Violet Evergarden (Folge 1)

“Geh fort, sei frei und lebe” lautet der letzte Befehl zum Ende eines langen harten Krieges an eine junge Soldatin, die Zeit ihres Lebens nur den Kampf kennt. In Violet Evergarden muss die titelgebende Heldin lernen, nicht nur zu überleben, sondern auch, was es bedeutet zu leben. Und zu lieben. Zum internationalen Start auf Netflix aus dem renommierten Animationsstudio Kyoto Animation begleiten wir die langersehnte Ausstrahlung der Adaption des Hauptpreisgewinners der fünften Kyoto Animation Awards im Jahre 2014.

Als Militärgeheimnis gehandelt, gilt das Mädchen Violet vor allem als Waffe. Nun ist der Krieg, wenngleich mit vielen Verlusten, endlich gewonnen. Violet, die beide Arme und ihren Vorgesetzten Gilbert verloren hat, muss sich nun dem Leben danach stellen. Doch ein friedliches Leben in der Adoptivfamilie Evergarden, das Gilbert für sie vorbereitet hat, vermag ihre Leere, die der Verlust ihres Lebensinhalts mit sich bringt, nicht zu füllen. Der ehemalige Lieutnant Hopkins, dem Violet anvertraut wurde, bringt sie zu seiner neu gegründeten Firma, für die Violet nun arbeiten soll. “CH” Post ist ein Unternehmen, das nicht nur Briefe austrägt, sondern es auch Analphabeten ermöglicht, ihre Gefühle über Distanzen zu übertragen. Gefühle aller Art, die Violet für sich noch entdecken muss.

Hype, Hype und nochmal Hype

Kyoto Animation ist in der Animeszene bekannt als Garant für qualitativ hochwertige Animationsproduktionen. Die Serie erfuhr schon vorab, spätestens seit dem ersten Trailer, massive Beachtung und Hype aufgrund der visuellen und cinematischen Detailgewalt. Als einziger Hauptpreisgewinner in der Geschichte des Studioawards ist es nicht verwunderlich, dass Violet Evergarden als Flagschiff gehandelt wird. Schon Monate vor der Ausstrahlung gab es auf Conventions Pre-Screenings, deren Zuschauer von einem TV-Anime-Erlebnis mit den Produktionswerten eines Kinofilms sprachen. Nicht zuletzt entstand die Serie in Kollaboration mit Netflix’ Neuausrichtung zu Original Content, sodass die Serie von Anfang an für ein internationales Publikum ausgerichtet wurde. Das beinhaltet Synchronisationen, aber auch eingens produzierte Sprachversionen des Theme Songs “Violet Snow”, sei es auf japanisch, koreanisch, französisch oder englisch. Anders als andere Anime-Titel im Katalog des Streamingdienstes, die mit einigem Monaten Verzug zur japanischen Ausstrahlung im Gesamtpaket online gestellt werden, ist Violet Evergarden der erste Anime auf Netflix, der wöchentlich in Deutschland als Simulcast ausgestrahlt wird.. Das war ursprünglich so gar nicht geplant gewesen, da die Serie wie üblich als Gesamtpaket im März 2018 für die Welt bereitgestellt werden sollte. Es wird sich noch zeigen, ob das aufgrund einer generellen Strategieänderung seitens Netflix zustande kam oder aufgrund dessen, dass Kyoto Animation bei dieser Serie außerordentlich sorgfältige Planung walten ließ. Doch eins ist sicher: Uns erwartet ein 14 Folgen Augen- und Ohrenschmaus, dessen Vertonung man sich alleine auf Netflix Deutschland aus fünf Sprachen, u.a. auch deutsch, aussuchen kann.

