LifE

Lesezeit: 4 Minuten

In den 90er Jahren hielten viele Cold Cases die Polizei auf Trab, in denen es um vermisste oder ermordete Kinder ging. Nur ein kleiner Teil jener Verbrechen konnte wirklich aufgeklärt werden. Oftmals kommt erst Jahrzehnte später mittels moderner Technik Licht ins Dunkel. Der Manga LifE des Zeichners Kaiji Kawaguchi (Zipang) mit einer Geschichte von Nobuyuki Fukumoto (Kaiji) spielt im Jahr 1999, als die Ortung von Smartphones oder zuverlässige DNA-Proben noch längst kein Thema waren. Hier ist es ein Mann mit Krebsdiagnose, der alles verloren hat, was ihm lieb ist und eigentlich gerade dabei ist, sein Leben aufzugeben. Bis der Leichnam seiner seit 14 Jahren verschollenen Tochter auftaucht und er auf Rache sinnt – doch wer ist für all das verantwortlich?

Masao Takeda ist ein gebrochener Mann. Seine Tochter verschwand vor 14 Jahren spurlos. Seine Frau verstarb an Krebs. Und nun erhält auch er die Diagnose, an Krebs erkrankt zu sein. Die Ärzte geben ihm eine verbleibende Lebenszeit von einem halben Jahr. Takeda ist klar: Durch dasselbe Delirium wie seine Frau möchte er nicht gehen. Bereit, mit dem Leben abzuschließen, greift er zu einem Strick um sich zu erhängen, als in diesem Moment das Telefon klingelt. Die Polizei teilt ihm mit, dass das Skelett seiner Tochter bei Ausgrabungen gefunden wurde. Sawakos Verschwinden setzte der Familie damals stark zu. Nach japanischem Recht verjähren Morde jedoch nach 15 Jahren. Und da er ohnehin nur noch sechs Monate zu leben hat, sieht er seine letzte Chance darin, den Mörder seiner Tochter zu jagen. Doch wo setzt man bei einem Verschwinden an, welches so lange in der Vergangenheit liegt?

Krimi-Stoff für junge Männer

Originaltitel Seizon LifE
Jahr 1999 – 2000
Bände 3
Genre Krimi
Autor Nobuyuki Fukumoto
Zeichner Kaiji Kawaguchi
Verlag Kodansha

LifE erschien kurz vor der Jahrtausendwende. Über 23 Kapitel konnten Leser bis zum Sommer 2000 beobachten, welche Spuren Takeda verfolgte. Der Manga erschien wie die Mangas Basilisk und Forest of Piano in dem seit Mitte der 2000er eingestellten Young Upper Magazine, welches junge männliche Erwachsene zur Zielgruppe hat. Kein Wunder, immerhin handelt es sich hierbei um einen waschechten Krimi mit umfassenden Ermittlungen und angesichts der Thematik auch um einen schweren Stoff. Mit dem Duo Kawaguchi und Fukumoto hatte sich ein Kreativteam gebildet, welches ein Jahr zuvor mit dem Manga Eagle (Kawaguchi) bzw. Kaiji (Fukumoto) seinen Durchbruch feierte. Der Manga erschien in drei Bänden, welche bislang jedoch nie eine Veröffentlichung über Japan hinaus erfahren durften.

Mission: Nahezu unmöglich

Im Groben lässt sich der Manga in zwei inhaltliche Kapitel unterteilen. In den ersten beiden Bänden begibt sich Takeda auf die Suche nach dem Mörder seiner Tochter, während es im letzten Band um das Entlocken eines Geständnisses geht. Rache – genauer gesagt Vergeltung – ist die Kraft, die ihn am Leben hält und dazu antreibt, jeden Stein umzudrehen. Für den Leser ist bereits bekannt, dass Sawako tot ist. Die Fallhöhe ist eine ganz andere: Kann der Fall noch vor seiner Verjährung abgeschlossen werden? Es geht hierbei ausschließlich darum, dass Takeda in Frieden sterben kann, indem er ein letztes Mal Gerechtigkeit walten lassen kann. Anders als etwa ein Liam Neeson in 96 Hours sinnt er jedoch nicht auf Selbstjustiz, sondern auf ein gerechtes Urteil. Auch, wenn seine Emotionen immer wieder mit ihm durchgehen, was man ihm nur schwer verübeln kann. Der Rest erzählt sich beinahe von selbst: Zunächst einmal muss Sawakos letzter Aufenthaltsort identifiziert werden. Ab dort geht es dann jeweils von Spur zu Spur weiter. Dabei dienen Takeda Fotografien, die er lokal zuordnen muss, als Indiz. Denn auf die Erinnerungen seiner Mitmenschen kann er nach 14 Jahren nicht mehr bauen.

Suchen – finden – jagen

Es grenzt beinahe an Zufall, dass Takeda über einen messerscharfen Verstand verfügt. Denn nach und nach rekonstruiert er Sawakos letzte Stunden und das über Indizien, die nicht immer ganz eindeutig sind. Videospieler unter den Lesern werden das eine oder andere Mal an klassische Adventures erinnert, in denen die Spielfigur Gegenstand A untersucht, mit Gegenstand B kombiniert und die neue Fährte C erhält. So verläuft das auch hier und das Entschlüsseln des Rätsels macht Spaß. Zumal auch so manche vorübergehende Sackgasse die Ermittlung ausbremst. Im letzten Band geht der Krimi-Anteil dann in ein Rache-Drama über. Denn das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Ermittler und Täter wird zu einem wortwörtlichen Spiel auf Zeit. Und das wird ermüdend. Denn ist die Katze einmal aus dem Sack, erwartet man eine schnelle Auflösung. Stattdessen bindet der Autor eine Schleife und lässt Takeda eine Extrarunde laufen, bis sich herausstellt, dass doch noch mehr Zeit zur Verfügung steht als ursprünglich gedacht. Ein Twist, der eher halbgar wirkt.

Zauber der späten 90er

Der Zeichner gibt sich Mühe für die Hintergründe, die viele Details aufweisen. Die Figuren wirken hingegen eher schlicht gehalten, verfügen aber über eine ausdrucksstarke Mimik. Insbesondere Takeda besitzt viele Gesichtsfalten, die auf ein bewegtes Leben hindeuten. Über dem hohen Rasterfolieneinsatz auf Kleidungsstücken schwingt noch viel Charme der 90er, in denen man die Geschichte auch sofort identifiziert. Die Abwesenheit von Smartphones und auch die noch nicht allzu stark verbreitete Internettechnologie erschweren die Ermittlungen zwar, machen die zu knackende Nuss dafür umso anspruchsvoller. LifE sieht man seinen Zeitgeist also an, was nicht bedeutet, dass der Manga schlecht gealtert sei.

Fazit

LifE ist ein waschechter Krimi mit all seinen Vorzügen und Nachteilen. Die Ermittlungen sorgen für kurzweilige Unterhaltung und immer wieder für einen Aha-Effekt beim Leser. Gleichzeitig ist die Geschichte auch überkonstruiert und die Rekonstruktion der Ereignisse hält einem Realitätscheck kaum Stand. Allerdings ist der investigative Part auch nur die Hinführung zum emotionalen Showdown, in welchem noch einmal richtig viel Psychologie ins Spiel kommt. Etwas, das der Autor Nobuyuki Fukumoto gerne in seinen Werken bedient. Schade, dass LifE aufgrund seines Alters wohl so schnell kein deutsches Release finden wird. Verdient hätte es der unterhaltsame Dreiteiler allemal.

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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