Orange is the New Black (Staffel 7)

Lesezeit: 7 Minuten

Während Netflix kultige erste Staffeln herausbringt und nebenbei viele Serien ein jähes Ende finden, ist Orange is the New Black eine feste Größe des Streamingdienstes. Doch nach sieben Jahren ist das Ende der Erzählung 2019 erreicht. Ein letztes Mal geht es nach Litchfield. Ein letztes Mal einen Blick auf Gefängnisinsassinnen und ihr Leben werfen. Abschiedsschmerz für Fans

Gefängnisbetreiber MCC freut sich über den neuen Deal. Litchfield bietet für Kriminelle nur noch die Hochsicherheitsverwahrung und der ehemals offene Vollzug wird nun von ICE genutzt. Der Einwanderungsbehörde der USA, die die ausländischen Massen ohne legale Dokumente zusammen treibt und abschiebt. Um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, dürfen einige Häflinge für die Immigranten und Flüchtlinge kochen. So kommen Red (Kate Mulgrew) und Gloria (Selenis Leyva) endlich wieder an ihren angestammten Platz in der Küche, nachdem sie die Isolierhaft überstanden haben. Ein Glück für Blanca (Laura Gómez), die am Ende von Staffel 5 nach einem falschen Geständnis statt Freiheit eine Ausweisung bekam. Tatsächlich entlassen wurde dafür Piper (Taylor Schilling) und obwohl sie keine zwei Jahre abgesessen hat, fällt ihr ein Wiedereinstieg ins alte Leben schwer. Vor allem da sie Alex (Laura Prepon) die Treue halten will und eine Beziehung auf Distanz ist nie einfach. Zumal Alex wieder in den Strudel der Schmuggelaktivitäten im Gefängnis gezogen wird. Von Drogen hält sie sich aber fern, so gut sie kann. In dem Geschäft blüht Daya (Dascha Polanco) immer mehr auf, mit äußerst fatalen Konsequenzen. Da MCC bessere Presse gebraucht, wird Aufseherin Tamika Ward (Susan Heyward) zur Direktorin befördert. Als schwarze Frau soll sie den Imageschaden gering halten und dabei am besten die Kosten senken. Aber Ward versucht den Ort für die Häftlinge besser zu gestalten. Endlich kommt jemand Taystees (Danielle Brooks) Forderungen nach Programmen nach, die den Frauen eine Chance bieten neue Fähigkeiten zu erwerben. Auch ein Kurs zum Nachholen eines Schulabschlusses ist dabei, wofür Doggett (Taryn Manning) sich langsam erwärmen kann. Das trostlose Leben in Litchfield geht unaufhaltsam weiter und jeder versucht aus der eigenen Situation das beste zu machen.

Der Siegeszug eines trojanischen Pferdes

Originaltitel Orange is the New Black (Season 7)
Jahr 2019
Land USA
Episoden 13 in Staffel 2
Genre Comedy, Drama
Cast Piper Chapman: Taylor Schilling
Nicky Nichols: Natasha Lyonne
Suzanne Warren: Uzo Aduba
Tasha Jefferson: Danielle Brooks
Gloria Mendoza: Selenis Leyva
Cindy Hayes: Adrienne C. Moore
Maria Ruiz: Jessica Pimentel
Dayanara Diaz: Dascha Polanco
Galina “Red” Reznikov: Kate Mulgrew
Alex Vause: Laura Prepon

Mit dem Ende vor Augen lohnt sich ein Blick zurück, wie Orange is the New Black einst anfing. Die Serie wurde von vielen TV-Sendern abgelehnt, doch Netflix sah eine Chance, das eigene Profil mit einem ungewöhnlichen Projekt auszubauen. Eine Serie über ein unangenehmes Thema, angefüllt mit komplexen bis unliebsamen Figuren, die zudem weiblich sind. Serienschöpferin Jenji Kohan nahm das Buch Orange Is the New Black: My Year in a Women’s Prison von Piper Kerman als Grundlage und verkaufte die Idee als einen Blick aufs Gefängnissystem aus Sicht einer mittelständischen Weißen. Doch dahinter verbarg sich der Plan, die anderen Häftlinge zu Sympathieträgern zu machen. Und so bei den Zuschauern zumindest ein wenig Verständnis zu schaffen, wie einige Leute in die Spirale aus Kriminalität geraten und welche Systeme dafür sorgen, dass es manche Gruppen überproportional trifft. Die Figur von Piper Chapman hält eine willkürliche Rahmenhandlung aufrecht und sie dient zunächst als neutraler Beobachter. Aber die eigentliche Story besteht aus schlechten Entscheidungen, unfairen Umständen und der Suche nach Menschlichkeit. Die siebte Staffel schnürt den Sack nun zu und so muss Piper unweigerlich prominent in Szene gesetzt werden.

