My-Hime

Das Multimedia-Projekt My-HiME löste Mitte der 2000er einen kleinen Boom in Japan aus und brachte diverse Ableger mit sich. In Deutschland blieb die Serie aus dem Studio Sunrise (Cowboy Bebop) weitgehend unbeachtet und erschien 2007 mehr oder minder ohne große Aufmerksamkeit bei dem Label Beez Entertainment. Dabei ist die Serie nicht nur ein ausgeklügelter Genremix, sondern auch thematisch so vielseitig, dass sie ein größeres Publikum verdient. Praktisch, dass NipponArt sie im September 2018 innerhalb einer Collector’s Edition neu auflegte. Erstmals ist die zeitlose Serie auch auf Blu-ray erhältlich und das obendrein in einer schicken Gesamtausgabe.

    

Die Geschwister Mai und Takumi erhalten Stipendien um an der angesehenen Fuuka Akademie studieren zu können. Was sie nicht ahnen: Hier sind höhere Mächte im Spiel. Denn Mai ist eine sogenannte HIME, eine Kriegerin mit Highly Advanced Materialising Equipment. Sie ist eines von zwölf Mädchen, denen mächtige Waffen im Kampf gegen dämonische Kreaturen namens Orphans zur Verfügung stehen. Diesen Kampf bestreiten sie mithilfe eines Kampfroboters, bekannt als Child. Die Kriegerinnen verbindet zunächst wenig. Sie alle tragen ein Mal auf ihrem Körper und sehen einen kleinen roten Stern in der Nähe des Mondes. Doch jedes Mädchen verfolgt ganz eigene Ziele. Nicht wissend, dass sie Teil eines jahrhundertealten Spiels sind…

Auf den ersten Blick typische Rom-Com mit Fanservice, doch dann…

Die ersten Folgen der Serie erwecken zunächst den Eindruck einer romantisch angehauchten Komödie mit leichten Action-Elementen. Zugegeben: Das Schulszenario lässt auch kaum andere Möglichkeiten zu. Immer wieder drängt sich auch der hartnäckige Fanservice auf, der in Folge 4 seinen Höhepunkt findet. Zwar baut sich bereits ab der ersten Folge spürbar eine übergeordnete Handlung im Hintergrund auf, doch die spielt erst einmal keine große Rolle. Wichtiger ist da die Einführung des Casts. Das stellt eine große Herausforderung dar. Denn mit etwa 20 zentralen Charakteren (sowie weiteren Sidekicks) ist es zunächst einmal nicht ganz einfach, die Übersicht zu bewahren. Aus dem Grund muss sich der Zuschauer auch erst einmal durch diverse klischeehaft angelegte Events wie etwa einen Kochwettbewerb schleppen. Doch ist das erste Drittel erst einmal überstanden, beginnt sich ein Knoten zu lösen.

Sauber geplantes Skript mit Dramatik pur

Mit Folge 8 dreht sich urplötzlich die Perspektive des Zuschauers um 180 Grad und erst dann wird klar, worauf die Serie eigentlich hinaus möchte. Die langsam aufgebaute Handlung erntet erstmals die säuberlich aufgebaute Dramaturgie. Da die Serie inhaltlich in zwei Handlungsstränge geteilt ist, stellt Folge 15 das vorläufige Finale dar. Danach folgt My-HiME einem übergeordneten Plot mit einem Schuss Mythologie. Und der hat es in sich! Hier zaubert der Anime eine fesselnde Handlung aus dem Hut, die die bisherigen Ereignisse noch einmal weit in den Schatten stellt. Es folgt Wendung um Wendung. Und das in einem derart hohen Tempo, dass man ab Folge 16 kaum noch aufhören kann und die Serie einfach bis zu ihrem Ende durchziehen muss. Hier macht sich auch bemerkbar, mit welcher Weitsicht Drehbuchautor Hiroyuki Yoshino (Macross Frontier) am Werk war und wie ausgeklügelt die Ereignisse innerhalb der zweiten Serienhälfte verteilt wurden.

