Orange Is The New Black (Staffel 6)

Lesezeit: 7 Minuten

Mittlerweile steht Netflix für gepflegtes Bingewatching von Serien und bietet eine Menge Eigenproduktionen als Futter an. Einer der ersten großen Hits ist Orange is the New Black und am 27. Juli 2018 wurde die bereits sechste Staffel online gestellt. 13 taufrische Episoden voller Drama, Humor, inhumanen Praktiken, kreativer Kriminalität und einer kleinen Prise Sozialkritik am US-amerikanischen Gefängnissystem.

Nach dem mehrtägigen Aufstand, der in Staffel 5 erzählt wurde, geht es mit harter Zucht und Ordnung weiter. Während der Großteil der Häftlinge in umliegende Gefängnisse verfrachtet wurde, findet sich das Grüppchen an Damen aus dem Poolversteck im Hochsicherheitstrakt von Litchfield wieder. Zunächst in Einzelhaft, während noch eine Untersuchung läuft, wer als Drahtzieher den Kopf herhalten soll. Die Firma MCC möchte den PR-Alptraum so schnell wie möglich begraben und die Staatsanwaltschaft ist bemüht, der Öffentlichkeit einen klaren Fall zu präsentieren. Immerhin sind zwei Vollzugsbeamte ums Leben gekommen. Das Interesse an der Wahrheit und er einer Aufarbeitung der zugrundeliegenden Probleme bleibt gering. Die Handvoll Insassinnen müssen sehen, wo sie bleiben und sich mit der strengen Hackordnung in den Zellenblöcken C und D vertraut machen. Die bisherigen Wahlloyalitäten scheinen wenig wert zu sein.

Abschied von vertrauten Gesichtern

Um das Pflaster schnell abzuziehen – wer hofft, allen bekannten Nebenfiguren zu folgen, um zu erfahren wie es mit Big Boo, Maritza, Watson, Yoga Jones, Soso, Norma und all den anderen weitergeht, wird derbe enttäuscht. Viele der liebgewonnenen Charaktere wurden per Bus aus der Serie geschafft und haben in dieser Staffel keinen Platz mehr. Im Fokus stehen vor allem die zehn, denen der letzte Shot aus Staffel 5 gebührte. Frieda, Suzanne, Cindy, Taystee, Red, Piper, Alex, Nicky, Gloria und Blanca bleiben in Litchfield, wandern aber nun den Hügel hinnauf zur berüchtigten Hochsicherheit. „To the Max“ lautet daher der Untertitel der Staffel. Auch Flaca, Lorna und Zirconia verschlägt es dorthin, Daya wurde sowieso frisch verlegt und es gibt so ein kurzes Wiedersehen mit Lolly und Sophia. Das ist noch immer ein großes Ensemble, aber der Verlust der bisher üblichen Gruppendynamik macht sich bemerkbar. Wo Staffel 5 mit einer geeinten Front und der Bewahrung von einem letzten Funken Würde aufhörte, zeigt sich schnell, dass Loyalität und Freundschaft sehr abstrakte Werte sind, wenn es um das eigene Leben und Überleben geht.

Neue Antagonisten

Originaltitel Orange Is The New Black
Jahr 2018
Land USA
Episoden 13 in Staffel 6
Genre Comedy, Drama
Cast Piper Chapman: Taylor Schilling
Nicky Nichols: Natasha Lyonne
Suzanne Warren: Uzo Aduba
Tasha Jefferson: Danielle Brooks
Gloria Mendoza: Selenis Leyva
Cindy Hayes: Adrienne C. Moore
Maria Ruiz: Jessica Pimentel
Dayanara Diaz: Dascha Polanco
Galina “Red” Reznikov: Kate Mulgrew
Alex Vause: Laura Prepon

Die neue Einteilung ist im Grunde simpel. Zellenblock B ist für ältere Frauen und Transgender Insassinnen reserviert, sowie für diejenigen, die mit einfachen Medikamenten ruhig und friedlich bleiben und nicht auf die psychologische Station müssen. Der Block wird daher Florida genannt und wer die zartrosafarbene Kleidung trägt, ist im Grunde neutral und nicht mehr von Belang. Die Blöcke C und D sind dagegen im knallharten Krieg miteinander. Das liegt daran, dass bereits vor über 30 Jahren die Denning-Schwestern Carol und Barbara eingesperrt wurden, die ihre geschwisterlichen Rivalitäten mitgebracht haben. Damit sie sich nicht dauernd gegenseitig an die Gurgel gehen, wurde Carol in Block C mit den blauen Klamotten verfrachtet. Und Barbara kam in D unter, wo Khaki getragen wird. Und der Streit der beiden wurde über die Jahre zur Feindschaft unter allen Gefangenen. Die Schwestern, die wegen eines perfiden Mordes einsitzen, haben alles unter Kontrolle und leiten ihre Geschäfte, ohne sich noch selbst die Finger schmutzig machen zu müssen. Und damit kommen die üblichen Storylines um Drogenverkauf und Schmuggelware wie Handys ins Spiel. Auch die Hochsicherheit ist nicht ganz so sicher, wenn es darum geht Dinge ins Gefängnis zu holen. Vor allem, wenn die Wachen die Finger mit im Spiel haben.

