieren lassen, spürt man, auch wenn die Präsentation sicherlich alles andere als traditionell ist. Wobei ‘Columbo und der Punkrock-Hippie-Hohepriester’ durchaus spannend klingt. Letztlich ist es eben die Mischung aus Humor, Absurdem und den intelligent konstruierten ‘Who- and Howdunnit’-Geschichten, die die Reihe ausmacht.

Der letzte Flug des Phoenix …

Trotz ursprünglich gedacht, ging es durch den Erfolg getragen 2007 (2008 im Westen, der Abstand wird kürzer!) mit Apollo Justice: Ace Attorney weiter. Der vierte Teil markiert dabei in mehrfacher Hinsicht einen Wandel (oder einen ‘Turnabout’, eh, eh?!), denn mit dem titulären Apollo Justice greift ein neuer Junganwalt zum Anstecker und bereitet sich darauf vor, Gerichtsbänke zu verprügeln. Der blaue Anzug weicht einer roten Weste, aber der aggressive Haarstil bleibt und auch an den Mechaniken hat sich wenig geändert. Einzige Neuerung ist die gelegentliche Suche nach bestimmten ‘Tells’, also kleinen Macken der Zeugen, die verraten, dass sie lügen. Zuckende Ohrläppchen, Fingerkneten, nervöses Blinzeln zur Haustierechse, solche Sachen. Der Grund für den Wechsel Wright zu Justice war unter anderem der Eindruck des Erfinders, dass der Charakter von Phoenix ausgeschöpft sei. Weitere Besonderheit des vierten Teils ist, dass es den letzten Part der Hauptreihe markiert, an dem Shu Takumi maßgeblich beteiligt war.

… just kidding

Eine Zeit lang herrschte im wahrsten Sinne des Wortes Ruhe im Gerichtssaal, zumindest mit Blick auf die Hauptserie. Erst 2013, dieses Mal gleichzeitig (na gut, ein paar Monate Unterschied waren es doch) in Japan als auch im Westen, wird das Richterhämmerchen entstaubt. Phoenix Wright: Ace Attorney – Dual Destinies birgt dabei ein paar Überraschungen. Auf dem Director-Sitz nehmen Takeshi Yamazaki und Yasuhiro Seto Platz, da Shu Takumi zeitgleich an dem Crossover-Spinoff Professor Layton vs. Phoenix Wright: Ace Attorney arbeitet. Und zudem schwingt sich Phoenix selbst wieder in den Gerichtsring und räumt einmal mehr in der Rechtswelt auf. Dank der vergangenen Teile ist er aber nicht mehr alleine, sondern am Kopf eines wahrhaft … einzigartigen … Teams aus Anwälten (und einer Bühnenzauberin). Sowohl Apollo als auch Neuzugang Athena Cykes greift dem Blaumann unter die Arme. Der fünfte Teil ist zugleich der deutlichste Sprung in grafischer Hinsicht, mit 3D-Modellen, neuen Gameplay-Gimmicks und einer allgemein generalüberholten Präsentation. Die Basis aus Untersuchung und Widerspruchshatz bleibt aber bestehen.

Gefangen im Wortwitzland

Ein letzter Sprung nach vorne bringt uns ins Jahr 2016 und zum aktuellen Teil der Reihe Phoenix Wright: Ace Attorney – Spirit of Justice, in dem es Phoenix und Co. zum ersten Mal außer Landes verschlägt und man überhaupt einen rechten Sinn für die Welt der Spiele bekommt. Ziel ist das Ländchen Khura’in, in der alles von Wortspielophilen benannt worden zu sein scheint, wie einer der ersten Charaktere, auf den Phoenix trifft, Ahlbi Ur’gaid, sicherlich bestätigen kann. Bonuspunkt, wer errät, welcher Profession er nachgeht. Neben einem wahren Puntheon an Wortspielen ist Khura’in auch für seine besondere Abneigung gegen eine spezielle Berufsgruppe bekannt. Welche das wohl sein könnte, wird hier einmal offen gelassen. Tipp: Fängt mit A an und schlägt gerne auf Gerichtsbänke.
Größte Neuerung neben weiterem Grafikfeinschliff sind die im Gericht verwendeten Seancen, in denen Einblick in die letzten Momente der Toten gewährt wird. Zwar bleibt es im Kern noch immer ein Contradictionspotting, aber die Aufmachung bringt frischen Wind und zementiert, dass in den Gerichtswelten der Wright-Welt alles möglich ist. Wirklich alles.

Das war’s schon?!

Damit endet unsere Verhandlung, wobei noch einige Spinoffs hingewiesen werden könnte, die die Ace-Attorney-Reihe zu bieten. So hat zum Beispiel der Rivale von Phoenix, Miles Edgeworth, eigene Games bekommen hat, von denen allerdings nur Teil 1, Ace Attorney Investigations: Miles Edgeworth im Westen erschienen ist. Außerdem wäre da noch die eine quasi historische Serie, an denen sich Shu Takumi austobt. In den Spin-off-Titeln übernimmt die Rolle eines Vorfahren von Phoenix, der, logischerweise, sich auch wieder in Gerichtssälen tummelt. Beide Teile der Reihe (Dai Gyakuten SaibanDai Gyakuten Saiban 2) sind allerdings noch nicht in den westlichen Landen erschienen.

Urteilsverkündung

Ace Attorney ist eine Reihe mit einem eigenwilligen Charaktercast und einer großartigen Mischung aus Humor, Mysterie, Witz und Spannung (mit einer ordentlichen Betonung des ‘Witz’-Anteils). Wer noch nicht mit der Reihe in Berührung gekommen ist, sollte es nachholen, wenn ihm/ihr der Sinn nach einer etwas anderen (sprich komplett verrückten) Crime-Serie sthet. Visual Novels sind nicht Jedermanns Sache, aber die Ace Attorney-Titel haben einen guten Gameplay-Antiel und sind bei weitem nicht so ausufernd wie es ‘reine’ Visual Novels sein können. Hoffentlich bleibt uns die Serie noch lange erhalten und vielleicht finden die Spinoffs auch eines schönes Tages den Weg zu uns. Von mir gebe es da auf jeden Fall …NO OBJECTIONS!

© Capcom

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Mort

Mort hat 'Wie? Nicht auf Lehramt!?' studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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