The German Doctor

Heikle Pubertät unter heiklen Umständen: das scheint Lucía Puenzos Steckenpferd zu sein. So erzählt sie in XXY (2007) die Coming-of-Age-Story eines intersexuellen Mädchens und in Das Fischkind (2009) von dem Erwachen lesbischer Liebe unter dem Schatten eines missbräuchlichen Vaters. Beide Filme handeln von Mädchen, die unter außergewöhnlichen Umständen ihre eigene Identität entdecken. Auch The German Doctor beschreitet diesen Pfad und porträtiert die kleinwüchsige Lilith, die im Argentinien der 60er Jahre auf einen der berüchtigtsten Kriegsverbrecher des 20. Jahrhunderts trifft: Josef Mengele.

 

The German Doctor basiert auf Lucía Puenzos eigenem Roman Wakolda. Die Geschichte spielt im Argentinien der 60er Jahre zu einer Zeit, in der nur wenige historische Belege über Mengeles Aktivitäten vorliegen. In diesem historischen Rahmen entwickelt Puenzo eine Vorstellung davon, was passiert wäre, wenn sich Mengele dazu entschlossen hätte, seine Experimente im Exil fortzuführen. Eine argentinische Familie trifft auf den reisenden Arzt Helmut Gregor (Àlex Brendemühl, Petra) und bietet ihm einen Platz in ihrer Pension in Bariloche an. Helmut schließt schnell Freundschaft mit der 12-jährigen Tochter Lilith (Florencia Bado) und macht sich auch anderweitig in der Familie unverzichtbar, indem er der Mutter Eva (Natalia Oreiro, I’m Gilda) Hilfe bei ihrer anstehenden Zwillingsgeburt und dem Vater Enzo (Diego Peretti, The Night My Mother Killed My Father) Geld für dessen Puppenproduktion anbietet. Lilith selbst stellt er in Aussicht, etwas gegen ihre Kleinwüchsigkeit tun zu können. Jedoch ahnt Lilith nicht, dass es sich bei ihrem neuen Freund um den Todesengel von Ausschwitz handelt. Nur Nora (Elena Roger, Evita) die Bibliothekarin an Liliths Schule, erkennt ihn aufgrund ihres eigenen KZ-Traumas. Als Mossad-Agentin versucht sie, Liliths Familie von ihrem Dämon zu befreien und Mengele zu enttarnen.

Fokus auf Lilith

Originaltitel Wakolda
Jahr 2013
Land Argentinien
Genre Drama, Historie
Regie Lucía Puenzo
Cast Helmut Gregor/Josef Mengele: Àlex Brendemühl
Lilith: Florencia Bado
Enzo: Diego Peretti
Eva: Natalia Oreiro
Nora Eldoc: Elena Roger
Laufzeit 94 Minuten
FSK unbekannt
Bislang keine Veröffentlichung geplant

Während die Romanvorlage Wakolda vor allem aus der Sicht von Josef Mengele geschrieben ist, einem Fanatiker, für den die ganze Welt ein einziges Laboratorium darstellt, interessiert sich Puenzo in ihrer Verfilmung für das Mädchen – ganz Coming-of-Age halt. Wir erleben Lilith in ihrem alltäglichen Umfeld; sehen, wie sie beim Schulschwimmen von den Jungs wegen ihrer Kleinwüchsigkeit abschätzig taxiert wird oder mit fanatisch-naiven Nazi-Schülern aneinander gerät; können nachempfinden, warum sie sich unglücklich fühlt und ihrem neuen Freund Helmut deswegen umso leichter ins Netz geht. Die Figur von Lilith ist jedoch eines der Elemente, an dem man die Zahmheit der Verfilmung merkt: Man sieht ihr ihre Kleinwüchsigkeit nicht an. Wo in der Romanvorlage von einer absonderlichen “Ungestaltheit” ihres Körpers berichtet wird, dem eine geheimnisvolle, nur für Helmut sichtbare Harmonie zugrunde liegt, ist Lilith in The German Doctor ein einfaches und hübsches Mädchen. Das nimmt dem Film eine besondere Würze.

“Mum, dieser charmante Nazi-Flüchtling hat ein Auge auf mich geworfen.”