Inhumaner Zeitvertreib

Orange is the New Black ist seit Beginn offiziell eine Comedyserie, schreckt aber bei den Einzelschicksalen nicht vor dramatischen Emotionsbomben zurück. Und bei all der gebotenen Unterhaltung wird die Unmenschlichkeit des Systems nicht ganz außer Acht gelassen. Die inhaftierten Figuren sind keine Unschuldslämmer und die Verbrechen reichen von kleinen Drogendelikten über organisierte Kriminalität bis hin zu eiskaltem Mord. Dass sie trotz allem noch Menschen sind und eine menschenwürdige Behandlung verdienen, ist ein Leitmotiv der Serie. Und das macht das Zuschauen nicht immer leicht, wenn die Wachen ihre Machtposition missbrauchen. Eine neue Form, die hier präsentiert wird, ist das Spiel „Fantasie Häftling“. Die Wärter teilen die Gefangenen untereinander auf, dass jeder eine eigene Mannschaft hat. Für jede Verfehlung eines Mitglieds kriegt der Wärter dann eine bestimmte Anzahl an Punkten und bei Saisonende gibt es ein stattliches Preisgeld, da zum Mitspielen 100$ von jedem erforderlich sind. Um zu gewinnen hilft es natürlich, den einen oder anderen Streit auch mal zu provozieren oder nicht immer deeskalierende Maßnahmen zu ergreifen. Es ist ein abartiges Spiel und sorgt gleichzeitig für Spannung. Es ist immer wieder eine schwierige Gratwanderung für Orange is the New Black nicht zu düster zu werden, wie eine ernster angelegte Gefängnisserie wie beispielsweise Oz oder Prison Break. Und manchmal misslingt dadurch die angestrebte Kritik am System. Denn „Fantasie Häftling“ führt eben doch zu so manchem Lacher, da es für den Zuschauer genauso eine nette Abwechslung ist, wie für die Wärter.

Keine Gerechtigkeit in Sicht

Am Ende von Staffel 5 war es eine kleine Genugtuung, dass der Wärter Piscatella erschossen wurde. Immerhin von den eindringenden Beamten, die das Gebäude räumen sollten. Doch es ist keine große Überraschung, dass dieser tödliche Unfall vertuscht wird. Schnell die Leiche neu drapiert und behaupten, dass er schon tot war, damit es einer der sowieso kriminellen Frauen in die Schuhe geschoben werden kann. Und da interessiert es nicht, dass Piscatella selbst zu Folter griff. Das ist ja ein gutes Motiv für die Tat als Racheakt. Und eine Aufarbeitung des Aufstandes bleibt auch aus. Wie wenig Interesse der private Eigentümer MCC an der menschlichen Seite des Aufstandes hat, zeigt sich darin, dass die Angestellten einfach ebenfalls im Hochsicherheitsbereich eingesetzt werden. Sie sollen ihren Job machen und wer braucht schon psychologische Hilfe nach einer Geiselnahme? Wenn für die eigenen Mitarbeiter Mitgefühl fehlt, dürfen die Häftlinge erst recht nichts erwarten. So dauert es auch bis Episode 4, dass der Name Poussey Washington überhaupt fällt, deren Tod Hauptauslöser der Unruhe war. In einer anderen Serie, könnte man wohl darauf hoffen, dass ein solch gravierendes Ereignis auch Konsequenzen hat. Aber der Tod einer afro-amerikanischen Gefangenen wird dann doch realitätsnah behandelt – es interessiert ein paar Wochen später kaum jemanden. Eskapismus bietet die Serie damit nicht und macht ziemlich wütend. Die emotionalen Auswirkungen lasten vor allem auf Cindy und Taystee. Während andere Charaktere ein bisschen zwischen Ernst und Humor pendeln, kommt vor allem Taystee nicht zur Ruhe und Schauspielerin Danielle Brooks übertrifft sich einmal mehr. Eine Emmy Nominierung hätte sie längst verdient, da sie auf ganzer Linie überzeugt. Der ungesühnte Tod ihrer besten Freundin, der fruchtlose Kampf für bessere Rehabilitationsmaßnahmen, die Aussicht auf eine Anklage wegen Mordes und der Verlust ihrer verbliebenen Sozialkontakte. Jeder Charakter der Serie hat ein Päckchen zu tragen, aber diese Staffel trifft es Taystee besonders hart.

