Spides – Berlin ist erst der Anfang

Deutschland und Genre-Serien. Eine trostlose Wüste, bekommen wir doch zumeist Ärzte-Serien, leichte Romanzen oder Historisches vorgesetzt. Zwar hat sich Netflix mit Dark in den letzten Jahren auch international hervorgetan, doch öffnete das längst keine Tore und in anderen Genres sieht es weiterhin mau aus. Es ist bezeichnend, dass im Science-Fiction-Bereich Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion nach mehr als 50 Jahren noch immer zur Speerspitze der hiesigen Produktionen zählt. Seit April 2020 gibt es frisches Futter in Form der achtteiligen Serie Spides – Berlin ist erst der Anfang, die in Deutschland auf englisch für den internationalen Markt produziert wurde. Nach einer wöchentlichen Ausstrahlung auf dem Pay TV-Kanal SYFY kam die Serie nach der Ausstrahlung der letzten Folge direkt im Anschluss in den Handel. Ob die in Berlin spielende Produktion das Genre zu revolutionieren vermag?

Eine junge Frau namens Nora (Rosabell Laurenti Sellers, Tyene Sand in Game of Thrones) erwacht in einem Berliner Krankenhaus aus dem Koma. Ihr fehlt die Erinnerung an ihr bisheriges Leben sowie an ihre Eltern (Désirée Nosbusch und Francis Fulton-Smith). Dies sind die Nachwirkungen einer neuen Designerdroge, die auf Parties im Umlauf ist: “Bliss”. Doch viel ist über das Wundermittel nicht bekannt und selbst die russische Mafia, die sich verärgert darüber zeigt, dass ihr Geschäft dank der neuen Droge rückläufig ist, besitzt keine Informationen darüber. Die Drogenfahnder David Leonhart (Falk Hentschel, Legends of Tomorrow) und Nique Navar (Florence Kasumba, Criminal) wissen: Die Droge ist wesensverändernd. Nora, heimlich von der sinistren Ärztin Dr. Herter (Susanne Wuest, Ich seh ich seh) beobachtet, stößt auf Unglaubliches: Aliens haben die Erde infiltriert und wollen ein neues Zeitalter herbeiführen …

Die Körperfresser kommen

Originaltitel Spides
Jahr 2020
Land Deutschland
Episoden 8 in 1 Staffel
Genre Science-Fiction
Cast Nora Berger: Rosabell Laurenti Sellers
Ron Berger: Francis Fulton-Smith
Helen Berger: Désirée Nosbusch
David Leonhart: Falk Hentschel
Nique Navar: Florence Kasumba
Dr. Bridget Herter: Susanne Wuest
Robert Prokopp: Aleksandar Jovanovic
Marie: Anna Bullard
Seit dem 27. April 2020 im Handel erhältlich

Deutsche Genre-Unterhaltung ist rares Gut. Immerhin ist eine SciFi-Geschichte immer mit einem gewissen Budget verbunden, um der Erwartungshaltung und dem Anspruch der Zuschauer an das Genre gerecht zu werden. Um das Budget schnell wieder eingespielt zu bekommen, bot es sich für den Mutterkonzern NBCUniversal also direkt an, für den internationalen Markt zu produzieren. Dass das Rad inhaltlich nicht neu erfunden wird, soll dabei keinen großen Kritikpunkt darstellen. So sind die Vorlagen von Spides auch ziemlich offensichtlich: Body Snatchers – Angriff der Körperfresser,  Species oder The Faculty. Bekannte Filme, in denen Außerirdische menschliche Gestalt annehmen und die Erde infiltrieren. Science-Fiction-Fans werden auch im Plot von Spides kaum Neues entdecken, sondern eine klassisch erzählte Handlung erleben, die in anderer Form schon mehrfach erzählt wurde. Doch zumindest in serieller Form blickt Spides auf wenig Konkurrenz neben sich, was den ausbleibenden Innovationsschub wieder aufwiegt

Die richtigen Kompetenzen zusammengeführt

Die Idee stammt von Serienschöpfer Rainer Matsutani (Das Inferno – Flammen über Berlin), der zwar überwiegend Titel mit kulturbürgerlichem Anspruch für öffentlich-rechtliche Sender dreht, aber laut eigenen Aussagen ein Herz für den Genrefilm besitzt. Das glaubt man ihm sofort, denn er nimmt seinen Job ernst und hat seine Geschichte genau durchdacht: Die acht Folgen erzählen sich beinahe von selbst. Mit geschickt platzierten Cliffhangern wird die Spannung bewahrt und ohnehin tritt kaum Leerlauf auf. Dass die Handlung Potenzial für weitere Episoden besitzt, möchte auch das Ende verdeutlichen, das die Geschichte nicht abschließt, sondern mit einem dicken Cliffhanger enden lässt. Ob die Serie eine zweite Staffel erhalten wird, erscheint indes eher fraglich, aber auch mit Staffel 1 für sich betrachtet macht man wenig falsch. Denn Spides besitzt eine gelungene Atmosphäre, die bewusst Distanz zwischen Zuschauer und Geschehen schafft. Dazu zählen auch einige surrealistisch gehaltene Szenen, die für das niedrige Produktionsbudget von 10 Millionen Euro unerwartet gelungen sind. Das ist wohl Ko-Produzent Joern Heitmann zu verdanken, der seine Erfahrung mit Videoclips einfließen ließ und weiß, wie effekttechnisch aus wenigen Mitteln viel herauszuholen ist.

