The Alienist: Die Einkreisung

Lesezeit: 6 Minuten

Im ersten Quartal 2018 wurde die düstere Krimiserie The Alienist auf dem US-Sender TNT ausgestrahlt. Nur einen Monat später findet sie sich seit April auch unter dem deutschen Titel Die Einkreisung auf Netflix wieder. Das Historiendrama basierend auf dem gleichnamigen Roman von Caleb Carr weiß mit hochkarätiger Besetzung auf sich aufmerksam zu machen, was auf einem mehr als übersättigten Markt jedoch nicht mehr zwingend ausreicht.

    

New York im Jahr 1896: Ein grausamer Mordfall an einem jugendlichen Prostituierten sorgt in der Metropole für Aufsehen. Die Polizei unter Captain Connor könnte es jedoch kaum weniger interessieren, dass ein „dreckiger Sodomit“ getötet und verstümmelt wurde. Der erstbeste Verdächtige dafür ist auch schnell verhaftet und der Fall damit erledigt, doch Erzieher und Erforscher des menschlichen Geistes Dr. Laszlo Kreizler sieht eine Verbindung zu einem ungeklärten Mordfall an Zwillingen, die einst unter seiner Obhut standen. Davon überzeugt, dass der verhaftete Verdächtige nicht der Täter ist und dass eben dieser noch weiter morden wird, schafft es Kreizler seinen alten Bekannten und jetzigen Polizeichef Theodore Roosevelt davon zu überzeugen, ihm Ressourcen für eine eigenständige Untersuchung zur Verfügung zu stellen. Unterstützt von seinem Freund John Moore, Roosevelts Assistentin und der ersten Frau in der New Yorker Polizei Sara Howard sowie den beiden Gerichtsmedizinerbrüdern Lucius und Marcus Isaacson macht sich Kreizler auf die Jagd nach dem Serienmörder. Doch diesen wirklich zu fangen scheint Kreizler sehr viel weniger wichtig als etwas anderes: Ihn zu verstehen.

Was ist und macht ein „Alienist“?

Originaltitel The Alienist
Jahr 2018
Land USA
Episoden 10 (in 1 Staffel)
Genre Krimi, Thriller
Cast Laszlo Kreizler: Daniel Brühl
Sara Howard: Dakota Fanning
John Moore: Luke Evans
Theodore Roosevelt: Brian Geraghty
Marcus Isaacson: Douglas Smith
Lucius Isaacson: Matthew Shear
Cyrus Montrose: Robert Wisdom
Mary Palmer: Q’orianka Kilcher
Captain Connor: David Wilmot
Thomas Byrnes: Ted Levine

“In the 19th Century, persons suffering from mental illness were thought to be alienated from their own true natures. Experts who studied them were therefore known as alienists.”
Mit dieser eingeblendeten Erklärung beginnt jede Folge und rückt zunächst das Wortverständnis der Zuschauer zurecht, der beim Begriff „Alien“ im 21ten Jahrhundert ja eher in Richtung Außerirdische und Science-Fiction denkt. Die erste Folge springt dabei sofort in die Handlung: Der Entdeckung der geschändeten Leiche eines jungen Prostituierten und dem eiligen Handeln Dr. Kreizlers und John Moores einen unverfälschten Blick auf Leiche und Tatort zu bekommen. Dunkle und schockierende Bilder untermalt von ebenso bedrückender Musik in der überfüllten Armuts- und Baustellenkulisse des New Yorks auf dem Sprung in die Moderne. Der naive, moralische Anstand John Moores wird in der Figurenkonstellation durch Laszlo Kreizlers Entdeckungsdrang der dunklen Seite der menschlichen Seele ähnlich gut kontrastiert wie durch Sara Howards unbeirrten Sachlichkeit gegenüber Machoverhalten auf dem Polizeirevier oder männlichen Revieransprüchen in der Verbrecherjagd.
Überzeugende Kostüme und Kulissen ziehen den Zuschauer in das späte 19. Jahrhundert, dass mit historischen Figuren wie J.P. Morgan, Jack Astor und allen voran Theodore Roosevelt gespickt ist. Gleichzeitig wird aber auch immer wieder eine Schattenwelt gezeigt, in der mittellose Straßenjungen ihre Körper für Geld und Zuneigung verkaufen und zu Opfern werden, für die große Teile der Gesellschaft eher Verachtung als Mitleid empfinden.