Sex und Gewalt weniger plakativ

Es fällt auf, dass sich Staffel 6 ein wenig zurückhaltend zeigt, wenn es um die Darstellung von Sex und Gewalt geht. Sexszenen als solche sind sehr rar gesät, was immerhin den positiven Effekt hat, dass es auch keine sexuellen Übergriffe gibt. Die sogenannte Beziehung zwischen Häftling Pennsatucky und Wärter Coates, wird aufgegriffen und dass er sie einst vergewaltigt hat und weiterhin zu Wutausbrüchen neigt, wird nicht erneut unter den Tisch gekehrt. Gewalt gibt es an und für sich noch reichlich, inklusive einem Selbstmordversuch, Prügel durch Wärter oder Attacken mit selbstgebastelten Waffen. Aber es wird nicht für ein paar Schockmomente drauf gehalten. Die Serie hat sich in der Vergangenheit genug ausgetobt. Und für ein schockierendes Ende haben die Autoren sich etwas ganz besonderes einfallen lassen. Nachdem die Firma MCC ihren Namen ändert, um den Imageschaden nach dem Aufstand abzufedern, haben die Bosse sich ein neues Konzept erschlossen, um Geld zu scheffeln: Immigranten Häftlingsanstalten. Wer sich grade noch für Blanca freut, dass Diablo sie wirklich abholt und die zwei eine Familie gründen können, schlägt die Realitätskeule voll zu.

Orange is the New Black bietet mit jeder Staffel eine Menge Stoff, der seziert werden kann. Als Dramedyserie wird natürlich dick aufgetragen, aber jedes Einzelschicksal für sich betrachtet bleibt nachvollziehbar und erscheint gar nicht so realitätsfern. Damit packt mich die Serie jedes Jahr aufs Neue. Und auch wenn ich klare Favoriten habe, verfolge ich alle Storylines gern, solange sie sich nicht zu sehr mit Außenstehenden bzw. den Wärtern beschäftigen (niemand vermisst Larry). Wobei ich dieses Mal sehr angetan davon war, dass eine der Wärterinnen eine alte Freundin von Taystee ist. Die hat auch gern mal einen Joint gezogen und hatte dumme Ideen. Sie ist aber auf der besseren Seite der Gitterstäbe gelandet. Ein einziger Ausrutscher kann einen großen Unterschied machen. Piper gewinnt für mich zum sechsten Mal in Folge den Preis für absolut naive Selbstbezogenheit. Immerhin erwähnt sie zum ersten Mal, dass sie ein Buch über ihre Erfahrungen schreiben will, was den Kreis schließt, da die Biografie Orange is the New Black: My Year in a Woman’s Prison von Piper Kerman die Grundlage der Serie bildet. Ansonsten könnte man schon mal vergessen, warum sie überhaupt eine größere Rolle spielt. Obwohl zu keiner Sekunde Langeweile aufkam und ich die 13+ Stunden nahezu am Stück geschaut habe, fehlen mir die vertrauten Gesichter doch sehr und viele der zerstörten Beziehungen fühlen sich sehr unfertig an. Ich bin aber froh, was das Ende der Staffel angeht, da das Kickball Match nicht in Gewalt ausgeartet ist und ein wenig Hoffnung besteht, dass es ohne Barbara und Carol untereinander gesitteter zugehen kann. Madison mangelt es an Intelligenz und Daddy erweitert den Drogenmarkt vermutlich gern. Zu sehen, wie Aleida darauf reagiert, dass ihre Tochter Daya die geschmuggelten Drogen nicht nur vertickt, sondern selbst nimmt, war ein erfrischender Höhepunkt. Plötzlich tut dealen vielleicht doch jemandem weh.  Die Serie kriegt von mir jedes Jahr aufs Neue eine Empfehlung und Staffel 6 bildet keine Ausnahme. Potenzielle Zuschauer sollten sich nur im Klaren sein, dass Themen wie Rassismus, Drogen, Vergewaltigung und Gewalt trotz des Comedy-Genres nicht mit Samthandschuhen angefasst werden. Und das ist auch gut so (vielleicht würde eine Sitcom über ein Flüchtlingslager mehr Mitgefühl generieren als die Nachrichten).

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Misato

Misato hortet in ihrer Behausung fiktive Welten wie ein Drache seinen Goldschatz. Bücher, Filme, Serien, Videospiele, Comics - die Statik des Hauses erlaubt noch ein bisschen, der Platz in den Regalen weniger. Am liebsten taucht sie in bunte Superheldenwelten ein, in denen der Tod nicht immer endgültig ist und es noch gute Menschen gibt. Íhr eigenes Helfersyndrom lebt sie als Overwatch Support Main aus und adoptiert fleißig Funko Pops.

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