Riverdale (Staffel 2)

Lesezeit: 8 Minuten

Die erste Staffel Riverdale konnte als engmaschige Murder-Mystery überzeugen und Fans durften sich direkt auf eine Fortsetzung freuen. Staffel 2 wurde sogar auf 22 Episoden aufgestockt, damit Archie, Betty, Veronica, Jughead und Cheryl noch mehr Abenteuer in ihrem bizarren Städtchen erleben können. Da Netflix die internationalen Ausstrahlungsrechte besitzt, gibt es die Folgen in Deutschland parallel zum US-Fernsehen, (wie auch bei der im Oktober 2018 gestarteten dritten Staffel). Wer den Streamingdienst nicht beansprucht, kann sein Geld ab November in die DVD-Box investieren und sich dann einen riesigen Vorrat an Popcorn schnappen fürs genüssliche bingen. Mehr Tote, mehr Gangster, mehr Drogen, mehr Romanzen und – ein Musical?!

Nachdem der Mord an Jason Blossom aufgeklärt und der Tag gerettet schien, wurde Fred Andrews (Luke Perry, Beverly Hills 90210) in Pop’s Chock‘lit Shoppe von einem Mann in schwarzer Maske angeschossen. Die Zuschauer mussten den Sommer über ausharren, ob Archies (K.J. Apa) Vater überleben würde. Nach einer emotionalen ersten Folge kann Entwarnung gegeben werden, die erste Beerdigung ist zunächst abgewendet und die zweite Staffel geht direkt in die Vollen. Schnell ist klar, dass der Schütze es nicht auf ein paar Tageseinnahmen abgesehen hatte. Als Black Hood treibt er bald sein düsteres Unwesen! Statt einen einzelnen Mord aufzuklären, kriegen die Kids der Riverdale High es mit einem Serienkiller zu tun. Wovon die Polizei erst noch überzeugt werden will und Zusammenhänge vollkommen verpennt. Vor allem Betty (Lili Reinhardt) gerät in den Sog des Bösen, denn bald lässt Black Hood ihr Nachrichten zukommen. Ihre Rede über den Verfall der Stadt hat ihn inspiriert. Veronica (Carmen Mendes) ist dagegen eher mit ihrer Familie beschäftigt. Ihr Vater Hiram Lodge (Mark Consuelos) macht sich in Riverdale breit. Mit einem Haifischgrinsen und eindeutig krummen Geschäften! Das alles stürzt Archie in die Krise, denn er will, dass sein Städtchen friedlich ist und auch seiner Freundin beistehen, die es immer tiefer in die mafiösen Strukturen zieht. Das treibt ihn ein wenig von Jughead (Cole Sprouse) weg, der alles daran setzt, um die Südseite Riverdales zu erhalten. Die Southside Serpents sind schließlich jetzt die einzige Familie, die er noch hat, da sein Vater FP (Skeet Ulrich) im Gefängnis hockt. Nur Cheryl (Madelaine Petsch) scheint von dem Treiben unberührt, da sie einen privaten Psychokrieg gegen ihre Mutter führt und dem Gang Image der Serpents ins Gesicht spuckt. Die Oberfläche der Idylle in Riverdale hat arge Risse und alles wird noch schlimmer mit Drogen, Bodenspekulation, Leichen, Autorennen, Selbstjustiz, Erpressung, Familiengeheimnissen, organisiertem Verbrechen, beinahe Vergewaltigungen, Prostitution, korrupter Kommunalpolitik… In den Worten einer ehemaligen deutschen Seifenoper: Es wird viel passieren.

