Good Omens

Lesezeit: 7 Minuten

Der Sohn des Satans, der die Apokalypse herbeiführen wird. Den ultimativen Krieg zwischen himmlischen und höllischen Mächten. Ein böse schauendes Kind, in dessen Umfeld merkwürdige Dinge geschehen. In den Siebziger Jahren löste der Film Das Omen eine Reihe von Horrorfilmen über des Teufels Nachwuchs auf Erden aus. Der Stoff war so präsent, dass sich die Autoren Terry Pratchett (Das Licht der Phantasie) und Neil Gaiman (American Gods) daran machten, eine Parodie zu schreiben. Was, wenn ein Engel und ein Dämon es sich auf der Erde so gemütlich gemacht haben, dass sie die Apokalypse lieber verhindern wollen? Und sich größte Mühe geben, den Plan, mithilfe eines teuflischen Kindes das Ende der Welt einzuläuten, nach Kräften sabotieren? So entstand 1990 der Roman Good Omens. Seit dem 31. Mai 2019 befindet sich Good Omens als Sechsteiler bei Amazon Prime im Programm.

Der Engel Aziraphale stand einst mit einem flammenden Schwert am Tor des Paradieses. Die Schlange am allseits bekannten Apfelbaum war ein Dämon namens Crawlie. In den folgenden 6000 Jahren waren Engel und Dämon damit beschäftigt, auf Erden das Gute bzw. das Böse voranzubringen, und stellten fest, dass sie erstaunlich gut miteinander auskamen. Und dass sie sich auf Erden deutlich wohler fühlten als bei ihren jeweiligen Kollegen in der Zentrale. Im späten 20. Jahrhundert führt der Engel ein kleines Antiquariat in Soho, während der Dämon, der mittlerweile Crowley heißt (wie der britische Satanist Alastair Crowley), den hippen Schnösel mit Handy, Sonnenbrille und schickem, altem Auto gibt. Ihre gemütliche Zweisamkeit wird gestört, als Crowley den Auftrag erhält, den neugeborenen Sohn eines amerikanischen Diplomaten gegen den Sohn des Satans auszutauschen. Der soll im Alter von elf Jahren die Apokalypse auslösen. Aber der Austausch wird durch ein drittes Baby verkompliziert. Das Diplomatenehepaar geht zwar mit einem fremden, aber völlig menschlichen Kind nach Haus, während der höllische Säugling unerkannt in einem idyllischen, englischen Dorf aufwächst. Crowley und Aziraphale geben sich alle Mühe, den vermeintlichen jungen Teufel sowohl Böses als auch Gutes zu lehren, nur um nach elf Jahren festzustellen, dass das Kind so gar keine übernatürlichen Kräfte hat. Mittlerweile wird die Zeit knapp. Die vier Reiter der Apokalypse, Krieg, Hunger, Umweltverschmutzung und Tod machen sich auf den Weg, nur   der wahre Sohn Satans ist nicht aufzufinden…

Die Verfilmung eines unverfilmbaren Buches

Originaltitel Good Omens
Jahr 2019
Land USA
Episoden 6 (in 1 Staffel)
Genre Fantasy, Komödie, Parodie
Cast Crowley: David Tennant
Aziraphale: Michael Sheen
Adam Young: Sam Taylor Buck
Satan: Benedict Cumberbatch
Anathema Device: Adria Arjona
Newton Pulsifer: Jack Whitehall
Beelzebub: Anna Maxwell Martin
Gabriel: Jon Hamm
Hastur: Ned Dehenny
Ligur: Ariyon Bakare

