Vice – Der zweite Mann

Lesezeit: 6 Minuten

Dem Publikum komplexe Themen erklären. Dieses Ziel hat sich Regisseur Adam McKay gesetzt. Schon seine an der Oberfläche albernen Komödien haben oftmals einen aufklärerischen Hintergrund. Mittlerweile hat sich McKay zu einem ernstzunehmenden politischen Regisseur gewandelt und mit The Big Short nicht nur einen Oscar für das beste Drehbuch gewonnen, sondern für viele erstmals verständlich die Finanzkrise erklärt. Sein neuer Film Vice – Der zweite Mann setzt sich nun mit der politischen Karriere Dick Cheneys auseinander, welcher als einflussreicher Vizepräsident unter George Bush einen zweifelhaften Ruf erlangte. Stellt sich nur die Frage, ob McKay erneut das Meisterstück gelingt, dem Publikum einen komplexen Sachverhalt zu vermitteln und gleichzeitig einen unterhaltsamen Film abzuliefern. Vice erschien am 28. Juni 2019 in Deutschland auf DVD und Blu-ray.

   

Wir schreiben das Jahr 1963. Dick Cheney (Christian Bale, The Prestige Die Meister Magie) fliegt von der Eliteuniversität Yale. Seine Noten sind miserabel, statt zu lernen hatte er die meiste Zeit mit Saufgelagen verbracht. Seine Frau Lynne (Amy Adams, Arrival) ist davon wenig begeistert. Sie stellt ihm ein Ultimatum: Entweder er macht etwas aus sich, oder sie wird ihn verlassen. Auf diese Weise motiviert, beginnt Cheney seine politische Karriere, zunächst als Laufbursche des republikanischen Abgeordneten Donald Rumsfeld (Steve Carell, The Big Short), der unter Gerald Ford bald zum Stabschef und schließlich zum Verteidigungsminister aufsteigt und mit ihm Cheney, der selbst bald zum Stabschef ernannt wird. Den vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere erreicht er, als ihn George Bush Senior zum Verteidigungsminister ernennt. Danach wechselt er in die Wirtschaft. Just als er denkt, seine politische Karriere wäre beendet, macht George W. Bush ihn zum Vizepräsidentschaftskandidaten und zieht mit ihm im Weißen Haus ein. Doch Cheney denkt nicht daran, sich darauf zu beschränken, eine eher repräsentative Rolle zu spielen, wie es eigentlich für Vizepräsidenten üblich ist. Geschickt baut er seinen Einfluss in der Bush Administration aus und wird zum wohl mächtigsten Vizepräsidenten in der Geschichte der USA. Als solcher nimmt er nicht nur entscheidenden Einfluss auf Bushs “Krieg gegen den Terror”, sondern wird auch zu einem der wichtigsten Initiatoren des Irakkrieges.

Der Gestaltwandler

Originaltitel Vice
Jahr 2018
Land USA
Genre Historie, Satire
Regisseur Adam McKay
Cast Dick Cheney: Christian Bale
Lynne Cheney: Amy Adams
Donald Rumsfeld: Steve Carell
George W. Bush: Sam Rockwell
Kurt: Jesse Plemons
Condoleezza Rice: LisaGay Hamilton
Colin Powell: Tyler Perry
Mary Cheney: Alison Pill
Liz Cheney: Lily Rabe
Scooter Libby: Justin Kirk
Laufzeit 134 Minuten
FSK

