Stranger Things (Staffel 1)

Lesezeit: 6 Minuten

Nostalgie funktioniert in Filmen und Serien immer gut, um Publikum anzulocken. Besonders beliebt ist seit Jahren die Rückkehr in die 1980er-Jahre. Da werden Kindheitserinnerungen angesprochen und die Glanzstücke dieser Zeit referenziert. Immer mit unterschiedlich großem Erfolg. Prunkstück dieser Erzählwelle ist die Netflix-Serie Stranger Things, die 2016 plötzlich da war und über Nacht zum Hit wurde. Für alle, die sich dem Hype entzogen haben oder noch immer nicht wissen, worum es eigentlich geht, werfen wir noch mal einen Blick drauf. Was macht die Faszination von Stranger Things aus?

 

Hawkins, Indiana im November 1983. Die vier Freunde Mike Wheeler, Will Byers, Lucas Sinclair und Dustin Henderson sind mal wieder mit einer Runde „Dungeons & Dragons“ beschäftigt, wo ihre Rollenspielgruppe von einem Monster vernichtend geschlagen wird. Während das nur ein Spiel ist, trifft Will auf dem Nachhauseweg auf ein echtes Monster und verschwindet spurlos. Seine Mutter Joyce wendet sich sofort an Sheriff Jim Hopper, der die Sache zunächst nicht ganz so ernst nimmt. Die Jungs versuchen auf eigene Faust etwas herauszufinden und treffen dabei auf ein merkwürdiges Mädchen. Es spricht kaum, bekommt den Namen Elfi – da sie die Nummer Elf als Tätowierung trägt, im O-Ton daher Eleven – und hat übersinnliche Begabungen. Elfi ist in einem Forschungszentrum des Energieministeriums großgezogen worden, wo geheime Experimente stattfinden, von denen die Bevölkerung besser nichts wissen sollte.

Eine Geschichte, drei Perspektiven

Originaltitel Stranger Things (Season 1)
Jahr 2016
Land USA
Episoden 8 in Staffel 1
Genre Science-Fiction, Fantasy
Cast Joyce Byers: Winona Ryder
Jim Hopper: David Harbour
Eleven: Millie Bobby Brown
Mike Wheeler: Finn Wolfhard
Will Byers: Noah Schnapp
Dustin Henderson: Gaten Matarazzo
Lucas Sinclair: Caleb McLaughlin
Nancy Wheeler: Natalia Dyer
Jonathan Byers: Charlie Heaton
Steve Harrington: Joe Keery

Mit nur acht Episoden ist die erste Staffel Stranger Things recht kurz geraten und ideal, um in einem Rutsch geschaut zu werden. Dafür sorgt die spannende Erzählweise, die nach und nach den Vorhang lüftet, was sich da in den Wäldern von Hawkins abspielt. Der besondere Kniff ist aber, dass hier nicht allein Wills Freunde zu Helden der Geschichte werden. Aus ihrer Sicht sind die Erlebnisse vor allem ein Abenteuer. Aber Wills Mutter Joyce hat mehr zu tun als panisch zu sein und treibt den Sheriff an. Außerdem kommt eine dritte Generation in Form von Teenagern ins Spiel. Sowohl Will als auch Mike haben ältere Geschwister, die auf ihre Art eingebunden werden. Die Eltern, Jugendlichen und Kinder haben alle ihr ganzes eigenes Puzzlestück vor sich und erweitern damit die Genrepalette der Serie. Science-Fiction und Fantasy sind bestimmend, aber mal ist es mehr Thriller mit den offizielle ermittelnden Erwachsenen oder etwas mehr Richtung Horror bei den Teenagern. Das verbreitert auch das Angebot an Referenzmaterial.

Abenteuer Kindheit

Mike, Lucas, Dustin und Elfi stehen definitiv im Mittelpunkt. Hier wird der Nostalgiebonus am deutlichsten spürbar, wenn Filme wie E.T. – Der Außerirdische oder Die Goonies Pate stehen. Eine Gruppe von Kindern stolpert in eine außergewöhnliche Situation und erlebt ein spannendes Abenteuer, das eigentlich tödliche Gefahren birgt. Diese werden mit etwas Glück, Geschick und Zusammenhalt umschifft. Ein Grund, warum es Stranger Things als moderne Serie schwer hätte, sind eindeutig Technik und elterliche Übervorsorge. Ältere Generationen reden gerne darüber, wie sie früher immer draußen zum spielen waren, aber heute lässt niemand sein Kind derart unbeaufsichtigt. Und mit der Möglichkeit zum Handy zu greifen, verpufft so mancher Zauber. Mike versteckt Elfi im Keller, der den Jungs als Spielzimmer dient und gemeinsam sind sie ziemlich viel mit dem Rad unterwegs. Ihre Erfahrung aus „Dungeons & Dragons“ gibt ihnen den naiven Mut, dass sie es sicherlich mit einem echten Monster aufnehmen können.

Die besorgte Mutter

Joyce Byers ist eine alleinerziehende Mutter zweier Söhne und versucht alles, damit es den beiden gut geht. Sie weiß, dass Will besonders sensibel ist und versucht über all seine Hobbies informiert zu sein, damit sie eine bessere Beziehung zu ihm aufbauen kann. Und ihr wird ein eigener Platz in Stranger Things eingeräumt, um ihre Mama-Bär Qualitäten auszuspielen. Nicht alle Eltern werden an die Seite gedrängt. Zusammen mit Sheriff Hopper sorgt sie für die erwachsene Note in Sachen Regierungsverschwörung. Wer all die alten Kindheitsklassiker heute schaut, kriegt damit eine neue Stimme vorgesetzt, die in einem Film wie Die Goonies fehlt. Und mit Schauspielerin Winona Ryder ist eine ideale Darstellerin gefunden worden, die selbst in den 80ern Bekanntheit erlangte, ehe die 90er sie zum Star machten.

