What the Waters Left Behind: Scars

Ihr habt die Nase voll von immerzu denselben Backwood-Slashern, die alle gleich aussehen und kostengünstig ihre Protagonisten durch Wälder hetzen? Wieviel eine atemberaubende Kulisse in hochwertige Bilder verpackt doch ausmachen kann, stellte What the Waters Left Behind bereits 2017 unter Beweis. Die argentinische Ruinenstadt Epecuén, welche 1985 überflutet wurde, dient auch im Sequel What the Waters Left Behind: Scars als malerischer Schauplatz. Für die Fortsetzung saßen nicht mehr beide Onetti-Brüder auf dem Regiestuhl, sondern nur noch Nicolás Onetti, was der Kohärenz allerdings keinen Abbruch tut. Eine deutsche Veröffentlichung ist bislang noch nicht in Sicht, doch wir hatten die Gelegenheit, der deutschen Premiere auf dem Obscura Filmfest 2022 beizuwohnen. 

 

Nach einem stark besuchten Gig mitten in der Pampa und einer wilden Nacht, bleibt das Wohnmobil einer Indie-Rockband im Nirgendwo stecken. Die Situation ist angespannt: Bandintern gibt es Zoff und Mitglied Billy Bob (Matías Desiderio, Palermo Hollywood) wird seinem Ruf als schwarzes Schaf der Band gerecht, als er erst mit einem Groupie schläft und dann auch noch abhaut. Die restlichen Bandmitglieder Jane (Clara Kovacic, The 100 Candles Game) und Mark (Juan Pablo Bishel) sowie Manager Javi (Agustin Olcese, The Red Book Ritual) und Begleiterin Sophie (Eugenia Rigón, Abrakadabra) machen sich auf die Suche in den Ruinen von Epecuén. Bald stellen sie nicht nur fest, dass sie nicht alleine sind, sondern sich in akuter Gefahr befinden. Und dass man auch bei Groupies vorsichtig sein sollte.

Brillante Doku-Aufnahmen im Super 8-Stil

Originaltitel Los olvidados: Cicatrices
Jahr 2022
Land Argentinien
Genre Horror
Regie Nicolás Onetti
Cast Javi: Agustin Olcese
Mark: Juan Pablo Bishel
Jane: Clara Kovacic
Billy Bob: Matías Desiderio
Sophie: Eugenia Rigón
Carla: Magui Bravi
Tadeo: Mario Alarcón
Tito: David Michigan
Laufzeit 85 Minuten
FSK unbekannt
Titel im Programm des Obscura Filmfest 2022

Epecuén ist ein magischer Ort, den sich die Natur zurückerobert hat. Nicolás Onetti besitzt ein fabelhaftes Gespür dafür, den eigentlich gespenstischen und drögen Ort erneut in eine Augenweide zu verwandeln. Mit kräftigen Blau- und Orange-Tönen sowie massivem Filtereinsatz schafft er eine Farbsättigung, wie man sie von Bildbänden gewohnt ist. Viele Einstellungen würden sich an der heimischen Wand gut machen. Viele Kameraeinstellungen bringen seine Kompositionen wunderbar zum Ausdruck und vermitteln, welch durchdachte Bildsprache zum Einsatz kommt. Alleine schon der knallige Bus und die farbenfrohe Kleidung der Protagonist:innen schaffen starke Kontraste. Selbst Drohnenaufnahmen, die häufig im Horrorfilm einfach nur zum Einfangen der Stimmung dienen, liefern hier einen Mehrwert, indem sie das Auge erfassen lassen, wie wenig von der einstigen Stadt noch übrig geblieben ist und wie imposant der kreuzartige Aufbau ist. What the Waters Left Behind: Scars sieht wie sein Vorgänger einfach stark aus und setzt noch eine Schippe drauf. Für das Auge gibt es ungemein viel zu entdecken, was für einen Film dieses Genres schlichtweg ungewöhnlich ist.

Höheres Interesse an den Figuren

Wer What the Waters Left Behind bereits kennt, darf sich darauf einstellen, exakt das zu bekommen, was den Vorgänger schon auszeichnete. Mit dem Unterschied, dass ein paar Schwächen wie der fehlende Charakterunterbau reduziert wurden. Die Unterschiede sind sonst marginal: Eine Gruppe bleibt in Epecuén stecken, es folgen fantastische Erkundungsbilder, ehe eine Familie Wilder zuschlägt und sie gefangen nimmt. Was folgt, sind typische Torture Porn-Szenen wie sie im Buche stehen könnten, wobei Scars durchaus gewillt ist, auch einmal andere Dinge auszuprobieren anstatt Altbekanntes herunterzuspulen. Wer hat gesagt, dass sexuelle Nötigung im Torture Porn immer auf Kosten von Frauen stattfinden muss? Onetti weiß, was er zu liefern hat, ist aber stärker als im ersten Teil daran interessiert, etwas aus seinen Figuren zu machen. 2017 waren ihm seine Figuren noch herzlich egal, 2022 warten mehr Konflikte und Entwicklungen innerhalb der Hinterwäldlerfamilie auf das Publikum. Auch die Geschehnisse aus dem ersten Teil werden immer wieder aufgegriffen, wodurch sich Scars wirklich wie eine Fortsetzung und nicht wie ein Aufguss anfühlt. Störend wirkt auf der Erzählebene nur, dass die Konflikte innerhalb der Familie natürlich genau jetzt aus dem Ruder laufen, wo eine neue Gruppe Gefangener anwesend ist, was diesen in die Karten spielt. Trotzdem fängt sich die Handlung schnell wieder und hält ein bitterböses sowie überraschendes Ende bereit.

Fazit

What the Waters Left Behind: Scars ist eine stimmungsvolle Fortsetzung des ersten Teils und macht vieles sogar besser als dieser. Womit die Reihe weiterhin punktet, ist ihr einmaliges Szenario, gegen das alle Backwood-Slasher mit ihren man-sieht-den-Wald-vor-lauter-Bäumen-Kulissen einfach den Kürzeren ziehen. Die Torture Porn-Szenen enttäuschen Freunde des Genres nicht und gehen unter die Haut, während manche Konflikte zu dick aufgetragen wirken, um noch glaubhaft zu sein. Alles in allem erledigt Onetti im Alleingang einen soliden Job. Das hat die Wrong Turn-Reihe mit all ihren Fortsetzungen nicht besser hinbekommen. Wer mit dem ersten Teil nicht viel anfangen konnte, sollte dem zweiten bei Erscheinen trotzdem eine Chance geben.

© Black Mandala, Minerva Pictures

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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