Motherland: Fort Salem (Staffel 1)

Hexen sind in der TV-Landschaft gerngesehene Stammgäste. Sabrina oder Charmed sind inzwischen sogar schon zu ihren zweiten Serieninkarnationen gekommen, andere Titel sind da jedoch bedeutend kurzlebiger. Umso wichtiger scheint es, abseits gängiger Plot-Handgriffe und üblicher Szenarien mit etwas Kreativeren zu locken. Motherland: Fort Salem von Serienschöpfer Eliot Laurence (Claws) versucht dies und motzt das Hexen-Motiv mit allerlei Young Adult-Inhalten, einer alternativen Geschichtsschreibung und einem Militär-Szenario auf. Ursprünglich von März bis Mai 2020 auf dem US-Sender Freeform ausgestrahlt, ist die erste Staffel seit November desselben Jahres auch hierzulande auf Amazon Prime Video zu sehen.

   

In der Welt von Motherland: Fort Salem ist einiges anders, angefangen bei den Hexenprozessen von Salem im ausgehenden 17. Jahrhundert. Eine der angeklagten Hexen, Sarah Alder, hat sich vor ihrem Henker öffentlich als eine solche offenbart und eindrucksvoll ihr wehrhaft zerstörerisches Potenzial gezeigt. Als Konsequenz ist ein Abkommen entstanden, das einerseits Hexen weitreichend schützt, sie andererseits mit dem 18. Lebensjahr zum Wehrdienst in der US-Armee verpflichtet. Dessen Kern bilden seit Jahrhunderten nunmehr die Hexeneinheiten und haben entsprechend die Geschichte gezeichnet. Die Magie einer Hexe entstammt dabei nicht etwa einem Pakt mit dem Teufel oder Naturgeistern, sondern ihrer Stimme und reicht je nach Frequenz und Kombination von Heilfähigkeiten und Windstößen bis hin zur Totenbeschwörung und dem Herbeirufen von Wirbelstürmen. Diese inzwischen katalogisierten und durchnummerierten Techniken finden nun insbesondere gegen die Spree Anwendung, eine weltweit operierende Terrororganisation von Hexen, die mit immer brutaleren Anschlägen auf die menschliche Zivilbevölkerung einen Krieg zwischen Menschen und Hexen auslösen wollen. Die jungen Hexen Raelle Collar, Abigail Bellweather und Tally Craven treten nun mehr oder weniger freiwillig zum Militärdienst und ihrer Grundausbildung auf Fort Salem an und sollen gemeinsam eine hexentypische Dreiereinheit bilden. Aufgrund ihrer unterschiedlichen Persönlichkeiten und Motivationen geraten sie jedoch eher aneinander, statt als Einheit zu funktionieren. Gerade das wäre wichtig, denn nach der Grundausbildung wartet der Fronteinsatz gegen die Spree und in anderen Konfliktherden. Das ist mehr oder weniger ein schnelles Todesurteil, außer man schafft es stattdessen mit guten Leistungen auf die Offiziersakademie.

You’re in the Army now (oh-oo-oh)

Originaltitel Motherland: Fort Salem
Jahr 2020
Land USA
Episoden 10 in Staffel 1
Genre Drama, Fantasy, Krieg
Cast Raelle Collar: Taylor Hickson
Abigail Bellweather: Ashley Nicole Williams
Tally Craven: Jessica Sutton
Scylla Ramshorn: Amalia Holm
Anacostia Quartermain: Demetria McKinney
Sarah Alder: Lyne Renée
Libba Swythe : Sarah Yarkin
Glory Moffett: Annie Jacob
Petra Bellweather: Catherine Lough Haggquist
Veröffentlichung: 20. November 2020 auf Amazon Prime Video

