Halo (Staffel 1)

Als im Jahre 2013 mit den Arbeiten an der TV-Adaption des Kult-Shooters Halo begonnen wurde, ahnte man wohl nicht, dass sich das Projekt über ganze neun Jahre hinziehen würde. Im Jahre 2022 hat die Serie schließlich unter Paramount+ ihren Weg aus der Entwicklungshölle gefunden – mit einem Budget von 10 Millionen Dollar pro Folge und einer unlängst bestätigten zweiten Staffel. Halo, die Geschichte über einen Supersoldaten, der sich seinen Kopf mit einer ungeliebten KI teilen muss, ist kein Arcane, aber es ist eine solide Adaption eines ikonischen Franchises, die es wagt und auch schafft, ihren eigenen Weg zu gehen.

 

Die Menschheit expandiert unter der Vereinigten Erdregierung ins All und trifft dabei auf ihren neuen ärgsten Feind: die theokratische Allianz. Ein Bündnis verschiedener Alienrassen, die auf ihrer Suche nach den »Artefakten« alles, was ihnen in die Quere kommt, zerstören. Nur die Spartaner, hochgezüchtete Supersoldaten der Militärbehörde UNSC, können den Aliens Einhalt gebieten. Unter ihnen auch der Master Chief (Pablo Schreiber, American Gods). Doch als dieser mit einem Artefakt in Kontakt tritt, stürzt ihn das in eine tiefe Krise, die ihn an seiner Identität und an seiner Ziehmutter Dr. Halsey (Natascha McElhone, The Truman Show) zweifeln lässt. Ein unpassender Moment für eine Superwaffe auf Selbstfindungstrip zu gehen, steht die Allianz doch kurz davor den »Halo« zu finden, eine Waffe, die die gesamte Menschheit auslöschen könnte. Und so implantiert man dem Chief die KI Cortana (Jen Taylor) ins Gehirn, um ihn zurück auf Kurs zu bringen – und ihm seine Menschlichkeit zu nehmen.

Der Stolperstein namens Master Chief …

Originaltitel Halo
Jahr 2022
Land USA
Episoden 9 in Staffel 1
Genre Science-Fiction
Cast Master Chief/John-117: Pablo Schreiber
Dr. Halsey: Natascha McElhone
Kwan Ha: Yerin Ha
Kai-125: Kate Kennedy
Cortana: Jen Taylor
Captain Keyes: Danny Sapani
Makee: Charlie Murphy
Miranda Keyes: Olive Gray
Soren-066: Bokeem Woodbine
Veröffentlichung: 24. März 2022 auf Sky

Dass die Live-Action-Adaption von Halo so lange auf sich warten ließ, mag mit dem Budget zusammenhängen, vielleicht aber auch mit dem omnipotenten Protagonisten des Franchises: dem Master Chief selbst. Ein so genannter »Spartaner« (= Supersoldat), der niemals seinen Helm ablegt und hauptsächlich darauf ausgelegt ist, in Cut-Scenes und auf Covern fantastisch auszusehen, während er gleichzeitig wenig Potenzial für Drama bietet. Er ist eine leere Hülle, die von den Gamer:innen ausgefüllt wird. Nichts falsches daran, jedoch stellt solch eine leere Hülle in einem passiven Medium wie Film/Serie ein massives Hindernis dar. Daher unterzog man den Chief (und auch einige andere Dinge im Halo-Kosmos) einer Überarbeitung, um das Franchise adäquat in das TV-Förmchen zu pressen. Den Zorn der Fans versuchte man vorab zu umgehen, indem man sich dazu entschied, die Serie in einer separaten Timeline spielen zu lassen: der »Silver Timeline«.

… und wie man ihn umgeht

Losgelöst vom Kanon-Balast, trauen sich Showrunner Kyle Killen und Steven Kane, den Mann unter der Rüstung zu erkunden. Pablo Schreiber verleiht dem Supersoldaten des UNSC die Schwere eines natürlichen Anführers, ist dabei stoisch, aber nicht zu verbissen. Der Chief bekommt ein Gesicht und er erforscht seine Vergangenheit. Auch gesteht man ihm Gefühle von Zuneigung zu – etwas, womit man zunächst fremdelt, aber zum Teufel, warum auch nicht? Diese Idee wurde im Kanon nie wirklich untersucht (von der offensichtlichen und platonischen Liebe zur KI Cortana einmal abgesehen). Chiefs Charakterstudie nimmt daher einen Großteil der ersten Staffel ein. Das löste anfänglich einige Kontroversen aus – gerade Puristen werden zweifellos Einwände gegen so manchen Bruch mit der Kanon-Kontinuität haben – aber es ist schwer vorstellbar, dass die Serie funktionieren würde, wäre es anders.

