A Plague Tale: Innocence

Lesezeit: 6 Minuten

Teenager-Dystopien, in denen junge Menschen versuchen, eine von den Alten zerstörte Welt zu retten, sind derzeit ein beliebtes Thema. Auch das französische Asobo Studio greift dieses Konzept auf. Zudem stellt es sich mit seinem neusten Game A Plague Tale: Innocence der Aufgabe, einen der dunkelsten Abschnitte der Geschichte auf den Bildschirm zu bringen und ihn gleichsam beängstigend als auch faszinierend zu gestalten: den Schwarzen Tod. Das Spiel zeigt den beschwerlichen Weg einer Gruppe fotogener Jugendlicher, die gegen religiöse Fanatiker und menschenfressende Ratten zu bestehen versuchen.

Die temperamentvolle Amicia de Rune ist ein junges Mädchen von nobler Geburt. Sie spielt Harfe und stickt Tischdecken genauso gerne wie sie liest und auf die Jagd geht. Mit ihrem jüngeren Bruder Hugo hat sie nicht viel zu tun, da dieser aufgrund einer ominösen Krankheit sein bisheriges Leben in einem abgekanzelten Wohnbereich gemeinsam mit seiner Mutter verbracht hat. Als die Inquisition über das Anwesen herfällt und Lord und Lady de Rune getötet werden, gelingt Amicia mit Hugo die Flucht. Fortan auf sich allein gestellt, müssen die einander fremden Geschwister zwischen Inquisitionssoldaten und Rattenplage um ihr Überleben kämpfen und nebenbei den arkanen Ursprung von Hugos Krankheit ergründen.

Das dunkle Europa

Originaltitel A Plague Tale: Innocence
Jahr 2019
Plattform Microsoft Windows, PlayStation 4, Xbox One
Genre Action-Adventure
Entwickler Asobo Studio
Publisher Focus Home Interactive
Spieler 1
USK

Der Spielemarkt deckt mittlerweile viele Epochen ab – von Assassin’s Creed, das u.a. die Renaissance erforscht, bis hin zu den Fleischbergen in den unzähligen World War II-Ego-Shootern. Die Inquisition und das dunkle Zeitalter Europas aber blieben bisher relativ unerschlossen. A Plague Tale beschreibt das Jahr 1349 – das Jahr, in dem die europäische Pestepidemie ihren Höhepunkt erreicht hat. Heruntergekommene Dörfer, in denen Menschen sich gegenseitig verbrennen; alte Burgen, die jedem Gewitter trotzen und Geheimnisse hüten sowie mit Folianten vollgestopfte Bibliotheken vermitteln ein herrlich gotisches Spielgefühl. Verstärkt wird das durch die Collectibles, intern auch „Kuriositäten“ genannt, die damalige Sitten und Gebräuche näher beleuchten und dem Spieler die Möglichkeit geben, die Welt ein bisschen besser zu verstehen. Auch beim Soundtrack versucht man Mittelalter-Feeling zu erzeugen, indem Komponist Olivier Deriviere (Alone in the Dark) u.a. Viole da Gamba und Schlüsselfideln nutzt. Zwar machen diese geschichtlichen Elemente später Fantastik- und Horrorthemen Platz, aber sie bilden dennoch einen wichtigen Teil der Spielidentität. Für die komplette Mittelalter-Immersion kann der Spieler zudem auf das Spiel-Interface verzichten, das ohnehin schon sehr zurückgenommen ist.

Eine Blume, die in der Dürre erblüht

A Plague Tale zählt zu jenen Titeln, die von der Geschichte angetrieben werden und die absolut abhängig von ihren Hauptcharakteren sind (ähnlich wie The Last of Us oder Brothers: A Tale of Two Sons). Das Spiel konzentriert sich auf die Beziehung zwischen Amicia und Hugo, die nach dem Tod ihrer Eltern das erste Mal miteinander auskommen müssen (ähnliche Situation wie bei Kratos und Atreus bei God of War (2018)). Nicht selten ist Hugo für Amicia eine Quelle der Frustration, wenn er z.B. bei ihren Streifzügen gedankenlos und doch glücklich seine Hände in fauliges Obst steckt oder anfängt zu jammern, sollte sich Amicia zu weit von ihm entfernen. Allerdings ist seine kindliche Unschuld auch ihr größter Trost in einer Welt des Grauens. Die Unschuld ist das, was Amicia ankert, wenn sie das tut, was sie für’s Überleben tun muss. Dieses Erhalten eines letzten Rests von Unberührtheit kommt insbesondere dann zum Tragen, wenn Hugo Blumen sammelt und seine mitgenommene Schwester auffordert, sich zu ihm herunter zu beugen, damit er ihr die Blume ins Haar stecken kann. Dort bleibt sie auch, für den Rest des Kapitels – egal welche Gräuel ihnen wiederfahren.

