Rurouni Kenshin: Trust & Betrayal

Lesezeit: 6 Minuten

Kenshin begann 1994 als Manga-Serie und wuchs zu einem riesigen Franchise heran. Teil davon ist die OVA Trust & Betrayal, die genauso wie seine Vorlage als moderner Klassiker gilt. Rote Haare und eine Kreuznarbe im Gesicht sind die ikonischen Merkmale des titelgebenden Protagonisten Kenshin, als er in einem zweiten Lebensabschnitt auf die Manga-Heldin Kaoru trifft. Doch vierzehn Jahre vor seinem Dasein als herrenloser Samurai im friedlichem Meiji-Zeitalter (1878) verlebte er einen blutigen Alltag als Attentäter Battosai, der für die Existenz eben dieses Zeitalter kämpfte. Trust & Betrayal adaptiert den Handlugszyklus um Kenshins ersten tragische Liebe, in der er seine Kreuznarbe erhielt. 2012 brachte Kazé Anime die OVA erstmals in deutsche Gefilde.

   

Das Leben im Japan des 19. Jahrhunderts endet für viele in einem blutigem Schicksal: Cholera wütet durch das Land, viele junge Frauen können nicht anders als sich zu prostituieren und Sklavenhändler ziehen durchs Land. Doch für Banditen sind sie alle gleich. Als ein Sklaventransport überfallen wird, ist der Junge Shinta der einzige Überlebende, nachdem er vom vorbeikommenden Schwertmeister Seijuro Hiko gerettet wird. Er gibt dem Jungen einen neuen Namen, ehe er ihn als Schüler aufnimmt: Kenshin (“Schwertherz”) soll er fortan heißen. Ein Jahrzehnt später hat er sich in die Wirren der epochalen Kampfes zwischen Shogunat und Kaiserarmee geworfen und ist als Attentäter in Kyoto tätig. Dort trifft er auf Tomoe Yukishiro, ein Mädchen umgeben mit einem Duft von Pflaumenblüten, das ihn dabei beobachtet, wie er buchstäblich Blut herabregnen lässt.


Eine unschuldige, von Blut umgebene Liebesgeschichte

Originaltitel Meiji Kenkaku Romantan – Tsuiokuhen
Jahr 1999
Episoden 4
Genre Historie, Drama
Regisseur Kazuhiro Furuhashi
Studio Studio Deen

Trust & Betrayal besitzt eine komplexe, mehrschichtige Bildsprache. Doch zugrunde liegt der Handlung im Kern eine einfache Liebesgeschichte, die den Vorhang über eine Rachegeschichte legt. Kenshins Kindheit wird mit ungeschonter Brutalität gezeigt. Seien es die Toten des Banditenüberfalls oder Kenshins harte Ausbildung. Sein Anliegen, das Zeitalter zu verändern, ist ein unschuldiger Wunsch und steht im direkten Kontrast zu seiner emotionalen Miene während seiner gnadenlosen Attentaten. Mit Tomoes Auftritt beginnt seine Battosai-Maske langsam zu bröckeln: Das einstige Kind leidet unter der Last, die es sich aufgeschultert hat. Nach dem Ikedaya-Vorfall führt er mit ihr ein Alibi-Leben als einfacher Bauer und umherwandernder Medizinmann. Es ist eine ruhige Zeit, flüchtig mit einem Hauch sachter Romantik.

Die Tragödie ist vorprogrammiert

Doch die idyllische Zeit kann nach allem davor nur böse enden. Und das nicht nur, weil die Vorlage es verlangt, damit Kenshin Jahre später noch auf Kaoru treffen kann. Dass Tomoe sich Kenshin mit Hintergedanken nähert, verrät die Geschichte nahezu sofort. Gleich zu Beginn ist sie mit ihrem Verlobten zu sehen. Zu zufällig ist ihre Begegnung mit Kenshin, zu sehr ist Tomoe nicht daran interessiert heim zu kehren. In einem stummen Flashback wird ebenso ihr Motiv nahegelegt: Sie hat Rache für den Tod ihres Verlobten geschworen. Die Handlung mit dem Verräter der Rebellen-Fraktion behält bis zum Ende einen Mystery-Aspekt, doch der Fokus liegt klar auf dem emotionalem Dilemma von Kenshin und Tomoe: Kenshin erlangt etwas sehr Geifbares, das er trotz seiner blutigen Hände beschützen will. Tomoe währenddessen ist hin und her gerissen von den zwei so gegensätzlichen Seiten in Kenshin, für die sie so unterschiedliche Gefühle entgegenbringt.

Ernste, erwachsene Atmosphäre

Für den 28-Jahre alten Kenshin der Mangavorlage stellt Humor ein Grundpfeiler dar, nicht zuletzt direkt erkennbar an seinem ikonischen “Oho”. Für den Erinnerungs-Arc wird dieser schon im Mangas zwar deutlich heruntergeschraubt, aber lustige Momente gibt es dennoch. Nicht so in der OVA. Hier wird die geschichtliche Komponente erhöht, sodass die historischen Persönlichkeiten deutlich mehr Auftritte haben. Tomoes und Kenshins Beziehung ist deutlich komplexer: Während im Manga die beiden genauso ein Untertauchen in ein Leben als Alibi-Ehepaar angeordnet bekommen, ist es im Manga gleichzeitig auch eine, die für die beiden echt ist. In der OVA entwickelt sich die Beziehung hingegen erst danach Stück für Stück. Ebenfalls wird hier ein deutlich älteres Zielpublikum angesprochen als der Manga es tut, der sich an männliche Jugendliche richtet: Kenshins Schwertkunst ist ohne Umschweife blutig und tödlich. Auch ist Sexualität zwar keine explizit grafische, aber dennoch eindeutig vorhandene Komponente.

