Kitz (Staffel 1)

Lukrative Eigenproduktionen sind bei Streamingdiensten besonders gefragt. Mit Élite hat Netflix einen internationalen Hit im Gepäck, der alles mitbringt, um Lizenz-Titeln wie Pretty Little Liars oder Gossip Girl Konkurrenz zu machen. Die Eigenproduktion Kitz, die Ende Dezember 2021 an den Start ging, buhlt um die Gunst des Publikums genau jener Serien. Die Young Adult-Mystery-Serie in der Welt der Reichen und Schönen ist im österreichischen Kitzbühel verortet und bietet in den sechs Folgen seiner ersten Staffel Glamour, Lifestyle, Intrigen und Liebe. Mit ihren pompösen Schauwerten liefert die deutsch-österreichische Koproduktion auch eine Menge fürs Auge. Der Kopf kann dabei fast auf Durchzug stellen ‒ erzählerisch ist die Handlung derart überzogen und einfallsarm, dass selbst die angepeilte Zielgruppe ganz schnell das Weite suchen könnte.

Der Tod ihres Bruders Joseph (Felix Mayr, Das melancholische Mädchen) vor einem Jahr ließ Lisis (Sofie Eifertinger, Der Kaktus) Leben regelrecht stillstehen. Sie jobbt als Kellnerin in Kitzbühel, wo Touristenscharen während der Hochsaison Sturm laufen. Damit ist auch ihr Traum von einem Mode-Studium in London geplatzt. Die Schuld am Tod ihres Bruders gibt sie dem Instagram-Model Vanessa (Valerie Huber, Die letzte Party deines Lebens), die genau jetzt mit ihrer Influencer-Clique nach Tirol kommt. Dazu gehören deren Freundin Pippa (Krista Tcherneva, Das letzte Mahl), die ewig im Schatten ihrer Freundin steht, der Draufgänger Kosh (Zoran Pingel, Bonnie & Bonnie) und Vanessas gutherziger Freund Dominik (Bless Amada, Heute stirbt hier Kainer). Lisi versucht mittels eines Tricks die Clique zu infiltrieren und sie von innen heraus zu zerstören, um Rache an Vanessa zu nehmen. Doch dafür muss sie erst einmal Teil der Münchner Society werden …

Der Ort, den die Schönen und Reichen zerstören

Originaltitel Kitz
Jahr 2021
Land Deutschland, Österreich
Episoden 6 in Staffel 1
Genre Mystery, Drama
Cast
Lisi Madlmeyer: Sofie Eifertinger
Dominik Reid: Bless Amada
Vanessa von Höhenfeldt: Valerie Huber
Kosh Ziervogel: Zoran Pingel
Hans Gassner: Ben Felipe
Joseph Madlmeyer: Felix Mayr
Pippa: Krista Tcherneva
Regine Forsell: Florence Kasumba
Mitz Madlmeyer: Tatjana Alexander
Georg Madlmeyer: Johannes Zeiler
Veröffentlichung: 30. Dezember 2021 auf Netflix

Jedes Jahr wird Kitzbühel von einer touristischen Welle überrollt, die zwar Gelder in die einheimischen Kassen spült, aber auch für viel Ärger und Trubel sorgt. Denn die vorherrschende Zwei-Klassen-Gesellschaft funktioniert nur im Miteinander, obwohl gegenseitige Vorurteile existieren. Kitz greift jenen Gedanken auf, indem es eine feierwütige Influencer-Clique samt Anhang nach Kitzbühel schickt. Nicht der schlechteste Move von Netflix, eine Serie über Skispaß in Kitzbühel mitten im Winter zu platzieren. Der Schauplatz ist nämlich alles andere als verbraucht und erweist sich zumindest in der Theorie als eine der größten Stärken der Serie. Die Hochglanz-Produktion läuft mit ihren edlen, einladenden Kulissen fast außer Konkurrenz und bringt ein tolles Winter-Flair mit. Die verschneiten Berge, die weißen Pisten und die luxuriösen Chalets mit dampfenden Pools sorgen für ein wohliges Gefühl und stellen eine tolle Alternative zu dem dar, was in der High Society spielende Serien sonst so zu bieten haben. Das Urlaubsflair funktioniert in der Serienpraxis allerdings nur mit Abstrichen: Die Einheimischen werden es sicherlich nicht gutheißen, dass Kitz sie wenig authentisch darstellt. Da reicht ein einfaches “Servus” eben auch nicht aus, wenn sonst überwiegend hochdeutsch gesprochen wird. Was also im Grunde auch genügend Raum für Sozialkritik gelassen hätte, wird eher beiläufig abgehandelt, sodass der Schauplatz an sich nach einer Weile nur noch als Motivlieferant dient. An dem Punkt ist es schade, dass die Produktion so wenig Interesse am eigenen Lokalkolorit besitzt und alles nur Vorwand bleibt.

