Lamb

Eltern zu werden ist ein Glück, das einen manchmal ganz unerwartet trifft. Und manchmal auf einem ganz überraschenden Weg. Wenn man hört, dass ein Mann und eine Frau ein Lamm großziehen, klingt das nach Trash. Im Fall von Lamb aus dem Hause A24, bekannt für kontroverse Genre-Mix-Filme wie Midsommar, haben wir es mit einem ernsthaften Drama zu tun, dessen Prämisse völlig außergewöhnlich erscheint, weil sie ebenso banal klingt wie bezaubernd-verstörend ist. Das Regie-Debüt von Valdimar Jóhannsson profitiert von der Star-Power von Noomi Rapace (Sherlock Holmes: Spiel im Schatten), deren Name dem ungewöhnlichen Film zusätzliche Aufmerksamkeit einbringen dürfte. Falls nicht, dann sicherlich die Einreichung des Films in der Kategorie Bester Internationaler Film für Island bei der Oscar-Verleihung 2022. Vor dem Kinostart am 6. Januar 2022 war der Film auf dem Fantasy Filmfest 2021 zu sehen.

   

Nahe den nebligen Berggipfeln züchten Maria (Noomi Rapace) und Ingvar (Hilmir Snær Guðnason, White Night Wedding) Schafe. In dieser abgelegenen Gegend Islands gehen sie ihrer Arbeit nach, ohne viel miteinander zu reden. Ein Verlust liegt schwer auf ihrer Ehe. Hoffnung gibt ihnen erst wieder die Geburt eines besonderen Lamms, das Maria hütet wie ihr eigenes Kind. Ingvar beäugt das Verhalten seiner Frau erst skeptisch, doch dann freundet er sich mit dem Gedanken an, dass wieder ein Kind durch die Flure seines Hauses laufen wird.

Es brodelt unter der idyllischen Oberfläche

Originaltitel Dýrið
Jahr 2021
Land Island, Schweden, Polen
Genre Drama, Horror
Regie Valdimar Jóhannsson
Cast Maria: Noomi Rapace
Ingvar: Hilmir Snær Guðnason
Petur: Björn Hlynur Haraldsson
Laufzeit 106 Minuten
FSK unbekannt
Kinostart: 6. Januar 2021

Lamb ist ein Film, bei dem sich schnell herauskristallisiert, welche Zuschauer:innen Geduld besitzen und welche vorschnell die Flinte ins Korn werfen. Denn auch wenn die Prämisse irgendwo klar ist und natürlich (!) dazu dient, um ein Publikum zu finden, macht die Handlung lange Zeit ein Geheimnis daraus, worum es eigentlich im Kern geht. Und damit auch um das Genre, das Lamb abdeckt: Familiendrama? Mystery? Folk Horror? Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte, spielt aber im Grunde gar keine besondere Rolle. Denn egal, um welches Genre es nun geht, Lamb lässt sich Zeit. Lamb ist ein Slowburner. Beinahe in Zeitlupe braut sich etwas zusammen, das das neue Familienglück stören wird. In jeder Faser ist das zu spüren. Ob das der Hund ist, der die Gefahr wittert? Oder Ingvars Bruder Petur, der plötzlich vor der Türe steht? Oder eine Schafsmutter, die rot sieht? Es brodelt unter der idyllischen Oberfläche und der Film spielt damit, die entsprechenden Informationen zurückzuhalten.

Ernüchternde Normalität, schleppend erzählt

Mit dem Eintreffen Peturs wird das junge Familienglück gestört. Alte Emotionen kochen hoch, die Vergangenheit pocht an die Türe und will den Alltag aufwirbeln. Der plötzliche Wind, der durch das Haus der Familie weht, spiegelt sich nur bedingt in ihrer Umgebung wieder. Die mystische Normalität ist alles andere als leicht zu erfassen und als Zuschauerperspektive ist es noch immer am einfachsten, durch die Augen von Petur zu blicken, der das Familienglück kritisch beäugt. Fernab der Zivilisation und den nebelverhangenen Bergspitzen bleibt sonst auch nicht mehr viel, das ein bei der kritischen Einordnung helfen könnte. Denn das Gefühl, man sei selbst ein Eindringling in diesem Szenario, besteht von Anfang bis Ende. Wer sich auf den Film einlässt, muss das mit der Haltung tun, sich herausgefordert zu fühlen, ohne den Wunsch zu hegen, an die Hand genommen zu werden.

Atmosphärische Enge

Als ausführender Produzent war der ungarische Regisseur Béla Tarr (Das Turiner Pferd) mit an Bord, der als Meister des Slowburns gilt. Das spricht bereits Bände, denn die langsame Erzählweise ist eine Herausforderung für ein schnitt- und tempoverwöhntes Publikum. Am ehesten lässt sich Lamb noch mit dem schwedischen Öko-Zauber Border vergleichen. Die rauhe, karge und nüchterne Atmosphäre ist bedrückend, engt ein und lässt auch kaum Anlass für Freude. Noomi Rapace und Hilmir Snær Guðnason spielen abseits ihrer emotionalen Szenen sehr zurückhaltend und gehen auf Distanz. Zum Publikum und zu sich selbst. Wer der Handlung und den Figuren also nicht viel abgewinnen kann, hat sonst nur noch die Chance, sich an den tollen Landschaftsaufnahmen Islands zu erfreuen, die visuell bestechend gefilmt sind. Selten wird es mal hell oder dunkel, meistens bewegt sich alles innerhalb einer gräulichen Farbpalette.

Fazit

Wer auf der Suche nach einem besonderen Film ist, wird bei Lamb fündig. Die Besonderheit des Films liegt darin, dass das Fantastische der Handlung gar nicht dazu dient, das Publikum in Erstaunen oder Aufregung zu versetzen. Dafür fehlt jegliche Ambition, dem Film auch nur einen Hauch Thrill zu verleihen. Viel eher ist es Teil der Prämisse und sorgt dafür, einen verzweifelten Kinderwunsch auf eine besondere Weise zu erzählen. Um auf diesen Film aufmerksam zu werden, bedarf es schon besonderer Fühler, denn adäquat lässt sich Lamb kaum vermarkten.

© Koch Films

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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