Ein absolutes Festmahl für Augen wie Ohren

Originaltitel Violet Evergarden
Jahr 2018
Episoden 1 / 13
Genre Drama, Fantasy
Regisseur Taiichi Ishidate
Studio Kyoto Animation

“Show, don’t tell” zeigt die Serie gleich zu Beginn auf Hochglanz, nebst allen Regeln der Kunst für Einführungen. Untermalt mit emotionaler Orchestermusik bringt die Eingangsszene Violets Charakter direkt binnen einer Minute auf den Punkt: Etwas verwahrlost in Soldatenuniform, dem Major Gilbert treu ergeben und sich ihrer eigenen Gefühle und Empfindungen schier vollkommen fremd. Gefolgt von einer visuell atemberaubenden Tour durch das fiktive Königreich Enciel via eines Windstoßes, der einen Brief der ans Krankenbett gefesselten Violet an Gilbert durch das Land trägt. An den sich nahtlos ein Konfettisturm anreiht, das ein zurückkehrendes Militärschiff am Hafen begrüßt. Doch auch Nebenfiguren werden ohne viele Worte charakterisiert. Sei es Gilbert, von dem in seiner absolut beschränkten Flashback Screentime der Folge offensichtlich ist, wie sehr es ihn schmerzte Violet im Krieg kämpfen lassen zu müssen. Doch auch aus Hopkins Mimik und Handeln spricht bereits eine Tiefe. Sei es, dass auch er noch mit den Nachwirkungen der blutigen Schrecken des Krieges zu kämpfen hat oder sich einer Verantwortung stellen möchte, die ihm offensichtlich Unbehagen bereitet, ihm aber hoffentlich auch von einem alten Schuldgefühl Violet gegenüber zu befreien vermag. Doch lebt er nicht nur in der Vergangenheit, so muss er sich mit ganz gegenwärtigen Problemen, wie der Finanzierung seiner Firma beschäftigen. Ein guter Start als ehrliche, aber gleichzeitig auch nicht die ideale Mentorfigur für Violet, zwischen denen man sicherlich noch die ein oder andere Parallel wird entdecken können. Der wahrscheinlich größte Streitpunkt und Kernelement zum eigenem Genuss der Serie wird Violets Charakter darstellen. So werden ihre mangelhaften Sozialkompetenzen in zumeist emotionalen Taktlosigkeiten präsentiert, anstatt durch einem Schlaghammer, so kann man ihren Start-Charakter alles andere als gut heißen: Eine Frau, die sich selbst als Ding und Waffe bezeichnet, absolut fixiert auf ihren Herrn Vorgesetzten und ihm zu Diensten. Die sich für nichts anderes interessiert, keinen anderen Menschen, die Welt oder gar sich selbst und willig allen Befehlen folgt, ohne sie zu hinterfragen. Die Prämisse der Serie macht keinen Hehl daraus, dass sich die Geschichte darum drehen wird, eben diese Charakterzüge zu korrigieren und Violet als menschliche Figur weiter zu entwickeln. Doch zeigt die erste Folge auch, dass das Tempo eher langsamer, einfühlsamer Natur sein wird. Doch wer visuelle Feinheiten schätzt, wird diese Serie sowieso lieben. So wird Hopkins Einschätzung Violets, dass sie innerlich brenne, nicht etwa durch einfache virtuelle Flammen im Hintergrund dargestellt, sondern vollkommen natürlich durch die Flammen der Öllampen der Straßenbeleuchtung materialisiert. Flammen, die sich in Violets künstlicher Hand wiederspiegeln in einer Szene, indem die nächtliche Stadt im Hintergrund aussieht wie glühende Holzkohlebriketts.

