Snowpiercer (Staffel 1)

Das Interesse an Bong Joon-hos (Parasite) Film Snowpiercer hielt sich 2014 hierzulande in Grenzen. In Südkorea ein echter Kassenhit, war der weltweise Anklang durchwachsen. Außer in Frankreich, dem Herkunftsland der Graphic Novel-Vorlage Schneekreuzer (Le Transperceneige) von Jacques Lob, Benjamin Legrand und Jean-Marc Rochette. Weltweit also am Rande wahrgenommen, entschied sich der US-Sender TNT die Serie nach dreijähriger Produktionszeit auszustrahlen. Hierzulande übernahm Netflix die Ausstrahlung zwischen Mai und Juli 2020. Die Prämisse klingt durchaus spannend: In einer Zukunft, in der die Erde vereist ist, rast ein Zug mit Überlebenden der Klimakatastrophe ruhelos um die Welt. Im Innern herrscht ein brutales Klassensystem. Die viel spannendere Frage ist, ob es wirklich noch einer Serie bedarf, wenn es einen Film gibt, der die Geschichte doch kompakt zusammenfasst. Die Hoffnungen in das Projekt sind groß, denn eine zweite Staffel ist bereits bestellt.

 

In einer nahen Zukunft wird die Welt nach einer von Menschen verstärkten Klimakatastrophe von einer Eiszeit heimgesucht. Eis- und Schneemassen bedecken die Welt. Ein visionärer Mann namens Mr. Wilford lässt einen überdimensional langen Zug erbauen, in den sich etwa 3000 Überlebende retten konnten. Dieser aus 1001 Wagons bestehende Zug umkreist die Erde unaufhörlich und ist darauf ausgerichtet, als eigenes Mini-Universum zu dienen. Selbst gesellschaftliche Schichten sind innerhalb des Zuges voneinander separiert. Während die Welt unter dem Eis erfriert, rollt der Zug also im Eiltempo vor sich hin und in ihm scheinen sich die Ereignisse zuzuspitzen, denn im Innereren herrscht ein brutales Klassensystem: Während die vorderen Klassen ein glückliches Leben führen können, wird dieser Lebensstandard vom hinteren Teil des Zuges getragen. Statt Saus und Braus heißt es dort schuften und zu essen gibt es nur schwarze Proteinklötze.

Krimi-Plot im dystopischen Katastrophenzug

Originaltitel Snowpiercer
Jahr 2020
Land USA
Episoden 10 in Staffel 1
Genre Science-Fiction, Thriller
Cast Melanie Cavill: Jennifer Connelly
Andre Layton: Daveed Diggs
Bess Till: Mickey Sumner
Ruth Wardell: Alison Wright
Bennett Knox: Iddo Goldberg
Miss Audrey: Lena Hall
Zarah Ferami: Sheila Vand
Roche: Mike O’Malley
Auf Netflix verfügbar

Dass Kino-Erfolge, wann immer es sich anbietet, früher oder später in Serie gehen, kennt man. Bong Joon-hos Leinwandadaption überzeugt mit einer knackigen Erzählweise und fließender Dramaturgie. Die Welt ist nicht durch die globale Erwärmung, sondern einen drastischen Temperatursturz zu Grunde gegangen und die rollende Arche Noah entpuppt sich als Klassenkrieg. 126 Minuten, die glasklar durchgezogen werden. Die Serienadaption gibt beides auf: Aus den 126 Minuten werden knapp neun bis zehn Stunden und inhaltlich wird auch von Anfang an durchgemischt. Der Ex-Polizist Andre Layton (Daveed Diggs, Hamilton), eigentlich im hinteren Teil des Zuges angesiedelt, ermittelt auf Geheiß der Stimme des Zuges, Melanie Cavill (Jennifer Connelly), unter den Reichen einen Mordfall. Versprochen wird ihm ein Leben in der dritten Klasse, eine erhebliche Verbesserung seiner Lebensqualität. Ohnehin ist die Dynamik innerhalb des Zuges eine viel größere: Während es im Film nur in eine Richtung geht, nämlich von hinten nach vorne, funktioniert dies in der Serie in beide Richtungen. Der größte Unterschied der beiden Erzählmedien liegt in der Mordermittlung, die eine tragende Rolle spielt. In der Serie erfährt Layton dauerhaft von Diskriminierung sowie den Differenzen zwischen den vorderen Klassen. Snowpiercer zieht aber auch alle Register, wenn es darum geht, Diskurse anregen zu wollen: Klimawandel, Polizeigewalt, Rassismus. Kein Thema bleibt unangerührt.