Pipers Reise geht zu Ende

Pipers Entlassung aus dem Gefängnis stellt sie vor neue Hürden. Die Problematik wurde zuvor in der Serie angeschnitten, als Taystee auf Bewährung heraus kam. Eine Ausgangssperre, viele Restriktionen bei der Jobsuche und spontane Kontrollen machen es Ex-Häftlingen nicht leicht. So jobbt Piper in einem thailändischen Imbiss und hat Glück, dass sie bei ihrem Bruder unterkommt. Das Verhältnis zum Rest der Familie ist angespannt, aber im Verlauf der Staffel sehen wir einige alte Bekannte wieder. Selbst den ehemaligen Verlobten Larry (Jason Biggs), dessen Ausstieg aus der Serie von Fans gefeiert wurde. Piper hat sich verändert, aber eine gewisse nahezu naive Ader ist ihr doch geblieben. Im Vergleich mit den anderen Tragödien, die Orange is the New Black zu einem narrativ passenden Ende führen muss, ist Pipers Storyline uninteressant. Nicht zuletzt, weil auch Alex im Gefängnis für sich bleibt und nur mit einigen Wachen interagiert. So wichtig sie als ursprüngliches Zugpferd auch war, so wenig reißt ihr Leben zu diesem Zeitpunkt noch mit. Für diejenigen, die Piper zu ihren Lieblingen zählen, ist jede Minute ein Geschenk, aber bei dem großen Ensemble ist insgesamt viel mehr zu holen.

Die Welt hat sich verändert

In der erzählten Zeit von Orange is the New Black umfassen die Staffeln 1 bis 6 insgesamt 18 Monate. Das ist die Zeit, die Piper im Gefängnis war. Wer jetzt aber auf Staffel 1 zurückblickt, schaut auf die USA von 2013. Und in den sieben Jahren hat sich viel verändert. Die Serie ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch unterhaltende Medien nicht in einem Vakuum existieren. Der Plot um ein Auffanglager für (illegale) Einwanderer/Flüchtlinge/Asylsuchende wäre damals recht absurd gewesen. Die Eskalationen seit der Wahl von 2016 haben das Thema Einwanderung aber zu einem heißen Eisen geschmiedet. Und die packt die Serie gerne an, wie Staffel 4 bewies, in der Polizeigewalt in den Fokus rückte. Mit Blanca, die ihre Green Card und damit ihr Aufenthaltsrecht verloren hat, ist eine bekannte Figur im Zentrum der Geschehnisse. Es werden zudem Einzelschicksale aufgegriffen, die in der knappen Zeit erneut die Unmenschlichkeit des Systems vorführen. Mütter getrennt von ihren Kindern, die zwar das Recht auf einen Anwalt haben, praktisch aber keinerlei Chance bekommen dieses Recht einzufordern. Es ist erschreckend, dass selbst die Häftlinge, deren Entwürdigung wir schon sechs Staffeln lang beiwohnen, noch mehr besitzen.

War das nicht mal eine Comedy?

Und da liegt ein bisschen der Hund begraben. Orange is the New Black ist eine Dramedy-Serie. Teils Drama, teils Komödie, ein Balanceakt. Bei Awards wie Golden Globes oder Emmys gilt die Serie gar als Comedy. Mit den seifenoperartigen Eskalationen der Gesamtsituation und skurilen Überschneidungen, gab es auch immer etwas zu lachen. Aber Staffel 7 schafft dieses Kunststück nicht mehr. Zu hoffnungslos ist die Lage für die meisten und zu bedrückend die Szenerie der Flüchtlingsunterkunft. Wobei diese im Vergleich zu einigen real unterhaltenden Konzentrationslagern immerhin pro Person ein Bett und hygienische Bedingungen bietet. Die letzte Staffel einer Serie hat oft eine bittersüße Note und man muss sich von liebgewonnen Figuren verabschieden. Bei Orange is the New Black war von vornherein klar, dass dieser Zeitpunkt nie ein Happy End als solches sein könnte. Da sitzen Personen mit mehrjährigen bis lebenslangen Haftstrafen ein, das konventionelle “und sie lebten glücklich” wird ausbleiben. Aber bei einigen Charakteren wird hier ordentlich nachgetreten. So kämpft beispielsweise die einst so stolze und tatkräftige Red mit mentalen Problemen, ihr Alter holt sie in der Isolierhaft brutal ein.