Riesiger Cast mit ausgeprägter Diversität

Originaltitel My-Hime
Jahr 2004 – 2005
Episoden 26
Genre Action, Super Powers, Fantasy, Romantik
Regisseur Masakazu Obara
Studio Sunrise

Bei rund 20 zentralen Figuren hat man als Zuschauer die Qual der Wahl. Für Abwechslung ist gesorgt. Mai ist eine klassische Allrounderin mit wenig Ecken und Kanten, dafür viel Aufrichtigkeit und Herzensgüte. Bei Natsuki handelt es sich um einen seriösen und unterkühlten Charakter, während Mikoto zerstreut und verfressen ist. Das mag sich zunächst nach einer Zusammenstellung von Stereotypen anhören, doch innerhalb des Casts finden sich noch wesentlich speziellere Typen wieder, die ihre eigenen Geschichten und Themen in die Handlung einbringen. Krankhafte Liebe, Homo- und Transsexualität, Prostitution, Religion, sogar künstliche Intelligenz. My-HiME ist thematisch breit ausgerichtet. Am Ende der Serie kennt man sämtliche Figuren und deren Schicksale, was dem übersichtlich gehaltenen Serienaufbau zu verdanken ist. Regisseur Masakazu Obara (Accel World) hält die Zügel straff in der Hand.

Musikalisches Beben

Optisch bewegt sich die Serie auf einem durchschnittlichen TV-Niveau. Besonders auffällig sind die leuchtenden Augen in Nahaufnahmen sowie generell die Charakterdesigns. Die Frisur so mancher Figur wirkt zunächst gewöhnungsbedürftig (etwa die Tintenfischfrisur von Shiho oder Harukas Vokuhila-Schnitt), steht aber sinnbildlich für die Charakterköpfe, die Hirokazu Hisayuki (Charakterdesign in Queen’s Blade) entwarf. In Action-Momenten blüht My-HiME voll auf und wenn erst einmal die Children zum Einsatz kommen, wird der Zuschauer mit starken Sequenzen belohnt. Musikalisch ist die Serie ohnehin ein Ohrenschmaus. Japans Starkomponistin Yuki Kajiura (.hack///SIGN, Noir) entwickelte einen Soundtrack, der sich hören lassen kann. Elektronisch getriebene Beats in Kampfszenen, nachdenkliche Pianostücke oder dramatische Violinen. Die musikalische Untermalung füllte gleich zwei CDs in Japan.

Einordnung innerhalb des Multimedia-Projekts

My-HiME (in Fankreisen auch “Mai HiME”) ist Teil eines groß angelegten Multimedia-Projekts. Dieses besteht aus zwei Anime-Serien, diversen OVAs, Light Novels und Videospielen für PlayStation 2 und Sonys PSP. Innerhalb des Franchises stellt My-HiME den Ursprung dar und kann auch für sich alleine stehend betrachtet werden. Der Nachfolger My-Otome spielt in einem anderen Erzähluniversum und verwendet die Charakterdesigns der Figuren wieder. Jedoch tragen diese andere Namen und bewegen sich durch eine gänzlich andere Geschichte. Einen Monat nach dem Start der Animeserie erschien im November 2004 auch das erste Kapitel des My-HiME Mangas im japanischen “Shonen Champion”-Magazin. Der Manga ist bislang nicht in Deutschland erschienen, was ebenso für die anderen Projekte nach My-HiME gilt.

Die deutsche Veröffentlichung

NipponArt veröffentlichte die Serie auf DVD sowie erstmals auf Blu-ray. Die Blu-ray Collector’s Edition besteht aus einem Novaschuber, in dem sich ein aufklappbares Digipack befindet. Dieser enthält die 26 Episoden (mitsamt 27 Mini-Episoden) auf vier Discs. Neben einem Sticker liegt noch ein 15 Seiten umfassendes Booklet bei. Dieses ist liebevoll gestaltet: Neben Staff und Studio gibt es Informationen über den Multimedia-Kosmos sowie Steckbriefe der wichtigsten Figuren. Inhaltliche Ausflüge bringen dem Besitzer die unterschiedlichen Schuluniformen sowie die Einbindung der mythologischen Figuren näher. Neben der japanischen Tonspur mit deutschen Untertiteln ist auch eine deutsche Synchronisation enthalten. Diese ist identisch mit der Synchronisation von Beez Entertainment und qualitativ im Mittelfeld angesiedelt. Während einige Figuren wie etwa Mai, Shizuru oder Mikoto treffend besetzt sind und einen ganz eigenen Charme entwickeln, fällt nur eine Figur völlig aus dem Raster. Das ist Midori, deren Sprecherin zu bemüht euphorisch klingt. Auch ist die Übersetzungsarbeit hier und da unsauber (mal heißt es Mai Tokiha, mal Mai Tohika). Unterm Strich überzeugt aber die Auswahl der Stimmen.