Wie es bei Titeln aus dem Militär- bzw. Kriegsgenre üblich ist, spielt während der Ausbildung zunächst das Zusammenwachsen einer Einheit eine wichtige Rolle, ehe diese Bindungen unter den Lasten des Krieges erprobt werden. Dieses Zusammenwachsten kann nur Geschehen, wenn zunächst ordentlich Konfliktpotenzial herrscht, das es zu überwinden gilt. Raelle (Persönlichkeitstypus Rebell) ist bereits eine talentierte Heilerin, die mit Techniken außerhalb des etablierten Kanons unter anderen die Krankheiten anderer auf sich übertragen kann, eine selbstzerstörerische Eigenheit, die sich in ihrem ganze Verhalten zeigt. So ist ihre eigene Mutter recht brutal in einen Kampfeinsatz umgekommen und da Raelle für sich selbst dasselbe Schicksal voraussieht, möchte sie die Angelegenheit einfach nur schnell hinter sich bringen. Die Vorgesetzte von Raelles Mutter und indirekt verantwortlich für ihren Tod ist Petra Bellweather, die Mutter von Abigail. Diese (Typus ambitionierter Karriereoffizier) stammt aus einer langen Familientradition von Frauen, die in der Armee Karriere gemacht oder einen heldenhaften Tod gefunden haben und wurde von ihrer Mutter entsprechend von Klein auf daraufhin erzogen, die Familienehre aufrechtzuerhalten. Entsprechend hoch ist der Druck auf Abigail, den sie an ihre beiden Mitstreiterinnen weitergibt. In der Mitte zwischen den beiden steht Tally (Typus Patriot), die Einzige, die tatsächlich die Wahl hatte, sich dem Militärdienst zu entziehen, da ihre Familie durch diesen an den Rand des Aussterbens dezimiert wurde. Tally hat sich jedoch trotzdem freiwillig gemeldet, da sie tatsächlich an die Aufgaben der Armee glaubt, Leben zu beschützen und die Spree aufzuhalten. Genauso wenig wie Freundschaften und Konkurrenzverhältnisse zu anderen Ausbildungseinheiten darf auch der Typus strenger Drill-Sergeant (inklusive Hindernisparcour-Montage) natürlich nicht fehlen und wird in der Figur Anacostia Quartermain verkörpert, während über allen nach wie vor die jahrhundertealte Generalin Sarah Alder die Führung über das Militär innehat. Die Führungsetage scheint dabei ein besonderes Auge auf die Bellweather Einheit geworfen zu haben, insbesondere auf Raelle, die sich auch schnell der Aufmerksamkeit von Scylla Ramshorn erfreut, eine fortgeschrittenen Kadettin, die sich den Zuschauern früh als Spree-Agentin offenbart.

Man stellt sich das Worldbuilding als A-Team-Montage vor

Das hört sich von der Konstellation her recht baukastenmäßig an und ist es ein Stück weit auch. Das Element Militär mit allerlei magisch und übernatürlichen Faktoren zu kreuzen ist besonders im japanischen Anime nichts Neues (Fullmetal Alchemist, Izetta: The Last Witch, Valkyria Chronicles). Durch die Aspekte des Hexenmotivs und der alternativen Geschichtsschreibung wird das Altbekannte trotzdem aufgefrischt. Wo Hexen und andere übernatürliche Wesen sind, herrscht zwar immer mehr oder weniger eine alternative Geschichtsschreibung, aber es ist dann meist eine parallele einer Schattengesellschaft, welche die uns bekannte Geschichte kaum beeinflusst. Durch das frühe Coming Out der Hexen und ihre Integration in die Gesellschaft wurde diese nachhaltig verändert, sodass eher ein Matriarchat vorherrschend ist, die Entwicklung mechanischer Waffen im Angesicht der Hexenkräfte eine andere Richtung genommen hat oder bei gleichbleibender Verehrung des Militärdienstes in der amerikanischen Gesellschaft, die christliche Kirche im Angesicht der dominanten Hexenbräuche eher zur Randnotiz verkommen ist. Während klassische Titel aus dem Kriegsgenre in der Regel männerdominierte Phalluspartys sondergleichen sind oder es in wenigen Fällen darum geht, wie sich Frauen in diesem mannsmännlichen System durchsetzen, wird in Motherland einiges auf den Kopf gestellt. So hat bspw. Homophobie in dieser Armee keinen Platz. Auch ist es, was die Aufgaben der Genderrollen angeht, hier an den männlichen Hexen, als unterhaltsame und hübsch anzusehende Freizeitablenkung zu dienen und an der Heimatfront für den Waffennachschub zu sorgen, während Frau auszieht, um Nation und Mutterland zu verteidigen. Die Serie verliert sich dabei dankbarer Weise nicht in langatmigen Geschichtsstunden über die Handlungswelt, sondern zieht Informationen immer nur stückchenweise heran oder wenn es für das Verständnis nötig wird. So gab es analog zum amerikanischen Bürgerkrieg eine Sezession, jedoch zwischen Ost und West, die in Staffel 1 nicht näher erläutert wird. Auch sonst wird viel offengelassen, sodass man neugierig auf weitere Enthüllungen über die Motherland-Welt wird.

