Squid Game (Staffel 1)

Wie verzweifelt können Menschen wohl werden, wenn der eigene Schuldenberg so hoch ist, dass man die Spitze nicht mehr sehen kann? Verzweifelt genug, um an tödlichen Kinderspielen teilzunehmen? »Ja« sagt der koreanische Regisseur Hwang Dong-hyuk und schiebt gleich seine neue Drama-Thriller-Serie hinterher: Squid Game, seit dem 17. September 2021 vollständig auf Netflix abrufbar. Die Serie ist ebenso wie Die Tribute von Panem oder Alice in Borderland eine Spielshow direkt aus der Hölle und darüber hinaus neuer heißer Stoff für jeden Survival-Fan.

 

Gi-hun (Lee Jung-jae, Svaha: The Sixth Finger) ist ein spielsüchtiger Tunichtgut. Am Ende eines anstrengenden Tages trifft er in der U-Bahn auf einen adretten Mann mit Aktenkoffer, der ihn einlädt, am »Squid Game« teilzunehmen. Nach einigem Hin und Her willigt Gi-hun ein, wird per Schlafgas-Taxi in die geheime Spielstätte gebracht und trifft dort auf 456 andere hyperverschuldete arme Tröpfe, denen es in der echten Welt so schlecht ergehen würde, dass sie mehr oder weniger freiwillig beim »Squid Game« partizipieren. Denn dem Gewinner oder der Gewinnerin winken 45,6 Milliarden Won (umgerechnet 33 Millionen Euro). Einziger Haken: Der Betrag speist sich aus der Anzahl disqualifizierter Mitspieler. Und »disqualifiziert« heißt in diesem Falle schlicht »tot«.

Ein bunter und sorgloser Start

Originaltitel Ojingeo Geim
Jahr 2021
Land Südkorea
Episoden 9 in Staffel 1
Genre Drama
Cast Seung Gi-hun: Lee Jung-jae
Cho Sang-woo: Park Hae-soo
Hwang Jun-ho: Wi Ha-joon
Kang Sae-byeok: Jung Ho-yeon
Ali Abdul: Anupam Tripathi
Frontmann: Lee Byung-hun
Veröffentlichung: 17. September 2021 auf Netflix

Unter der Regie von Hwang Dong-hyuk (Collectors) begleiten wir in der ersten halben Stunde den vertrottelten Faulpelz Gi-hun bei seiner alltäglichen Routine: Er bestiehlt seine Mutter um beim Pferderennen zu verlieren und schenkt seiner Tochter zum Geburtstag eine Plastikpistole, weil die das Einzige war, was er mit seinem letzten Geld aus dem Greifautomaten ziehen konnte. Irgendwie traurig, aber nicht wirklich deprimierend. Der Tonus ändert sich auch dann noch nicht, wenn Gi-hun in die geheime Spielstätte gebracht wird, wo er mit 456 weiteren Leidensgenossen um das große Geld spielen wird. Bei der Fotosession für das Teilnehmerbild grinst Gi-hun sogar noch deppert in die Kamera – deppert, aber liebenswert. Die Teilnehmer werden durch psychedelisch-bunte Gänge auf das erste Spielgelände geführt. Squid Game setzt in seinen neun Episoden auf insgesamt sechs koreanisch inspirierte Kinderspiele aus den 70ern/80ern, die für den Anlass leicht aufgepeppt wurden. Bei »Rotes Licht, Grünes Licht« etwa gibt eine riesenhafte Roboterfigur (die in ihrer Aufmachung an die creepy-abgeranzten Automatenfiguren vom Weihnachtsmarkt erinnert) die Signale. Das Spiel beginnt wie Takeshi’s Castle mit einem aufgescheuchten Hühnerhaufen, der spielfreudig auf die Ziellinie zurennt – sogleich aber in Todesangst kehrt macht, als klar wird, dass »disqualifiziert« gleichbedeutend für »tot« steht. Schwupps – tonale Kehrtwende. Schnell dezimiert sich die Teilnehmeranzahl und der Weizen trennt sich von der Spreu – wichtig für stressige Survival-Geschichten dieser Art, denn es braucht Figuren, die die Zuschauerschaft nicht sterben sehen will.

