Das Rad der Zeit (Staffel 1)

Das Rad der Zeit hat einige Umdrehungen hinter sich. Nicht nur, dass es ganze 14 Bände (plus Prequel) umfasst und sich stolz den “Lächerlich lange Buchreihe”-Orden problemlos anheften kann; es wurde obendrein von zwei Autoren verfasst. Genauer gesagt von Robert Jordan 1990 begonnen und nach dessen Tod von Brandon Sanderson basierend auf minutiösen Notizen des Fantasy-Reich-Erbauers beendet. Noch viel genauer gesagt sollte Sanderson den letzten Band übernehmen, aber daraus wurden dann doch schnell mal drei; besagter Orden hängt eben wirklich nicht umsonst an Ort und Stelle. Entsprechend kann man Das Rad der Zeit mit Fug und Recht als eines der Mammutherdenwerke der High-Fantasy bezeichnen, welches sich sicherlich blendend mit einem gewissen Ringherren verstehen würde. Kein Wunder also, dass sich die mit CGI-Hämmer bewehrten Baumeister Amazon Studios und Sony Pictures zusammenfanden, um dem geneigten Fantasy-Freund im November 2021 ein Portal in das phantastische Reich zu klöppeln. Aber führt der Weg tatsächlich zu Mundkiefer ausrenkendem Spektakel oder bleibt man doch lieber “Alles Humbug” murmelnd vor dem heimisch prasselnden Kaminfeuer sitzen?

 

Wo ein Fantasy-Reich ist, da ist auch ein dunkler Lord, der das ändern möchte sowie ein Auserwählter der vehement Einspruch erhebt. Oder zumindest hätte besagter Auserwählter – auch als ‘Drache’ bekannt – das tun sollen, stattdessen versagt er auf ganzer Linie. Er unterliegt nicht nur dem bösen Einfluss, sondern treibt alle seine mächtigen Magiergefährten in den Wahnsinn, verseucht fortan die Magie für alle Männer, die da noch kommen, und hebt statt schützender Hand die geballte Faust, was der Welt alles andere als gut bekommt. Anders ausgedrückt: Es gab schon einmal fähigere Auserwählte. Aber nicht alles ist verloren, immerhin konnte der dunkle Lord letztlich geschwächt und eingesperrt werden und außerdem bekommt jeder eine zweite Chance. Und eine dritte. Und eine vierte … Denn das Rad der Zeit bringt mit genügend Geduld alles wieder zurück. So auch die Seele des Drachen, der nun am Ende des dritten Zeitalters wieder in die Welt gefahren ist. Eine Möglichkeit also, das Böse endgültig zu besiegen, zumindest wenn er oder sie nicht wieder dem Bösen anheimfällt. Um erneute Verwüstungen epischen Ausmaßes zu verhindern, zieht daher die Aes Sedai Morgaine (Rosamund Pike, I Care a Lot), eine mächtige Magierin, aus, um den prophezeiten wiederauferstandenen ‘Drachen’ zu finden. Unglücklicherweise ist er nicht ganz so ausgewählt, wie erhofft, denn es gibt weit mehr als nur eine Person auf die die Beschreibung zutreffen könnte und selbstverständlich kann der dunkle Lord ebenfalls seine vermutlich stark klauenbewehrten Hände nicht bei sich behalten.

Ein Hauch von Epos

Originaltitel The Wheel of Time
Jahr 2021
Land USA
Episoden 8 in Staffel 1
Genre High-Fantasy
Cast Moiraine Damodred: Rosamund Pike
Lan Mandragoran: Daniel Henney
Nynaeve al’Meara: Zoë Robins
Egwene Al’Vere: Madeleine Madden
Rand al’Thor: Josha Stradowski
Perrin Aybara: Marcus Rutherford
Mat Cauthon: Barney Harris
Liandrin Guirale: Kate Fleetwood
Veröffentlichung: 24. Dezember 2021 auf Amazon Prime Video

Dunkle Lords, Auserwählte, dritte Zeitalter, seltsame Bezeichnungen und Namen mit einem Hauch zu vielen Vokalen; ganz klar: High-Fantasy. Neue Völker, neue Kulturen, ganze Zeitalter voller tiefgehender Mythologie; alles mit einem üppigen Hauch an Mystik und Magie verquirlt. Eine reichhaltige neue Welt, die den Zuschauer einsaugen soll und wenn Das Rad der Zeit eines schafft, dann auf diese Größe, diese volle Welt hinzuweisen, die im Hintergrund lungert. Nicht umsonst ist die Seite zur Serie prall gefüllt mit interaktiven Karten, Charakterportraits, Erklärungen und Kurzvideos zu einzelnen Ereignissen aus der Mythologie der von Jordan erschaffenen Welt; alles soll zeigen, wie groß und mächtig sie doch ist. Quasi wie ein zappeliger kleiner Bruder, der mit leuchtenden Augen und unstet wiggelnden Augenbrauen schwärmend auf seinen großen Vorlagenbruder deutet und immer wieder ‘Toll was?’ murmelt. Dummerweise bleibt es nur bei diesem schlichten Hinweis auf Größe, denn so sehr die Serie auch versucht, sich einen goldenen Ring an den Finger zu stecken oder auf einem fragwürdigen Messerthron Platz zu nehmen, schafft sie es am Ende nicht einmal deutlich über Fantasy-Standards hinauszuwachsen.

