Bad Buddy

Boys’ Love (BL) als Genre entsprang ursprünglich aus der Feder der japanischen Manga-Industrie, wo es bereits fast ein halbes Jahrhundert alt ist. Seinen Einzug in Live-Action-Formate erhielt das Genre allerdings erst in den 2000ern mit sporadischen Manga-Adaptionen. Seither ist der Markt zunehmend gewachsen, insbesondere seit Thailand im letzten Jahrzehnt einstieg und mittlerweile den dominierenden Marktanteil produziert. Als noch junger Markt bedienen sich BL-Serien sich nach wie vor noch stark an den (fragwürdigen) Erzählstrukturen und Tropes seiner Wurzeln. Doch ist eine narrative Emanzipierung im Gange, u.a. auch durch die Anreichung adäquaterer Queer-Repräsentationen. Einen Meilenstein hat die Thai-Serie Bad Buddy (2021–2022) dabei sicher gelegt, indem sie nicht nur Queer-Motive in ihre Handlung einbettet, sondern auch Genre-Klischees einen Kinnhaken versetzt und dabei vor allem den positiven Unterhaltungswert nicht vergisst. Eine deutsche Veröffentlichung ist bislang nicht in Sicht.

   

Pat (Ohm Pawat Chittsawangdee) und Pran (Nanon Korapat Kirdpan) sind jeweils die Klassensprecher ihrer rivalisierenden Ingenieurs- bzw. Architektur-Fakultätsjahrgänge. Doch ihre Rivalität geht noch weiter zurück. Schon als Kinder wurden sie von ihren Eltern in allen Bereichen des Lebens gegeneinander aufgehetzt und mussten Vergleichen standhalten. Eine Freundschaft stand und steht außer Frage und hat in der Vergangenheit auch schon dazu geführt, dass Pran von seiner Mutter für die letzten High-School Jahre von ihrer gemeinsamen Schule entfernte. Nun, drei Jahre, später treffen die beiden auf der gemeinsamen Universität wieder aufeinander und setzen eine stehengebliebene Zeit wieder in Gang. Die verbotene Freundschaft blüht langsam wieder auf … bis sie zunehmend nicht mehr nur das bleiben kann.

BL meets Romeo & Julia meets RomCom

Originaltitel Bad Buddy
Jahr 2021–2022
Land Thailand
Episoden 11
Genre Romanze, Komödie, Drama, Slice of Life
Cast Pat: Ohm Pawat Chittsawangdee
Pran: Nanon Korapat Kirdpan
Im Januar 2022 geendet

Gleich zum Auftakt wird die Prämisse klargestellt: Pat und Prans rivalisierende Fakultäten und ihre Familien könnten einander wohl nicht weniger hassen. Auf sie selbst trifft das allerdings nicht wirklich zu und nach einigen Prügeleien versuchen sie ihre jeweiligen Kommilitonen davon abzuhalten, einander an die Gurgel zu gehen. Alles komplett unterm Radar der Welt, versteht sich, und so folgt eine Serie humorvoller heimlicher Aktionen, um den Frieden zu bewahren. Mit allen möglichen absurden Ausreden zwischen den beiden, bei denen auch ihre traditionelle Rivalität herhält. Dass dahinter mehr als nur Freundschaft steckt, sickert schnell genug durch und so ist (zumindest von Pran) offenkundig nicht nur ihre gemeinte Vergangenheit etwas zum Geheimhalten.

Erfinderische Product Placements

Besonders dicht ist die Handlung dabei erst einmal nicht. Doch weiß die Serie kompetent mit unterhaltsamen Neckereien zu unterhalten und wechselt zwischen Nostalgie und nachdenklichen Momenten, damit es nie eintönig wird. Überzeugend sind dabei vor allem die Hauptdarsteller. “Augen lügen nicht”, heißt es in der Serie und in ihnen fühlt man regelrecht die Elektrizität zwischen den beiden Protagonisten, die sich laufend nahe kommen und sich ganz verschieden ausdrücken: Pran ist sich seiner Gefühle klar, versucht sie aber zu verbergen, während Pat dahingehend begriffsstutzig ist, aber praktisch schon die ganze Zeit mit ihm flirtet. Garniert wird das mit regelmäßigen Produktplatzierungen, die erfinderisch übertrieben in Szene gesetzt werden, während das Paar damit versucht, einander aus der Reserve zu locken.

