Westworld (Folge 2×02)

Lesezeit: 4 Minuten

Folge 2 von Westworld – The Door folgt dem Prinzip „dig deeper“. Showrunner Jonathan Nolan und Lisa Joy geben Geschichtsunterricht uns zeigen uns, wie Delos. Inc und der Westworld-Park zusammen gefunden haben. Wem das zu trocken ist, der darf sich auf Lee Sizemoore verkleidet als Stallknecht freuen, sowie auf Giancarlo Esposito (Breaking Bad) als neuer El Lazo.

Die Folge eröffnet mit einem Rückblick auf die Zeit vor Westworld. Dolores erwacht in einer Hochhauswohnung, vermutlich in China. Bei ihr ist Arnold, der sie als Demo-Objekt für ein Investorengespräch vorbereitet. Daneben konzentriert sich die Folge vor allem auf jungen William – er heiratet nicht nicht nur in den Delos-Clan ein, sondern entpuppt sich aus als das Hirn hinter dem Delos-Westworld-Arrangement. Wer dabei völlig auf der Strecke bleibt: Delos Junior, Logan. Mit seiner zynischen Anmerkung, dass die Reichen die Menschheit verbrennen und Westworld der Brennstoff sei, verabschiedet er sich aus dem Geschehen und pfeift sich Drogen rein. In der „Gegenwart“ versucht Dolores unterdessen, die Confederados für ihr Revolutionsteam zu gewinnen. Der Mann in Schwarz will für sein Spiel “The Door” dagegen bei El Lazo Verstärkung finden – und triggert dabei einen von Ford programmierten Kollektivselbstmord von El Lazo & Co. Das Spiel ist ganz offenbar nur im Single-Player-Modus verfügbar. Allen Parteien gemein ist das Ziel. Jeder nennt es anders (Glory, das große Tal, die Himmelspforte, “die Waffe”), doch die Richtung ist dieselbe.

Ping Pong zwischen Macher und Publikum

Gehen wir zurück zum Anfang: Dolores erwacht in einer Großstadt und bestaunt die Wolkenkratzer, dazu spielt Rachmaninoffs Prélude in cis-Moll. Nun kann man sich fragen, was Komponist Ramin Djawadi mit der Musikauswahl ausdrücken will. War das seine freie Entscheidung (uh, jetzt stellen wir uns die Frage schon bei den realen Machern) oder wurde er durch die Zuschauer im Netz dazu angeregt? Es ist bekannt, dass die Showrunner die heißen Diskussionen der Westworld-Theoretiker auf Redddit verfolgen oder zumindest zur Kenntnis nehmen. Vor dem Start von Staffel 2 wandten sich Nolan und Joy direkt an diese Theoretiker mit der sinngemäßen Aufforderung: „Wenn gewisse Voraussetzungen erfüllt sind, dann laden wir ein Video hoch, das den Plot mitsamt allen Twists enthüllt.“ Die Entlohnung kam und stellte sich als Rickroll Hoax heraus, mit Clementine am Klavier und Dolores als Sängerin. Es gibt auch einen Theoretiker, der zwischen Rachmaninoffs Prélude und dem Serien-Opening eine Verbindung herausgehört haben will – und vielleicht ist die Verwendung des Préludes Djawadis spöttelnde (oder bestätigende) Antwort darauf. Wie auch immer: Es ist eine neue Welt bezüglich der Beziehung zwischen denen, die die Shows machen, und denen, die sie konsumieren.

Clash of the Titans

Ein Höhepunkt der Folge ist das Aufeinandertreffen von Maeve und Dolores. Es wirkt geradezu unwirklich – als würden sich zwei ultra-starke Hauptcharaktere bei einem Super Street Fighter-Crossover gegenüberstehen. Einen ähnlichen Clash of the Titans gab es bereits in Staffel 1, als sich William und Robert das erste und einzige Mal begegneten. Wo bei William vs. Robert das Kräfteverhältnis ausgewogen war, tut sich bei Maeve und Dolores ein Gefälle auf. Es ist ein Duell aus Präsenz und Argumenten und Maeve ist in dieser Hinsicht überlegen. Dolores dagegen erscheint wie ein simpler Mordbrenner; ihre Erhaben- und Einzigartigkeit aus Staffel 1 scheint verschwunden. Interessant ist, dass Dolores ursprünglich die durch und durch positive Farmerstochter war und Maeve die dunkle, zynische Puffmutter. Innerhalb ihrer Narrativen waren die beiden Ying und Yang. Und außerhalb der Narrativen? Immer noch, allerdings verdreht: Maeve ist diejenige, die ihre Freiheit nutzt, um Liebe zu suchen. Dolores dagegen sucht Rache.