Bescheidener Bombast

Was allerdings nicht am Material selbst liegen dürfte – wie gesagt, die Ahnung von Größe ist durchaus vorhanden – sondern vielmehr daran, dass die Inszenierung der Serie nie die angedachten luftigen Höhen erreicht, sondern mehr in sicherer Bodennähe herumflattert. Die Schauplätze der heldenhaften Reise wirken unbedarft; beginnend bei Standard-Fantasydorf Nr. 328 weiter über Irgendeinwald, Irgendeinberg, Irgendeineprärie hin zu Steinkorridor 15 oder Gasthausbalkon 3. Fairerweise: Der Dritte ist aber auch wirklich schön. Sicherlich gibt es hier und da leichte Augenlupfer, die maßgeblich in den hinteren Folgen aufwarten und Städte mit deutlich orientalisch oder asiatischem Anstrich präsentieren, aber bis auf den ein oder anderen kurzen CG-Überblicks-Shot hält sich da die Opulenz erneut in bescheidenen Grenzen. Ähnliches gilt für die etwaige Actionsequenzen, in deren Zentrum vorrangig die Magie der Aes Sedai steht. Denn die Effekte rangieren hier mehr zwischen nett und ups, statt wow und Schmatzgeräusch unterstütztem ‘Chef’s Kiss’. Besonders bezeichnend bereits in der ersten Folge, wenn nach einer immer tosenderen Beschwörungszeit und immer mehr herumtanzenden Magiehauchschlieren, die an fragwürdige Ektoplasma-Reste untriebiger Geister erinnern, letztlich auf eine angreifende Monsterhorde lediglich eine Backstein-Barrage zusegelt. RPG-Magier hätten vermutlich wütend die Skillpunkte zurückverlangt.

Bedeutsames Dialogwispern

Die verpflichtende helmsklammige Endschlacht in der letzten Folge macht auch eine CGI-bedingt fragwürdige Figur. Zwar blitzt und donnert es gehörig und wortwörtlich, aber keine einzige Gans, nicht einmal ein Küken, will einmal über die Haut marschieren. Um es klar zu stellen: Das Rad der Zeit sieht nicht billig aus, sondern schlicht moderat. Von dem ein oder anderen Ausrutscher abgesehen, wird das Auge nicht beleidigt, wird aber kaum dazu eingeladen, sich einmal aufmerksam umzuschauen oder aufgrund des Spektakels größer zu werden. Es ist nett, aber es fehlt am fachwörtlichen ‘Oompf’. Aber natürlich geht es nicht nur um Bombast, sondern ebenso um die leisen Töne und, das kann den Figuren nicht abgesprochen werden, leise sind sie wirklich. Oder vielmehr eindringlich wispernd. Immer wieder setzen sich Charaktere zusammen, wandern durch die Landschaft und unweigerlich brummeln sie in diesem gewissen nicht zu leisen, aber definitiv nicht lauten, bedeutungsschwangeren Tonfall daher, erzählen von ihren Herkünften und Nöten … Und das sind definitiv die besten Momente der Serie. Denn gerade hier wird deutlich wie vielschichtig die Charaktere sein könnten, was sie alles erlebt haben, was hinter ihnen steht usw. Nur bleibt es eben wieder bei Erzählungen statt die Möglichkeit zu nutzen, den ein oder anderen Rückblick zu visualisieren.