Der 2015 verstorbene Terry Pratchett hielt nicht viel von Verfilmungen. Sein Schreibstil mit all den Abschweifungen und Erzählerkommentaren ist schwer auf die Leinwand zu bringen. An Good Omens versuchten sich im Laufe der Jahrzehnte verschiedenste Drehbuchautoren, nur um das Werk als unverfilmbar fallen zu lassen. Dass Good Omens nun fast 30 Jahre nach Erscheinen des Romans doch noch auf den Bildschirm kommt, ist Co-Autor Neil Gaiman zu verdanken, der bei dem Sechsteiler von BBC und Amazon die Aufgaben von Drehbuchautor, Showrunner und Executive Producer übernahm. Es ist in der Tat eine sperrige Vorlage für eine Verfilmung. All die Handlungsfäden: da ist die Kino-Parodie auf Das Omen, die Geschichte vom vertauschten Baby. Aber auch die Geschichte von der Hexe Agnes Nutter, ihrem Buch der Prophezeiungen und ihrer Nachfahrin Anathema, die sich ausgerechnet in den Nachfahren eines Hexenjägers verliebt. Da sind all die kleinen Exkurse, wie etwa der über dämonische Zimmerpflanzenpflege, die zwar charmant sind, aber die Handlung so gar nicht voranbringen. Was der Hauptstrang sein könnte, das Aufwachsen des Teufels-Babys unter den wachsamen Augen von Engel und Dämon, bricht mitten im Verlauf der Handlung weg, weil das Kind nicht ist, was es zu sein schien. Stattdessen springt der Fokus zu dem anderen Kind, das trotz dämonischer Herkunft als ganz normaler Junge aufwächst, bis es übernatürliche Fähigkeiten entwickelt. Selbst für einen Sechsteiler ist das eine Menge Material, das kaum unter einen Hut zu kriegen ist. Dennoch schafft die Serie es, allen verschiedenen Aspekten ihren Moment im Rampenlicht zu geben und alle Stränge zusammenzuführen, ohne dass der Zuschauer den Faden verliert oder sich ganz aus dem Spannungsbogen verabschiedet und nur noch auf die Gags wartet.

Engel und Dämon auf Abwegen

Was dieses skurrile Durcheinander zusammenhält, die Konstante, die sich durch die ganze Serie zieht, ist das Zusammenspiel von David Tennant (Maria Stuart, Königin von Schottland) als Crowley und Michael Sheen (Passengers) als Aziraphale. Durch die Jahrhunderte kommentieren sie immer wieder die Entwicklung der Welt und knacken biblisches Pathos durch Allerwelts-Repliken und ironische Kommentare. Diese Sorte Humor kennt man auch aus Monty Pythons Das Leben des Brian, wo der Leidensweg Christi und der Verkauf von Otternasen nebeneinander stehen. Schön, dass Good Omens die Konstellation “Engel und Dämon als gute Kumpels” nicht als gegeben setzt, sondern durch sechs Folgen und 6000 Jahre immer wieder ausmalt und sich entwickeln lässt. Crowley ist cool, frech und sarkastisch, Aziraphale unsicher und zurückhaltend, aber am Schluss haben sie sich so weit angenähert, dass sie die Rollen tauschen können, wenn es brenzlig wird.

Ihre Interaktion hat einen ganz besonderen Charme, der so einige Fanfiction-AutorInnen zu homoerotischen Liebesgeschichten inspiriert hat. Kein Wunder, wenn der eine zum anderen etwa “Steig ein, Engel!” sagt. Da haben Pratchett und Gaiman wohl einen besonders begehrenswerten Köder ausgelegt… Aber abgesehen davon, was Aziraphale und Crowley wohl tun, wenn sie nicht konspirative Treffen im Park abhalten oder gemeinsam essen gehen, ihre Beziehung macht Good Omens trotz allem Durcheinander sehenswert.

Die Optik stimmt

In den Neunzigern hätte man Good Omens nicht verfilmen können, weil all die übernatürlichen Wesen und all die magischen Ereignisse recht jämmerlich ausgesehen hätten. Mittlerweile sieht Fantasy dank CGI auch im Fernsehen gut aus. Da kann sogar Satan persönlich aus dem Erdreich hervorbrechen und dabei nicht wie das Teufelchen aus dem Kasperletheater aussehen, sondern wie Benedict Cumberbatch (Sherlock). Wo die Buchvorlage skurril und detailverliebt ist, da ist die Verfilmung optisch ebenso skurril und detailverliebt. An Aziraphales Teetasse sind Engelsflügel als Griff. Irgendwo in seinem Laden hängen Mantel und Hut von Terry Pratchett. Auch an den Kostümen für himmlische und höllische Wesen haben die Kostümbildner offensichtlich viel Spaß gehabt. Die Kostüme und Frisuren für Aziraphale und Crowley sind sehr schräg und stilisiert, der eine weißhaarig und in Beige, der andere stets in Schwarz, mit einer Vielzahl schwarzrötlicher Frisuren und allen Sonnenbrillen der Geschichte. Eine wirkungsvolle Tarnung in der Menschenwelt ist das nicht, aber es passt. Ein besonderes Schmankerl für Freunde der bedeutungsgeladenen Details und versteckten Hinweise ist der Vorspann, in dem Aziraphale und Crowley als Trickfilmgestalten durch eine Collage ihrer ganzen Welt schweben.