Schon vor seiner Premiere erhielt Vice große mediale Aufmerksamkeit. Dies war aber weniger dem Inhalt des Films, sondern dem Hauptdarsteller geschuldet. Christian Bale übernahm die Hauptrolle und erwies sich erneut als der große Verwandlungskünstler unter den Hollywood-Stars. Um den wesentlich dickeren und älteren Cheney zu spielen, legte er massiv an Gewicht zu und erhielt ein aufwendiges Make-up, sodass er fast nicht mehr wiederzuerkennen war. Man fragt sich aber, warum überhaupt ein solcher Aufwand betrieben wurde, anstatt einfach einen Schauspieler zu casten, welcher äußerlich Cheney tatsächlich ähnelt. Chevy Chase hätte hier die Rolle seines Lebens spielen können. Bale hingegen wirkt immer wieder wie in einem fremden Körper gefangen, spielt aber den verschlossenen, lauernden Machtpolitiker recht glaubhaft. Einen Kontrast hierzu bilden die Nebendarsteller. Steve Carell sieht dem jungen Donald Rumsfeld nicht nur erstaunlich ähnlich, sondern imitiert auch dessen Mimik meisterhaft. Dabei legt er eine Spielfreude an den Tag, die der Rolle teilweise parodistische Züge gibt, aber gerade dadurch für Erheiterung beim Publikum sorgen dürfte. Ebenfalls glänzt Sam Rockwell in seiner Rolle als George W. Bush. Dabei spielt er diesen nicht als Unsympath, sondern als liebenswerten Idioten, der im Amt gleichermaßen texanische Lässigkeit, sowie absolute Unfähigkeit an den Tag legt.

Fakten

Letztendlich ist aber für die Qualität eines Historienfilms die Faktentreue von entscheidender Bedeutung. Keine leichte Aufgabe, wenn man ein selbst unter Experten hoch umstrittenes Thema bearbeitet. Durch eine Schrifteinblendung gleich zu Beginn geben die Filmemacher zu, dass es in vielen Fällen nahezu unmöglich sei, die Fakten zu klären, man habe sich aber „scheiss [sic!] Mühe gegeben“. Und tatsächlich wirkt der Film bis in die Details sorgfältig recherchiert, wenn man von einigen Überspitzungen und Verkürzungen absieht. So wird glücklicherweise dem Zuschauer nicht vermittelt, der Irakkrieg sei für die Interessen der amerikanischen Ölindustrie geführt worden, dies gilt nämlich weitestgehend als widerlegt. Auch die Behauptung, die Beweise für irakische Massenvernichtungswaffen seien bewusst von der US-Regierung gefälscht worden, wird von McKay nicht aufgegriffen. Selbst zur Ehrenrettung Colin Powells leistet der Film einen kleinen Beitrag. Entsprechend des aktuellen Forschungsstandes wird der Krieg darauf zurückgeführt, dass Cheney vor allem eine Machtdemonstration anstrebte, die sich den Amerikanern verständlich verkaufen ließ. Im Gegensatz zum geheimen al-Quaida Netzwerk war der Irak ein greifbarer und dabei leicht zu besiegender Feind.

Kompromiss statt Wahrheit

Allerdings fehlte es Vice leider an Mut, um einige der längst widerlegten aber immer noch populären Theorien der Bush-Kritiker direkt anzugreifen. So werden Haliburton und die irakischen Ölquellen gleich mehrmals erwähnt und eine Verbindung zur Irak-Politik zumindest angedeutet. Damit vermeidet McKay zwar, sein Publikum vor den Kopf zu stoßen, verpasst aber dadurch die Chance, die Dynamik aus Selbsttäuschung und Alarmismus anschaulich zu rekonstruieren, welche das Handeln der Bush-Administration bestimmte. Damit verfehlt der Film, zumindest in Teilen, das selbstgesetzte Ziel, das Publikum aufzuklären. So gewinnt der Zuschauer nicht wirklich ein Verständnis für die politischen Vorgänge dieser Zeit und bekommt stattdessen den Eindruck, dass hinter allem der diabolisch agierende Vizepräsident stecke. Dessen Motivation bleibt dabei aber erstaunlich undeutlich. McKay scheint unschlüssig, wie er Cheney charakterisieren soll: Als durch familiäre Umstände angetriebene tragische Figur, als skrupellosen Machtpolitiker, oder als Marionette der der Wirtschaftselite.