Der Cast: Loser, Alte, Wiener Würstchen

Der Cast ist nicht unbedingt das, was man als vorurteilsbehafteter K-Drama-Anfänger erwarten würde. Es gibt keine durch die Bank jungen und geleckten Schönheiten. Protagonist Gi-hun ist ein spielsüchtiger Trottel mittleren Alters mit orange-stichigem Gesicht, der denkt, dass die Welt ihm etwas schuldig ist. Seine Gebaren wirkt … altbacken. Bei Spieler Nr. 218 handelt es sich um Gi-huns Jugendfreund Sang-woo (Park Hae-soo, Persona), einen traurigen Investmentbanker, gegen den wegen Betrug ermittelt wird. Spieler Nummer 001 ist ein alter Mann mit Gehirntumor. Auch mit dabei: eine nordkoreanische Taschendiebin, supercool gesprochen von Flavia Vinzens (Cyberpunk 2077), ein großmäuliger und hassenswerter Gangster mit Lippen wie Wiener Würstchen (Heo Sung-tae, The Silent Sea) und der pakistanische Gastarbeiter Ali (Tripathi Anupam), dessen Naivität vermutlich noch einmal sein Untergang sein wird. Weitere Figuren mit egoistischen Motivationen gesellen sich dazu, wenn der Blick hinter die Kulissen auf das logistische Treiben der pinken Soldaten fällt – ein wunderbar esoterischer Kosmos, untermalt von einem eigenwillig hypnotischen Staccato-Chorstück aus der Feder des Komponisten Jung Jae-il (OkjaParasite).

Die Dystopie der Gegenwart

Squid Game macht einen gereiften und fast schon moderaten Eindruck und wirkt nicht wie die überreizten Drama-Produktionen, vor denen sich unsere westlichen Sehgewohnheiten so sehr fürchten. Höchstens der maskierte Auftritt der VIPs mit ihrer augenscheinlichen Omnipotenz erinnert an ein Treffen der größten Billo-Anime-Superschurken überhaupt, aber das ist zu verkraften. Normalerweise werden solche Survival Games immer mit der Existenz einer dystopischen totalitären Regierung erklärt. Regisseur Hwang Dong-hyuk verlässt sich allerdings darauf, dass unsere Gegenwart mit ihrer Arm & Reich-Schere Dystopie genug ist. Wer kein Geld hat, der ist schlicht angeschmiert und wird sich nie unabhängig in der Gesellschaft bewegen können. Selbst die vermeintliche Willensfreiheit, die den Teilnehmern in Folge 2 gegeben wird, ist nur eine Illusion in einem von vorne herein gezinkten Spiel, bei dem die Armen so gut wie immer den Kürzeren ziehen.

Sehr viel »Hui«, nur ein bisschen »Pfui«

Fans, die mit dem Genre vertraut sind, werden gewisse Elemente wieder erkennen und sich ziemlich sicher sein, wohin der Hase letzten Endes laufen wird. Und doch ist der Weg dorthin voller gut verteilter Überraschungen – sowohl vor als auch hinter den Kulissen – die einen permanent gespannten Spannungsbogen aus Intrigen, Aufdeckungen und Höhepunkten gewährleisten, eingebettet in schmucken Bühnensets und abgerundet mit manchen nahezu künstlerischen Szenenmontagen (Folge 1, der »Fly me to the Moon«-Einspieler, während alle um ihr Leben rennen – wundervoll, Anm. d. Red.). Nur die Gewalt könnte manche abschrecken sowie auch die tonalen Schwankungen womöglich nicht für jeden geeignet sind. Weiterhin ist das Erscheinungsbild der VIPs recht enttäuschend, während die finale Folge mit einem überlangen Epilog in einen »Meh«-Twist hinein stolpert und durch die daran anschließende, unverblümt vorgetragene Botschaft ziemlich belehrend wirkt. Aber wie gesagt: Das ist verkraftbar bei einem ansonsten hochgradig spannenden Gesamtpaket.

