Game of Thrones (Folge 8×02)

Lesezeit: 4 Minuten

Der Countdown läuft. Nur noch fünf Folgen, in denen Game of Thrones alles zum Ende bringt. Aber anstatt, dass sich jetzt die Ereignisse überschlagen, geht alles gaaanz laaangsam. Noch einmal Atem holen vor dem großen Knall? Oder ist den Drehbuchautoren auf den letzten Metern die Puste ausgegangen?

Jaime Lannister ist ohne die Armee der Lannisters in Winterfell eingetroffen und weder Daenerys noch Sansa vertrauen seiner Beteuerung, er wolle den Kampf gegen die Untoten unterstützen. Erst auf Briennes Fürsprache hin akzeptieren sie ihn auf ihrer Seite. Ähnlich befremdlich wirkt das Auftauchen von Theon Graufreud in Winterfell, aber immerhin hat er ein paar Eisenmänner mitgebracht und Sansa freut sich aufrichtig, ihn zu sehen.
Daenerys hat eine Aussprache mit Sansa, die beiden können sogar mädchenhaft miteinander kichern, aber in der Frage nach der Unabhängigkeit des Nordens in einem Westeros unter der Herrschaft von Daenerys steckt nach wie vor eine Menge Konfliktpotential. Nach Tyrions grober Fehleinschätzung von Cerseis Plänen wackelt sein Posten als Hand der Königin. Die Überlebenden der Mauer treffen in Winterfell ein und berichten, dass das Heer der Untoten beim nächsten Sonnenaufgang vor Winterfell stehen wird. Nun gibt es nur noch die Verteidigungsanlagen fertigzustellen, die Nichtkämpfer in den Schutz der Krypta zu schicken und Schlachtpläne zu schmieden. Die untoten Horden sind weit in der Überzahl, aber möglicherweise zerfallen sie, wenn ihr Anführer vernichtet wird. Und der hat ein besonderes Ziel: er ist hinter Bran her. Also könnte man ihn herauslocken, indem Bran sich als Lockvogel in den Götterhain begibt. Danach gibt es nur noch Warten, und alle Figuren haben die Gelegenheit, sich zu überlegen, was sie mit den möglicherweise letzten Stunden ihres Lebens anfangen möchten, bis im Morgengrauen die ersten Eiszombie-Reiter mit den Hufen scharren.

Die Nacht ist dunkel und voller Schrecken

Vor allem ist sie lang. Die feindliche Armee ist für den Sonnenaufgang angekündigt und bis dahin haben alle Figuren nichts zu tun, außer zu warten und miteinander zu reden. Das macht diese Folge noch dialoglastiger und handlungsärmer als die erste. Das Einzige, was die Geschichte vorantreibt, ist der Plan, Bran als Lockvogel einzusetzen. Ansonsten werden wieder Figurenkonstellationen durchgespielt. Ein sehr demütiger Jaime und Brienne, die sich wundert, warum er sie nicht beleidigt. Jaime und Bran, der die Vergangenheit mit der Gelassenheit eines Zen-Mönchs betrachtet und dunkle Andeutungen macht. Arya und Gendry, die sich näher kommen und miteinander im Heu landen, es könnte ja die letzte Gelegenheit sein. Grauer Wurm und Missandei, die von einer Reise an tropische Strände träumen. Eine Heldenrunde am Kamin, in deren Verlauf gesoffen und gesungen wird, Tormund Wildling-Seemannsgarn erzählt und Jaime Brienne zum Ritter schlägt. Jeder bekommt seinen letzten Charaktermoment vor dem Ende. Es hat fast etwas von Shakespeares Henry V, wo der König in der Nacht vor der Schlacht bei Agincourt unerkannt durch sein Heerlager geht und mit den Soldaten spricht. Also, sollte es wohl haben. In einem Fünfstunden-Drama mit viel Politik vorher und einer epischen Schlacht danach ist so ein dialoglastiger Panorama-Moment eine gute Idee zum Innehalten bevor es wieder richtig scheppert und vielleicht funzt diese Folge, wenn man die ganze Staffel in einem Rutsch anschaut. Als Einzelfolge ist es mühselig, weil das Gleichgewicht von Charaktermomenten und Handlung völlig aus dem Gleichgewicht ist. Ser Davos und Goldie und ein kleines Mädchen, das an Prinzessin Shireen erinnert? Ist ja schön. Aber kann es mal vorangehen? Okay, das ist auch die Situation, in der alle Figuren sind. Es geht nicht voran, bis die Nacht vorbei ist. Die Nervosität und Ungeduld teilt sich mit. Aber ein gelungenes Zuschau-Erlebnis ist das nicht.