Krampfhaft um Bedeutung bemüht

Der große Schwachpunkt ist ausgerechnet die Protagonistin Lisi. In Flashbacks erfahren wir mehr über ihre Motivation, aber das Gefühl, ihr auch wirklich nahe zu sein, entsteht nicht. Serienkenner haben auch schnell entlarvt, welche Serie als Inspiration diente: Revenge. Wie dessen Hauptcharakter Emily lügt sich Lisi mit diversen Tricks in die High Society und strickt einen Plan, um ihre Gegner nach und nach “auszuschalten” und so schließlich an die Endgegnerin Vanessa heranzukommen. Kitz bedient sich dabei einer einfachen Analogie und malt immer wieder das Bild eines Schachbretts auf, wo ein Bauer nach dem nächsten fällt. Nicht wirklich originell, zumal Lisi auch zu keinen hochtrabenden Intrigen greift, sondern sich eher simple Tricks und plumpe Einfälle à la entlarvende Handy-Fotos herumschicken zu Nutze macht. Ebenfalls schon dreist an Revenge erinnernd sind die Voice-overs zu Beginn und zum Ende der Folgen hin, in denen Lisi über Begriffe wie Trauer, Verlust und Rache schwadroniert. So wird der Eindruck erweckt, als ginge es in der Serie wirklich um etwas von Bedeutung. Dabei liegt auf der Hand, dass das Drehbuchteam pure Edginess  erzwingen will. Ähnlich verhält es sich auch mit dem geradezu nervigen Denglisch, das Vanessa an den Tag legt und das für unfreiwillig komische Momente sorgt. Die Anglizismen schreien derart nach einem gewollten Coolness-Anstrich, dass dies selbst von der Zielgruppe als peinlich bewertet werden könnte.

Kein Identifikationspotenzial

Bis Folge 3 gilt es durchzuhalten, um die Figuren zumindest ein wenig besser kennenzulernen. Bis dahin ist die Stereotypisierung eine regelrechte Qual: Maximal eine Facette steht jedem Charakter zu und das in zumeist überzeichneter Form. Während Pippa als arrogante Mitläuferin manifestiert wird, hat Kosh nur Sex im Kopf und bändelt des Charakterkuddelmuddels wegen mit Lisis bestem Freund Hans an. Vanessa denkt einzig an ihren Fame und lediglich ihr Freund Dominik besitzt etwas Menschlichkeit, was ihn direkt zum Sympathieträger der Serie emporhebt. Die anderen Figuren durchlaufen dann in der zweiten Hälfte zumindest eine leichte Entwicklung, bleiben aber in ihren Grundzügen unverändert. So wirklich möchte man mit niemandem aus dieser Serie näher zu tun haben.

Zuviel Drama ist auch keine Lösung

Zu weiten Teilen ist die Entwicklung der Geschichte über die sechs Folgen hinweg vorhersehbar und bietet wenige Überraschungen. Auf das verfrühte Finale in Folge 5 folgt in Folge 6 immerhin noch einmal ein dicker Plot-Twist, den man tatsächlich nicht unbedingt kommen sieht. Das ist das erste Mal, dass Kitz wirklich überrascht und eigene Akzente setzt. Die Ereignisse und Abfolgen bis kurz vor Schluss sind in jedem Fall aber überzeichnet und konstruiert. Wann immer sich ein Hebel umlegen lässt, funktioniert das auch und jede Enthüllung wird im richtigen Moment abgehört, zufällig belauscht oder in irgendeiner Form dokumentiert, damit das nächste Drama eingeleitet werden kann. Viel Geheimniskrämerei, bei der es manchmal einfach wünschenswerter gewesen wäre, wenn die Charaktere bodenständiger wären. Wenig Raum zum Meckern lässt der durch die Bank gelungen zusammengestellte Cast, unter dem mit Florence Kasumba (Black Panther) auch ein Marvel-Star (Ayo) ist. Für Glanzmomente sorgt auch Valerie Huber, der man das Influencer-Starlet Vanesssa voll abnimmt. Eine weitere Besonderheit der Produktion ist die Entscheidung, keinen Filter auf Lisis Gesicht zu setzen. Eine bewusste Entscheidung der Produktion, Sofie Eifertingers ungeschminktes Gesicht zu zeigen, welches auch Hautunebenheiten zulässt. Damit erreicht werden soll ein positives Bild, das im Zeitalter von Instagram-Filtern eine echte Ausnahmeerscheinung darstellt. Fraglich bleibt nur, wie gut das funktioniert, wenn Vanessa und Piper neben ihr nahezu makellos dastehen …

Fazit

Kitz ist eine Serie mit zwei Seiten: Erzählerisch funktioniert die Serie, da sie ab der zweiten Hälfte Spannungsmomente aufzubauen versteht, auch wenn eher auf dem qualitativen Niveau von Gossip Girl als einem The White Lotus. Das ist nicht weiter schlimm, da die Zielgruppe wohl eher nach Drama und Enthüllungen lechzt. Schraubt man die eigenen Ansprüche zurück, kann Kitz mit dem hohen Erzähltempo über die sechs Folgen hinweg auch wunderbar unterhalten. Das ist aber auch die einzige Stärke neben den opulenten Bildern, auf die sich die Serie besinnen kann. Die Küchenpsychologie, auf der die Stereotypisierung der Figuren fußt, ist ein einziges Ärgernis und die wenig originellen Wendungen hat man leider auch schon in vielen anderen Produktionen gesehen. Die Serie verpasst zudem ihr größtes Potenzial, nämlich aus dem Schauplatz mehr herauszuholen als nur Kulisse.

© Netflix

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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