Doctor Who (Folge 11×06)

Lesezeit: 4 Minuten

Reisen in die eigene familiäre Vergangenheit können schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen. Deshalb werden solche Trips in Doctor Who so gut es geht vermieden. Aber wenn ein Begleiter ganz lieb Bitte sagt, könnte man ja mal nur für ein kurzes Stündchen bei der eigenen Großmutter vorbeischauen, die aus ihrer Zeit in Punjab ein Geheimnis macht. Liegt vielleicht an den dämonisch wirkenden Außerirdischen, die bei ihrer Hochzeit auftauchen. Das schreit förmlich nach einer vorsichtigen Einmischung.

Yasmin ist daheim und feiert mit ihrer Familie den Geburtstag ihrer Großmutter Umbreen. Diese reicht einige persönliche Gegenstände an ihre Tochter und Enkelinnen. Sie hüllt sich aber in Schweigen warum die Uhr, die sie Yaz gibt, kaputt ist und nicht repariert werden sollte. Umbreen hat ein bewegtes Leben hinter sich und Yaz wüsste gerne mehr darüber. Also bittet sie den Doctor darum, doch mal in die Vergangenheit zu reisen und sich die junge Umbreen aus der Ferne anzusehen. Der Doctor ist eigentlich dagegen und hat gute Gründe. Da aber Graham und Ryan auf Yaz’ Seite stehen und sich alle mittlerweile sehr bewusst sind, wie gefährlich jede Reise mit der TARDIS sein kann, wird sie überstimmt. Die Uhr dient der TARDIS als Wegweiser und schon landen die vier in Punjab. Und direkt zur Begrüßung wird der Doctor von einer lautstarken telepathischen Nachricht überrollt. Da liegt etwas im Argen.

Demons of the Punjab

Da die TARDIS der Bedeutung der Uhr folgt, gibt es mal wieder keinen Einfluss darauf, wann genau das Grüppchen landet. Schnell stellt sich aber heraus, dass es der 17. August 1947 ist. Nach langen Verhandlungen wird Indien aufgeteilt und Pakistan entsteht. Die neue Grenze verläuft genau durch das Fleckchen Erde, auf dem Umbreen lebt. Als Moslem soll Pakistan nun ihre Heimat sein. Es gibt da allerdings einen Haken. Morgen will Umbreen heiraten und zwar Prem, einen Hindu. Yaz ist entsetzt. Nicht, weil sie die Verbindung unterschiedlicher Religionen verurteilt, sondern weil Prem nicht ihr Großvater ist. Jetzt muss sie erst Recht mehr erfahren. Der Doctor ist nicht besonders begeistert, aber bald liegt ein Toter im Wald und Aliens sind in der Nähe. Es ist oberste Vorsicht geboten, den Lauf der Geschichte nicht zu sehr zu stören, aber der Doctor muss wissen, was die Aliens hier machen. Zumal Prem zugibt, sie schon einmal vor Jahren auf dem Schlachtfeld gesehen zu haben.

Ein Gedenken an die Opfer politisch motivierter Gewalt

Wie schon die Episode „Rosa“ zeichnet sich „Demons of the Punjab“ durch historische Relevanz aus. Die Teilung Indiens ist allerdings nur der Hintergrund für eine dramatische Liebe im Romeo & Julia Stil. Umbreen und Prem kennen sich schon ewig und lieben sich entgegen der kulturellen Vorurteile. Sie wollen ihr Land gemeinsam bestellen und ihre eigene Tradition finden. Die Gesellschaft und Politik macht es ihnen aber nicht leicht. Der Autor der Folge ist Vinay Patel und es gelingt ihm eine Geschichte über Personen in einer äußerst ernsten Situation zu erzählen. Es ist ein gewalttätiger Moment der Geschichte, in dem mehrere hunderttausende Menschen ihr Leben verloren haben. Für Doctor Who wird aber absichtlich ein kleiner Rahmen geschaffen, in dem ein einzelnes menschliches Schicksal auf dem Prüfstand steht. Und die obligatorischen Aliens bekommen eine Rolle zugesprochen, die dem Rechnung trägt und die Ernsthaftigkeit nicht verunglimpft. Die Thijarians waren einst die perfekten Attentäter im Universum und selbst der Doctor kennt nur Mythen über sie. Nachdem ihr Heimatplanet zerstört wurde, reisen die letzten Verbliebenen dieser Spezies aber umher, um Zeugen des Todes zu werden. Sie erscheinen quer durch Raum und Zeit dort, wo Leute ansonsten allein sterben würden. Deshalb sind sie jetzt in Punjab, wo sie beobachten, aber nicht eingreifen.  So setzt die Folge ein Zeichen gegen das Vergessen. Es ist kein Zufall, dass „Demons of the Punjab“ am 11. November erstausgestrahlt wurde. Es ist der britische Remembrance Day, ein Volkstrauertag im Gedenken an die Opfer des Ersten Weltkriegs.