Berlin, wir fahren nach Berlin

Für deutsche Zuschauer immer besonders spannend: Der Lokalkolorit. Dass die meisten in Deutschland spielenden Produktionen die Hauptstadt zur Location auserkoren, kennt man. Spides fehlt es da nicht an Wiedererkennungsmaterial, gleichzeitig nimmt es aber auch sämtliche Klischees mit, die es so von Berlin gibt. Dazu gehören die trendigen und gleichzeitig heruntergekommenen Untergrund-Clubs, denn augenscheinlich ist Berlin eine einzige Party-Stadt. Irgendwo muss ja schließlich auch gedealt werden, um “Bliss” in Umlauf zu bringen. Wo es international wird, da dominiert auf jeden Fall Multikulti und da dürfen auch Gangs und Mitglieder mit Migrationshintergrund nicht fehlen, die unter anderem vor Entführungen auf offener Straße nicht zurückschrecken.  An mancher Stelle fragt man sich, ob man es als Deutscher nicht besser wissen müsste. Insbesondere dann, wenn eine derart stark frequentierte Stadt mit pulsierendem Leben nun der richtige Ort für geheime Aktivitäten solchen Ausmaßes sein soll.

Unverdiente Hauptfigur

Das größte Problem der Geschichte liegt in der Hauptfigur Nora, die Spielball ihrer Umwelt ist und von einer Situation in die nächste gejagt wird, ohne dass sie dabei Sympathien weckt. Nicht, dass das Allerweltsmillenial direkt unsympathisch ist. Nur bleibt sie ebenso farblos wie austauschbar, und wenn Figuren mehr mit der Suche nach der eigenen Identität beschäftigt sind, als den Zuschauern etwas zu erzählen, ist das Risiko immer hoch, dass die Verbindung zwischen Zuschauer und Protagonist auf der Strecke bleibt. Deswegen halten sich auch sämtliche Schocks, die die junge Frau durchlebt, ziemlich in Grenzen. Am Ende der ersten Episode erfährt Nora, dass sie eine Zwillingsschwester zu besitzen scheint. Eine Information, die leicht aufzunehmen ist, aber letztlich dennoch nicht mehr als ein Schulterzucken auslöst. Ebenso wenig ist nachvollziehbar, weshalb sich so viele Personen in Noras Umfeld ausgerechnet für sie zu interessieren scheinen.

Das große Synchro-Desaster

Wenn eine nationale Produktion für einen internationalen Markt konzipiert wird, müssen sich die Verantwortlichen einigen Fragen und Herausforderungen hinsichtlich der Lokalisierung stellen. Dazu gehört vor allem, in welcher Sprache nun produziert wird und in welcher Form das Endergebnis an die Zuschauer kommt. Nur ein Teil des Casts stammt aus Deutschland, was zur Folge hat, dass die Serie komplett in Englisch gedreht wurde. Soweit, so unspektakulär. Allerdings übernahmen auch die deutschen Schauspieler die Synchronisation für die eigenen Charaktere. Dieser Unterschied ist hörbar, denn nicht jeder Schauspieler ist auch gleichzeitig ein guter Synchronsprecher. Die Konsequenz: Die Dialoge wirken bemüht, aufgesetzt und nicht selten lustlos heruntergespult. Da auch die Texte teilweise ziemlich hölzern sind, fühlt das sich Resultat gleich doppelt befremdlich an. Manchmal wollen sich Personen etwas ins Ohr flüstern und schreien fast, dann ändert sich manche Meinung auch von einem Tag auf den nächsten und wird nicht begründet, sondern beiläufig abgetan. Fast alle Charaktere aus Spides fühlen sehr unbeholfen an und die deutsche Synchronisation verstärkt diese unangenehmen Momente regelmäßig.

Fazit

Spides haftet etwas Trashiges an: Nicht an jeder Stelle wird klar, ob die Serie nun absichtlich auf B-Niveau daherkommt oder ob dies eine bewusst getroffene Entscheidung ist. Aber nicht nur aus budgetären Gründen hinkt der Vergleich mit High-End-Produktionen, inhaltlich ist der Achtteiler stets bemüht, aber selten ausgegoren. Zu empfehlen ist die Serie nicht jedem – aber allen, die entweder mal Science-Fiction in unserer Hauptstadt sehen wollen oder sich für eine Alien-Infiltrierung begeistern können. Spides betrachtet man besser als bloße Popcorn-Unterhaltung und hat dann auch ein paar unterhaltsame Stunden. Für die Produktion bleibt zu hoffen, dass es in irgendeiner Form weitergeht, denn deutsche Genre-Produktionen erhalten leider noch immer nicht die Förderungen, die sie verdienen.

© Eye See Movies


Seit dem 28. April 2020 im Handel erhältlich:

 

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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