Im Eiltempo zur Zugentgleisung

Eines muss direkt gesagt werden, Riverdale ist ein Opfer der eigenen Popularität geworden. Staffel 1 ist eigenwillig und bei weitem nicht perfekt, aber es gibt eine Kernstory, zu der immer wieder zurückgefunden wird. Roberto Aguirre-Sacasa, der unter anderem das Drehbuch für Stephen Kings Carrie von 2013 schrieb, war bereits 2015 von Warner Bros. damit beauftragt worden, die Comicmarke Archie filmisch umzusetzen. Im Laufe der Jahre wurde daraus Riverdale. Gar keine üble Idee, immerhin hat Aguirre-Sacasa für die Comics geschrieben und kennt die Charaktere, wobei er gern in alternative Universen taucht (in seinen ersten Comicrun baute er Zombies ein). Nicht zuletzt durch die internationale Ausstrahlung ab Januar 2017 auf Netflix wurde Riverdale zum Hit. 13 Folgen, ein klares Thema, kein Druck von außen, eine gute Mischung. Die Fanbase ist auf Twitter & Co. lautstark vertreten, es kristallisierte sich raus welche Figuren und Beziehungen besonders gut ankommen und dann wurde Staffel 2 geordert. Mit 22 Folgen und schon im Oktober 2017 sollte es losgehen. Ohne den Cliffhanger um den angeschossenen Fred Andrews hätte Staffel 1 eine weitestgehend in sich geschlossene Geschichte sein können, mit ein paar losen Fäden hier und da. Für Staffel 2 musste dann alles sehr schnell ausgearbeitet werden. Und wer die Episoden schaut, wird schnell vom Gefühl heimgesucht, dass die Handlung über die Charaktere gestellt wurde. Ganz wichtig ist die Spannung mit überraschenden Enthüllungen am laufenden Band und irgendwie wird das mit den Figuren schon hinhauen. Hauptsache mehr alles, was die Leute mögen. Riverdale Staffel 2 ist wie eine sich langsam ankündigende Zugentgleisung. Das Publikum sitzt aber zum Glück in sicherer Distanz und niemand kommt bei diesem Katastrophentourismus zu Schaden. Daraus lässt sich immerhin ein Unterhaltungswert ziehen, wenn auch aus unbeabsichtigten Gründen.

Wer sind diese Leute?

Was war Archies größter Traum für seine Zukunft? Einmal Musiker zu werden. Das spielt natürlich keine große Rolle, wenn man zunächst um das Leben des Vaters bangt und danach nachts Wache sitzt, weil die Angst einen treibt, Black Hood könne zurückkehren. Aber es ist plötzlich vollkommen egal. Lieber lässt sich Archie mit Hiram Lodge ein, wird zu seiner rechten Hand, gründet nebenbei eine Teen-Miliz namens Red Circle und verliert seinen moralischen Kompass. Erinnert sich noch jemand daran, dass Jughead lieber obdachlos war statt sich mit seinem Vater auseinanderzusetzen und wie sehr er die Serpents verachtet hat? Kein Problem, er streift sich die Jacke über und wird einfach zum Anführer, dann kann er sich seine Weltsicht zurechtbiegen. Betty zeigte in Staffel 1 schon für einen kurzen Moment eine Art dunkler Seite, wie wäre es, daraus ein weiteres Familiengeheimnis zu machen? Damit Betty und Mama Alice (Mädchen Amick) sich näher kommen gibt es einen psychopathischen Bruder obendrauf und die beiden können gemeinsam eine Leiche aus der heimischen Küche entsorgen. Keine Angst, es ist kein netter Typ, dann ist das schon okay.  Die Beziehung von Betty und Jughead hat Fans und Gegner gefunden. Eindeutig auch in der Schreiberriege der Serie, denn die zwei benehmen sich sehr sprunghaft, je nachdem wer die Feder führt. Während Veronica in der ersten Staffel bemüht war, ihre New York High Society Kräfte für Gutes zu nutzen, sich einzuleben und auch als reiches Töchterchen nicht fies zu werden, hat sie kein Problem sich nun ins nebulöse Familiengeschäft zu stürzen. Egal ob schmutzige Politik bei der Bürgermeisterwahl oder Kampagne zum Schulsprecher. Die Charaktere rotieren in ständigen 180°-Drehungen um die eigene Achse. Die Königin der explosiven Wandlungen bleibt aber Cheryl. Sie ist von den Serpents angewidert, beschimpft sie, stalkt Josie (Ashleigh Murray), der sie gar ein Schweine-Herz schickt, freundet sich dann mit der bisexuellen Toni (Vanessa Morgan) von den Serpents an, hat ein Coming Out, wird ihre feste Freundin und bekommt am Ende ihre eigene rote Gang-Jacke, weil sie Robin Hood mit ihren Bogenschießkünsten neidisch machen könnte.  Und das ist keine langsame Entwicklung. Riverdale lebt davon, jede neue Information mit möglichst viel Flair und dunklen Vorahnungen zu präsentieren.