Und was ist mit Cersei?

Wer in dieser Folge völlig unter den Tisch fällt, ist Cersei. Richtig so, alles, was sie will und tut, ist gerade ohne jeden Belang für die Schlacht um Winterfell. Sie ist einfach zu weit weg und Bronn, den sie mit dem Mord an Jaime und Tyrion beauftragt hat, käme erst Wochen oder Monate nach der Schlacht im Norden an. Nur, wann kriegt sie dann ihren Moment? Wenn sich die Schlacht tatsächlich über mehrere Folgen hinzieht, wieviel Screentime bleibt dann, um den Cersei-Strang abzufrühstücken? Eigentlich könnte das eine ganze Staffel füllen, aber die wird es ja nicht geben. Also muss es schnell gehen. Ein Szenario, wo alle tot sind und Cersei triumphiert, weil es niemanden mehr gibt, den sie meucheln oder von einer Söldnerarmee überrrennen lassen müsste, hätte was für sich. Zumindestens wäre es ein sehr böser und sehr unerwarteter Twist.

Meinung

Eine Folge, die mir, je länger sie dauert, ein “Och, nööö” nach dem anderen abnötigt. All diese X trifft Y-Szenen, die so nach Fanfiction riechen. Intelligente Fanfiction, von Autoren, die ganz tief in der Materie drinstecken, aber trotzdem nicht das Original. Ein bisschen plumper, ein bisschen direkter, ein bisschen ironische Distanz, insgesamt eine andere Tonlage. Das war okay und sogar sehenswert, solange es nur um ein paar Dialogzeilen und Charaktermomente ging. Aber in dieser Folge kommt ein fetter Fanpleaser-Moment nach dem anderen, wie er nur in Texte gehört, die Fans für Fans schreiben, um sich mal so richtig jenseits des Kanons auszutoben. Jaime schlägt Brienne zum Ritter. Sam reicht sein Familien-Erbstück-Schwert an Jorah Mormont weiter. Arya hat Sex mit Gendry. Kein Zweifel, tief in von jedem von uns haust ein inneres Fangirl, ein innerer Fanboy, die bei so etwas Herzklopfen und feuchte Augen kriegen. Aber Game of Thrones war immer dann richtig gut, wenn es so etwas eben nicht bedient hat.

© HBO

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wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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Ayres
Redakteur

Jetzt wurde genug herumpalavert und ich erwarte ab Folge 3 Tote, Tote, Tote. Ich drücke ja dem Nachtkönig die Daumen, auch wenn ich mir sicher bin, dass er wohl nicht den Sieg davontragen wird. Zum Nachtkönig und Bran ist das Internet voll mit Theorien und Spekulationen, eine hirnverbrannter als die andere. Da finde ich es sogar ganz angenehm, einfach frei von Erwartungen abzuwarten.

Bei Sansa habe ich das Gefühl, dass sie Daenerys auf den Tod nicht ausstehen kann und das Gekicher und alles nur vordergründig ist. Boah, das wäre so genial, wenn sie sie irgendwann aus dem Weg räumen würde…

Totman Gehend
Redakteur

“All diese X trifft Y-Szenen, die so nach Fanfiction riechen. Intelligente Fanfiction, […] aber trotzdem nicht das Original. Ein bisschen plumper, ein bisschen direkter, […] insgesamt eine andere Tonlage.”

Ab-so-lut. Gut formuliert – jetzt weiß ich, was ich unbewusst gedacht habe.