Bonding

Lesezeit: 5 Minuten

„Sex sells“, so die alte verkäuferische Binsenweisheit, die manche dazu verleitet, angehende Topmodels nackt unter Fahrradhelme zu schnallen. „Kink also sells“, wäre wahrscheinlich der Erweiterungsschluss, den man aus dem Erfolg von 50 Shades of Grey ziehen müsste. Seit April 2019 hat Netflix die kurzweilige erste Staffel der Serie Bonding von Rightor Doyle (Barry) in seinem Programm, die sich ebenfalls dem Thema BDSM annimmt, dabei aber glücklicherweise etwas gänzlich anderes ist als der zuvor angesprochene Erguss.

 

Pete und Tiff waren auf der High School beste Freunde, doch nach einer spontanen und katastrophalen Liebesnacht haben sich die BFFs über die Jahre hinweg aus den Augen verloren. Zumindest bis zum jetzigen Abend, an dem der inzwischen offen schwule Pete von seiner Schulfreundin einen Anruf um Hilfe bekommt und sich in einem dubiosen Etablissement wiederfindet. Dort empfängt Tiff ihn in ihrem rot-rosafarbenem „Büro“ und als ob ihr Latexoutfit und das Sexspielzeug an den Wänden nicht Anzeichen genug wären, bestätigt sie Pete nochmal ausdrücklich, dass sie nicht wie bisher behauptet als Telefonistin in einer Notrufzentrale angestellt ist. Tiff arbeitet unter dem Pseudonym Mistress May als Dominatrix, um sich ihr Psychologiestudium zu finanzieren. Da sie die vielen Klienten nicht allein bewältigen kann und einige davon manchmal zu weit gehen, möchte sie Pete gerne als Bodyguard / Partner engagieren. Der sträubt sich zunächst, aber da sein Job als Kellner nur wenig abwirft und auch seine angestrebte Karriere als Stand Up-Comedian bisher noch daran scheitert, dass er sich gar nicht erst auf die Bühne traut, sagt er zu. Er darf auch gleich Berufserfahrung sammeln, denn der erste Klient steht schon vor der Tür.

Was Bonding vom Zuschauer will, abgesehen davon zu fesseln

Originaltitel Bonding
Jahr 2019
Land USA
Episoden 7 (in 1 Staffel)
Genre Comedy
Cast Tiff: Zoe Levin
Pete: Brendan Scannell
Doug: Micah Stock
Fred: Charles Gould
Josh: Theo Stockman
Kate: Stephanie Styles
Professor Charles: Kevin Kane
Daphne: D’Arcy Carden

Die Serie erweckt mit ihrem Szenario und Trailer durchaus Neugierde, aber die Thematik kann generell sehr leicht in alberne Klischees abdriften oder eben eine verklärende Perpektive wecken. Zunächst vielleicht was Bonding nicht ist: Sex sells, aber hier als in Handlung umgemünzter Nischenservice und nicht in der flachen Weise, dass Zoe Levin (Red Band Society) über die Staffel hinweg als peitschenschwingendes Sexobjekt begafft werden soll. Eben dass ihre Figur Tiff in ihrer High School-Zeit von Jungs darauf reduziert wurde, dass sie lediglich Sex von ihr wollten, hat bei der Figur zu einem eher gestörten Verhältnis zu Geschlechtsverkehr und Beziehungen geführt. Zwar erlaubt dies ihr, erotische Fantasien anderer differenziert genug für ihren Beruf zu betrachten, eine Beziehung mit ihrem durchaus liebenswerten Kommilitonen Doug anzufangen, ist da schon schwieriger.

