Cryptid (Staffel 1)

In den letzten Jahren erlebte H.P. Lovecraft eine mediale Wiederbelebung: Ob Film (Die Farbe aus dem AllThe Deep OnesThe Beach House) oder Game (Call of Cthulhu), die Werke des Autors des phantastischen Horrors sind ein Evergreen. Auch im Bereich der TV-Serien finden sich von Lovecraft inspirierte Werke wie Stranger Things. In diese Liste reiht sich die schwedische Mini-Serie Cryptid ein, die am 13. November 2020 in den deutschen Handel kam. Vermarktet wird sie als Mix aus Stranger ThingsDark und Riverdale – aber auch das vollmundigste Werbeversprechen muss am Ende liefern. Ob dies gelingt, wird hier einmal gründlich untersucht.

Eine Kleinstadt im Norden Schwedens. Mitten am hellichten Tag explodiert der Kopf des Schülers Sebastian (Oscar Zia) in der Schule. Einfach so und aus dem Nichts, überall klebt Blut. Zuvor hatte sein Freund Niklas (Julius Fleischanderl) ihm einen Schubs gegeben, was dafür sorgt, dass die gesamte Schule ihm die Schuld an dem Vorfall gibt. Noch stärker gerät er unter Verdacht, als ein Video auftaucht, das Sebastian mit Niklas’ Freundin Ester (Maja Johanna Englander) beim Sex in der Umkleidekabine zeigt. Der Verdacht liegt nahe, dass Niklas aus Eifersucht auf Sebastian losging. Doch es bleibt nicht bei diesem einen seltsamen Vorfall: Am selben Tag verschwindet eine Campergruppe in einem See und Niklas’ Schwester Lisa (Astrid Mohrberg), die eine Weile spurlos verschwunden war, taucht ebenfalls wieder auf. Sie wird geplagt von morbiden Visionen der Vergangenheit, die es nun richtig zusammenzufügen gilt …

Love Craft mit ausbaufähiger Subtilität

Originaltitel Cryptid
Jahr 2020
Land Schweden
Episoden 10 in Staffel 1
Genre Horror
Cast
Niklas: Julius Fleischanderl
Lisa: Astrid Morberg
Ester: Maja Johanna Englander
Tuva: Beata Borelius
Sebastian: Oscar Zia
Tim: Christian Sundgren
Veröffentlichung: 13. November 2020

Als “Cryptid” bezeichnet man die Sichtung von Monstern durch Menschen, deren Existenz allerdings nicht nachgewiesen werden kann. Bekannte Vertreter dafür sind etwa das Loch Ness Monster oder Big Foot. In zehn Folge à 20 Minuten erzählt Cryptid seine Handlung um ein Wesen, das in Verbindung zu einem geheimnisvollen See stehen muss. Was genau geschieht, bleibt dabei über einige Episoden hinweg im Verborgenen. Die Serie greift dafür tief in die Trickkiste, um ihr Mysterium so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Dazu gehören geheimnisvolle Flashbacks in flackernden bunten Lichtern, die schnell zusammengeschnitten sind. Surreale Traumsequenzen und eine Überinszenierung von allem, was in irgendeiner Form mit Wasser zu tun hat. Und eine Lisa, die wie besessen düstere Bilder malt, um ihrem Gedankenchaos Ausdruck zu verleihen. Alles, was also auf irgendeine Weise subtil sein soll, wird so stark überinszeniert, dass das Gegenteil erreicht wird. Das kann man Cryptid nun ankreiden oder auch nicht. Aber die Atmosphäre profitiert durchaus von ihrem unverbrauchten Skandinavien-Flair, was noch immer daran liegt, dass viel zu wenige Serien aus dem Norden Europas ihren Weg in deutsche Gefilde schaffen.

Überflüssige Vergleiche zu anderen Serien

Obwohl die erste Folge noch mit einer dicken Gore-Einlage loslegt, die vielleicht auch notwendig ist, um Zuschauer an sich zu binden, bedient sich Cryptid im Anschluss weniger an Blutfontänen, sondern macht sich an Okkultismus und einem eigenen Creature Feature zu schaffen. Aber eben immer in Lovecraft-Ästhetik. Was in den ersten Folgen also noch nach Versatzstücken anderer Horror-Serien aussieht, gewinnt binnen kurzer Zeit an Fahrt und präsentiert sich als homogene Geschichte, die ihre eigene Nische bedient. Das macht die Vergleiche zu anderen Serien auch unnötig, denn angesichts der Thematik und der vergleichsweise kurzen Laufzeit füllt Cryptid eine eigene Nische aus.

Könnte so Stranger Things mit Erwachsenen aussehen?

Damit das Mysterium zusammengehalten werden kann, bedarf es eines verbindenden Elements. Die Schule, auf die Niklas geht, dient dabei als der Kleister, der alle für die Handlung relevanten Personen an einem Ort hält. An dieser Stelle finden dann auch Highschool-Dramen statt, die wie so oft stattfinden, damit junge Erwachsene einen Bezug zu den Figuren aufbauen können. Anders als in Stranger Things sind diese allerdings im Alter junger Erwachsener, wodurch die Themen Sex und Drogen an Präsenz gewinnen. Allzu stark wird Gott sei Dank nicht in die Klischeekiste gegriffen und so manches Schicksal, das man hinter bestimmten Figuren vermuten mag, nimmt einen ganz anderen Lauf. Wenn sich dann nach und nach herauskristallisiert, dass neben Niklas weitere Personen einen Bezug zu dem geheimnisvollen See haben (seine Mutter brachte sich einst darin um), verdichten sich die Anzeichen auf eine übergeordnete Sache. Aber was genau? Der Spannungsbogen wird dabei über die Folgen hinweg lange aufrecht gehalten. Doch gerade im letzten Drittel ist die Luft raus, wenn sich die Serie an einer Auflösung versucht, die sich als Fehlzündung erweist.

Fazit

Mit Ach und Krach könnte man Cryptid als Stranger Things “to go” bezeichnen: Geheimnisvoll, eigenständig und stilsicher, nur in schnell konsumierbar (mit einer Laufzeit von weniger als vier Stunden kann das an einem Abend geschehen). Der Zugang mag auf den ersten Blick nicht ganz so stark ausgeprägt sein wie beim US-Vorbild, was einfach nur daran liegt, dass die Serie ein bis zwei Folgen benötigt, um in Fahrt zu kommen und die unterschiedlichen Beziehungen besser einsortieren zu können. Auch wenn an einigen Stellen zu viel geschraubt wurde und man gelegentlich die Verantwortlichen anbrüllen möchte, dass man mittlerweile kapiert hat, dass der See und Wasser wichtige Elemente sind, fällt das Ergebnis äußerst kurzweilig aus. Da bleibt zu hoffen, dass eine zweite Staffel nicht allzu lange auf sich warten lässt.

© Edel Germany


Veröffentlichung: 13. November 2020

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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