Spy Island – Ein Bermudadreiecksmysterium

Passen coole Spione, echte Meerjungfrauen, schlafende Kraken und andere Mysterien überhaupt in eine Geschichte? Wenn diese sich im Bermudadreieck abspielt, dann lautet die Antwort “Na Klar!”, denn dort ist alles möglich. So zumindest dachte sich das wohl Autorin Chelsea Cain und schickt ihre Top-Agentin Nora Freud auf eine kleine Insel am Rande des Bermudadreiecks, wo sich Spione aus aller Herren Länder tummeln. Und Meerjungfrauen. Und Touristen. Und Probleme. Die im Dezember 2021 im Splitter Verlag erschienene Graphic Novel Spy Island – Ein Bermudadreiecksmysterium schildert auf amüsante Weise eine schräge Geschichte, die fast schon wieder wahr sein könnte. Mit einer Agentin wie aus dem Lehrbuch.

 

Nora Freud ist eine waschechte Spionin. Und sie ist gut in ihrem Job. Die Beste. Deswegen befindet sie sich in der Gesellschaft anderer Top-Spione auf einer kleinen, namenlosen Insel irgendwo am Rande des Bermudadreiecks, um das Chaotische, Absurde und Außergewöhnliche, was in diesem Gebiet zu Hause ist, von den Grenzen fernzuhalten. Die Welt ist auch ohne Alien-Zeitbanditen, Raum-Zeit-Risse oder Nazi-U-Boot-Geisterkapitäne schon ein irrer Ort. Doch der zunehmende Tourismus und langweilige Spendengalas machen ihr das Leben nicht gerade angenehmer, zumal sich mittlerweile ein leichter Verdruss über ihre Arbeit eingestellt hat, dem sie zu entfliehen versucht. Als die Probleme mit den Meerjungfrauen zunehmen, reist Noras Schwester Connie an, eine Meereskryptozoologin, um sich die Sache genauer anzusehen. Und Ereignisse aus Noras Vergangenheit werfen ihren Schatten über Spy Island.

Mein Name ist Freud, Nora Freud

Originaltitel Spy Island – a Bermuda Triangle Mystery
Jahr 2021
Land USA
Genre Krimi, Fantasy, Mystery
Autorin Chelsea Cain
Zeichnungen Elise McCall, Lia Miternique, Rachelle Rosenberg, Joe Caramagna
Verlag Splitter
Veröffentlichung: 15. Dezember 2021

Es dauert nicht lange, um zu erkennen, dass Nora Freud ein weibliches Abbild des Superspions James Bond darstellt. Sie ist die beste Spionin weit und breit, geht ihrer Arbeit präzise nach, ohne Abkürzungen oder Umwege zu machen, denn Schlamperei kann sie auf dem Gebiet nicht leiden. Emotionen sucht man bei ihr vergebens, weder bei ihrer Arbeit noch im Umgang mit ihrem Lover oder ihrer Schwester. Sie wirkt cool, abgeklärt, beherrscht – das perfekte Abziehbild einer Spionin. Doch auch die anderen Charaktere weisen eher stereotype Eigenschaften auf. Harry Fauntleroy, dem britischen Geheimdienst MI6 zugehörig, schleppt seine weiblichen Opfer reihenweise ab und verpasst ihnen eine Wanze, um sie abzuhören. Natürlich trägt er eine Unterhose im Union Jack-Design. Zwischen ihm und Nora scheint es keine Gefühle zu geben, ihr Sex funktioniert in beiderseitigem Einverständnis als Ablenkung zu ihrem tristen Alltag. Alles bleibt sehr oberflächlich und wirkt belanglos.