Hihihi, er hat „Penis“ gesagt

Was BDSM angeht, scheinen in den Populärmedien zwei Darstellungsweisen dominant: Einmal als Witzobjekt, also dass Figuren mit Fetischvorlieben als typenhafte Klischees für einen schnellen Lacher durchgereicht werden oder als umgesetzte Fantasie, an der die Zuschauer teil haben sollen, siehe E. L. James’ bekannte Fanfiction. Beides ist hier nicht (ganz) der Fall. Fetischrollenspiele werden hier nicht irgendwo zwischen Softporno und pseudosatanistischer Beschwörung als etwas erregend Verbotenes inszeniert, sondern viel mehr mit nicht-expliziter, komödiantischer Distanz erlebt und nüchtern analysiert. Wenn Tiffs Klient Doug von Pete will, dass dieser sich über seinen kleinen Penis lustig macht, dass man auf ihn uriniert und dabei Sicherheitswörter in Form von Figuren der Familie Feuerstein von sich gibt, dann ist das sehr albern und komisch, aber für Zuschauer wie auch für Pete ist es zudem befremdlich und peinlich, wie Sexualität zuerst halt meistens ist. Anstatt es denn dann einfach als abnormal abzutun, wird stattdessen ein kurzer Blick auf die Beweggründe dahinter geworfen, denn letztlich geht es laut Tiff um Geschlechterrollen.

Sei ein Mann!

Sprich: Sei hart, zeig keine Gefühle, keine Schwäche, behaupte dich, sei konform, entsprich den Erwartungen etc. Abgesehen von biologischen Unterschieden sind Mann und Frau im Grunde aber lediglich Rollen, die von der Gesellschaft diktiert werden. Rollen, die vom guten alten Patriachat natürlich zum Vorteil ausgenutzt werden können, wobei diesbezüglich in Bonding jedoch poetische Gerechtigkeit herrscht. Diese Rollen können aber auch frustrierend erdrückend sein. Wo Frustration ist, sind die kompensierenden Fantasien nicht weit und damit auch das Spiel, in andere Rollen zu schlüpfen. Wie Tiff es ihren neuen Lehrling Pete aka. Carter erklärt, bietet sie als Dominatrix Menschen die Möglichkeit, aus diesen Rollengefängnissen zu entfliehen und in einem sicheren Raum jemand anderes zu sein. Fast schon mehr Therapie als sexuelle Befriedigung, setzt dies beidseitiges Vertrauen und Verantwortung voraus. Umso entsetzender für Tiff, wenn Pete zunächst keinen Unterschied macht, ob er Geld dafür kriegt, als Carter auf einen Klienten zu urinieren oder dafür, seinem Mitbewohner für einen Mietnachlass den Anus zu befingern. Pete ringt derweil selbst noch mit seinem Rollenbild als schwuler Mann und hinterfragt denn, ob er als solcher unbedingt in Stripclubs gehen oder primär auf Sex aus sein muss, wenn er eigentlich mit seinem frischen Flirt Josh lieber eine tiefergehende Beziehung eingehen will.

Bonding ist ein Wortspiel

Bonding rein auf den Fetischaspekt zu reduzieren, wird der Serie nicht gerecht. Für die nicht unkomplexen Figuren Tiff und Pete geht es auch darum, sich abseits vom Beruf in ihren Leben zurechtzufinden und zugleich ihre gemeinsame abgebrochene Freundschaft wieder zu reparieren. Neben vielen komischen Momenten entstehen so auch einige schöne Charaktermomente, die nicht auf körperlicher, sondern emotionaler Ebene intim sind und von einer Besetzung ohne große Namen mit viel Herz dargestellt werden. Mit sieben Folgen, die mit jeweils knapp 15 Minuten nicht einmal auf die übliche Länge für Folgen einer Comedyserie kommen, ist Bonding ein vergleichsweises kurzes Vergnügen. Das macht die Serie ideal für zwischendurch, doch ist es auch schade, dass nur so ein kurzer Einblick gewährt wird.

Fazit

Bonding ist eine schöne Serie, die auf Netflix eine ähnliche Richtung wie schon Sex Education einschlägt und dabei gut unterhält. Mit Bonding bekommt man einen Titel, der sich dem Thema Sexuelle Fetische mit Komik und ungewohnt erwachsener Differenziertheit nähert, genauso wie dem Thema von Geschlechterrollenbildern und wie man versucht, sich daraus zu befreien. Mit der eher kurzen Dauer bleibt es diesbezüglich jedoch eher bei einem groben thematischen Streifschuss, der in einer zweiten Staffel hoffentlich noch vertieft wird.

 

© Netflix

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Lyxa

Lyxa studiert aktuell das Fach Und-was-macht-man-damit in Mainz, liest viel, schreibt gerne und schaut sich viel und gerne allerlei Serien und Filme an, am liebsten Science-Fiction. Lyxa ist dabei besonders der Dunklen Seite der Macht verfallen, weil es dort die cooleren Outfits gibt.

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