My-HiME ist eine fantastische Serie, die sich niemand, der auch nur annähernd Spaß an schicksalsträchtigen Kämpfen und starken Frauenfiguren hat, entgehen lassen sollte. Die Handlung ist beispielhaft durchstrukturiert und bietet zahlreiche hochdramatische Wendungen, die einen so schnell nicht mehr loslassen. Damit die Serie nicht endgültig in Richtung Kampf um Leben und Tod abdriftet, sorgen viele Comedy-Szenen und Charakterinteraktionen dafür, dass man die Figuren lieb gewinnt. Damit stellt My-HiME einen besonderen Vertreter unter den Girls with Gifts-Animes (zumeist Magical Girls) dar und verdient es, gesehen zu werden. Mein Herz konnte die Serie im Sturm erobern, deshalb ist mit dem Blu-ray Release ein Wunsch für mich in Erfüllung gegangen.

 

Zweite Meinung:

My-HiME ist so ein kleiner unauffälliger Sonderling im Backlog der Anime-Geschichte. Die erste Hälfte – das muss man einfach sagen – ist ziemlich zäh. Das dürfte vor allem dem Setting geschuldet sein. Dieses wird den Charakterkonstellationen bis zum Ende hin nicht sonderlich gerecht. (Beim Spin-Off My-Otome ist ironischerweise das exakte Gegenteil der Fall). Optisch hat der Anime auch ein wenig Staub angesammelt, da er noch in 4:3-Aspektratio vorliegt und nicht mit flashy Digitaleffekten um sich wirft. Wer aber gerne einmal in eine Magical Girl-Serie ohne Rüschen mit etwas mehr Drama reinschauen will oder gar einen Blick in eine der ersten Prototypserien des “Dark Magical Girl”-Genres lange vor einem Madoka Magica werfen mag, ist hier nicht falsch beraten. Die letzten fünf Minuten der Serie kann ich persönlich allerdings nur als Troll verbuchen, der das letzte Drittel gar als übertriebenes Melodrama erscheinen lässt. Was ich persönlich schade finde. Wer sich schon immer einmal gefragt hat, warum in internationalen Anime-Diskussionen in Bezug auf Studio Sunrise immer wieder einmal das Wort “Sunrising” vorkommt, wird mit dieser Serie zwar nicht das prominenteste, aber sicherlich ein absolut mustergültiges Beispiel vorfinden.

© Nipponart

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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3 Comments
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Ayla
Redakteur
20. März 2022 20:32

Ich muss ja wirklich sagen, dass ich mich etwas ärgere, die Serie nicht schon früher geschaut zu haben. Auf dem Schirm hatte ich sie nämlich schon so 2014/2015, aber irgendwie hab ich sie dann doch erst jetzt geschaut. Besser spät als nie, denn mir hat die Serie ausgesprochen gut gefallen. 🙂 Eigentlich wenig verwunderlich, Girls with Gifts, epische Action und ein toller Charakter-Cast sind ganz meins.

Ich fand schon die erste Hälfte sehr gut gemacht, auch Episoden wie etwa die um den Kochwettbewerb haben mir gefallen. Diese glänzen einfach durch den tollen Humor und sind für die Vorstellung der Charaktere ungemein hilfreich (ok, der Unterwäschedieb war vielleicht etwas too much xD). Diese sind eh ein Highlight, nur Shiho ging mir echt auf den Keks mit ihrem obsessiven Verhalten gegenüber Yuichi und wie sie Mai ständig beschuldigt. Gerade das Trio Mai, Natsuki und Mikoto hat es mir aber echt angetan, die mochte ich alle auf ihre Art sehr.

