Westworld (Folge 2×06)

Lesezeit: 3 Minuten

Die sechste Folge von Westworld – The Door jongliert mit vielen Erzählsträngen gleichzeitig und offenbart ganz nebenbei eine weitere Ebene der Realität. Als wären bis ins kleinste Detail durchgescriptete Amusement-Parks und Androiden, die ihr Wesen hinterfragen, nicht schon genug, wird der Zuseher nun auch noch mit virtueller Realität konfrontiert. Wieder einmal lautet das Motto von Westworld: Dig deeper.

Während sich die letzten beiden Folgen stark auf spezifische Storylines konzentrieren, beschäftig sich Folge 6 „Phase Space“ (dt. „Phasenraum“) wieder mit nahezu allen Charakteren. Nach einem badass Schwertkampf zwischen Musashi und Tanaka und einer tränenreichen Bestattung von Sakura, gelingt es Maeve mit ihrem Team Shogunworld zu verlassen. Zurück in Westworld trifft Maeve in der Steppe endlich auf ihre Tochter – der aber bereits eine andere Mutter zugeteilt wurde. Dolores und ihr neuerdings auf „rücksichtslos” programmierter Teddy kapern unterdessen einen Zug und brettern damit auf den Rand des Parks zu, geradewegs auf das Mesa-Areal. William und seine Tochter Grace/Emily führen am Lagerfeuer derweil ein klärendes Gespräch. Für eine Nacht lang glaubt Grace, ihr Vater sei geläutert, bis er sie am nächsten Morgen allein zurück lässt. Und Bernard und Elsie? Die tauchen ein in den „Cradle“ und treffen dort auf den totgeglaubten Ford.

Teddy wird zum Grizzly

Die Beziehung zwischen Dolores und Teddy hat nun ordentlich Zunder bekommen. Mit seinem neuen brutalen Wesenszug nähert er sich dem Charakter von Wyatt an, doch ob Dolores das bereut, kann man nicht genau einschätzen. Sie scheint Teddys Verhalten mal mit Bedauern, mal mit Verägerung zu betrachten. Vielleicht besitzt Teddy nun die Möglichkeit, sich Dolores entgegen zu stellen, dann hätte sich Dolores mit der Umprogrammierung von Teddy am Ende selbst ins Bein geschossen. Bezeichnend für Teddys Wandlung auch die Szene in Sweetwater, in der er nicht die Dose aufhebt, sondern die Patrone.

Der CR4D-LE

Erinnern wir uns zurück an Fords Sterbeszene aus Staffel 1: Nach seinen letzten Worten (die da waren „Mozart, Beethoven und Chopin sind nie wirklich gestorben – sie wurden schlicht Musik.“) hat ihm Dolores die Kugel von hinten gegeben. Der kampferprobte Westworld-Gucker wusste, dass es damit nicht getan sein konnte: Ford lebt sicher auf irgendeine Weise weiter. Und tatsächlich tut er das. Nicht in einem Host, sondern im CR4D-LE (oder auch “Cradle” genannt): eine riesige Server-Farm, die sämtliche Programme und Erinnerungen beherbergt und ganze Welten simulieren kann. Das ist dahingehend eine riesige Enthüllung, da durch den Cradle eine neue Ebene der Realität dazu kommt. Der Cradle beherbergt einen virtuellen Parallelpark, der die Erwartungen des Zusehers noch weiter untergraben kann. Als Bernard in den Cradle eintaucht, trifft er auf Ford, wie er am Klavier sitzt und spielt. Das unterstreicht Fords letzte Worte noch einmal. Wichtiges Detail: Die Szenen im Cradle unterscheiden sich vom Rest der Folge dahingehend, da sie im Breitbildformat gedreht wurden – mit schwarzen Kinobalken oben und unten.

Dolores und Bernard

Eines der mysteriösesten Elemente dieser Episode ist wohl das Eröffnungsgespräch zwischen Dolores und Bernard. Die Szenen, die dieses Gespräch dokumentieren und bereits mehrfach in vorangegangenen Episoden zu sehen waren, sind ohnehin nie synchron mit der etablierten „Haupt“-Timeline, doch in dieser Folge ist nun wirklich komplettes Rätselraten über den Zeitpunkt angesagt. Zumal Dolores auf einmal das Gespräch an sich reißt und aus der Rolle der „Getesteten“ in die Rolle der „Testenden“ wechselt. „This is a test, one we’ve done countless times,” gesteht sie Bernard. Der fragt irritiert: „What are you testing for?” Dolores’ Antwort: „Fidelity.” Dieses Wort nutzt auch der junge William in der Folge „Das Rätsel der Sphinx“, als er mit den unzähligen Host-Klonen von Delos Senior spricht. Eine weitere Ungereimtheit (die mir erst beim zweiten Anschauen aufgefallen ist): Das Gespräch zwischen Dolores und Bernard wurde ebenfalls im Breitbildformat gedreht. Findet dieses Gespräch also in Wahrheit im Cradle statt? Und wenn ja, was hat das zu bedeuten?!

Die Westworld-Community freut sich sicher einen Keks: Sir Anthony Hopkins ist wieder im Boot. Wobei ich schon fast glaube, dass sein Antlitz auf der spiegelnden Klavieroberfläche lediglich CGI ist, damit die Macher nur für seine Stimme zahlen mussten und nicht für seinen göttergleichen Körper. Die Konstante „Confused Teddy“ haben wir nun hinter uns gelassen – stattdessen werden wir in Zukunft sicher mehr „Oh Shit“-Gesichter von Dolores zu sehen bekommen. Na und sonst werden in dieser Folge viele Erzählstränge voran getrieben. Kein thematischer Schwerpunkt, keine herausragenden Versatzstücke, dafür viele Charaktermomente – William und seine Tochter, Teddys Abgleiten in Grausamkeit, Maeves Familienzusammenführung. Die Folge ist ein reines Arbeitstier, ohne allzu sonderlich einnehmende Momente.

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Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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