Paramount traut sich was

Die erste Staffel von Halo ist ehrgeizig. Optisch holt die Serie das Beste aus ihrem Budget heraus und rangiert mit ihren Produktionswerten in der oberen Sci-Fi-Liga. Es wird viel Mühe darauf verwendet, die Rüstungen der Spartaner, Waffen, Fahrzeuge und Falten der Aliens nachzubilden. Die Action-Sequenzen sind zwar sparsam eingesetzt, wenn sie aber kommen, dann krachen sie auch. Vor allem Episode 5 wird als absolutes Vorzeigestück eines eindringlichen Halo-Battles gehandelt. Man muss der Serie zu Gute halten, dass sie nicht so sehr auf den Erzmilitarismus pocht wie es die Videospiele tun. Aufrechte gute Soldaten, die religiös verirrten Fanatikern die Exkremente aus dem Alien-Leib ballern? Öde. Stattdessen glänzt das UNSC durch eigenes Fehlverhalten und interne Querelen. So manche Entscheidungen in Hinblick auf die Neuinterpretation der Lore (und Figuren) sind sicherlich diskutabel, aber dass die Showrunner das Halo-Universum aus neuen Blickwinkeln erforschen, manchmal ungeschickt, aber doch immer mit dem nötigen Ernst, kann man respektieren – auch das Risiko, das sie dadurch eingehen.

Alte Gesichter

Weniger Action, mehr Charakterstudie – das ist der grobe Leitfaden von Staffel 1. Sie stellt das Grundgerüst für den Silver-Kosmos bereit, damit spätere Staffeln aus den Vollen schöpfen können. Dabei enthält der Cast sowohl vertraute, als auch völlig neue Gesichter. Eine der stärksten Figuren der Serie ist Natascha McElhone als Dr. Halsey; eine Frau mit fragwürdigem Moralkompass, die sich von einer Mutterfigur für Master Chief zu einer Wissenschaftlerin mit dem Motto »Ich werde die Menschheit durch völlige Unterwerfung retten!« entwickelt. Diese atypische, aber irgendwie auch berührende Mutter/Sohn-Bindung ist einer der Schlüsselfaktoren, die die Serie vorantreiben. Die KI Cortana ist nach McElhone designt, wird aber von Jen Taylor gesprochen, der originalen Cortana aus den Games. Eine gute Entscheidung, da es wohl keine bessere gibt, um Cortanas typisches Chuzpe durchscheinen zu lassen.

Neue Gesichter

Neu im Boot ist u. a. Makee (Charlie Murphy, Peaky Blinders), ein misanthropischer Mensch, der von der Allianz groß gezogen wurde und als Spion in das UNSC eingeschleust wird. Eine tragische Figur, die einen wichtigen Teil in Chiefs Entwicklung spielen wird. Kwan Ha (Yerin Ha, Troppo) ist jene Figur, die von Seiten des Publikums den meisten Gegenwind abbekommt. Als hyperaktive Rebellin, die sich gegen das UNSC stellt, wird sie vor allem als »totnervig und nutzlos!« betitelt. Und wirklich: Ihr Plot scheint Filler-Material zu sein, welches den Schwung aus der Serie herausnimmt. Doch wenn man ehrlich ist, dann entpuppt sich Kwans Figur späterhin als die einzige mit einer zufriedenstellenden Entwicklung, verbunden mit Sieg, Einsicht und einer zukünftigen Rolle. Die nächsten Staffeln werden zeigen, ob Kwan tatsächlich nur Serienzeit totschlagen soll oder ob mehr hinter ihrer Figur steckt.

Aber: zu wenig Spartaner

Leider verpasst es die erste Staffel, ein gescheites Feeling für die Spartaner-Kultur zu vermitteln – jene Supersoldaten, derer sich Master Chief zugehörig fühlt und deren Historie der Grund für seine ganze Misere darstellt. Innerhalb der Serie gibt es mit dem Silver Team lediglich vier (aktive) Spartaner, die zumeist tatenlos durch die Baracken rennen und ansonsten so sparsam miteinander interagieren, dass sie kaum als glaubwürdiges Team überzeugen können. Die Showrunner scheinen nicht ganz verstanden zu haben, dass das Hauptmerkmal der Spartaner deren gelebte Kameraderie ist. Hätten sie dem Silver Team eine ähnliche Dynamik wie dem Blue Team (Chiefs Team im originalen Kanon) oder Noble Team (aus Halo: Reach) verpasst, dann hätten die Puristen sich vermutlich eher für die Adaption erwärmen können.

Fazit

Ich schätze den riskanten Versuch der Serienmacher, am Kanon herumzupfuschen, die Halo-Formel anzupassen und einen charakterbetonten Kurs einzuschlagen. Mit dem robusten Pablo Schreiber hat die Casting-Abteilung den perfekten Master Chief gefunden. Ob er nun Aliens zerballert, seine Ziehmutter umbringen will oder über seine Existenz sinniert; alles davon kauft man ihm ohne Weiteres ab. Darüber hinaus zählt Halo zu jenen seltenen Videospieladaptionen, die tatsächlich etwas zu erzählen haben. Was macht den Menschen aus? Was eine KI? Was den freien Willen? Und ist das Original wertvoller als der Klon? Keine allzu originelle, aber dennoch zeitlose Themen, die man zwar etwas besser hätte zubereiten können, aber ‘ja mei’: erste Staffel halt, gell? Die Anziehungskraft und das Potential einer guten, spannenden Sci-Fi-Serie mit High-End-Produktionswerten sind ohne Frage vorhanden.

© Paramount+

Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit bevorzugt Indie-Games, Taktik-Shooter oder ganz was anderes und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der 24/7 Music-Stream von Cryo Chamber auf YouTube.

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