Àlex Brendemühl fängt mit seinen blauen Augen und dem schicken Oberlippenbart den Charme von Puenzos Helmut (bzw. im Roman heißt er José) auf großartige Weise ein. Er stellt den Nazi dar, so, wie er war: ein komplexer, perverser Psychopath, dessen Schauspielkunst jenseits von Gut und Böse lag und der von allen Leuten, die ihn kannten, als überaus charmanter Mitbürger beschrieben wurde. Auf diese Weise ist es den Nazis gelungen, sich für Dekaden vor ihren Verfolgern zu verstecken. Überall auf der Welt lebten sie unbehelligt wie Schläferzellen, die auf ihre große Rückkehr warteten. Vor allem der Ort Bariloche galt als Unterschlupf für Kriegsverbrecher, was Puenzo in The German Doctor aufgreift und widerspiegelt. Generell wird Bariloche mehr Screentime eingeräumt. Ein Umstand, der das Kammerspiel-Gefühl aus der Romanvorlage aufbricht.

Kammerspiel adé

Dem Medium ist es geschuldet, dass wir nicht allzu viel von Helmuts (oder Liliths) Innenleben mitbekommen. Wir erfahren keinen seiner “naturnahen” und analytisch-abstoßenden Gedankengänge; wissen nicht, was genau ihn zu Lilith treibt und was er in ihr sieht. Das ist der zweite große Punkt, an dem die Verfilmung zu zahm geraten ist und der Geschichte ein Stück ihrer befremdlichen Faszination raubt. Eine wichtige Szene im Buch ist die Fahrt zu einem zerstörten Bunker, während der sich die Beziehung zwischen Lilith und Helmut endgültig verändert und wir von seiner empfundenen Tragik erfahren. Im Film werden sie in dieser Szene von einem Deutschen begleitet, quasi einem dritten, störenden Rad am Wagen. Das Verschieben der Dynamik zwischen Lilith und Helmut findet nicht statt und die Gedanken, die ursprünglich Helmut gehörten, werden von dem störenden, dritten Rad ausgesprochen. Das Innenleben der zwei Hauptfiguren bleibt im Film damit leider etwas auf der Strecke.

Spionage-Film olé

Den titelgebenden Arzt einmal beiseite genommen, gibt es in The German Doctor noch einen weiteren Charakter, der real existiert hat: Nora Eldoc, die Mossad-Agentin. In der Realität war sie eine Angestellte der damaligen Israel-Mission in Köln. Dass sie nach Bariloche flog, weil sie Mengele auf den Fersen war, war ein Gerücht, das sich hartnäckig hielt. Leider ging ihre Mission nicht gut aus. In The German Doctor ist Nora Eldoc eine Ausschwitz-Überlebende, die in Bariloche bereits stationiert ist, als sie ein zweites Mal auf ihren alten Peiniger trifft. Anders als im Buch, geschieht die Einführung von Nora im Film schon relativ früh. Eine gute Sache, da ihre Figur in der Vorlage durch ihren späten Auftritt wie “dran gepappt” wirkt. Das macht aus The German Doctor auch ein kleines bisschen einen Spionage-Film – Mossad vs. Mengele. Das ist vermutlich der Ausgleich, den Puenzo schaffen musste, um das fehlende Kammerspiel zwischen Lilith und Mengele inkl. Introspektionen aufzuwiegen.

Fazit

The German Doctor ist ein sehr interessanter Beitrag für alle Genrefilm-Fans. Ein Mädchen, das denkt, in Mengele ihren neuen besten Lieblingsfreund gefunden zu haben; das gab’s so auch noch nie. Wer das Buch kennt, der wird die Einsicht in Mengeles und Liliths Gedanken vermutlich sehr vermissen und den Film daher nicht ganz so spannend und aufwühlend finden. Trotzdem freue ich mich über diesen Film, seinen Stil und die Kunstfertigkeit, mit der Puenzo an die Thematik heran gegangen ist – zeigt es doch, dass nicht alles Nazi-Zeug auf dem Filmmarkt übelster Trash sein muss (ja, ich meine dich, The Angel of Ausschwitz).

© Pyramide International

Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit bevorzugt Indie-Games, Taktik-Shooter oder ganz was anderes und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der 24/7 Music-Stream von Cryo Chamber auf YouTube.

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