Bedrückende Enge geht verloren

Wichtig für das Verständnis ist, dass der Zug bereits seit sieben Jahren rollt und sich die geschaffenen Hierarchien verfestigt haben. Das Böse bekommt durch Melanie ein Gesicht. Diese hält das Bild eines zynischen Tyrannen aufrecht, den es allerdings gar nicht gibt. In Wahrheit ist sie, die öffentlich nur als Sprachrohr auftritt, selbst die Strippenzieherin ‒ und damit erhöht sich auf der Druck auf sie, die falsche Wahrheit am Leben zu halten. Ein bisschen so ähnlich verhält sich das auch aus Zuschauersicht: Man nimmt diese Geschichte so lange hin, wie man eben mit ihr klarkommt. Nicht nur auf der Reise, sondern auch zwischen Folge 1 bis 10 geht jegliches Zeit- und zunehmend auch das Raumgefühl verloren. Was außerhalb des Zuges passiert? Irgendwie egal, Hauptsache es werden genügend Menschen in die Enge getrieben. Aber so furchtbar eng fühlt sich das alles gar nicht an. Es überrascht geradezu, dass sich jedes Zug-Abteil wie eine eigene Welt anfühlt. Surrealistisch, nach eigenen Regeln spielend, aber immer im Kontext zu dem eigenen Klassensystem. Nach Zug fühlt sich das alles wenig an und die Größenverhältnisse lassen sich trotz ansehnlicher Ausstattung szenenweise kritisch hinterfragen.

Wer den Film kennt, kann sich die Serie sparen

Während Layton auf der einen Seite ermittelt und dabei die krimitypischen Elemente beleuchtet werden (Spurensuche, Befragung Verdächtiger, etc.), werden beiläufig Subplots eröffnet, die das Innenleben verschiedener Mitreisender beleuchten. Wünsche, Träume, Hoffnungen und Ängste machen die zum Teil komplexen Persönlichkeiten aus und vermitteln ein bisschen das Gefühl, dass es hier noch immer genügend spannende Einzelschicksale gibt. Obwohl gerade die beiden letzten Folgen für ihre Spannung zu loben sind, ist der Weg bis dorthin ein beschwerlicher. Laytons Suche nach dem Killer fehlt es an Dringlichkeit, um eine Sogwirkung zu entfalten. Und die Verknüpfung der unterschiedlichen Stränge gerät mitunter zu holprig. Umso interessanter ist es also, dass das Geheimnis von Melanie (für den Zuschauer) schon sehr früh ans Licht kommt und sie damit zur unmittelbar interessantesten Figur des Zuges wird. Jennifer Connelly hat die Rolle der intellektuellen Bösewichtin einfach drauf, wie sie bereits in Alita: Battle Angel unter Beweis stellen durfte. Allgemein lässt sich sagen, dass das Drehbuch den weiblichen Figuren die deutlich spannenderen und auch differenzierten Persönlichkeiten zuschreibt. Legt man Film und Serie übereinander, ergeben sich daraus nur wenige Punkte, die nicht deckungsgleich sind. Dazu gehört die Ermittlungsgeschichte, aber die allein rechtfertigt nicht, sich rund zehn Stunden mit dieser Serie zu befassen.

 

Fazit

Snowpiercer ist in serieller Form in deutlich langsamerer Fahrtgeschwindigkeit unterwegs. Es fällt schwer, der Serie angesichts der filmischen Version eine wirklich Existenzberechtigung einzuräumen. Diese wird durch zu wenige neue Ansätze gerechtfertigt, sodass nach Staffel 1 der Eindruck zurückbleibt, als sei das Potenzial des Films einfach noch nicht zur Genüge ausgeschöpft worden, sodass es einer weiteren Serien bedarf. Ambitioniert ist Snowpiercer ohne Frage: Besonders visuell überzeugt das Konzept, wenngleich es in vielen Szenen nicht zur den vorhandenen Umständen passen will. Vielleicht kann die zweite Staffel das Snowpiercer-Universum noch einmal bedeutsam ausbauen. Doch zumindest die erste Staffel schafft es nicht, sich einen eigenen Platz zu erkämpfen.

© Netflix

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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