Kenntnis von Japanischer Geschichte von Vorteil

Das kreative Team hinter Kenshin: Trsut & Betrayal hatte offensichtlich ein japanisches Zielpublikum im Sinn. Der Epochenwechsel im 19. Jahrhundert ist in etwa so sehr Pflichtunterricht wie die Französische Revolution in europäischen Kreisen. Mit einer Einführung in historische Daten und Hintergründe verschwendet Trust & Betrayal definitiv keine Zeit. Sieht man historische Persönlichkeiten wie Kogoro Katsura oder Shinsaku Takasugi auftreten, weiß ein Japaner sofort über die Epoche und dem Schauplatz Bescheid. Für den geneigten deutschsprachigen Leser ist hingegen ein Abruf der Wikipedia-Artikel über die Meiji-Restauration, die Bakumatsu-Ära und die Shinsengumi nicht ganz verkehrt. Für die Haupthandlung ist der geschichtliche Hintergrund zwar nicht unbedingt erforderlich. Das Liebesdrama funktioniert auch für sich. Doch lässt die OVA sehr viel in stummen Bildern sprechen, wovon ein nicht kleiner Teil einen detailreichen Ausschnitt dieses Zeitalters zeichnet. Viele Details verbleiben ohne Hintergrundkenntnis lediglich schön gezeichnete Dekoration.

Adaption mit diversen cinematischen Freiheiten

Trust & Betrayal folgt im grundsätzlich der Handlung der Mangavorlage. Doch hat sie ästhetisch einen ganz anderen Anstrich als diese oder die 95-teilige TV-Serie von 1996. Der Soundtrack von Taku Iwasaki (Gurren Lagann) unterstreicht mit Orchestergewalt die Melancholie und Dramatik der OVA. Auch das Charakter-Design legt Wert auf Bodenständigkeit und Realismus. Die Bildsprache quillt geradezu über mit Symboliken. So erhält Tomoe von Kenshin einen Spiegel – ein Filmmotiv für in Konflikt stehende Personas – den sie häufig verwendet. Auch die Blumensprache findet umfangreichen Einsatz. Tsubaki, die japanische rote Kamelienblüte, wird mit Blut und Tod assoziert. Denn auf weißen Schnee fallen ihre roten Blüten üblicherweise. Tomoes Verlobter wird von einer Physalis symbolisiert. Zu Lebzeiten ist sie prall, doch verdörrt sein Andenken langsam. Auch ein Reiher, ein beliebtes Motiv klassischer Japanischer Tuschemalerei, fliegt einmal durchs Bild, während das junge Paar friedliche Momente verlebt.


Eigenständiges Prequel, aber doch Teil von etwas Größerem

Trust & Betrayal umspannt einen vollständigen Handlungsbogen. Doch ist der Flashback-Arc in der Vorlage ganz klar nur ein Fragment einer größeren Geschichte. Einige Effekte verleiben auch in der OVA-Adaption: So gibt es einen Cameo-Auftritt von Shishido, einen späteren Gegner Kenshins. Saito von der Shinsengumi oder Seijuro haben für Vorlagenkenner ebenso Wiedererkennungswert. Für Tomoes Bruder Yukishiro ist diese Geschichte nur der Hintergrund für seinen eigenen Arc, der in der OVA Reflection adaptiert wird. Vor allem macht es einen Unterschied für die Grundstimmung: Sie ist auch in der OVA grundsätzlich hoffnungsvoll. Tomoe beweist, dass es für auch für jemanden wie Kenshin eine Erlösung geben kann. Doch die tatsächliche Erlösung bleibt hier noch aus. Der Krieg endet schließlich und Kenshins weiterer Werdegang hinterlässt keine historischen Fußstapfen, die man noch verfolgen könnte. Für sich endet die OVA daher mit einer eher deprimierenden Note. Ohne Kontext mag sie gar an Fatalismus grenzen.

Fazit

Kenshin: Trust & Betrayal ist es ein Paradebeispiel dafür, das eine Vorlage in einem anderem Medium voll ausreizt. Die Ästhetik besitzt unglaubliche Schönheit, die trotz 4:3-Format geradezu zeitlos ist. Inhaltlich macht sie auch nach heutigen Maßstäben nichts falsch, fällt vorlagenbedingt aber eher simpel aus. Doch hängt sie mit ihren eleganten Zusätzen für mich die Manga-Vorlage mit Vorsprung ab. “Show don’t tell” wird hier sehr großgeschrieben. Schade ist nur, dass man für wahlweise ein Happy End zum Manga oder für eine bittersüßes Ende zur Reflection-OVA greifen muss und beides sich qualitativ nicht ohne Sprünge einreiht. Eher sehr unglücklich geraten ist meines Erachtens das Cover der Blu-ray Ausgabe, das 2011 exklusiv angefertigt wurde. Stilistisch siedelt es sich allerdings eher beim offiziellen Artwork der TV-Serie an und verrät auch nichts über den Detailreichtum der Bildgewalt dieser Version.

© Studio Deen

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Luna

Luna residiert auf dem Mond mit ihren beiden Kaninchen. Als solche hat sie eine Faible für flauschige Langohren und ist auch nicht um die ein ums andere Mal etwas entrückte Sicht auf die Weltordnung verlegen. Im Bestreben, sich verständigt zu bekommen, vertreibt sie gerne die Zeit mit dem Lernen und Erproben verschiedener Sprachen und derer Ausdrucksformen.

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