Zurück zu den Ursprüngen

Die Staffel 2 bis 6 besitzen jeweils einen handlungsübergreifenden Storybogen, der alles zusammenhält. Staffel 1 brauchte das als Einführung nicht und Staffel 7 verzichtet größtenteils darauf. Die Neunutzung von Litchfield ist zwar ein wichtiger neuer Aspekt, aber keine abgeschlossene Handlung wie das Dealen mit Unterhosen oder der Aufstand. Das zersplitterte Gefühl aus Staffel 6 bleibt bestehen und die einzelnen Figuren sind weit voneinander entfernt. Ein paar Freundschaften sind wichtiger als andere und gehen mittlerweile tief, aber jede bleibt sich selbst die nächste, während manche Zyklen sich wiederholen. Während es mit Red abwärts geht, übernimmt Nikki etwa mehr und mehr Verantwortung. Im Gefängnis ist sie clean geworden und hat das erste Mal das Gefühl, Teil einer Familie zu sein. Und jetzt ist sie soweit, das weiter zu geben.

Ein Hoffnungsschimmer in der Realität

Orange is the New Black ist keine perfekte Serie. Aber sie hat vielen Menschen einige Probleme des US-amerikanischen Strafvollzuges aufgezeigt und Dialogmöglichkeiten geschaffen. Um nun nicht komplett von der Bildfläche zu verschwinden, wurde eine Stiftung gegründet. Unter dem Namen “The Poussey Washington Fund” – benannt nach einem Fan-Favorit, deren Tod eine große Kontroverse auslöste – haben sich mehrere Organisationen zusammen geschlossen, die an verschiedenen sozialen Baustellen rund um (Ex)-Häftlinge, sowie Immigration, arbeiten. Piper Kerman setzt sich seit ihrer Entlassung für Gefängnisreformen ein und auch Mitglieder von Cast und Crew sind im Laufe der Jahre mit vielen Leuten in Kontakt gekommen, die etwas bewegen wollen. Das Erbe der Serie ist damit etwas greifbares geworden.

Fazit

Wie jedes Mal habe ich Folge 1 der Staffel geklickt und dann nahezu in einem Rutsch alle Episoden geschaut. Die emotionale Seite konnte mich Jahr für Jahr packen. Ich finde es schade, wie viel Zeit auf Piper verwendet wird, auch wenn sie die Hauptfigur ist. Mein Herz, wie das vieler Fans, hängt am Ensemble. Und ich gebe offen zu, dass mir mehrere Male die Tränen in die Augen schossen. Vor allem Taystees Reise nimmt mich da mit. Wenn sie ihren Selbstmord wirklich durchgezogen hätte, hätte die Serie aber wohl jeden Shitstorm, den Game of Thrones mit Staffel 8 ausgelöst hat, blass aussehen lassen. Der Tod von Doggett traf mich vollkommen unvorbereitet und war ebenfalls schwer verdaulich. Ich schaue Nachrichten und weiß, dass in den USA Kleinkinder vor Richtern sitzen, die sich selbst vertreten und erklären sollen, warum sie bleiben möchten. Das macht es nicht einfacher, es in einer Serie zu sehen. Eskapismus gibt es dieses Mal noch weniger als sonst, aber irgendwie möchte ich das auch nicht anders haben. Und für die Schauspielerinnen ist das Anheben des Dramas die perfekte Möglichkeit, um ihr Können ein letztes Mal unter Beweis zu stellen. Die Broadway-erfahrene Uzo Aduba kriegt als Suzanne dieses Mal leider weniger zu tun, aber dafür darf sie auch mal singen. Ich wünsche mir wirklich, dass die Schauspielerinnen vernünftige Angebote für die Zukunft bekommen. Die Rollenauswahl von Orange is the New Black ist schon etwas besonderes. Und es ist wirklich schön, wie viele Cameos es am Ende gibt, damit Zuschauer sich von allen verabschieden können, auch wenn sich am Status Quo für die meisten nichts geändert hat. Ich hätte mir eine dichtere Handlung gewünscht, bin mit dem Ende als Abschied insgesamt aber zufrieden. Vielleicht dürfen wir in einigen Jahren eine Reunion erleben.

© Netflix

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Misato

Misato hortet in ihrer Behausung fiktive Welten wie ein Drache seinen Goldschatz. Bücher, Filme, Serien, Videospiele, Comics - die Statik des Hauses erlaubt noch ein bisschen, der Platz in den Regalen weniger. Am liebsten taucht sie in bunte Superheldenwelten ein, in denen der Tod nicht immer endgültig ist und es noch gute Menschen gibt. Íhr eigenes Helfersyndrom lebt sie als Overwatch Support Main aus und adoptiert fleißig Funko Pops.

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