Ein Mangel an Balance zwischen den Generationen

Originaltitel Riverdale 
Jahr 2017
Episoden 22 (in Staffel 2)
Genre Mystery, Drama, Romanze
Cast Archie Andrews: K.J. Apa
Betty Cooper: Lili Reinhart
Jughead Jones: Cole Sprouse
Veronica Lodge: Camila Mendes
Cheryl Blossom: Madelaine Petsch
Kevin Keller: Casey Cott
Fred Andrews: Luke Perry
Alice Cooper: Mädchen Amick
Hiram Lodge: Mark Consuelos

Auf Geek-Germany haben wir Riverdale zuvor schon mit Pretty Little Liars verglichen. Beide Serien haben diese Jugendlichen als Protagonisten, die ganz klar keine realen Teenager darstellen sollen, sondern diese spannend-abenteuerliche Variante. Die Probleme sind weniger Promdates und Noten, sondern Mord und Verschwörung. Teenager, die eloquente Reden schwingen, sind spätestens seit Dawson’s Creek eine Kategorie für sich und bringen ein eigenes Maß an Unterhaltung. Aber bei all den überdrehten und vollkommen hanebüchenen Dingen, die in Pretty Little Liars passieren, bleibt immer eine Trennlinie zwischen den jungen Protagonisten und der Generation der Eltern. Und diese Linie wird bei Riverdale immer wieder überschritten. Die Kleinstadtpolitik der Bürgermeisterwahl und das Rennen um die Stelle als Schulsprecher sind nicht einfach parallele Erzählungen, sondern sind direkt miteinander verstrickt. Und aus irgendeinem aberwitzigen Grund kann sich Archie Andrews auf einer Augenhöhe mit Hiram Lodge bewegen. Die Southside Serpents haben nicht einfach eine Jugendabteilung.  Jughead kriegt es mit den krummen Dingen der älteren Mitglieder zu tun und wird gleichwertig behandelt. Es gibt keine Hürde, die Archie & Co. noch nehmen müssen, um sich ins Spiel der Großen einzumischen. Das Ende der Staffel setzt dem ganzen die Krone auf, wenn Hiram dann seine Minions um sich schart und wir all die Leute sehen, die unseren Protagonisten das Leben schwer machen. Die rivalisierende Gang, der korrupte Sheriff, die angehende Puffmutter, die gebrandmarkte Drogenschmugglerin.  Es wirkt ein wenig wie das Treffen von Scooby Doo Bösewichten ohne Maske. Die Präsentation ist allerdings ernst gemeint und hat nicht mal ein kleines verspieltes Augenzwinkern parat, wie man es A aus Pretty Little Liars noch nachsagen kann.

Der Unterhaltungsfaktor bleibt unbestreitbar

Aber es ist grade diese überbordende Dramatik, die einer wenig durchdachten Seifenoper gerecht wird, die eine gewisse Faszination ausübt. Was wird als nächstes passieren? Schnappen die Kinder Black Hood und entlarven eine bekannte Figur? Hat das FBI noch ein Auge auf Hiram, der ja schon im Gefängnis saß? Führen die Nonnen am Rande der Stadt Gehirnwäschen durch? Ist die verschriene Biker-Gang unter der Führung eines Minderjährigen vielleicht doch die bessere Nachbarschaftswache? Wie viele Kinder hat Alice hinter ihrer Couch versteckt? Es macht Spaß sich unmögliche Fortsetzungen der Geschichte vorzustellen, um dann zu merken, dass die tatsächlichen Erklärungen aus einem viel tieferen Hut gezaubert werden. Und je nachdem wie man als Zuschauer zu den Figuren steht und in welcher Folge man sich grade befindet, kann man Sympathie aufbringen und mitfiebern. Da taucht auch beispielsweise ein Bengel aus Veronicas Vergangenheit auf und benimmt sich wie die Axt im Walde inklusive versuchter Vergewaltigung – eine Storyline, über die man keine Witze machen muss und bei der es sehr befriedigend ist, wenn die Mädels füreinander da sind. Die Freundschaften und Beziehungen werden zu Gunsten des Dramas oft überstrapaziert, in den schlimmen Momenten siegt aber doch die Loyalität und das sind oft erbauende Szenen.

