May, die dritte Frau

Das Konzept der Kindheit und Jugend war nicht immer so, wie wir es kennen: Im vietnamesischen Drama May, die dritte Frau wird ein erst 14-jähriges Mädchen die dritte Frau eines reichen Grundbesitzers und muss fortan ihre Rolle in der Familie finden. Der im 19. Jahrhundert angesiedelte Film feierte seine Weltpremiere am 7. September 2018 auf dem Toronto International Film Festival und konnte dort einige Preise einheimsen. Ab dem 10. Juni 2021 wird das historische Drama von Regisseurin Ash Mayfair auch in den deutschen Kinos zu sehen sein.

 

Vietnam im 19. Jahrhundert: Die 14-jährige May (Nguyen Phuong Tra My) reist in einem Boot zu ihrem künftigen Ehemann Hung (Le Vu Long), den sie zuvor noch nie getroffen hat. May wird seine dritte Ehefrau und wird von Ha (Tran Nu Yen Khe, I Come with the Rain) und Xuan (Mai Thu Huong, Battle Of The Brides 2) seinen beiden ersten Ehefrauen, herzlich aufgenommen. Fortan wird May auf der Seidenplantage ihres Mannes leben und die Traditionen und Regeln der Familie kennenlernen. Doch nur wer dem Mann einen Sohn gebärt, gilt als richtige Hausherrin – etwas, das der zweiten Frau Xuan noch nicht gelungen ist. Als May schwanger wird, betet sie dementsprechend für einen Jungen. Doch keiner weiß, dass die Struktur der Familie schon längst ins Wanken geraten ist …

Die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts

Originaltitel Nguoi Vo Ba
Jahr 2018
Land Vietnam
Genre Drama
Regie Ash Mayfair
Cast May: Nguyen Phuong Tra My
Ha: Tran Nu Yen Khe
Lao: Nhu Quynh Nguyen
Xuan: Mai Thu Huong
Hung: Le Vu Long
Son: Nguyen Thanh Tam
Lien: Lam Thanh My
Nahn: Mai Cat Vi
Cu Ba: Nguyen Hong Chuong
Laufzeit 94 Minuten
FSK
Ab 10. Juni 2021 im Kino

Die Grundprämisse von May, die dritte Frau ist natürlich keinesfalls leicht. Es ist befremdlich und schockierend, ein so junges Mädchen zu sehen, das verheiratet und bald darauf auch schwanger wird. Dieser Umstand wird allerdings mit einer kühlen Normalität dargestellt, da es im Vietnam des 19. Jahrhunderts schlichtweg als akzeptabel und wünschenswert galt, ein Mädchen früh zu verheiraten. Auch die unterschiedlichen Werte, die Jungen und Mädchen zugewiesen werden, sind in jeder Szene zu spüren. So wird Hungs Sohn Son (Nguyen Thanh Tam) stark bevorzugt, denn während er große Wünsche wie ein weiteres Pferd äußern kann, bleiben für seine jüngeren Schwestern nicht einmal neue Kleider. Tatsächlich ist eine der Schwestern kaum jünger als May (und wird, wie man anhand der Dialoge erfährt, ebenfalls bald verheiratet), was besonders an den Szenen deutlich wird, in denen sie zusammen herumalbern. Allgemein wird May sehr vielseitig dargestellt, in einigen Szenen merkt man, dass sie noch sehr jung und naiv ist, in anderen baut sie geradezu ein Selbstbewusstsein auf. Zum Beispiel, wenn sie ihren Mann Hung in der Nacht abweist. May erhofft sich mit der Geburt eines Sohnes dabei schnell im Status und in der Position innerhalb der Familie zu verbessern.

Ein Film der leisen Zwischentöne

Die Auswirkungen der patriarchalen und von strikten Traditionen geprägten Gesellschaft werden anhand der Charaktere und verschiedener Handlungsstränge mehr als deutlich, ohne aber zu sehr belehrend zu wirken. So möchte Son keinesfalls eine arrangierte Ehe eingehen und leidet darunter sehr – ganz besonders, als er am Tage seiner Hochzeitsnacht sieht, dass seine Braut noch ein junges Mädchen ist. Liebe ist in der Zeit des Filmes schlicht kein Thema, Ehen sind arrangierte Zweckgemeinschaften und wer unehelichen Sex hat, wird hart bestraft. Auch May, die ihren Platz in der Familie sucht und sich letzten Endes in ihre Mit-Frau Xuan verliebt, kann diese Zuneigung natürlich nicht ausleben. Tatsächlich lebt der Film somit eher von leisen Zwischentönen und nur wer sich wirklich auf die Handlung und die Charaktere konzentriert, wird den Film in voller Wirkung erleben können. Die eigentliche Handlung zeigt nämlich ausschließlich Mays Alltag auf der Seidenplantage von ihrer Hochzeit bis zu ihrem Leben als Mutter nach der Geburt ihres Kindes. Die meisten Szenen erlebt man dadurch quasi durch ihre Augen, wozu auch solche gehören, die Zuschauer*innen zum Schlucken bringen werden – und die Konsequenzen der so stark von Traditionen geprägten Gesellschaft noch einmal auf eine andere Weise eindringlich machen.