Fingerspitzengefühl im Umgang mit Kultur

Die wunderschön eingefangenen Landschaftsaufnahmen machen einmal mehr deutlich, dass die BBC der Doctor Who-Crew ein ordentliches Budget zur Verfügung gestellt hat. Die schicken neuen Kameras kamen hier allerdings in Europa zum Einsatz und nicht in Asien. Gedreht wurde die Folge in Spanien. Und mit indischen Einflüssen wird sich vornehm zurückgehalten. Die Kostüme sind gelungen, wobei sich niemand über die Kleidung der Zeitreisenden zu wundern scheint. Immerhin wird Graham angehalten vielleicht nicht sofort darauf hinzuweisen, dass sie aus England stammen. Damit ist ein winzig kleiner Seitenhieb auf die Kolonialherren abgehakt ohne vom eigentlichen Thema abzulenken. Die tragische Liebe zwischen Umbreen und Prem könnte auch ganz ohne Aliens und Einmischung für ein episches Bollywood Liebesdrama genutzt werden. Der Film Bombay – Gegen alle Widerstände spielt zwar in den Jahren 1992/93, erzählt aber ebenfalls von der Beziehung zwischen einem Hindu und einer Muslimin in aufrührerischen Zeiten. Superstar Shah Rukh Khan ist ein Moslem und seine Ehefrau Gauri stammt aus einer sehr traditionellen Hindu-Familie. Das kostete im echten Leben viel Überzeugungskraft, um die Erlaubnis zur Heirat zu bekommen. „Demons of the Punjab“ ist kulturell also nicht nur auf diesen einen Punkt in der Zeit festzunageln und setzt auf positive Verständigung zwischen den Religionen.

Bei mir schleicht sich ein wenig das Gefühl ein, dass Yasmin von den drei Begleitern des Doctors Liebling zu sein scheint. Verdenken könnte ich ihr das nicht, denn sie wächst mir auch mit jeder Folge mehr ans Herz. Deshalb finde ich es fantastisch, hier ein Stück ihrer Familiengeschichte zu sehen. Sie macht ihrer Großmutter Umbreen, die sich gegen so viele Widerstände durchsetzen musste, alle Ehre. Allerdings wirft die Episode auch wieder eine große Frage auf – in wie viele Leben hat der Doctor sich schon eingemischt? Wie viele Leute wurden gerettet oder sind gestorben, weil sie helfen wollten und wie wurde deren weitere Familiengeschichte beeinflusst? Hier müssen sie aufpassen, dass sie nichts verändern, was zur Auslöschung von Yaz in Marty-McFly-Manier führen könnte. Aber wie viele Schicksale werden denn sonst ganz nebensächlich verändert? Die Thijarians gefallen mir als im Grunde tragische Alienrasse. Wenn die nochmal auftauchen, kann man es gleich als böses Omen sehen. Dass sie am Geschehen gar keinen so großen Anteil haben, gibt der Episode ein sehr klassisches Gewand. Beobachten, wenig einmischen, neues (über menschliches Verhalten) lernen. Ein schönes i-Tüpfelchen ist dabei, dass Umbreen und Prem jeweils einen Brauch aus der Religion des anderen aufgreifen, um zu unterstreichen, wie einfach und bereichernd ein Miteinander doch ist. Und hey, der Doctor darf jetzt mal bei weiblichen Hochzeitsritualen dabei sein.

© BBC

Sharing is caring / Artikel teilen:

Misato

Misato hortet in ihrer Behausung fiktive Welten wie ein Drache seinen Goldschatz. Bücher, Filme, Serien, Videospiele, Comics - die Statik des Hauses erlaubt noch ein bisschen, der Platz in den Regalen weniger. Am liebsten taucht sie in bunte Superheldenwelten ein, in denen der Tod nicht immer endgültig ist und es noch gute Menschen gibt. Íhr eigenes Helfersyndrom lebt sie als Overwatch Support Main aus und adoptiert fleißig Funko Pops.

avatar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: