Star Trek: Discovery (Folge 3×01)

So schnell kann es gehen: kaum hat man sich an Raumschiff Discovery und Wissenschaftsoffizier Michael Burnham (Sonequa Martin-Green, The Walking Dead), die toughe Afroamerikanerin mit dem Männernamen und der aufstrebenden Kurzhaarfrisur gewöhnt, da kommt auch schon die dritte Staffel. Zum Finale der zweiten Staffel war Michael Burnhamim Alleingang durch ein Wurmloch in die Zukunft gedüst, die Discovery knapp hinterher. Aus komplizierten Gründen, die alle mit der Rettung des Universums zu tun hatten. Nun geht es in der Zukunft weiter: in einem Zeitalter, in die noch keine Star Trek-Staffel je vorgestoßen ist. Seit dem 16. Oktober 2020 ist wöchentlich ein neue Folge von Star Trek: Discovery Staffel 3 auf Netflix zu sehen.

Der Auftakt von Star Trek: Discovery Staffel 3 schließt direkt an die zweite Staffel an: Michael purzelt aus dem Wurmloch heraus. Kollidiert im Fall mit einem nichts ahnenden Raumschiff und landet unsanft auf einem unbekannten Planeten. Da sitzt sie nun, weiß nicht, wo in Raum und Zeit sie gelandet ist und die einzige Lebensform in der Nähe ist der denkbar schlechtgelaunte Pilot des gerammten Raumschiffs, der ebenfalls eine Bruchlandung hingelegt hat. Von der Discovery keine Spur. Nach anfänglichen Kabbeleien können Michael und der zwielichtige Pilot namens Book (David Ajala, Supergirl) zögerlich zu einander finden. Book gibt einen kurzen Überblick über die Lage: Michael befindet sich auf dem Planeten Hima und im Jahr 3188, also 930 Jahre in der Zukunft. Seit durch einen Zwischenfall vor etwa einem Jahrhundert allerorten die Dilithiumvorräte in Flammen aufgingen, ist die Raumfahrt stark eingeschränkt, denn Dilithium ist die Grundlage des Warp-Antriebs und somit der gesamten Raumfahrt. Keine Raumschiffe bedeutete auch: Niedergang der Föderation, die nur noch ein Schattendasein fristet. Für Michael ein schwerer Schlag. Aber auch Book hat Probleme: er arbeitet als Kurier und ist darum auf das rare Dilithium angewiesen. Ganz besonders, weil ihm sein Kollege Cosmo im Nacken sitzt, dem er die Fracht stibitzt hat. Es bildet sich eine wackelige Zweckgemeinschaft: Sie will herausfinden, was aus der Discovery geworden ist, er braucht Treibstoff für sein Raumschiff. Also machen sie sich auf zur nächsten Stadt, in der Hoffnung, Michaels Ausrüstung als jahrhundertealte Antiquitäten anzubieten und gegen Dilithium zu tauschen. Doch Cosmo liegt schon auf der Lauer …

Raus aus dem Kanon, rein in eine neue Welt

In den ersten beiden Staffeln musste sich Star Trek: Discovery immer wieder in den Star Trek-Kanon einfügen. Der ist umfangreich und wird von Fans sehr, sehr ernst genommen. Star Trek: Discovery musste die Gratwanderung meistern, einerseits ganz viel Altbekanntes einzubauen und andererseits neue Aspekte zu bringen. Etwa einen jungen, bärtigen Spock. Staffel 3 fliegt sich frei: das Jahr 3188 ist im Star Trek-Universum ein völlig unbeschriebenes Blatt. Da kann alles passieren, ohne dass man Gefahr läuft, Folge x aus Staffel y zu widersprechen. Folge 1 geht es gemächlich an: Michael sitzt erst einmal allein und desorientiert in einer öden Landschaft. Dann trifft sie jemanden, mit dem sie sich zusammenraufen muss. Weltraumkurier Book mit dem schlitzohrigen Charme eines Han Solo bekommt so großzügig Screentime und Charaktermomente, dass er wohl in dieser Staffel noch viel zu tun bekommen wird. Wer ein so putziges Haustier wie die fette Katze Grudge hat, der muss einfach Teil der neuen Welt werden. Und dann erst kommen nach und nach die Grundzüge der Welt des Jahres 3188. Eine Handlung, die über das Kennenlern-Abenteuer hinausgeht, zeichnet sich noch nicht so recht ab. Erstmal muss die Discovery wieder auftauchen. Traut man den Fotos und Trailern, wird sie das wohl demnächst auch tun.

Ist das noch Star Trek?

So manchen Fan beschleicht wohl wohl bei diesem Reset auf Null das Gefühl, dass alles weg ist, was Star Trek ausmacht. Zumal jemand, der sich noch nie mit Michael Burnham als neuer Hauptfigur von Star Trek anfreunden konnte, der sieht einen beliebigen Science Fiction Film, in dem Menschen auf einem Planeten stranden. Aber Folge 1 hat alles, was einer klassischen Star Trek-Folge schon immer gut gestanden hat: eine fremde Welt, hier statt Pappmaché-Felsen sehr fotogene isländische Landschaften. Außerirdische Humanoide mit blauer oder grüner Haut, die in kehligen Lauten sprechen. Eine futuristische Stadt mit zwielichtigem Markttreiben. Ein knuffiges Alien. Technobabble. Ein bisschen Rennen und Schießen. Eine ordentliche Kelle Humor: Michael Burnham auf Wahrheitsdroge ist für einige Lacher gut. Und als Sahnehäubchen ein Klecks Pathos wenn Michael ihren Glauben an die Föderation beteuert. Also alles da, was man für eine Staffel Star Trek braucht. Nur eben kein Raumschiff. Aber das kommt sicher noch.

Huch, die Föderation ist weg?!

Der größte Bruch mit Star Trek-Tradition ist wohl der Niedergang der Raumfahrt und der Föderation. Kein Wunder, dass das manche Fans zum Fremdeln veranlasst. Schon Star Trek: Picard kratzte an den Grundfesten des Star Trek-Universums, in dem es die Sternenflotte sich selbst ins moralische Aus kicken ließ. Und nun Star Trek ohne Raumschiffe und ohne Regierungssystem? Ja, okay. Nach Books Worten ist die Föderation ein Relikt der Vergangenheit, dem nur noch einige Idealisten nachtrauern. Aber dafür hat sie eine Menge Screentime. Mehr als zu all den Gelegenheiten anderer Staffeln, wo sie einfach als gegeben hingenommen wird. Hier kriegt sie einen ganz rührenden Mini-Handlungsbogen um den treuen Föderationsbeamten, der jahrzehntelang auf verlorenem Posten seine Pflicht tut, bis Michael kommt und mit ihm die Föderationsflagge entfaltet. Ganz großer Star Trek-Kitsch. Die Föderation mag im Moment real ganz klein und unbedeutend sein, als Thema der Folge ist sie ganz groß.

Meinung

Im Laufe von Staffel 2 hatte ich mich fast aus Star Trek: Discovery verabschiedet: Zu viel konfuse Weltrettung, zu viele Zeitreisen, zu viele Logiklöcher. Da ist es eine angenehme Überraschung, dass es so reduziert und gemächlich weitergeht. Insgesamt bietet Star Trek: Discovery 3×01 einen vielversprechenden Aufbruch in neue Welten. Eine ruppig-sympathische neue Figur als Gegenpol zu Michael. Die Skizze einer veränderten Weltordnung mit viel Konfliktstoff. Und ansonsten das, was Star Trek so kuschelig-vertraut macht. Nur bisher ohne die vertrauten Koordinaten. Mal schauen, in welche Richtung sich das noch entwickelt.

wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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