GLOW (Staffel 2)

Die 80er sind zurück und sie haben Ende Juni 2018 die Gorgeous Ladies of Wrestling (GLOW) für eine zweite Staffel mitgebracht. Dass sich hinter der athletischen Pro-Wrestling-Scheinwelt aus erniedrigenden Stereotypen und Soap Opera-artigen Erzählsträngen und Wendungen sehr menschliche Geschichten finden lassen, bewies der oscarnominierte Film The Wrestler: Ruhm, Liebe, Schmerz bereits 2009 auf großer Bühne. Die Produzentinnen Liz Flahive (Nurse Jackie) und Carly Mensch (Orange Is The New Black) nehmen sich seit 2017 die erste rein weibliche Wrestling-Fernsehshow GLOW als Vorlage und fiktionalisierten die Geschichten rund um die Kämpfe der Wrestlerinnen innerhalb und außerhalb des Rings.

    

Nachdem die GLOW-Ladies trotz privater und finanzieller Herausforderungen in der letzten Staffel mit Mühe und Not die Pilotfolge ihrer Show filmen konnten, treffen sie sich nach einer Pause nun wieder, um gemeinsam eine ganze Staffel für das Fernsehen zu produzieren. Ruth, zuletzt Motivator und Anführerin der Gruppe und Hauptverantwortliche hinter der erfolgreichen Pilotshow, will ihre Verantwortung auch weiterhin tragen, stößt bei Sam dabei jedoch schnell auf verkoksten Granit. Neben Ruth macht Sam nämlich auch der Sender ihm seine kreative Hoheit über die Show mit einem beratenden Regisseur streitig, sodass er schnell in alte Verhaltensweisen zurückfällt, während er zudem privat immer noch um ein halbwegs funktionierendes Grundkonzept seiner neu gefundenen Vaterschaft zu Justine ringt. Auch Debbie stellt mit ihrem Status als Star der Show Ansprüche auf ein Mitspracherecht bei der Produktion, muss sich dafür in der Bromance von Bash und Sam aber erst einmal Gehör verschaffen und zugleich mit dem steigenden Druck als alleinerziehende Mutter zurechtkommen. Zumindest im Verhältnis zu Ruth scheint wieder Entspannung einzukehren, wobei zwischen ihr und Debbie noch sehr vieles ungesagt unter der Oberfläche brodelt. Mit Yolanda, die Sam bei einem „Casting“ im Stripclub aufgefallen ist, rückt ein Ersatz für die zu einer Krimiserie abgewanderte Cherry in das GLOW-Team. Auch sonst ist der nun wöchentliche Wrestling-Zirkus für Tammé, Sheila, Melanie, Carmen & Co mit allerlei Herausforderungen geebnet. Mal sind das ernste, wie den privaten Konsequenzen der erniedrigend stereotypen Ringpersona oder entdeckter wie unterdrückter Homosexualität, mal weniger ernste, wie gruselige Fans und Verstopfung.

Genderbattle Royal 2018

Originaltitel GLOW
Jahr 2018
Land USA
Episoden 10
Genre Drama, Comedy, Sport
Cast Ruth Wilder: Alison Brie
Debbie Eagan: Betty Gilpin
Sam Sylvia: Marc Maron
Cherry Bang: Sydelle Noel
Carmen Wade: Britney Young
Tammé Dawson: Kia Stevens
Bash Howard: Chris Lowell
Sheila the She-Wolf: Gayle Rankin
Justine Biagi: Britt Baron
Yolanda Rivas: Shakira Barrera

In Interviews und Promomaterial zur Serie wird man schnell auf einen zentralen Begriff stoßen, in GLOW geht es um das „Empowerment“ von Frauen, zu deutsch deren Ermächtigung, dem selbstbestimmenden Handeln gegenüber einer Bevormundung durch das andere „starke“ Geschlecht oder gesellschaftlichen Rollennormen, die eben diese Macht beschränken. Klappt es mit der Selbstermächtigung im Ring meist gut, wenn die Frauen in ihre überzogenen Rollen körperlich und verbal reinhauend das Geschehen lenken, wird es außerhalb schwieriger. Ist das Weinstein’sche Machtprinzip sexueller Erpressung im Showbusiness seit #metoo zumindest am Bröckeln, zeigt die Serie es noch in seinem unangefochtenen Ekelzeitalter, als mit hartem Penis in der Hand regiert wurde. Das typische Machoselbstverständnis von Sam und Bash als Männer natürlich das Sagen zu haben, sowieso alles besser zu wissen und bei jedem Widerwort über den bösen Feminismus die Augen zu rollen, ist dabei noch das kleinere Übel. In einer bedrückenden und schwer zu ertragenden Sequenz wird in der zweiten Staffel eine der Frauen vor die Wahl zwischen Sex mit einem grabschenden und einflussreichen Produzenten oder einem drohenden Karriereende gestellt und auch die Reaktionen darauf in ihrem Umfeld bergen überraschende Entwicklungen.