Und dann ist da noch die Musical Episode

Gesungen wird in der Serie öfters, warum also kein Musical für eine Schulaufführung? Und hier schließt sich der Kreis, denn es wird Carrie ausgewählt. Wir erinnern uns, Aguirre-Sacasa schrieb das Drehbuch für den Carrie Kinofilm von 2013 und in seiner Serie macht er sich nun über das Musical her, das Ende der 80er Jahre am Broadway lief und 2012 ein Revival erhielt. Das Musical ist ein historisches Broadway Desaster, weshalb es einen gewissen Kultstatus genießt. Und sich einfach perfekt für die Kids von Riverdale anbietet. Die Einarbeitung der Songs, um die Gefühle der Charaktere zu reflektieren ist herrlich bizarr. Nicht zuletzt wenn eine Liebesballade zu einem Hoch auf die Freundschaft wird. Die Theatralik und Bildsprache der Folge fühlt sich fast an, wie eine Selbstreflektion all der Dinge, die in der Serie schief laufen. Da hinterfragt man gar nicht mehr, warum eine der Mütter tatsächlich mitspielt. Carrie White wäre in Riverdale nicht die bizarrste Attraktion.

Die erste Staffel gefällt mir als Murder-Mystery recht gut, aber ich wurde mit einigen Figuren nicht warm. Vor allem Archie selbst ist entweder blass oder nahezu unsympathisch. Meine Erwartungen für Staffel 2 waren daher nicht besonders hoch. Eine meiner Hoffnungen, dass Jugheads kryptische Voice-Over vielleicht weniger aufgebläht klingen würden oder im besten Falle ganz wegfallen könnten, wird hier sofort zu Beginn zerschlagen. Und dann hört Staffel 2 gar nicht mehr auf, den Hammer zu schwingen. Es werden viel zu viele neue Handlungsstränge auf einmal angeboten und die Figuren haben zu wenig Zeit sich vernünftig zu entwickeln. Wie soll ich da Sympathien oder Interesse aufbauen? Ich hatte bei Veronica eine ganz leise Hoffnung, dass sie vielleicht nur vorgibt mitzuspielen, um so an Informationen zu kommen und im Geheimen gegen ihren Vater zu plotten. Aber nein, sie braucht ein Schlüsselerlebnis um sich abzuwenden und all ihre Aktionen sind echte Charakterschwächen – die dann mit einem Fingerschnippen abgetan werden.  Cheryl bleibt mein Liebling, da sie in Staffel 1 schon wunderbar überzeichnet ist und hier ganz neue Sphären erreicht. Da kann man gar nichts mehr ernst nehmen. Vielleicht sollte sie rüber zu Chilling Adventures of Sabrina wechseln, der anderen Serie, die kaum losgelöster von den zugrunde liegenden Archie-Comics sein könnte. Ich kann gar nicht beurteilen, was für Riverdale besser ist. Die Folgen wöchentlich zu schauen, wodurch nicht immer sofort auffällt, wie inkonsequent die Charaktere handeln. Oder lieber alles am Stück zu gucken, um nicht etwas von den ganzen Wirrungen zu vergessen und sich schneller durch nicht-gefällige Storypassagen zu bewegen. In jedem Fall ist es angebracht sich nicht zu viele Gedanken zu machen, und die Staffel wie einen Trip durch ein Geisterhaus zu genießen. Ein Teil von mir ist wirklich gespannt, wie das weitergehen wird. In groben Zügen überrascht mich hier nichts, aber die Details kann ich in meinen kühnsten Träumen nicht vorhersagen. Ich hätte schließlich auch nicht gedacht, dass eine ganze Staffel lang von der Partydroge Jingle Jangle die Rede sein würde, und niemand muss auch nur ein einziges Mal das Gesicht ob des Namens verziehen.

© Warner

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Misato

Misato hortet in ihrer Behausung fiktive Welten wie ein Drache seinen Goldschatz. Bücher, Filme, Serien, Videospiele, Comics - die Statik des Hauses erlaubt noch ein bisschen, der Platz in den Regalen weniger. Am liebsten taucht sie in bunte Superheldenwelten ein, in denen der Tod nicht immer endgültig ist und es noch gute Menschen gibt. Íhr eigenes Helfersyndrom lebt sie als Overwatch Support Main aus und adoptiert fleißig Funko Pops.

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