Miyu
Ich war ja echt überzeugt, dass Miyu auch eine HiMe ist, weil die Szene mit dem Bus ja auch extra so geschnitten war. Ein echter WTF-Moment, als sie sich plötzlich als so eine Art Android herausstellt, eigentlich Akane die HiMe ist und diese kurz darauf besiegt wird … und ihr Freund als geliebte Person verschwindet. Das war so die erste Wendung, die mich echt gecatcht hat. Zumal ich auch das Prinzip, dass die meistgeliebte Person und nicht die HiMe selbst stirbt, spannend wie grausam finde.
Die zweite Hälfte legt dann natürlich noch mehr nach und da musste ich mir dann auch echt die meisten Episoden am Stück anschauen. Einfach unglaublich spannend mit toll inszenierten Kämpfen, gut gemachten Wendungen und interessanten Charakter-Interaktionen.

Besonders den Soundtrack muss ich aber auch echt loben. Gerade “Mezame” ist derart episch, dass man einfach mitgerissen wird. In jedem Falle werde ich die Serie sicher noch häufiger schauen, sie hat sich einfach direkt einen Platz unter meinen Favoriten gesichert.

Last edited 6 Monate her by Ayla
Ayla
Redakteur
Antwort an  Ayres
19. April 2022 23:03

Absolut nachvollziehbar, die Folgen können auf den ersten Blick wie pure Fanservice-Filler wirken. Ich schätze solche Episoden ja gerade bei sonst handlungsintensiven Serien, weil sie wirklich Gelegenheit bieten, einfach mal die Charaktere in verschiedenen Situationen zu zeigen und ihre Persönlichkeit zur Geltung zu bringen.

Das stimmt natürlich auch wieder. So anhängliche, auch besitzergreifend-eifersüchtige Figuren hat man in Anime ja häufiger, aber bei Shiho zieht man das wenigstens konsequent durch. Sie vertritt da schon ein Extrem, gleichzeitig wirkt die Obsession bei ihr anders als bei Shizuru, obwohl beide im Prinzip als recht übergriffig dargestellt werden.

Die Twists sind echt eine der großen Stärken der Serie. Bin da echt schon gespannt auf meinen Rewatch, weil sich die Perspektive auf den ersten Arc mit dem Wissen des Verlaufes der Serie sicher nochmal anders schaut.

Generell war ich überrascht, wie wichtig viele der Figuren waren und wie viel Charakterisierung sie erhielten. Da der Cast extrem groß ist ging ich eigentlich davon aus, dass dann viele Figuren wirklich nur eine ganz kleine Rolle spielen würden. Gerade Akane hatte ich so als Füllcharakter eingeschätzt, der halt Mais Arbeitsumfeld lebendiger gestalten soll. Aber auch die Anzahl der HiMe selbst hat mich überrascht, da ich hier ganz zu Beginn irgendwie dachte, dass neben unserem Trio maximal noch ein, zwei feindlich gesinnte HiMe auftauchen würden. Und auch der Zeitpunkt, zu dem manches Mädchen sich als HiMe offenbart, hat mich oft noch eiskalt erwischt, weil das teilweise so spät war, dass ich jeglichen Verdacht, der Charakter könne eine sein, eigentlich schon verworfen hatte.

Mein Liebling ist eindeutig Mikoto. Nicht nur, weil sie unglaublich drollig ist, sondern auch ihre Freundschaft zu Mai interessante Aspekte aufweist. Sie ist ja klar auf Mai fixiert, weil sie eben auch ihr erster Kontakt war und dementsprechend schwer ist es dann für sie, wenn Mai sie zurückweist, weil sie gerade fünfzig andere Dinge im Kopf hat. Dabei mag ich es auch, wie Mai sie als eine Art kleine Schwester annimmt, was auch ihren Charakter ziemlich zeigt: Immer ein große Menge Verantwortungsgefühl und auch ein bisschen Aufopferung, da sie das durch ihren Bruder nicht anders kennt und dann auch Probleme hat, Grenzen verständlich zu kommunizieren.
An Tate finde ich ja besonders seinen inneren Konflikt spannend: Einerseits an Mai interessiert, andererseits quasi dazu gedrängt, seine Aufmerksamkeit nur Shiho zu schenken. Da war sie schon ziemlich manipulativ, da er natürlich auch nicht ihre Gefühle verletzen wollte. Und als Normalo zwischen all den HiMes bringt er auch eine interessante Perspektive ein.