Teenie-Drama mit Überlebenskampf

Wills älterer Bruder Jonathan kommt in der Familie ein wenig kurz. Da Joyce viel arbeitet, muss er manchmal als Elternersatz einspringen, obwohl er eigene Probleme hat. In der High School läuft es für ihn auf sozialer Ebene nicht wirklich gut, da er als Freak abgestempelt wird. Nancy Wheeler, die Schwester von Mike, ist dagegen in der Clique der Populären zu finden, kann aber nachempfinden, dass das Verschwinden von Will emotionale Spuren hinterlässt. Und während alle noch nach dem Jungen suchen, verschwindet eine Freundin von Nancy ebenfalls. Diese Gemeinsamkeit bringt Jonathan und Nancy zusammen, die gar nicht ahnen, was die zwei anderen Generationen in Erfahrung bringen. An dieser Stelle werden einige bekannte Beziehungsprobleme gewälzt, da sich Nancys Freund Steve Harrington mehr Sorgen um seine Frisur als seine Mitmenschen macht. Daneben wirkt es fast nett, dass Jonathan gerne ungefragt mit der Kamera knippst und Nancy immerhin Aufmerksamkeit spendet. Doch auch in diesem Segment stagniert die Story nicht, da die zwei detektivischen Spürsinn beweisen. Es ist zudem ein interessanter Zwischenschritt. Nancy und Jonathan sind nicht ganz so furchtlos wie die Jungs, aber auch noch nicht abgeklärt wie die Erwachsenen. Sie nehmen die Gefahr als Horrorfilm wahr. Nancy macht ihrer Namensvetterin Nancy Thompson aus A Nightmare on Elm Street als Final Girl auch alle Ehre.

Die glorreichen 80er

Mit seinen unterschiedlichen Sichtweisen kann Stranger Things als kompakte Serie bereits überzeugen. Die mehrschichtigen Charaktere bieten einem breiten Publikum mit Interesse an Science-Fiction etwas. Aber das Setting rundet alles zur Perfektion ab. Die Brüder Matt und Ross Duffer halten mit ihrer Liebe für die 80er-Jahre nicht hinterm Berg und jeder, der die Klassiker dieser Zeit kennt, wird einen Haufen Referenzen finden. Bereits die Schriftart in der Titelsequenz, ITC Benguiat, ist besonders durch Stephen King Romane bekannt. Als Netflix Stranger Things online stellte, wurden Suchmaschinen schnell bemüht, um zu schauen, ob der Meister des Horrors hier mitgewirkt hat. Zumindest die Atmosphäre wirkt wie eine gute King-Adaption und Elfi würde prima in seine Roman Feuerkind passen. Die vier Jungs könnten auch prima Stand by me nachspielen. Einflüsse von Regisseuren wie Steven Spielberg oder John Carpenter finden sich in vielen Details. Und obendrauf gibt es natürlich direkte Popkulturreferenzen mit Spielzeug von Star Wars oder einem Tanz der Teufel-Poster. Alles an Stranger Things ist nicht nur eine Hommage, sondern fühlt sich an wie der Zeit entsprungen. Dafür sorgen nicht zuletzt selbstverständlich die Produktionsabteilungen von Maske, Requisite und Set-Design. Eine nette Referenz allein macht kein gutes Produkt, auch wenn es den Zuschauer kurzweilig unterhalten kann, weil Erinnerungen angesprochen werden. J.J. Abrams hat sich 2011 mit Super 8 daran versucht. Doch vieles an dem Film verrät sofort sein Ursprungsjahr und die Stimmung ist deutlich anders als in den Vorlagen wie Spielbergs Unheimliche Begegnung der dritten Art. Die Duffer Brüder haben es mit ihrer Liebe zum Detail geschafft, mit Stranger Things eine Serie zu kreieren, die mit etwas krisseligem Bild und vielleicht im 4:3 Format als Produkt der 80er durchgehen könnte. Die Computereffekte stechen nicht zu stark heraus, um die Illusion zu brechen und sind mit Bedacht gesetzt.

Fazit

Ein Hype kann manchmal ziemlich nervig sein. Aber bei Stranger Things habe ich damals gern zugesehen, wie die Serie an Traktion gewann. Ich hatte mit null Erwartungen begonnen und plötzlich waren die acht Folgen vorbei. Hier gehöre ich auch perfekt zur Zielgruppe, denn grade Filme der 80er schaue ich bis heute immer wieder gern. Anfangs dachte ich auch bei so manchen Kameraeinstellung dran, wo das wieder abgeguckt sein dürfte, aber das spielte dann schnell eine untergeordnete Rolle, weil die Charaktere mich überzeugen konnten. Und jetzt bringt mich beides dazu, die Serie gern erneut zu schauen. Und auch zu hören. Der Soundtrack mit Jefferson Airplane, The Clash, Joy Division oder New Order ist passend gewählt. Aber noch besser ist der Score von Kyle Dixon und Michael Stein, der auf Synthesizern basiert und den Zuhörer in die Vergangenheit a la Blade Runner entführt. Stranger Things wird dem Hype gerecht, wenn es um den Hommage-Faktor geht, aber auch als spannende Science-Fiction-Serie mit Figuren, die sich entwickeln dürfen. In der knappen Laufzeit wird viel erreicht ohne zu sehr zu hetzen oder zu lange auf der Stelle zu trampeln. Wem der Inhalt nicht zusagt, kann hier zumindest was in Sachen Erzähldichte und -tempo lernen.

© Netflix

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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