Clevere Queer-Allegorien

Thailand in der Welt von Bad Buddy kennt keine Homophobie. Homosexualität ist zwar etwas ungewöhnlicher, aber keiner nimmt Anstoß daran und selbst Heirat findet Erwähnung. Vollkommen organisch und beiläufig selbstverständlich etabliert, wird an keiner Stelle damit aufreizend herumgewedelt. Hier wird praktisch ein Bild vollendeter Normalisierung gezeichnet, die in weiten Teilen unserer Welt noch immer im Gang ist. Auch BL-Klischees werden in die Mangel genommen. Tropes wie “Hetero mit einer Ausnahme” werden mit spielerischen, aber ebenso klaren Dialogen demontiert, und das Paar ist von Anfang bis Ende eine Subversion des heteronormativen Klischees, dass einer die “unterwürfige Frau” in der Beziehung sein muss. Es gibt kein gesellschaftliches Tabu in dieser Beziehung, das in Queer-Content meistens der Dreh- und Angelpunkt ist. Pat und Pran unterstehen allerdings der Fehde ihrer Eltern, die aus dieser Beziehung etwas vollkommen unvorstellbar Inakzeptables machen, womit die beiden umgehen müssen. Das ermöglicht es der Serie, realitätsnahe dramatische Erfahrungen einzubetten, während Homophobie als Konzept gleichzeitig stillschweigend jede Existenzberechtigung abgesprochen wird.

Seltener Einzug eines lesbischen Subplots

Die Serie ist zwar eine Boys’ Love-Serie, aber wartet gleichzeitig auch mit einem zweiten Pärchen auf, das sich im Laufe der Serie aus Pats Schwester Pa und einer alten Schulkameradin Ink bildet. Die Existenz eines solchen Paares alleine ist schon (traurigerweise) erwähnenswert, da man eine lesbische Darstellung in Medien vergleichsweise mit der Lupe zu suchen hat. Gleichzeitig bietet das Paar auch einen harmonisches Gegenpol und eine positive Alternative zu Pat und Pran dar. Letztere müssen ihre Beziehung geheim halten und sich Gedanken ums Outing machen, stoßen ihre rivalisierenden Uni-Freunde vor den Kopf und erfahren vehementen Widerstand von ihren Eltern und mangelnde Akzeptanz. Ink und Pa währenddessen kommen ganz natürlich und ohne jeden Widerstand zusammen, können ihre Liebe frei ausleben und Ink wird von Pats Familie auch ohne Weiteres als zukünftige Schwiegertochter angenommen.

“It’s not a Porno!”

Homosexualität ist nicht das Einzige, was Bad Buddy vollkommen beiläufig normalisiert. Physischer Kontakt und Sexualität erfahren das Gleiche als legitimer Bestandteil von Menschen, die Spaß und Freunde an körperlicher Nähe haben. Zwischen Pat und Pran funkt es oft und ordentlich. Beide haben ihre kleinen (manchmal etwas perversen) Vorlieben und am Ende macht die Serie auch keinen Hehl daraus, dass es auch noch etwas gewürzter zugeht. Alles so eindeutig, dass es klar existiert und nichts Anstößiges ist, aber gleichzeitig auch nie so explizit, dass es ein Porno-Medium für sexuelle Fetischisierung und Fantasien herhält. Letzteres ist bis heute noch ein prävalentes Merkmal der BL-Industrie. Einfache Romantik kommt auch nicht zu kurz, mit allen möglichen kleinen dummen Gesten, mit denen sie einander zum Grinsen bringen, als auch schlicht emotionaler Beistand, wenn es ihnen gerade nicht so gut geht.