Fazit

Das Wichtigste vorne weg: Squid Game ist keine alberne Action-Gore-Show mit überreizten Emotions-Plattitüden, sondern eine wirklich gut gemachte Serie. Sie hat einen sehr guten Flow, bietet scharfe Gesellschaftskritik mit interessanten Charakteren und intensiven Wettbewerben. Lediglich wenn die Drahtzieher die Bühne betreten oder in der Finalfolge die Botschaft erklingt, wirkt Squid Game wie ein abgeschmackter Lehrmeister. Dennoch hat hier Regisseur Hwang Dong-hyuk einen pervertierten Mikrokosmos des Kapitalismus aufgezogen, der ziemlich sehenswert ist. Angesichts des Spannungsgefühls, der umher wabernden Mysterien, der einnehmenden Charakterdynamik und des zu Grunde liegenden Klassenkampfes besteht eigentlich nur eine geringe Chance, dass Squid Game kein kleiner Hit wird.

© Netflix

Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit bevorzugt Indie-Games, Taktik-Shooter oder ganz was anderes und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der 24/7 Music-Stream von Cryo Chamber auf YouTube.

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3 Comments
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Ayres
9. Oktober 2021 13:38

Puh, ich muss zugeben, dass ich echt inzwischen genervt bin von diesem Squid Game-Hype. Das fand ich bei Alice in Borderland schon schlimm (wenn auch nicht so extrem), gleichzeitig hätten Serien wie Liar Game z.B. auch mehr Beachtung verdient, nur sind die eben leider nicht auf Netflix.

Mit Squid Game selbst hatte ich durchaus meinen Spaß: Tödliche Spiele gehen immer. Das erste Spiel ist als Einstand ja schon furios, danach folgt aber nichts mehr, was so wirklich diesen Effekt nochmal erreicht. Nur das Tauziehen, das ist so simpel wie genial, weil man eben als Einzelkämpfer:in einfach mal gar keinen großen Einfluss auf das Ergebnis hat, sondern komplett vom Team abhängig ist. Also die Spiele haben durchaus einen positiven Einfluss auf die Serie.

Nicht warm wurde ich mit den Figuren, die ja durchaus recht flach sind und auch die vielerorts gelobte Sozialkritik empfinde ich eher als vorgeschoben, um das Spiel in unserer Realität zu verankern. Was ich von der zweiten Folge halten soll, weiß ich insofern bis heute nicht: Menschen, die aus diesem Spiel ausbrechen wollen, um dann wieder freiwillig zurückzukehren? Arg fiktiv.

Eine zweite Staffel brauche ich nicht zwingend. Man könnte das natürlich in die Länge ziehen bis zum Gehtnichtmehr à la GANTZ, aber es ist auch mal angenehm, wenn einfach Schluss ist.

Ayres
Antwort an  Totman Gehend
16. Oktober 2021 13:58

Nicht nur Verfilmung, es sind zwischen 2007 und 2010 zwei Serienstaffeln entstanden. Leider sozusagen vor seiner Zeit. Viele tolle Serien der 2010er wären heute im Streaming besser aufgehoben gewesen.

Bin ganz bei dir. Während Alice in Borderland sämtliche Grenzen der Logik (und vor allem des Realismus) hinter sich lässt, ist Squid Game da wesentlich bodenständiger. Man merkt ersterem eben deutlich an, dass es eine Manga-Adaption ist, während letzteres ja (irgendwie) auch noch Sozialkritik sein will.