Wenig Neues

Die Einkreisung macht eigentlich wenig falsch: Die Geschehnisse sind in überzeugender Kulisse umgesetzt und stimmungsvoll inszeniert, die Figuren nicht uninteressant konzipiert und mit talentierten Schauspielern besetzt. Alleine von den Namen her könnte das Führungstrio aus Daniel Brühl (Rush), Dakota Fanning (Krieg der Welten, 2005) und Luke Evans (Dracula Untold) jeden Hollywoodfilm tragen. Auch thematisch hat die Serie einiges zu bieten. Dem Serienkiller werden Anfänge moderner Ermittlungsverfahren entgegengesetzt, wie früher Gerichtsmedizin, erste Fingerabdrücke oder erste Versuche des Profilings als selbst die moderne Psychologie unter Sigmund Freud erst noch in den Kinderschuhen steckte. Auch in der aktuellen Genderdebatte weiß The Alienist einen Beitrag zu leisten, wenn jugendliche Männer in die meist für Frauen reservierte Opferrolle rücken (wiederum jedoch in weiblicher Verkleidung) oder sich Sara Howard einerseits widerwillig (und wortwörtlich) in ihr gesellschaftliches Korsett drängen muss und sich gleichzeitig gegen sexuelle Anfeindungen im Polizeirevier und der Bevormundung durch die Kollegen im neuen Ermittlerteam durchsetzt. Das Problem ist leider, dass vieles schon da war. Mindhunters zeigte jüngst schon eindrucksvoll die Anfänge moderner Ermittlungsverfahren. Auch was Krimiserien im historischen Gewand angeht lassen sich mit Copper, Peaky Blinders oder Ripper Street diverse periodennahe Artgenossen finden. Eva Green hat in Penny Dreadful jüngst das Frauenbild im angelsächsischen Raum zur Jahrhundertwende bereits weg vom heiratswilligen Abhängigkeitsverhältnis gerückt und vor gequälten Ermittlern und psychotischen Serienmördern können sich Rezipienten medienübergreifend ja schon seit über hundert Jahren genauso wenig retten wie die leblosen Mordopfer. Wenn auch durch und durch eine handwerklich gut umgesetzte Serie, findet Die Einkreisung leider keine Marktlücke, kein wirklich innovatives Element, mit dem sie sich absetzen kann. Es ist zu bezweifeln, ob die Serie mit einem kleineren Budget und einer weniger aufsehenerregenden Besetzung überhaupt nennenswerte Aufmerksamkeit bekommen hätte.

Ich war im Vorfeld sehr gespannt auf die Serie, musste beim Ansehen jedoch feststellen, dass mein Interesse schnell verflacht ist, sodass aus dem angedachten Wochenend-Binge eher die zweite Wahl hinter einem zweiten Durchgang Gilmore Girls wurde. Eigentlich macht die Serie sehr wenig falsch. Neben der Tatsache, dass sie nicht allzu viel Neues bietet, ist ihre größte Schwäche wohl, dass die anfänglich erzeugte Spannung schnell verwässert wird. Viele Nebenschauplätze werden aufgemacht mit Erzählsträngen um die Isaacsons, Roosevelt oder Gegenspielern innerhalb des Polizeireviers, die unnötig von Haupthandlung und Hauptfiguren ablenken. Diese Handlung variiert dabei auch nur das übliche Krimischema und sorgt mit dem obligatorischen Roten Hering auch für wenig Überraschungen. Insgesamt sind die Hauptfiguren jedoch stark genug, um die Serie interessant zu machen, die definitiv ein stimmungsvoller Augen- und Ohrenschmaus ist. Letztlich ist es aber weder überraschend noch sonderlich traurig, dass es bei der einen Staffel vom The Alienist bleibt.