Dramedymania II

GLOW zeichnet sich auch in ihrer zweiten Staffel durch eine solide Mischung aus Drama und Comedy aus. Die Dramaelemente bestehen meist aus zwischenmenschlichen Konfrontationen, bei denen die destruktive Beziehung zwischen Ruth und Debbie sowie die seltsame Freundschaft zwischen Ruth und Sam im Mittelpunkt stehen. Insgesamt sorgt auch der wachsende Zusammenhalt der Gruppe für diverse rührende Momente und abseits des Hauptdarstellertrios bekommen Tammé und Bash zwei sehr persönliche und bewegende Folgen spendiert, in denen sie im Fokus stehen. Auf der Comedyseite des Geschehens wartet Staffel zwei neben frequenter Situations- und Dialogkomik mit einem Highlight auf: einer kompletten GLOW-Folge der innerhalb der Serie produzierten Wrestling-Show, inklusive 4:3 Format, VHS-Bildqualität, Kämpfen, Zwischensequenzen, Werbespots, Songs, einer Ziege und vielem mehr.

Ich freue mich. Ich freue mich über die zweite Staffel. Ich freue mich darüber, dass GLOW jüngst auch einige Nominierungen für die Emmys 2018 abgekriegt hat und ich freue mich, dass mich die zweite Staffel noch besser als die erste auf eine Gefühlsachterbahn mitgenommen hat. Besonders bei Debbie und Sam haben meine Sympathien diverse Richtungsänderungen mitgemacht und dass ich bei letzterem nach dem Anfang der Staffel letztlich fast stehende Ovationen gegeben hätte, war besonders überraschend. Dass die Serie daneben auch noch im 80er Gewand aktuelle Themen geschickt aufgreift, rundet das ganze natürlich ab. Wem die Wartezeit auf eine (hoffentlich kommende) dritte Staffel zu lang ist, kann sich übrigens mal auf Youtube umschauen. Dort gibt es diverse Folgen der sehr verrückten Original GLOW-Sendung sowie die Dokumentation The Story of Gorgeous Ladies of Wrestling, in der man Inspirationen hinter der aktuellen Serie erforschen kann.

Zweite Meinung:

Nachdem ich die erste Staffel von GLOW ohne große Erwartungen genossen habe, war da natürlich erst wieder die Sorge, ob die Fortsetzung den Zauber beibehält oder alles viel zu dramatisch oder im schlimmsten Fall gar langweilig wird. Bei der ersten Folge war ich dann zunächst auch sehr argwöhnisch, als besonders Sam wieder im 120% Kotzbrocken-Modus daher kommt. Ich muss nicht noch mal durchkauen, dass unter seiner rauen Schale irgendwo ein Kern ist, der erweicht werden kann. Aber zum Glück gibt es andere charakterliche Baustellen, die das abfedern und der Spaß stellte sich doch schnell wieder ein. Am schönsten ist es zu sehen, wie stark die Frauen zusammen gewachsen sind. Zum Beispiel Sheila, die sich ernsthaft um Ruth sorgt und von den anderen als Freundinnen spricht, obwohl sie ihrem Dasein als Wolf treu bleibt. Besonders gut haben mir die Szenen mit Tammé gefallen, die im Ring als Wellfare Queen einen echt fiesen rassistischen Stereotyp darstellt, aber eine hart arbeitende und fürsorgliche Mutter ist, die auch für Debbie da ist. Grade Debbies Reise ist interessant, vor allem weil sie unschöne Dinge äußert. Es hat mich geschockt, dass sie Ruth Vorwürfe macht, dass sie nicht einfach Sex über sich ergehen lässt, um die Show zu retten. Es ist einfach falsch. Aber bittere Realität und irgendwie frage ich mich, was Debbie in ihren Jahren als Schauspielerin schon erlebt hat. Der Knall zwischen den beiden ist aber wunderbar eingefangen und ich bin froh, dass Ruth ihre Fußabtreterrolle langsam abstreift, denn sie hat so viel zu bieten.  Immerhin sind für alle Mädels ein paar kleinere Momente drin. Leider sind die zehn Folgen viel zu schnell um, um sie alle richtig kennenzulernen. Carmen bleibt mein absoluter Favorit, aber ich kann nur hoffen, dass es weiter geht, damit ich sie alle wiedersehen darf. Es macht mir nur Sorgen, dass Bashs Storyline bei einigen Zuschauern gar nicht richtig ankommt, weil es noch zu subtil ist.

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Lyxa

Lyxa studiert aktuell das Fach Und-was-macht-man-damit in Mainz, liest viel, schreibt gerne und schaut sich viel und gerne allerlei Serien und Filme an, am liebsten Science-Fiction. Lyxa ist dabei besonders der Dunklen Seite der Macht verfallen, weil es dort die cooleren Outfits gibt.

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