Inscryption

Du erwachst in einer dunklen Hütte. Dir gegenüber sitzt an einem schweren Holztisch ein sinistrer Mann mit leuchtenden Augen, bei dem es sich ganz offenbar um einen Kartenspiel-Suchti ohne Sozialkontakte handelt, denn er zwingt dich sogleich, bei seiner nächsten Partie mitzuspielen. Die Crux: Wenn du verlierst, stirbst du. So lautet die Prämisse des Horror-Rogue-lite-Card-Games Inscryption, dem neusten und wohl bislang aufwendigsten Projekt des Spieleentwicklers Daniel Mullin (Pony Island) und zudem die größte spielerische Wundertüte aus dem Jahr 2021. Wer hier einsteigt, hat keinen Schimmer, worauf er sich einlässt.

 

Wir erwachen also an einem schweren Holztisch in der »Todeskarten-Hütte«. Uns gegenüber ein Paar leuchtender Augen – das ist unser Rivale, der sich auf seinen neusten Gegner freut und sogleich die Karten austeilt. Jetzt gilt es, denn ganz offenbar sind wir gefangen und spielen hier gerade um unser Leben. Während wir den Rivalen mit unserer Spielbereitschaft bei Laune halten, versuchen wir gleichzeitig einen Ausweg aus der Hütte zu finden. Denn Inscryption ist nicht nur Card Game, sondern auch Escape-Room-Spiel. Wir müssen lediglich lange genug am Leben bleiben, um diese verdammte Tür aufzubekommen.

Prickelnder Einstieg

Originaltitel Inscryption
Jahr 2021
Plattform Microsoft Windows, Mac OS, Linux
Genre Deck-Building, Rogue-lite
Entwickler Daniel Mullins Games
Publisher Devolver Digital
Spieler 1
USK Keine Angabe
Veröffentlichung: 19. Oktober 2021

Inscryption ist eines jener Spiele, die gleich zu Beginn eine so einnehmende Atmosphäre verströmen und einen so guten Spielflow bieten, dass man in der ersten Sitzung gut und gerne mal fünf Stunden am Spieltisch versenkt. Über uns tröpfelt der Regen aufs Dach, rechts von uns flackert – warum auch immer – ein unstetes Licht hinter der verschlossenen Tür, im Untergrund schwelen die verwaisten Klänge des Komponisten Jonah Senzel und vor uns zieht uns der Rivale mit einer Stimme, die lediglich aus synthetischen Basslauten besteht, in seinen Bann, während er uns spielenderweise erzählt, wie wir hier in seiner »Todeskarten-Hütte« gelandet sind.

Dein Leben auf der Waagschale

Inscryption präsentiert sich in seinen ersten Stunden als Rogue-lite-Game. Ziel ist es, unser bescheidenes Starter Deck von vier Karten über die Zeit so gut aufzustocken, dass wir uns gegen die Bossgegner, die da ganz gewiss kommen werden, behaupten können. Dazu bewegen wir eine kleine geschnitzte Holzfigur über Spielfelder, die unser Rivale, der Hüttenmann, vor uns auf dem Tisch ausrollt. Diese Spielfelder stellen verschiedene Areale dar – wie etwa einen Sumpf oder eine Winterlandschaft – deren Abfolge vorgegeben ist, doch der jeweilige Weg darüber ist zufallsgeneriert. Das Glück entscheidet über das Auftauchen von NPCs, Kampfszenarien oder die Möglichkeiten, unser Deck aufzubessern – häufig mit einem Opfer verbunden, denn die Regeln von Inscryption sind hart und blutig. Rechts auf dem Tisch stehen Utensilien bereit, die wir bei Bedarf einsetzen können, links eine antike Waage, die über den Ausgang eines Duells entscheidet. Geraten wir in einen Kampf, gilt es, die Waagschale des Gegners durch Schadenspunkte zu Boden gehen zu lassen, andernfalls sterben wir und verlieren unser ganzes bis dahin aufgebautes Deck. Gleichzeitig gibt es aber auch gewisse Elemente, die sich mitentwickeln und nach unserem Versagen bestehen bleiben. Etwa Special Gimmicks, die uns besiegte Bosse hinterlassen oder die wir dadurch erlangen, indem wir uns vom Tisch erheben und versuchen, die kruden Rätsel innerhalb der Hütte zu lösen. Denn wie gesagt; Inscryption ist auch ein Escape-Room-Spiel, denn wir wollen ja nicht auf ewig bei diesem crazy Spielsuchti versauern, gell? Zumal auch bei uns selber irgendwie die Sicherung durchzuknallen scheint, oder wie kann man das erklären, dass manche Karten plötzlich anfangen mit uns sprechen?

»Haaalt, Stop! Das war’s mit der Review!«

Der Flow von Inscryption ist erste Sahne. Das Tempo, ob nun zwischen den einzelnen Zügen oder bei den Perspektivwechseln zwischen Kartenhand, Utensilien, Waage und Spielfeld, ist immer genau richtig und ohne Verzögerung – mit dem Mausrad rutschen wir easypeasy von einer Einstellung in die nächste. Das macht das Gameplay flott und »addictive«. Der Hüttenmann fungiert während der ganzen Zeit sowohl als Mentor als auch als Peiniger. Er gibt uns unterstützende Hilfe, ist in seinen Aussagen aber auch geradezu angsteinflößend. Nicht unbedingt, weil er es ist (und das ist er ohne Frage), sondern weil die Regeln des Spiels nichts anderes zulassen. Unser Rivale labt sich nicht an unserem Leid, er trägt nur die Regeln vor. Wenn wir uns als letzten Ausweg einen Zahn ziehen, um seine Waagschale zu beschweren, dann quittiert er das mit Anerkennung, da wir keine Furcht zeigen, den Preis zu zahlen. Trotz der ganzen Situation (immerhin ist er es, der uns bei Versagen tötet) baut man ein irgendwie geartetes Band zum Hüttenmann auf, vor allem zu seiner brodelnden Bass-Stimme, bei der man gegen Ende des Spiels schon fast in wehmütige Nostalgie verfällt, wenn sie erneut erklingt. Doch mehr soll an dieser Stelle nicht mehr gesagt werden. Denn je weiter man voranschreitet, desto klarer wird, dass Inscryption auch eines jener Spiele ist, über die man sich am besten keine Videos anschaut, keine Bilder anguckt und auch keine Reviews liest (upsi), denn ab einem gewissen Zeitpunkt betritt das Spiel Ebenen, die unter Verschluss bleiben müssen, da sonst jede Überraschung und jeder Spaß flöten gehen würde. Nur so viel sei gesagt: Das Kartenspiel bleibt die Konstante.

Fazit

Also … ein kleines »Wow« an dieser Stelle. Da dachte ich, ich hätte das Game besiegt und dann geht’s auf eine Art weiter, mit der ich nicht gerechnet hätte. Zwischen seltsamen Rätseln, sprechenden Karten, die im Limbo gefangen sind, und einem monströsem Rivalen, der mit viel Freude der Star seiner eigenen sadistischen Spielshow ist, bietet Inscryption noch wesentlich mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Das Game ist extrem abwechslungsreich, storymäßig äußerst komplex und überrascht in den späteren Stunden mit so manch kreativen Spielarten und -ebenen, die noch mehr »meta« sind als Deadpool. Inscryption ist meine persönliche Indie-Perle des Jahres 2021.

© Devolver Digital

Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit bevorzugt Indie-Games, Taktik-Shooter oder ganz was anderes und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der 24/7 Music-Stream von Cryo Chamber auf YouTube.

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