Das Buch von Boba Fett

Mit Das Buch von Boba Fett erhält eine wahre Star Wars-Ikone ihre eigene Show. Als Spin-off zu The Mandalorian angelegt, will die Serie den Werdegang des populären Kopfgeldjägers Boba Fett beleuchten, der sein Kino-Debüt in Das Imperium schlägt zurück (1980) feierte – nicht unbedingt als guter Charakter, sondern vielmehr als ein Stück geniales Produktdesign, das seinerzeit kräftig die Merchandise-Produktion für Kinderspielzeug ankurbelte. Nun also, vier Jahrzehnte später, lässt Disney den Kopfgeldjäger mit der ikonischen Rüstung erneut aufleben und versucht tiefer in dessen Geschichte einzutauchen. Das Ergebnis ist eine inkohärente Serie ohne Konzept, viel Fanservice und zu guter Letzt die komplette Entmystifizierung von Boba Fett.

Nachdem der Kopfgeldjäger Boba Fett (Temuera Morrison) und seine rechte Hand Fennec Shand (Ming-Na Wen) am Ende der zweiten Staffel von The Mandalorian ihre Schuld bei Mando beglichen haben, sind sie nach Tatooine zurückgekehrt, um Bib Fortuna vom Thron des Verbrechersyndikats zu stürzen und dessen Platz einzunehmen. Dort hausen die beiden nun, in Jabbas Palast, und versuchen, das Syndikat zum alten Glanz zurückzuführen – mit Boba Fett als neuem Verbrecherkönig (aka »Daimyo«). Doch das Vorhaben erweist sich als schwieriger als gedacht. Die Verbrecherfamilien erweisen ihm keinen Respekt, die Hutten-Zwillinge fordern Jabbas Territorium zurück und zu guter Letzt sind da noch die Pykes, die mit ihrem Gewürzschmuggel auf Tatooine einfallen und den Ton angeben wollen. Boba steht also ein saftiger Bandenkrieg bevor, für den er alles andere als gerüstet ist.

Bobas Historie – kurz umrissen

Originaltitel The Book of Boba Fett
Jahr 2021
Land USA
Episoden 7 in Staffel 1
Genre Science-Fiction
Cast Boba Fett: Temuera Morrison
Fennec Shand: Ming-Na Wen
Garsa Fwip: Jennifer Beals
Der Majordomus: David Pasquesi
Mando: Pedro Pascal
Cobb Vanth: Timothy Olyphant
Rancor-Trainer: Danny Trejo
Seit 9. Februar 2022 vollständig auf Disney+

Die Historie von Boba Fett reicht bis in das Jahr 1978 zurück, als er im berüchtigten The Star Wars Holiday Special sein Mattscheiben-Debüt feierte. Ein Special, das von George Lucas als so schrecklich eingestuft wurde, dass es nach seiner Erstausstrahlung nie wieder gezeigt wurde und auch von Kritikern das Prädikat »einer der dümmsten Momente der Fernsehgeschichte« aufgedrückt bekam. Einzig und allein der animierte Kurzfilm über Boba Fett, der ebenso Teil des Specials war, wurde positiv wahrgenommen, später ausgekoppelt und wiederveröffentlicht. Nach diesem Einstand verschlug es Boba in Episode V und Episode VI schließlich auf die Kinoleinwand. Allerdings wurde er in den Filmen eher mäßig behandelt, mit gerade einmal 29 gesprochenen Worten und einem Abgang, der an Peinlichkeit nicht zu überbieten ist. Dafür reifte er vor allem im Kosmos der Comics zu seiner wahren Größe heran: ruchlos, mysteriös, supercool, aber auch überraschend ehrbar. Aus solch einer Figur kann man natürlich etwas machen, und da seit der Übernahme durch Disney der Star Wars-Kosmos ohnehin ausgedehnt und weiter erkundet wird, warum dann nicht auch den alten Fan-Liebling zurück ins Rampenlicht zerren?

Eigentlich geht es ja gut los

In den ersten zwei Folgen von Das Buch von Boba Fett scheint dieses Unterfangen vielversprechend umgesetzt. Die Geschichte beginnt mit klaren Erzähllinien, klaren Bildern und einer überzeugenden Performance seitens Temuera Morrison. Während uns großangelegte Rückblenden Bobas Vergangenheit vermitteln, u.a. ein äußerst interessantes Zusammenleben mit den Tusken, verfolgt die Seriengegenwart sein Bestreben, der neue Verbrecherkönig in und um Mos Espa zu werden. Boba ist ein unermüdlicher, aber immer noch sterblicher Krieger und Temuera Morrisons Gebaren verleiht der Figur eine einnehmende, kernige Schwere. Doch man merkt schon, dass der Disney-Boba ein anderer als der aus den Comics ist; nämlich der Verfechter einer Philosophie, die für eine Welt der Verbrecher schon fast zu erhaben und idealistisch wirkt. Boba wird zum Ritter in weißer Rüstung, der allein durch »Respekt« führen möchte, was dem Erzählstrang in der Gegenwart so einiges an Würze nimmt. Zumal hier generell der rote Faden fehlt und man so gut wie nie ein ordentliches Gespür für diese sogenannte »Verbrecher-Szene« bekommt, über die Boba da herrschen will.