Zweite Meinung:

Mich hat der Trailer sofort gepackt. Eine düstere Serie, die sich um einen Serienkiller dreht; und dann dieses Staraufgebot: Daniel Brühl, Luke Evans und Dakota Fanning (sie war immer meine Lieblingskinderdarstellerin). Leider habe ich schon die ersten Folgen gemerkt, dass es eine zähe Geschichte werden könnte. Es wird sehr viel geredet und richtige Spannung will einfach nicht aufkommen. Ich finde es gut, wenn man sich Zeit nimmt und die Charaktere erst näher beleuchtet. Es muss nicht in jeder Folge pure Action geboten werden. Aber die Konzentration liegt mir zu sehr auf diversen Nebensträngen, sodass ich das Gefühl hatte, dass die eigentliche Ermittlung bzw. der Mörder eher zur Nebensache werden. Die Hauptcharaktere können dem Glanz ihrer Darsteller nicht wirklich gerecht werden, was ich wirklich schade finde. Auf mich wirken viele Gespräche der Personen untereinander etwas aufgesetzt und teilweise wie ein Déjà-vu; irgendwie hat man alles schon einmal gehört. Wenn z.B. erläutert wird, dass theoretisch jeder zum Mörder werden kann. Das kennt man so oder so ähnlich schon aus diversen anderen Filmen/Serien und konnte mich nicht groß begeistern. Das Setting und die Kostüme hingegen gefallen mir total gut; und es stört mich nicht, dass die Story im Endeffekt die der “Jack the Ripper”-Morde ist. London wird gegen New York getauscht und die Prostituierten (Frauen) gegen Jungen (allerdings ebenfalls Prostituierte). Da ich die Ripper-Morde schon immer sehr interessant fand, hatte ich kein Problem damit. Gegen Ende wird es dann zumindest temporeicher und spannender. Leider etwas zu spät. Alles in allem eine Serie, die mit ihren Darstellern und der Optik punkten kann. Die Story erfindet das Rad der Zeit nicht neu; muss sie an sich auch nicht. Es wäre nur schön gewesen, wenn man sich mehr Mühe gegeben hätte, den Killer letztlich nicht so austauschbar zu machen, indem man sich weniger auf Nebencharaktere bzw. Nebenhandlungen konzentriert hätte, die für die Hauptstory gar nicht so bedeutend sind. Leider keine Serie, die ich mir noch einmal anschauen würde.

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Lyxa

Lyxa studiert aktuell das Fach Und-was-macht-man-damit in Mainz, liest viel, schreibt gerne und schaut sich viel und gerne allerlei Serien und Filme an, am liebsten Science-Fiction. Lyxa ist dabei besonders der Dunklen Seite der Macht verfallen, weil es dort die cooleren Outfits gibt.

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Aki
Redakteur

Halte ich mal etwas dagegen, denn mir persönlich hat die Serie sehr gut gefallen. Ich bin aber auch ein Sherlock Fangirl und damit meine ich nicht nur von der BBC Serie. Die Einkreisung schlägt für mich in eine ähnlich Kerbe, da Laszlo Kreizler seine Macken hat und dabei viel nach dem Verstand geht. Hingegen ist John Moore der emotionaler Part, bei dem man im Laufe der Serie so einiges mit machen muss. Sara Howard als Figur fand ich klasse, denn wenn beachtet wird, zu welcher Zeit das Ganze spielt, ist es beachtlich, wie sie sich verhält und wie weit sie es schon gebracht hat.

Spoiler
Ich fand es übrigens schön, wie sie sich später mit Kreizler ausspricht und dabei beide von ihren tiefsten Wunden berichten.

Mir gefiel sehr gut, wie sich der Fall nach und nach Aufbaut und dabei sich treu bleibt. Ich kann verstehen, wenn einige am Ende mit mehr gerechnet haben aber ich fand es passend.

Spoiler
Auch wenn ich es auch lieber gehabt hätten, wenn Laszlo den Täter hätte verhören können um vielleicht mehr darüber zu erfahren, warum er das diesen Jungs angetan hat.

Was ich nicht unerwähnt lassen möchte, sind die Kostüme. Herrlich! Damals hatte Mann ständig einen Hut auf dem Kopf und dann diese schicken Westen! Könnte nicht in diese Richtung die Mode wieder gehen!

Ich hätte gerne eine zweite Staffel, denn anscheinend gibt es ja auch mehrere Bücher.