Fazit

Good Omens war vor langer Zeit mein absolutes Lieblingsbuch. Das lustigste und gescheiteste Buch, das je geschrieben wurde. Entsprechend vorsichtig bin ich an die Verfilmung herangegangen. Einerseits turmhohe Erwartungen. Andererseits die Befürchtung, dass die Begeisterung von vor Jahren einfach nicht reproduzierbar ist und man über Witze, die man einst immer wieder gelesen hat, irgendwann doch nicht mehr lachen kann. Fazit: Die Verfilmung von Good Omens ist so nah am Roman, dass keine störenden Fremdheitsgefühle auftreten. Auch wenn Crowley und Aziraphale sehr viel überzeichneter aussehen, als ich sie mir vorgestellt habe. Ja, ich kann viele Dialogpassagen immer noch fast mitsprechen, aber gelangweilt habe ich mich nicht, im Gegenteil, ich habe mich über kleine Neuerungen ganz besonders gefreut. Ja, mein Humor hat sich im Laufe der Zeit verschoben, so richtig reißt mich der geschwätzig-ausufernde Stil und der immerwährende Sarkasmus nicht mehr vom Hocker. Aber die Verfilmung bricht das auf ein erträgliches Maß herunter, sodass man es flüssig anschauen kann, ohne dass die Humorschnörkel anfangen, einem auf die Nerven zu gehen. Schön, wenn man einem alten Bekannten begegnet und sich immer noch gut versteht, obwohl er immer noch die gleichen Witze erzählt wie damals.

Zweite Meinung

Good Omens klang so gut und doch konnten mich die sechs Folgen nicht vom Hocken hauen. Mein größtes Problem ist die geradlinige Story. Dabei wären bei der Idee so viele spannende überraschende Wendungen drin gewesen. Ich dachte vor allem, dass die Suche nach dem Jungen ein zentraleres Thema sei, die dazu führen würde, dass unser Engel Dämon Gespann auf Reise geht. Einige andere Elemente werden dafür ziemlich in die Länge gezogen oder für mich fast schon zu nebensächlich erzählt. So zum Beispiel die Ernennung der vier apokalyptischen Reiter, was sich auf mehrere Folgen verteilt. Ich hätte es einfach passender gefunden, wenn diese nacheinander gezeigt worden wären. Das hätte meiner Meinung nach eine bessere Stimmung erzeugt. Unerfreulicherweise tauchen immer wieder Flashbacks auf, die nicht passend platziert sind. Einige, wie die von unserem höllisch-himmlischen Gespann, hätte ich auch viel lieber am Stück sehen wollen, als so zerrupft in andere Handlungsabschnitte reingequetscht. Während die Story also nicht so viel bei mir punkten kann, sind es die Figuren, die einen Nerv bei mir treffen. Gerade Crowley und Erziraphael sind ein tolles Team, dem ich stundenlang hätte zu schauen können. Die Freundschaft, die sich über die Jahrhunderte aufbaute, wird glaubwürdig erzählt. Für David Tennant und Michael Sheen kann ich wirklich nur ein großes Lob aussprechen. Beide verkörpern ihre Figuren mit so viel Liebe zum Detail. Der stocksteife Gang, die immer schüchternen, aber freundlichen Blicke des Engels im Kontrast zu dem locker-flockigen Bad Guy-Bewegungen und das freche Mundwerk des Dämons. Optisch eine herrlich Anblick und dann auch noch die spritzigen Dialoge. Ich erwähne da nur die Sache mit dem Feuerschwert! Allgemein sind ein paar wirklich nette Witze mit eingeflochten, jedoch konnten nicht alle bei mir zünden. Gegen ein zweites Abenteuer mit den beiden hätte ich nichts einzuwenden. Bitte dann auch wieder mit einem solch kreativen schicken Opening!

© Amazon Prime

 

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wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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