Auch Teenager-Soldaten-Hexen haben Teenager-Hexen-Probleme

Die Serie lebt zudem von ihren zwischenmenschlichen Spannungen. Durch das junge Personal kommen folglich auch typische Young Adult-Elemente ins Spiel, wie die erste (ernsthafte) Liebe, herzzerreißende Beziehungsschwierigkeiten und Reifungsprozesse hin zum Erwachsenendasein, die allesamt zum nicht sparsamen dramatisch emotionsgeladenen Gehalt der Serie beitragen. Die weitestgehend unbekannte und junge Besetzung leistet dabei sowohl im Haupt- wie im Nebencast überzeugende Arbeit, weiß mitzureißen und die Figuren so zu vermitteln, dass man sie als Zuschauer schnell ins Herz schließt oder misstrauisch beäugt. Die Serie weiß zudem in Sachen actiongeladener Effektszenen sowie Set- und Kostümdesign sinnvoll mit den gegebenen Mitteln umzugehen und eine qualitativ überzeugende Serie zu präsentieren. Lediglich die schiere Masse an hier versammelten und aus allerlei Bereichen zusammengewerkelten Plot- und Figurenelementen scheint manchmal etwas überwältigend und auch manche Szenen und Dialoge entwickeln nicht die durchschlagende Wirkung, die sie wohl haben sollen.

Fazit

Hier und da hat die Serie definitiv noch ihre Ecken und Kanten. Einige Szenen und Dialoge wirken auf mich etwas holprig und unglücklich, aber insgesamt hatte ich wirklich meine Freude an der ersten Staffel Motherland. Die manchmal etwas verklärt und anstrengend wirkende Idealisierung und Verehrung des Militärs in amerikanischen Serien und Filmen bleibt hier weitestgehend aus, da es sich ja um eine alternative und fiktionalisierte Fassung davon handelt, sprich: man hat hier weniger das Gefühl einen pathetischen Werbefilm für das US-Militär zu verfolgen. Gerade das würde es auch ermöglichen indirekt Kritik zu äußern, wobei Motherland aber die sicherere Option wählt, von Kritik abzusehen und eine vordergründig unterhaltsame Erfahrung zu bieten. Die drei Hauptfiguren sind mir zudem sehr schnell sympathisch geworden, während ambivalente Figuren wie Scylla, Alder und Anacostia zusätzliche Spannung in das Figurenfeld bringen, sodass ich Motherland ziemlich schnell durchsuchten konnte und sehnsüchtig die zweite Staffel erwarte.

© Amazon Studios

Lyxa

Lyxa studiert aktuell das Fach Und-was-macht-man-damit in Mainz, liest viel, schreibt gerne und schaut sich viel und gerne allerlei Serien und Filme an, am liebsten Science-Fiction. Lyxa ist dabei besonders der Dunklen Seite der Macht verfallen, weil es dort die cooleren Outfits gibt.

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