Ein Stück Leere

Trotzdem bleiben die kleineren Gespräche zwischen dem merklich ethnisch diversen Cast das Highlight. Die jeweiligen Schauspieler machen einen soliden bis guten Job; keinerlei Ausbrüche nach unten, aber eben auch nicht nach oben. Erneut: In Ordnung, nicht fantastisch. Und selbst wenn es die Highlights sind, bleibt stets der Resteindruck zurück, dass vieles fehlt, ausgelassen wird und man nur ein paar Charakternuggets zugeworfen bekommt, die den Stempel ‘bedeutungsschwanger’ draufgedrückt bekommen können. Die Figuren bekommen selten Zeit ein wenig zu atmen; es geht eher von einem tiefsitzenden Gespräch zum nächsten. Wohlgemerkt werden sie nicht an Exposition erstickt, was definitiv eine Gefahr wäre, wenn man sich die vierzehnbändige Fantasy-Wortflut verdeutlicht, auf der alles basiert. Eigentlich lobenswert, wenn man nicht mitunter das Gefühl bekäme, dass es gerade an besagter Exposition mangelt. Der Handlung zu folgen fällt nicht unbedingt schwer, schlicht auch deshalb weil die meisten mit dem generellen Ablauf von Fantasy-Epen vertraut sind, da man sich in einem Buchladen nicht einmal umdrehen kann, ohne drei ‘Legenden von Itzbitzi’-Trilogien zu Boden zu feuern. Aber ein Verständnis der Welt stellt sich nicht ein; ja, es gibt das Zusatzmaterial, dem man freundlich zunicken kann, aber letzten Endes sollte man sich nicht darauf verlassen, dass der geneigte Zuschauer im Zweifelsfall nachblättert, um zu verstehen in wie viele farblich abgestimmte Einzelgruppen die Frauenmagierbande eigentlich aufgeteilt ist. Es fehlt immer etwas und man kommt nicht umhin zu denken, dass die Welt sich trotz allem etwas seelenlos anfühlt. Eine Ahnung von Größe bleibt, aber eben nur die Ahnung.

Fazit

Das Rad der Zeit ist eine solide Fantasy-Serie, aber keineswegs der erhoffte große Wurf, den all das Tamtam verspricht. Es sei direkt dazu gesagt, dass ich die Vorlage lediglich vom Hörensagen kenne, entsprechend kann ich über den Detailgrad der Umsetzung nicht urteilen. Vertraut man dahingehenden Kommentaren gibt es gehörige Abweichungen zum Quellmaterial, aber wie sehr der Serienfluss abzweigt und wie maßgeblich es letztlich stört, muss jeder für sich selbst beurteilen. Ich habe mir die Serie schlicht als Fantasy-Interessierter angeschaut und sie mit einem ‘Mhm’ beendet. Ich bin davon überzeugt, dass die dahinterstehende Welt beeindruckend ist, aber die Folgen selbst konnten mir die Begeisterung nicht vermitteln; es fehlt mir an Besonderheiten, an irgendetwas, das sie von dem bunten Fantasy-Allerlei abhebt, das sich Herr-der-ringelnd in den Bücherregalen herumtreibt. Es gibt keine großen Momente, die wirklich im Gedächtnis bleiben, abseits einiger Punkte im Finale, die etwas ungewöhnlicheres versprechen könnten, aber das ist doch zu wenig um die Begeisterungsleuchtfeuer zu entfachen. Unbedarftes Reinschauen ist kein Verbrechen und es bekäme von mir zumindest noch den zusätzlichen Vielleicht-wird’s-was-Potenzial-Orden, aber man könnte auch schlicht einmal mehr mit den Rohirrim reiten, wenn man auf die Gänse-Armee eingestellt ist, die dann über die Haut marschiert.

Zweite Meinung:

Das Rad der Zeit präsentiert in der ersten Staffel eine interessante Einführung in eine High Fantasy-Welt, die Lust auf mehr macht. Die Charaktere sind jedoch noch ziemlich flach und schaffen es nicht, Zuschauer:innen so wirklich zu involvieren. Das ist schade, weil die Ansätze durchaus da sind und Potenzial für gute, auch tiefe Interaktionen zwischen den Figuren besteht. Hier muss die nächste Staffel nachlegen, trotzdem ist der Einstieg selbst noch recht gelungen. Die Nutzung der Magie ist cool umgesetzt und die vielen Strukturen, Kulturen und Organisationen der Welt sind sehr spannend, wie etwa die der Aes Sedai. Allerdings fehlt es noch an wirklich großen Momenten, zu viel wirkt noch, als sei es dem typischen Fantasy-Abenteuer-Baukasten entnommen worden. So präsentieren sich viele Ereignisse recht klischeehaft und wenig überraschend. Persönlich kenne ich die Bücher nicht und bin deshalb ganz offen an die Serie gegangen, fühle mich aber noch nicht wirklich abgeholt. Dennoch freue ich mich auf die Fortsetzung und habe trotz allem mit Moiraine und Lan zwei Charaktere schon sehr ins Herz geschlossen. Vielleicht gelingt mir das mit unseren jugendlichen Hauptfiguren in Staffel 2 auch noch, denn Potenzial ist genug da.

 

© Amazon Prime

Mort

Mort hat 'Wie? Nicht auf Lehramt!?' studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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