Williams Motivation?

Der junge William wirkt nach seinem Selbstfindungstrip aus Staffel 1 wesentlich ich-bezogener, vor allem im Gespräch mit Dolores. Dachte man nach Staffel 1 noch, dass Westworld zu einer schönen Romanze fähig ist, fühlt sich das nach dieser Episode wie ein Ding der Unmöglichkeit an. Weiterhin hat William Geschäftssinn entwickelt. Er versucht seinen reichen Schwiegervater, Delos Senior, dazu zu bewegen, in Westworld zu investieren. Denn in Westworld sähe man die wahre Natur der Menschen und daraus könne man Profit schlagen. Über die Jahre hat Delos Inc. ungeheure Fähigkeiten erlangt: DNA-Klau, Informationsklau, Künstliche Intelligenz, Hosts-Klone (vielleicht auch ein Leben nach dem Tod? In Hinblick auf den viel zu offensichtlich kränkelnden Delos Senior scheint sich da was Interessantes zu ergeben. Aber dazu mehr im nächsten Artikel). Westworld hat sich unter dem jungen William zu einem Geschwür des Informations- und Klonkrieges entwickelt. Der alte William nun scheint dagegen etwas unternehmen zu wollen – er will den Park zerstören. Und vielleicht ist das auch Fords Plan. William und Ford haben also dieselbe Motivation, wirken aber trotzdem wie Kontrahenten. Als wolle Ford mit dem Spiel, die Tür zu finden, William piesacken.

Folge 2 ist ein Tauchgang in die Historie von Delos. Wie erfahren einiges über die Konzerninteressen und über die Geschehnisse, die zur Entstehung und Beliebtheit des Parks geführt haben. Auf der einen Seite lechze ich nach diesen Infos, weil nun umso spürbarer ist, wie die Showrunner uns in der Staffel 1 nach Kontext hungern ließen. Auf der anderen Seite frag’ ich mich auch ständig, ob’s nicht cooler wäre, wenn alles ein Mysterium bliebe. Aber egal, jetzt bin ich schon einmal drauf auf der Westworld-Rutsche, dann gehe ich auch ‘all the way down’ – mit dem Gesicht voran.

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Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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Misato
Redakteur

Die Szenen mit Dolores in der ganz wirklich realen Welt fand ich umwerfend. Man muss sich halt bewusst machen, dass sie da noch durch und durch Host ist, aber man glaubt doch auch, dass da schon mehr ist. Dass sie diese Eindrücke eben doch verinnerlicht. Und dann wird dieser eine Satz über die Schönheit des Ausblicks so gekonnt aufgenommen (Dolores über die Lichter der Stadt, und William in Westworld beim Anblick seiner Zukunft).

Das Aufeinandertreffen von Dolores und Maeve – ein echtes Highlight. Und ich stimme dir in allen Punkten zu, man merkt, wie sich eine Menge verschoben hat. Maeve musste in S1 eine Menge über sich ergehen lassen, hat aus dem Labor gelernt, sich die Dinge beigebracht, hat die Gewalt mit offenen Augen angesehen, durchlebt ihr früheres Host-Trauma und am Ende? Am Ende siegt dieser Mutterinstinkt und mögliche Gewalt nimmt sie in Kauf, ist aber auch nicht gänzlich nötig. Gut, dafür hat sie Hector an ihrer Seite, der wird schon durchgreifen, wenn es sein muss. Und Dolores? Das nette Mädchen von nebenan ist der Racheengel mit einer Vision, die außer ihr noch keiner begreift (inklusive Zuschauer). Dolores ist halt mehr… im Skynet-Modus.
Hier wäre ich vermutlich mal weniger böse gewesen, wenn es eine endlos lange Konversation gegeben hätte. Was die beiden sich alles erzählen könnten… sie würden ein noch viel besseres Gesamtbild erlangen. Schade irgendwie.

Dieser Massenselbstmord sah richtig cool aus. Und ein so großer Mittelfinger in Richtung von William war witzig. Er freut sich doch so, dass nun alles echt ist. Da kann er jetzt auch nicht anfangen zu schummeln und sich Verstärkung suchen. Herrlich.
Und daneben rekrutiert Dolores auf ihre Art. “Erst bringe ich euch um und hey, jetzt erwecke ich euch wieder.” Den Tag hat sich der Techniker auch anders vorgestellt… Aber so kriegt Wyatt wohl seine Armee, die nichts mehr fürchten.