Das Wichtigste nur am Rande

Diese Problematik wird durch eine unausgewogene Erzählstruktur noch verschärft. Zwar wird Cheneys Leben größtenteils chronologisch abgearbeitet, wenn man von einigen Vorausblenden absieht, doch werden zahlreiche Szenen durch einen radikalen Schnitt abgebrochen, sodass immer wieder Erzählstränge im Nichts enden. Kurios ist auch, dass die titelgebende Vizepräsidentschaft im 134 Minuten langen Film gerade einmal 40 Minuten einnimmt. So wird die Bush-Ära übereilt abgehandelt und endet abrupt mit Barack Obamas Amtseid, während Cheneys junge Jahre, der Wahlkampf seiner Tochter oder seine Herztransplantation erstaunlich viel Raum einnehmen. Eine Konzentration aufs Wesentliche hätte hier gutgetan.

Die Schaffung von Trumps Amerika

Jedoch lenkt der Film erfreulicherweise den Blick auf Aspekte, die man so nicht erwartet hätte. So wird aufgezeigt, dass Cheney an zahlreichen neoliberalen Reformen maßgeblich beteiligt war und mithalf, Steuern für Superreiche abzubauen, die Wirtschaft zu deregulieren und eine zunehmende Verflechtung von Politik und Wirtschaft vorantrieb. Dabei wird uns gezeigt, wie geschickt dafür die öffentliche Meinung manipuliert wurde, zum Beispiel durch die Gründung von Fox-News. Dabei wird thematisiert, wie durch einseitige Berichterstattung die amerikanische Gesellschaft radikal gespalten wurde. Hierdurch gewinnt Vice ein hohes Maß an Aktualität.

Folter zum Nachtisch

Darüber hinaus glänzt McKay erneut mit eigenwilligen Stilmitteln. So werden Pläne zu juristischen Legitimation der Folter als Menü von einem Kellner präsentiert. Figuren durchbrechen plötzlich die dritte Wand und mitten im Film wird der Zuschauer plötzlich von einem Abspann überrascht. Der Regisseur erweist sich somit erneut als Meister im Spiel mit verschiedenen Realitätsebenen und lotet dabei die Grenzen des Spielfilms aus. In einer finalen Szenen inszeniert er eine Diskussion zwischen Durchschnittsamerikanern über den gerade gesehenen Film. Während der Streit zwischen einem Gegner und einem Anhänger Trumps rasch zu einer Prügelei eskaliert, meint eine Frau nur: „Ich freu mich voll auf den neuen Fast & Furious-Teil. Sieht so geil aus.“

Fazit

Somit gelingt es Vice – Der zweite Mann zwar, der aktuellen amerikanischen Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten und ein Stück weit zu erklären, warum die USA heute so sind wie sie sind. Er funktioniert als gleichermaßen erhellende und erheiternde Tour de Force durch die jüngere amerikanische Geschichte. Doch die zu Beginn angekündigte tiefgreifende Analyse der Bush-Ära scheitert. Dazu wendet der Film zu wenig Zeit für das Thema auf und lässt auch den Mut vermissen, mit tradierten Erklärungsmustern endgültig zu brechen. Letztendlich bleibt Cheneys Motivation genauso wage, wie die Beweggründe der ganzen Bush-Regierung. McKay weiß nicht, seine Figuren eindeutig zu positionieren im Spannungsfeld zwischen Ideologie, Eigennutz und Dummheit. Dies mag zwar der Komplexität des Stoffes geschuldet sein, doch bleibt der Zuschauer am Schluss etwas ratlos zurück.

 

© Universum Film

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Timo Beyer

Mit Timo Beyer haben wir einen waschechten Historiker in unserer Redaktion, der sich nicht nur mit großer Begeisterung auf jeden Historienfilm stürzt, sondern auch für das klassische Hollywood-Kino brennt. Sein Lieblingsgenre sind Western verschiedenster Couleur, von John Wayne bis Clint Eastwood. Seine Film- und Buchsammlung platzt aus allen Nähten, weshalb er immer auf der Suche nach neuem Stauraum ist.

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