The Outsider

Manche Mordfälle scheinen auf den ersten Blick einfach zu lösen zu sein. Doch was, wenn plötzlich Beweise auftauchen, die eine Person belasten und sie gleichzeitig vor dem Galgen retten? Kann es da noch mit rechten Dingen zugehen? In der Miniserie The Outsider, die auf dem gleichnamigen Roman von Horrorkönig Stephen King (Das Institut) basiert, steht die Polizei vor genau so einem Problem, das schnell die Grenzen des Normalen zu sprengen droht. Ein Junge wird ermordet, angeblich scheint der Täter jedoch an zwei Orten gleichzeitig gewesen zu sein. Wie ist das möglich? Seit dem 30. Juli 2020 ist die Serie aus dem Hause HBO im Handel erhältlich, weswegen wir uns dem Fall zusammen mit Ben Mendelsohn (Spider-Man: Far From Home) stellen. Wir warnen allerdings vor: Wo ein Herr King seine Finger im Spiel hat, bekommt das Dunkle ein Gesicht, das uns nachts zweimal das Türschloss checken lässt.

   

In Cherokee City, Georgia, findet ein Spaziergänger die brutal zugerichtete Leiche des Jungen Frank Peterson. Detektiv Ralph Anderson (Ben Mendelsohn) beginnt daraufhin die Ermittlungen und stößt dank Fingerabdrücken, Zeugenaussagen und Videoaufnahmen bald auf den lokal bekannten Terry Maitland (Jason Bateman, Ozark). Während eines Baseballspiels, bei dem der Verdächtige als Trainer einer Mannschaft fungiert, nehmen ihn Beamte vor den Augen seiner Familie sowie der halben Stadt fest. Allerdings gibt es recht schnell ein großes Problem: Am Tag des Verbrechens war Terry mit zwei anderen Lehrern bei einer Literaturtagung in einem anderen Ort. Es gibt dafür nicht nur handfeste Beweismittel. Ralph und sein Team stehen daher vor einem Rätsel. Wie kann jemand an zwei Orten gleichzeitig sein?

Der Schrecken von Cherokee City

Originaltitel The Outsider
Jahr 2020
Land USA
Episoden 10 (in 1 Staffel)
Genre Krimi, Horror, Drama
Cast Ralph Anderson: Ben Mendelsohn
Jeannie Anderson: Mare Winningham
Holly Gibney: Cynthia Erivo
Glory Maitland: Julianne Nicholson
Terry Maitland: Jason Bateman
Howard Salomon: Bill Camp
Yunis Sablo: Yul Vazquez
Jack Hoskins: Marc Menchaca
Claude Bolton: Paddy Considine
Alec Pelley: Jeremy Bob
Veröffentlichung: 30. Juli 2020

Lange fackelt das Ermittlerteam rund um Ralph nicht, denn dank eindeutiger Beweise findet sich der Täter schnell. Ähnlich wie die Romanvorlage springt Drehbuchautor Richard Price (The Deuce) zwischen den vorwärts in der Zeit ablaufenden Festnahmemaßnahmen zurück in den Vernehmungsraum zu den Zeugen. Dadurch ergibt sich nach und nach ein Bild des Grauens, das dieser so normal wirkende Mann anrichtete. Emotionen kochen vor und hinter dem Bildschirm hoch und genau das begleitet uns in The Outsider von Anfang an. Schließlich involviert so ein Ereignis viele Personen und für jede davon findet sich das richtige Maß an Beachtung. Ermittler, Täter und die jeweiligen Familien betreten die Bühne, so dass wir das Gefühl haben, Teil der Stadt zu sein. Es ergibt sich ein stimmungsvolles Bild, das nicht mehr loslässt. Genauso wie der bald immer verwirrender werdende Fall.

Ein Mordfall wie nicht von dieser Welt

Sitzt Terry erst einmal im Verhandlungsraum, steht die Polizei vor einem großen Problem: Handfeste Beweise, die ihn einerseits als Täter, anderseits als Unschuldigen freisprechen. Wo liegt nun die Wahrheit begraben? Während Stephen King in seinem Roman dann länger mit dieser Frage spielt, zeigt die Serie schneller einen unbekannten mysteriösen Mann, der titelgebend für die Geschichte ist. Die dann immer häufiger auftauchenden übernatürlichen Elemente fügen sie geschickt ein, ohne das Ganze zu sehr ins Fantasy-Genre zu ziehen. Viel eher spielt die Handlung damit, die Figuren und Zuschauer*innen vor die Frage zu stellen, ob so etwas möglich ist und wenn ja, welche gruseligen Folgen es hätte, wenn es jemanden oder etwas mit bestimmten Fähigkeiten gäbe. Gerade der bodenständige Ralph kämpft mit den späteren Entwicklungen und verkörpert einen in der Realität verankerten Menschen, der sich plötzlich dem Unglaublichen stellen muss.

Für wen ist die Serie gedacht?