Stealth für den Ottonormalverbraucher

Während das Setting Mittelalter und der geschichtliche Kern Geschwisterliebe ist, präsentiert sich das Gameplay von A Plague Tale als Vertreter des Stealth-Genres. Aus der Third-Person-Ansicht muss der Spieler sein Geschwister-Duo über Schlachtfelder und durch mondbeschienene Städte führen, dabei mit Wachen fertig werden und Rätsel lösen. Die Level sind dabei strikt linear aufgebaut, allerdings bleibt es einem frei gestellt, wie man mit den Gegnern verfährt. Die Hardliner unter uns ballern sich mit Amicias Steinschleuder durch die Gegnerreihen, deren Geschosse im Verlauf des Spiels alchemistische Upgrades erfahren. Die Sam Fisher-Fans dagegen können die Feinde auch umgehen. Allerdings muss man sagen, dass die KI von A Plague Tale bei Weitem nicht mit Splinter Cell mithalten kann, denn bei den Wachen handelt es sich oft um kurzsichtige und ignorante Soldaten mit spielerfreundlicher Bewegungsroutine. Mit Hugo an der Hand versteckt sich Amicia hinter Kisten oder Vegetation und wartet auf den einen Zeitpunkt im Bewegungsmuster, an dem die Wache ihnen den Rücken zuwendet. Amicia kann aber auch Krach machen und die Wache so für die genre-typischen zehn Sekunden des Kopfkratzens wegködern. Das alles sind Genrekonventionen, und dennoch ist das Schleichen spannend, denn Erwischtwerden bedeutet für Amicia den Tod.

Ratten… Ratten überall

Zum Glück bietet A Plague Tale noch mehr, als nur von Deckung zu Deckung zu huschen. Denn das, worauf das Spiel setzt, sind die Ratten: ein gefräßiger Schwarm mit roten Augen, der wie unter Druck stehendes Öl durch Erde und Mauerwerke hindurch bricht. Die Ratten vertilgen alles auf ihrem Weg und nur das Licht kann sie in Schach halten. Häufig sind Amicia und Hugo deswegen auf Fackeln angewiesen – während sich das wuselnde Meer aus Nagern um die Geschwister zusammenzieht, bietet allein der Feuerschein, der zitternd zu ihren Füßen kriecht, Schutz. Wo die Fackeln knapp sind, muss der Spieler seine Umgebung manipulieren, um heil durch das Dunkel zu kommen. Jedoch sind die Ratten nicht nur der Feind, sondern können mithilfe von Ködern auch dazu genutzt werden, um sich der Wachen zu entledigen. Damit steigen die Möglichkeiten des Spielers, wie er sich durch das lineare Level bewegt. Auf diese Weise bleibt das Gameplay frisch und abwechslungsreich. Auch der Koop-Modus, in den Amicia häufig mit Hugo tritt (wenn er z.B. voraus geschickt wird, um Türen zu öffnen), unterläuft Variationen, je nachdem, mit welchem der später auftretenden NPCs Amicia auf die Rue geht. Zum Ende hin gibt es sogar eine Reihe von Fähigkeiten und Rätselaspekten, die eine ganz neue (und sehr interessante) Seite der Rattenplage aufzeigen. Keine Zeit für Langeweile.

 

Fazit

Ich dachte echt, mein PC würde das Spiel nicht packen, weil meine Konfiguration irgendwo beim Minimum herumdümpelt. Ich hatte einen Heidenschiss vor den Massen an Ratten: „Der wird mir da abstürzen, ich seh’s schon kommen.“ Tatsächlich konnte ich A Plague Tale mit nur kaum merklichen Rucklern durchackern und selbst auf niedrigen Einstellungen schaut das Ganze doch sehr sehr hübsch aus. Cut-Scenes und Ingame-Grafik sind von derselben Qualität und gehen smooth ineinander über und durch die Tiefenschärfe wirkt das Spiel wie ein Film. Was mich allerdings stört (und deswegen bekommt’s keine volle Punktzahl), ist die fantastische Komponente der Geschichte (und hier greife ich das Ende auf). Dieses mystische Mysterium namens Prima Macula, das es schon sei Äonen gibt und alle Jahre wieder in einem Auserwählten auftaucht, und das natürlich einen eindimensionalen sakralen Oberguru auf den Plan ruft, der diese Macht für sich gewinnen will, hat mich als geschichtlicher Treibstoff im Hintergrund eher mäßig überzeugt. Ich hatte eigentlich mit einer geerdeten Geschichte über Rattenplage und Autoritarismus gerechnet. Stattdessen gibt‘s diese rattenkontrollierende Superpower – das Prequel zu Sharknado oder was? Spielerisch hat’s aber Spaß gemacht, daran kann ich nicht rütteln. A Plague Tale ist gut darin, eine Geschichte um zwei Geschwister zu weben, die umringt von Grauen und Tod ein Band der Liebe entwickeln. Es ist spielerisch abwechslungsreich, schaut dufte aus, hat einen tollen Soundtrack, ‘ne einnehmende Atmosphäre und ist berührend. Vielleicht fällt’s hier und da abgenutzten Genrekonventionen zum Opfer, trotz allem aber ist A Plague Tale sehr wohl eine Reise wert. …. aber was schwafel’ ich hier: Das Beste sind sowieso die Ratten.

© Focus Home Interactive

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Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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