Urlaub auf eigene Gefahr

Wer einen Urlaub auf Spy Island bucht, den erwarten Abenteuer jenseits der weichgespülten All-Inclusive-Resorts. Wo sonst kann man mit Meerjungfrauen schwimmen, Meerjungfrauenzähne am Strand sammeln und an der Zeremonie “Ruf des Kraken” teilhaben? Doch Touristen sind gut beraten, sich genau mit der umfangreichen Lektüre auseinanderzusetzen, die ihnen ausgehändigt wurde, und die Katastrophenübungen und Verhaltensvorschriften ernst zu nehmen. Sonst könnte der Kontakt zu Kraken und Meerjungfrauen doch etwas enger ausfallen als gewünscht und das Rückreiseticket verfällt. Gut wäre es auch, sich über die Meerjungfrauen des Bermudadreiecks im Vorfeld zu informieren, sonst ist die Enttäuschung vorprogrammiert. Die in den Bars in großen Aquarien schwimmenden, verkleideten Damen ähneln nicht unbedingt den echten Kreaturen aus dem Meer, welche annähernd wie eine Kreuzung aus Mensch und Hai wirken. Spontan entstehende Polonaisen dagegen schrecken eher die langfristig ansässigen Spione und nicht die feierwütigen Touristen ab.

Nicht nur eine Spionagegeschichte

Die Hauptgeschichte in Spy Island – Ein Bermudadreiecksmysterium handelt von Nora Freud, der Spionin, und ihrer Aufgabe, die Welt außerhalb des Bermudadreiecks sicherer zu gestalten, indem sie alles Mysteriöse daran hindert, auszubrechen. Im locker-lässigen Stil erzählt und gezeichnet sind die Bilder zum einen sparsam gestaltet, zum anderen sehr detailreich. Wenn zum Beispiel die Touristen das Schiff verlassen, dann lohnt sich ein zweiter und vielleicht auch dritter Blick auf die Szene. Wie in einem Wimmelbild gibt es einiges zu entdecken, was auf den ersten Blick gar nicht auffällt. Das gilt auch für die zwischendurch eingestreuten Hinweisschilder, Werbungen und Anleitungen. Kinder-Schwimmen mit Seeschlangen, speziellen Segeltouren (nur nicht für die Premium-Klasse) und Adoptionspapiere für Meerjungfrauen verstecken sich in den diversen Dokumenten und lassen manches Mal das Kopfkino anspringen. Zum Entspannen und für die gute Laune sind Cocktailrezepte mit so klingenden Namen wie Blue Lagoon und Pinker Organismus eingestreut, die sich leicht nachmixen lassen.

Kurzweiliger Lesespaß

Der Splitter Verlag ist bekannt für seine großartigen Hardcover-Bände, und Spy Island – Ein Bermudadreiecksmysterium fügt sich nahtlos in die Reihe von Bis zum bitteren EndeDune: Die Graphic Novel und anderen Werken ein. Es macht einfach Spaß, den Band in der Hand zu halten und darin zu blättern. Großzügige Seitenaufteilungen, ein amüsanter Mix an verschiedenen Gestaltungsstilen und eine kurzweilig erzählte Geschichte lassen keine Langeweile aufkommen. Autorin Chelsea Cain (Mockingbird, Man-Eaters) lässt mit leichter Hand eine bunte Geschichte aus der Feder laufen, die durch die abwechslungsreiche Gestaltung der einzelnen Seiten bereichert wird. Lesende haben die Wahl, ob sie sich auf die Hauptgeschichte konzentrieren wollen oder sich in das Studium von Fahndungsplakat, Flyern oder Dokumenten vertiefen, die immer wieder eingestreut sind. Oder zu überprüfen, ob die Cocktailrezepte etwas taugen …

Fazit

Spy Island – Ein Bermudadreiecksmysterium bietet kurzweiligen Lesespaß. Die liebevoll gestalteten Seiten laden zum Verweilen ein, wobei es immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt, was mit der Hauptgeschichte zu tun hat – oder auch nicht. Darin könnte ein kleines Problem liegen, denn die eigentliche Geschichte um Nora Freud geht in der Flut an eingestreutem Material etwas unter, was einen kontinuierlichen Lesefluss ziemlich stören kann. Wer sich andererseits Zeit nimmt und in Ruhe Seite um Seite studiert, oder den Band ein zweites oder drittes Mal zur Hand nimmt, dann mit einem anders ausgerichteten Fokus, der wird viel Vergnügen an der schrägen Geschichte haben.

© Splitter Verlag


Veröffentlichung: 15. Dezember 2022

 

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