In Sachen Action bietet The Outsider nur wenig und auch Zuschauer, die es blutig mögen, müssen sich in Geduld üben. Nicht dass es diese Elemente gar nicht gibt, doch kommen diese erst im spannungsgeladenen Konflikt im Finale zu tragen. In den übrigen Folgen lebt der Titel von seinen ergreifenden Dialogen, die seine lebensechten Figuren führen, einen zum Nachdenken anregen und mitfühlen lassen. Durch die Bank liefern alle Schauspieler ein Paradebeispiel ihrer Zunft ab. Das größte Lob geht dabei an Cynthia Erivo (Harriet), welche die autistische Privatdetektivin Holly Gibney verkörpert, die im Laufe der Folgen dem unbekannten Kapuzenträger auf die Schliche kommt. Allerdings stößt sie mit ihren Erkenntnissen an die Mauer des Glaubhaften. Zündstoff für Charakterkonflikte, die sich als faszinierend bezeichnen lassen. Den Anstieg der Spannungskurve bildet ebenfalls eine wunderbare Begleiterscheinung, denn schließlich bleibt das Grauen nie untätig, wenn es bemerkt, dass ihm jemand an den Fersen klebt.

Atmosphärisch bis in den letzten Winkel

Nicht nur in Sachen Story und Figuren bietet The Outsider ein passendes Bild. Der Soundtrack von Daniel Bensi und Saunder Jurriaans zieht einen regelrecht in die düstere Stimmung der Geschichte hinein. Dabei sind es nicht immer nur wohlklingende Melodien, sondern gerne einmal dissonante Klangfolgen mit hypnotischer Wirkung. Gerne einmal setzt das Komponistenduo sogar auf Musik, um bestimmte Szenen besonders hervorzuheben, was hier richtig aufgeht. Des Weiteren erzielen die Kameraaufnahmen ihre Wirkung: Ungewöhnliche Winkel, ein Spiel aus Schärfentiefe und gedeckte Farben begleiten das Geschehen von der ersten Minute und sorgen so für ein in allen Bereichen durchdachtes sowie wirksames Gesamtkonzept.

Gekappte Verbindungen

Die Leserschaft von Stephen King darf sich auf diese Umsetzung freuen, denn in weiten Teilen folgt sie der Handlung der Vorlage. Die wenigen Änderungen fügen sich stimmig ein und sorgen dafür, dass die Geschichte serientauglich erzählt wird. Gerade in Bezug auf Ralphs Sohn sorgt die Änderung für noch mehr Konfliktpotenzial, das sich im späteren Verlauf wirklich hervorragend entfaltet. Nur in Sachen Holly werden sich die Geister scheiden. Einst feierte diese Frau ihren ersten Auftritt in Mr. Mercedes als Nebenfigur, um dann in Der Outsider ihren großen Moment zu bekommen. Doch diese literarische Verbindung kappte Showrunner Richard Price, da er die anderen Bücher mit ihr nicht kannte. Immerhin sorgte King selbst dafür, dass dieser Charakter seinen Namen behalten durfte. Darüber hinaus arbeitete Price seine Rolle viel stärker aus, weswegen diese eine noch stärkere Anziehungskraft versprüht.

Fazit

Von der ersten Minute entfaltet sich ein dichter atmosphärischer Kriminalfall in The Outsider, den Stephen King mit einem fantastischen Faden durchtränkte, welchen Richard Price übernahm. Das Grauen, das diese Stadt überfällt, geht nicht spurlos am Publikum vorbei, da die Schauspieler die oft heftigen Emotionen so greifbar transportieren, dass ein Entzug dessen nicht klappt. Angefangen bei dem Mysterium um den Mordfall, der viele spannende Fragen aufwirft. Selbst nachdem sich einige Puzzleteile zusammenfügen, bleibt die große Frage des Glaubens, der einen zum Nachdenken anregt. Die gekonnt platzierten gruseligen Stellen, die ganz ohne literweise Blut auskommen, dürfen auch nicht unerwähnt bleiben. Bis schlussendlich zum nervenaufreibenden Finale, das passender nicht hätte sein können, weil die Geschichte bis dahin alles richtig macht. Da die Figuren einem bis dahin ans Herz wuchsen, dürften die einen oder anderen Fingernägel dran glauben. The Outsider ist feinste Serienunterhaltung mit einem gekonnten Mix aus Krimi, Horror und Fantasy.

© Warner Home Video


Veröffentlichung: 30. Juli 2020

Aki

Aki verdient ihre Brötchen mit dem Buchverleihen und Wiedereintreiben und geht nie aus dem Haus ohne eine Kopfbedeckung. Wurde von ihren Eltern von klein auf zu einem Filmjunkie erzogen, liebt mittlerweile aber viele Formen des Geschichtenerzählens. Zu ihren anderen Hobbies gehören die Fotografie und das Zeichnen, egal ob auf Papier oder Leinwand. Sie besitzt eine ansehnliche Sammlung an Fuchsmerchandise und hat ihr Herz seit dem Lesen des Mangas "Kenshin" an Samurais verloren.

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