Schale Hauptfigur, schale Nebenfiguren

Dieser Umstand kommt vor allem ab Folge 3 zum Tragen, da hier die überlangen (und wirklich tollen) Rückblenden allmählich abnehmen und sich die Gegenwart in all ihrer Seltsamkeit entfalten kann. Das zeigt sich in kruden Story-Entscheidungen, kruden Nebencharakteren, kruden Action-Sequenzen und im kruden Verhalten Bobas, der unwürdig durch die Straßen schlendert, NPC-Quests erledigt und mal eben mir nichts dir nichts die Arbeitslosenquote in Mos Espa droppt, indem er die berüchtigten »Cyberpunk-Mods auf Vespas« in seine bunte Truppe aufnimmt. Bobas Hauptmotivation ist es schlicht ein feiner Kerl zu sein (Stichwort »RESPEKT!«), und bis zuletzt kann diese Wandlung zum Nice Guy nicht wirklich überzeugen. Stattdessen verkommt Boba zur schalen, schlecht geschriebenen Hauptfigur, die das Publikum emotional nicht an sich binden kann, und das tut einer Serie, die nach Boba benannt ist, freilich überhaupt nicht gut. In Kombination mit ebenso langweiligen Nebenfiguren, die nicht gescheit ein- oder weiter ausgeführt werden (Was sollen diese Mods? Und wer ist überhaupt dieser Cad Bane?), ist der Todesstoß quasi gesetzt.

Gab es überhaupt ein Konzept?

Im weiteren Verlauf der Serie mag man sich fragen, ob Das Buch von Boba Fett überhaupt irgendeine Form von Konzept verfolgt. Vor allem, da der Protagonist in Folge 5 und Folge 6 komplett von der Bildfläche verschwindet und wir stattdessen unseren alten Freunden Mando und Grogu aus The Mandalorian über die Schulter schauen. Entweder, weil die Macher eingesehen haben, dass sie ohne Mando und Grogu einpacken können, oder aber weil Disney in Wahrheit das ambitionierte Ziel verfolgt, aus dem »Mandoverse« (dem Erzählkosmos um den Mandalorianer) etwas ähnlich grenzübergreifendes machen zu wollen wie Marvel mit seinem MCU (Marvel Cinematic Universe). Ein Erzähluniversum, in dem Geschichten nicht mehr traditionell mit einem Anfang und einem Ende versehen sind, sondern stattdessen über alle Seiten hinaus und in andere Geschichten hinein wachsen. Sollte das hier bei Das Buch von Boba Fett der Fall sein, dann wurde das nur äußerst mäßig umgesetzt: The Mandalorian wächst nicht organisch hinein, sondern walzt Boba und seine Story geradezu platt.

Press F for respect

So oder so fühlt sich Das Buch von Boba Fett wie reine Figurenschieberei an. Es geht nicht darum, eine erzählenswerte Geschichte mit einer Aussage an das Publikum heran zu tragen, sondern Schachfiguren so über ein Brett zu schieben, dass sie zum Ende hin in der vorgegebenen Position ankommen – und darum, so viele Easter Eggs und Referenzen aus Star Wars und anderen Filmen reinzuhauen wie nur möglich. Das gesamte Konzept wirkt wie ein zusammen geklopptes Pfund Hack. Die ellenlangen (aber trotzdem tollen) Rückblenden zu Beginn, das viel zu langsame Infahrtkommen des Pyke-Konflikts, die unangenehm auffallenden Nebenfiguren, die späte Darlegung von Bobas (schwacher) Motivation, seine völlige Abwesenheit in ganzen zwei Folgen und ein Finale, bei dem Regisseur Robert Rodriguez viel zu sehr damit beschäftigt ist, Referenzen aus seinen eigenen Filmen einzubauen, anstatt etwas Gescheites zu fabrizieren: Nichts passt wirklich zusammen. Die besten Folgen der Serie sind tatsächlich jene, in denen Boba Fett nicht vorkommt – und das ist furchtbar traurig.

Fazit

Was hab ich mir einen Keks gefreut, als es hieß, dass Boba Fett eine eigene Serie bekommt, und dann hab ich mich doch irgendwie an ihm verschluckt. Das Buch von Boba Fett schafft es, dass der titelgebende Protagonist zur Nebenfigur seiner eigenen Serie wird und die Serie selbst zum Platzhalter für The Mandalorian verkommt. Denn ihre stärksten Momente hat die Geschichte ausgerechnet dort, wo es eben nicht um Boba, sondern um Mando geht. Der ganze thematische Rest um Boba und seinen Bandenkrieg mit den Pykes ist schlicht schmückendes, charakterloses Beiwerk, das häufig unausgegoren und stellenweise sogar geradezu dilettantisch daher kommt. Insgesamt ist Das Buch von Boba Fett also ein Schuss in den Ofen – und das bricht mir als Boba-Fan schon ein bisschen das Herz.

© Disney

Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit bevorzugt Indie-Games, Taktik-Shooter oder ganz was anderes und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der 24/7 Music-Stream von Cryo Chamber auf YouTube.

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