Hoffnungsvolle Botschaften

So ideal die Welt in Bad Buddy hinsichtlich queerer Liebe aussieht, hat sie alle anderen Probleme beibehalten. Etwa Pats Vater Ming als ein Paradebeispiel der Toxizität patriarchischer Maskulinität. Eine Norm, unter deren Leistungsdruck er selbst schon litt und die ihn zu unfairen Taten trieb, die er klar bereut, aber niemals als Fehler zugeben kann. Dennoch versucht er es auch auf Pat zu übertragen, der auch außerhalb der Rivalität zu Pran den Erwartungen und Leistungsdruck standhalten muss. Prans Mutter Dissaya ist ebenso eine Inkarnation einer hierarchisch geprägten Gesellschaftsnorm von Elternautorität, die in ihrem Fall sogar tatsächlich das Beste für ihr Kind im Sinn hat, aber dabei stattdessen die freie Entfaltung und Entwicklung ihres Sohns eher mit Repressionen sabotiert. Diese zeigen sich auf mehreren Ebenen, u.a. durch Prans Gitarrenspiel. Einst von seiner Mutter verboten, legt er mit Pats Hilfe nach und nach seine Hemmungen wieder ab, während es gleichzeitig der Serie auch ein musikalisches Leitmotiv gibt. Die Serie zeichnet ein Bild einer Emanzipation: Was schon geschehen ist, kann man nicht ändern und vielleicht auch nicht wiedergutmachen. Man muss es auch nicht offen bekämpfen. Aber man sich davon nicht in die Knie zwingen lassen und zumindest versuchen, es nicht in die nächste Generation mitzuschleppen.

Fazit

Bad Buddy besitzt vielleicht kein aufregendes Setting oder eine atemberaubende Handlung. Aber die Serie brilliert mit ausgearbeiteten Figuren und in allen Sparten ihrer Umsetzung. Die Handlung ist prächtig unterhaltsam, wenn sie auf Humor aus ist. Vor allem wenn sie ohne mit der Wimper zu zucken die gesponserte Werbung in die Handlung hinein zu wechseln weiß, ist jedes Mal absolut herrlich. Trotz aller spielerischen Überzeichnungen enthält die Serie dennoch viel Realismus in den kleinen Details. In zweiter Generation asiatischer Migranten hatte ich mehr als nur ein Déjà-vu bei all dem Drama mit den Eltern. Als selbst queere Person feiere ich auch mit einem breiten Grinsen, wie die Serie dem vorherrschenden Klischee, dass alles LGBTQIA+ eine tragische Leidensgeschichte sein muss, einen gewaltigen Tritt in den imaginären Hintern versetzt. Im gleichen Zug werden Liebe und Romantik sowie Sexualität als etwas Großartiges für Liebende dargestellt. Wenngleich nicht versucht wird, diesen Kern als ein Allheil-Wundermittel für alle Probleme zu glorifizieren. Abrundend positiv ist auch die Botschaft, dass es am Ende nie wirklich ums Gewinnen geht. Wenn man nicht gegen das Leben und die Welt verliert, hat man schon gewonnen. Auf dass Bad Buddy einen neuen Standard für die Zukunft des BL-Genres (und vielleicht auch darüber hinaus) setzt.

© GMMTV, The One Enterprise

Luna

Luna residiert auf dem Mond mit ihren beiden Kaninchen. Als solche hat sie eine Faible für flauschige Langohren und ist auch nicht um die ein ums andere Mal etwas entrückte Sicht auf die Weltordnung verlegen. Im Bestreben, sich verständigt zu bekommen, vertreibt sie gerne die Zeit mit dem Lernen und Erproben verschiedener Sprachen und derer Ausdrucksformen.

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