Bloody Hell

Man stelle sich vor, man erwacht in einem fremden Land, irgendwo in einem unbekannten Keller, gefesselt und zudem mit einem Bein weniger. Eine klare, aber grausame Prämisse, der Alister Grierson (Sanctum) mit seinem Film Bloody Hell Rechnung trägt, interessanterweise aber nicht als Survival-Thriller, sondern als splatterige Komödie aufgezogen. Wobei: So richtig einordnen lässt sich die Produktion einfach nicht, denn die temporeiche Erzählung erweist sich als ausgeklügelter Balance-Akt zwischen Spannung und Humor, dafür aber immer top in Szene gesetzt. Das Fantasy Filmfest 2020 erkannte diese besonderen Qualitäten und erkor Bloody Hell zu seinem Abschlussfilm, die zugleich auch Weltpremiere war.

   

Ein Banküberfall brachte den Ex-Militär Rex (Ben O’Toole, Hacksaw Ridge) acht Jahre ins Gefängnis. Nicht, dass er den Überfall beging – er brachte die Täter auf brachiale Weise zur Strecke. Selbst jetzt ist die Presse noch immer an ihm interessiert und verfolgt ihn auf Schritt und Tritt. Um dem Rummel um seine Person zu entgehen, bucht Rex einen Trip nach Finnland. Unwissentlich, dass er dort bereits erwartet wird. Ehe er sich versieht, erwacht er in einem dunklen Keller und an den Armen aufgehängt. Als wäre das schon alles, kommt es noch viel schlimmer: Ihm fehlt ein Bein. Nun ist guter Rat teuer. Doch seine innere Stimme (ebenfalls von Ben O’Toole gespielt) steht ihm zur Seite.

Ich und ich

Originaltitel Bloody Hell
Jahr 2020
Land Australien / USA
Genre Horror-Thriller, Komödie
Regie Alister Grierson
Cast Rex: Ben O’Toole
Alia: Meg Fraser
Mutter: Caroline Craig
Vater: Matthew Sunderland
Gael / Gideon: Travis Jeffery
Onkel: Jack Finsterer
Laufzeit 95 Minuten
FSK unbekannt
Keine Veröffentlichung bekannt

Grierson ist sich der Dünne der Handlung bewusst: Mit dem Plot ist das Wichtigste auch schon gesagt und viel darüber hinaus kann Robert Benjamins Drehbuch von Bloody Hell nicht anbieten. Das ist nicht weiter dramatisch, da der Schwerpunkt insbesondere auf Ben O’Toole liegt, dessen Protagonist eine leichte Form der Schizophrenie aufweist: Während Rex nach außen hin völlig entspannt und in sich gekehrt wirkt, explodiert er innerlich, was von seinem Alter Ego entsprechend dargestellt wird. Eine Projektion seiner selbst, die immer neben ihm steht und großmäulig in bester “Ich habe es doch gleich gesagt!”-Attitüde kommentiert. Nur Rex kann seine andere Hälfte sehen und mit ihr sprechen, was auf Außenstehende wiederum verwirrend wirken mag. Für Zuschauer ergibt sich daraus ein entscheidender Vorteil: Die Dialoge werden durch Tempo und Slapstick aufgeladen, denn einig sind sich Rex’ gegenteilige Seiten selten. Grierson zitiert an dieser Stelle Stephen Kings Misery, was eine zutreffende Referenz darstellt. Diese Technik der Darsteller-Verdoppelung wird mit dem Matthias Schweighöfer-Look-alike Travis Jeffery ebenfalls durchgeführt, der in der Doppelrolle der psychopathischen Zwillinge Gael und Gideon zu sehen ist.

Markanter Antiheld

Die Prämisse steht also: Rex wurde gekidnapped und jetzt gilt es nur noch herauszufinden, von wem, weshalb und wie er wieder aus diesem Haus kommt. Damit das nicht völlig linear zu schnell verläuft, bremst sich der Regisseur immer wieder selbst aus. In Retroperspektiven wird erzählt, wie Rex der Mensch wurde, der er heute ist, und auch eine (leider überflüssige) Romanze kommt zum Tragen. Erfreulicherweise fängt sich die Erzählung trotz diverser Schlenker am Ende wieder und geht nicht denselben Weg, den Texas Chainsaw Massacre und andere vergleichbare Titel schon mehrfach gegangen sind. Trotzdem lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die Handlung zeitweise ziemlich ins Stocken gerät und sich lieber mit Slapstick-Einlagen aufhält. Im letzten Drittel fängt sich das Tempo aber nochmals und prescht mit einigen Gewalteinlagen deutlich vor. Diese Geradlinigkeit, die sich auch in Prämisse und klassischer Aufteilung zwischen Gut und Böse wiederfinden lässt, steht dem Film unheimlich gut. Rex ist einer dieser Helden, die das Action-Kino längst verloren glaubte. Ohne dass wir viel Action zu sehen bekommen.

Willkommen in Hel(l)sinki

In seinen Grundzügen lässt sich Bloody Hell als Backwood-Slasher einordnen: Tourist endet gefangen bei Einheimischen. Nur dass der Film dieses Touristenefühl vollkommen außer Acht lässt (die Handlung startet direkt im Keller) und stärker auf die sprachlichen Hürden eingeht. Die Amerikaner und die Finnen sind nun mal zwei verschiedene Völker und das wird auch erst einmal thematisiert. In welchem Land Rex allerdings gelandet ist, spielt keine große Rolle. Die Familie, in deren Keller er sich befindet, könnte von überall her sein, und so scheint die Einbettung des finnischen Loituma-Hits “Levas Polska” auch schon der größte nationale Bezug zu sein.

Fazit

Die Handlung mag auf einen Bierdeckel passen, doch Inszenierung, Charakterisierung und Tempo sorgen in Bloody Hell für mächtig viel Laune. Der Film bringt einige erstaunliche Ideen mit und sorgt mit der Darstellung seiner bipolaren Hauptfigur für kreativen Output, den man auf diese Weise auch nicht allzu häufig sieht. Die ungewöhnliche Mischung aus Satire und Backwood-Slasher fühlt sich erstaunlich erfrischend an und die Zeit wird trotz (oder gerade aufgrund) der vielen Tagträume, Rückblenden und imaginären Dialoge clever genutzt, um durchgehend gut zu unterhalten. Bloody Hell erweist sich als positive Überraschung, wenn man das Gefühl hat, alles schon einmal gesehen zu haben.

© Arclight Films

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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