Auch die Pointe der Folge – Violets Entschluss sich den Briefe schreibenden Auto Memory Dolls anzuschließen, der erste eigene Wunsch ihres Lebens – wird durch den Plüschhund weit vor der Vokalisation am Ende der Folge dargestellt. Als Gilberts Hund wurde Violet bezeichnet, was sie verleitet, aus Hase Katze und Hund letzteren auszuwählen. Ein Hund, dessen Plüschinkarnation Violet selbst achtlos an ihrer Seite hinunter baumeln lässt. Erst liegt er umgeworfen mitten auf dem kahlen Zimmerboden, besonders desolat bei Nacht und Wind. Doch am Ende ist er in warmes Sonnenlicht getaucht, als Violet nach ihrem Entschluss ihr Zimmer betritt und die Türe hinter sich verschließt. Wiederum auch in direktem farblichen Kontrast die darauffolgende bereits angeteaste zentrale Szene aus ihrer Vergangenheit, die nun in Vollversion gezeigt wird. Es ist eine düstere Szene aus der dunkelsten Stunde ihres Lebens, verschlossen hinter der Tür ihres Herzens und doch die Quelle, aus der sich ihr weiteres Leben speisen wird. “Ich liebe dich” ist der letzte Satz der Folge und die Hälfte des Titels der Folge, der erst zum Ende eingeblendet wird. Liebe ist ein mittlerweile absolut verbreitetes Motiv und es ist schon ein Wagnis, den Dreh- und Angelpunkt einer Handlung darauf zu setzen. Und doch haucht die Serie dem eine Nachvollziehbarkeit ein, wie schon lange nicht mehr gesehen. Alleine schon dadurch, dass der Fokus nicht direkt auf “Liebe” gelegt liegt, sondern konkret auf den Worten “Ich liebe dich”. Hierbei geht leider ein wenig in der Übersetzung unter. Der Japanische Ausdruck “Aishiteru” hat weder Subjekt, noch Objekt enthalten, sodass er als Motiv viel abstrakter und unpersönlicher wird. Konkret und persönlich wird es erst durch den offensichtlichen Kontext, in dem die Worte platziert werden. Exakt das, was Violet erst noch lernen muss. Die japanische Violet mit ihrem Unverständnis über diese Worte regt daher ein bisschen weniger zum Kopfschütteln an, denn ganz so unglaublich offensichtlich ist die Referenz auf ihre Person dort nicht ausgesprochen.

 

Erster Eindruck:

Man wird über diese Serie Essays in Romanlänge verfassen können. Ohne Zweifel werden das auch viele tun. Was mich am meisten beeindruckt hat, ist aber die Präsentation von Zeit und Raum. Man hat so eine gute Vorstellung von der Lokalität und wann wie viel Zeit vergeht. Die Veröffentlichung auf Netflix ist ein Segen und Fluch zugleich für mich. Fünf Sprachen, von denen ich vier kenne. Was macht Luna? Schaut es sich viermal an. Die japanische Tonspur ist ein wenig irritierend, da Hopkins immer mit einem “Violet-chan” ankommt, was mir in einem europäisch angehauchtem Setting doch wieder etwas zu spezifisch japanisch erscheint. Violets Stimme ist aber durch Yui Ishikawa (Mikasa aus Attack on Titan) wunderbar getroffen. Dieses leicht unterkühlte, fast roboterhaft Devote, aber doch an vielen Stellen entschlossene, fast schon fanatisch Fixierte, trifft sie auch hier superb. Auf deutsch klingt sie leicht apathisch, was aber durchaus in den Charakter passt. Eher unnötig bei der deutschen Vertonung ist allerdings die englische Aussprache der Militärränge wie Major und Lieutnant. Etwas abgedroschen klingt für den Deutschen sicher auch der Name der Hauptstadt: “Leiden”. In der französischen Version geht die Sprachspur unter dem deutlich lauteren Musikoutput leider eher unter, während die Lokalität Enciel (“im Himmel”) sicher einen majestätischen Klang an sich hat. Auf englisch kommt Violets monotone Art nicht so sehr zum Vorschein, sie klingt vielmehr nach einem normalen Mädchen, was sie für den einen oder anderen etwas sympathischer erscheinen lassen mag. Welche Tonspur einem auch lieber ist, definitiv eine klare Empfehlung von mir, sich eine der Synchronisationen, die man versteht, auszusuchen. Die Serie hat visuell so immens viel zu bieten, es wäre außerordentlich schade, wenn die Untertitel einem den Großteil der Aufmerksamkeit stehlen.

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Luna

Luna residiert auf dem Mond mit ihren beiden Kaninchen. Als solche hat sie eine Faible für flauschige Langohren und ist auch nicht um die ein ums andere Mal etwas entrückte Sicht auf die Weltordnung verlegen. Im Bestreben, sich verständigt zu bekommen, vertreibt sie gerne die Zeit mit dem Lernen und Erproben verschiedener Sprachen und derer Ausdrucksformen.

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Alva Sangai
Redakteur

Die erste Folge gefällt mir sehr gut. Mikasas Stimme passt perfekt auf Violet. Die Serie könnte einer meiner Favos werden, wenns so gut weitergeht. Ich würde es ja toll finden, wenn ein Verlag sich die Novel schnappen würde.