Wenig Dialog, viel Mimik

May, die dritte Frau ist ein sehr dialogarmer Film. Stattdessen wird vieles über Mimik, Bildsprache und Gestiken ausgedrückt. Diese Bilder sind absolut wunderschön und die Kulisse strahlt Authentizität und den wahrhaftigen Zeitgeist des historischen Viatnam aus. Auch auf die Kostüme und dargestellte Traditionen wird Wert gelegt, sodass sich der Film wirklich wie ein Ausflug in eine andere Zeit und Kultur anfühlt. Visuell bietet das Historiendrama viele Berglandschaften, freie Natur und sinnlich inszenierte, intime Momente, die den Film fast mehr wie ein Kunstwerk erscheinen lassen. Somit präsentiert sich der vietnamesische Film als ein ästhetisch sehr ansehnliches und von Symbolik nur so aufgeladenes Erlebnis (ein Beispiel hierfür sind die Seidenraupen, die in einigen Momenten auftauchen und symbolisch auch als den Fortschritt von Mays Schwangerschaft und Lebensweg interpretiert werden können). Hektische Szenenwechsel gibt es hingegen nicht, denn der gesamte Film versprüht eine leichte, ruhige Atmosphäre. Dennoch gibt es durch die Grundthematik natürlich auch schmerzhafte, schockierende Momente, doch auch an liebevollen Szenen wird nicht gespart. Man merkt in jeder Szene, dass sich die Beteiligten viele Gedanken gemacht haben, wie die Darstellung dieser am besten erfolgen soll. Schade ist jedoch, dass man weder über May noch über die anderen Charaktere besonders viel erfährt. So bleibt Mays eigener familiärer Hintergrund ein Geheimnis, was zwar betont, dass Mays Geschichte nur eine von vielen ist, aber eben auch verhindert, den Charakteren selbst mehr Tiefe zu verleihen.

Ein besonderer Film für die Regisseurin

Regisseurin Ash Mayfair feiert mit May, die dritte Frau ihr Spielfilm-Debüt. Zuvor hat sie allerdings bereits diverse Kurzfilme produziert. In ihrem Film verarbeitet sie dabei die Erfahrungen ihrer eigenen Vorfahren, die häufig selbst als junge Mädchen arrangierte Ehen eingingen und oft nicht die einzige Frau ihres Mannes blieben. Die Darstellung dieser heiklen und für sie somit auch persönlichen Thematik wirkt ausgesprochen behutsam. Mayfair stellt ihre junge Protagonistin May nicht einfach als Opfer der Verhältnisse dar, sondern lässt sie ihre eigene Identität, Sexualität und Rolle entdecken. May wird mit Nguyen Phuong Tra My von einer Schauspielerin verkörpert, die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten selbst erst 13 Jahre alt war und aus 900 Bewerberinnen ausgewählt wurde. Sexuelle Szenen sind nicht explizit, sondern es wird mehr Wert auf die Mimik gelegt, was angesichts des jungen Alters der Darstellerin auch nur angebracht ist. Insbesondere in Viatnam eher unüblich ist die Tatsache, dass die meisten Beteiligten hinter der Kamera weiblich sind, was sich bei einen Film, der sich um die (damalige und in manchen Ländern leider auch noch heutige) Lebensrealität junger Mädchen und Frauen dreht, nur richtig anfühlt.

Fazit

May, die dritte Frau ist als feinfühliges, aber eben auch sehr wortkarges und sinnliches Drama definitiv nichts für jeden. Man muss die künstlerische, leise Art des Films durchaus mögen, doch wer sich darauf einlassen kann, wird mit einem authentischen Einblick in das traditionelle Viatnam sowie wunderschönen Kulissen belohnt. Nicht nur May, sondern auch die anderen Charaktere, die sie umgeben, werden vielseitig dargestellt und berühren mit ihrem Schicksal. Persönlich hätte ich mir dennoch gewünscht, mehr über die Hintergründe und Gedanken von May und den anderen Figuren zu erfahren. Das ändert aber nichts daran, dass der Film visuell beeindruckt, mit Authentizität glänzt und absolut zum Nachdenken anregt. Wer nichts gegen das ruhige, eher visuelle Kino hat, sollte dem Film definitiv eine Chance geben und sich selbst überzeugen.

© jip Film & Verleih

Ayla

Ayla ist Schülerin und beschäftigt sich hobbymäßig mit allen möglichen Medien, ohne dabei Beschränkungen zu kennen. Dennoch ist sie vor allem ein Serien- & Game-Junkie und liebt besonders actionreiche und dramatische Inhalte, wobei sie gleichzeitig für viele kindliche Themen zu haben ist, weshalb sie weiterhin großer Disney-Fan ist. Abseits ihrer Leidenschaft des Sammelns ihrer Lieblingsmedien schreibt Ayla gerne selbst Geschichten oder zeichnet Bilder, um sich so zu entspannen.

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